Ein Wort zum guten Tag

Verblogge auch tolle Storys, begreife ich. Das wäre wohl, von Irgendlinks gestern zitierter Gedankenkette ausgehend, eine heilsame Form der Selbstauferbauung. Selbstausdruck. Und natürlich auch eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form von Verarbeitung. Und ebenfalls förderlich für das Seelenheil der Kreativen. (Notiz an mich: Bloggen als Therapieform? Nein, das greift zu kurz.)

Tolle Storys. Was genau das ist? Nein, kein Fragezeichen. Wir alle kennen die Antwort.

Ausscheidung, Liebe und Zeit – das sind die drei alles entscheidenden Themen, jene Themen, die die Welt zusammenhalten, schrieb ich gestern meinem Liebsten.

Toll und schön sind suspekt. Träume und Träumen auch.

Ich will dennoch nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen und auf sie hin zu arbeiten. (Notiz an mich: besser für mich oder besser für alle???) Auch auf die Gefahr hin, an der Nichtkongruenz von Soll und Ist zu leiden. Habe ich im September auf einen Notizzettel gekritzelt.

Bessere Welt? Ausrede. Klischee. Unfassbares Ding. Gegenwart verpassen. Abgelutscht.

Stichwort: Unerfüllte Sehnsucht. Hatten wir neulich schon mal. Sag mal ehrlich, du da draußen, oder du, oder du, sag, sind wir nicht alle deshalb noch da und unterwegs auf dieser wackeligen Seilbrücke, die Leben heißt, weil wir entweder an das Gute, das bereits da ist oder das noch kommt oder zumindest als Idee besteht, hoffen oder aber deshalb, weil wir zwar resigniert und abgelöscht sind, aber zu feige, uns umzubringen. Okay, das war jetzt eben ziemlich schwarzweiß und sehr vereinfacht. Dennoch … irgendwas bringt uns ja dazu, am Morgen aufzustehen und zu tun, was wir als unser Ding oder zumindest unsere Pflicht betrachten. Ob dem allem Solidarität, Dringlichkeit, Bedürfnis oder schlicht der zu erwartende Zahltag zu Grunde liegt, ist erst einmal Nebensache. Fakt ist, wir stehen auf, weil wir etwas tun wollen, das in unseren Augen getan werden soll – und wenn wir auch bloß aufstehen, um zu pinkeln (womit wir bei dem ersten der drei alles entscheidenden bereits erwähnten Dingen wären, siehe oben).

So weit so gut.

Motivation ist ergo das Ding, das uns am Leben erhält. Der Herz-Schrittmacher. Unsere Motivation, unser Motiv und Beweggrund – gewoben aus den Kettfäden Erfahrung, Erkenntnis, Erlebnis und Erziehung sowie den Schussfäden Zufall, Glück, Schicksal, Inspiration … Warum ich auf die europäischen Trauben warte, zum Beispiel, und keine aus Chile kaufe, obwohl die schon früher im Handel sind? Erziehung. Erkenntnis. Warum ich lieber für ein Hilfswerk arbeite als für eine Autofirma? Einsicht. Erkenntnis. Erziehung. Zufall. Warum ich dennoch ein Auto habe? Erfahrung. Erkenntnis. Zufall. Schicksal. Undsoweiterundsofort. Ach, und Selbstverar…ung wäre ein weiterer in die Gedankenfäden über unsere Motivation einzubeziehender Faktor. Und natürlich sind diese pseudopsychologischen sofasophischen Gedankenspielereien weder über alle Zweifel erhaben noch sonst wie empirisch abgesichert.

Was ich sagen will? Ich frage mich, ob eine Erkältung eine tolle Story abgibt. Oder ist es gar, weil ich Fieber habe, eine Grippe, die in meinen Eingeweiden brodelt – was aber dennoch kaum eine gute Story abzugeben vermag. Selbst dann nicht, wenn mich ebendiese Erkrankung in den Langsammodus katapultiert hat. Oh, wie ich mir dieses Wort auf der Zunge zergehen lasse! LANGSAMMODUS. Und wie ich es grad genieße, meine unausgegorenen Gedanken in die Finger fließen lassen und in die Tasten hacken zu können.

Ich sehe mich durch den morgendlichen Herbstwald spazieren. Sonne durch die Bäume, Herbstlaub unter den Füßen. Es knistert und riecht, wie nur Herbst riechen kann. Hier und da das Rascheln eines Eichhörnchens. Dort drüben das Klopfen des Spechts. Ein Reh huscht über den Weg. Ich halte inne, denn ich habe Zeit. Genieße meine kleine heile Welt dieses Augenblicks. Habe Zeit, meine Sinne zu öffnen. Atme tief. Muss mich nicht schützen. Kann offen sein für das Leben, das ist. Jetzt. Auch. Anderes Leben. Langsam gehe ich weiter. Das Rauschen des kleinen Baches wird lauter. Mit ein paar Schritten auf große, flache Steine überquere ich das Rinnsal. Später, zurück in der Schreibstube setze ich mich erneut an die Geschichte, die ich am Schreiben bin. Am Nachmittag gehe ich in den Garten und ernte das letzte Herbstgemüse … Ich setze Tulpenzwiebeln für nächsten Frühling. Der kommt bestimmt. Wie immer.

So könnte Leben sein. Mein Leben.

Ohne Unterhaltungswert. Außer für mich, die ich es lebe. Doch worüber ich dann wohl bloggen würde?

Ein Wort zur guten Nacht

Verblogge schlimme Storys, rät mir Irgendlink, nachdem ich ihm eine heute gemachte, ziemlich miese Erfahrung mit einem aggressiven alten Herrn geschildert habe. Das ist auch eine Form der Gewalt und des sich Abreagierens. Eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form, meint mein weiser Freund, es ist gar das Seelenheil der Kreativen. Ein Satz, der gerahmt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen gehört.

Später frage ich mich, während ich, noch immer fiebrig, Fotos bearbeite, ob wir, deren Herz so und nicht anders schlägt, nicht einfach immer und überall die KünstlerInnen sind, die wir sind. Selbst dann, wenn wir uns mit Alltäglichem abmühen. Womit wir wieder beim Seelenheil der Kreativen wären. Und die Erde dreht sich doch. Und mein Herz schlägt einen anderen Takt als das Herz eines Managers. Und auch anders, als jenes einer Geschäftsfrau. Einfach anders, ganz wertfrei gesagt. Und das ist gut so. Es lebe die Biodiversität …

Gemeinsam

Da drin hats ganz viele tolle Bilder:

Noch an zwei Wochenenden könnt ihr in Grandcour (VD) die erste ColArt-Ausstellung der Schweiz genießen.
Immer samstags und sonntags von 15 Uhr bis 19 Uhr. Inklusive Malaktion. > 10. 10. – 24. 10. 2010

Hier klicken, um mehr über die Galerie de Grandcour (VD) zu erfahren.

Das Bild, das wir am Sonntag vor zehn Tagen an Irgendlinks Ausstellung angefangen haben, sieht inzwischen schon ganz anders aus. Nämlich so:

Fallmaschen I

Zum einen Erinnerungen. Eintauchen in vergangene Reiseerlebnisse. Nochmals mit meinem Liebsten durch Spanien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen reisen. Und natürlich auch durch die Schweiz. Unzählige Bilder sichten. Auswählen. Und die Alben meines neuen virtuellen Fotoalbums füllen. Immer und immer wieder die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Wie gut sich das anfühlt. Träumen. Auch vorwärts träumen … (zur Galerie …)

Notausgang. Passt gut. Denn nach ihm suche ich im Alltag. Womit wir beim „andererseits“ wären. Die Erkenntnis, dass meine Zeit im Job nach Ende riecht und nach Aufbruch. Das Gefühl von genug. Einmal mehr begreife ich, dass ich irgendwie einfach nicht in diese Arbeitsmühle, die unserer Gesellschaft so heilig ist, rein passe. Dass mich Konventionen und Strukturen einfach nicht erfüllen und mir Energie rauben. Dass ich etwas anderes tun will. Zu merken, dass die Solidarität meiner Kolleginnen nur so weit geht, wie sie ihnen nicht weh tut. Und das tut mir weh. Ich will anders leben.

Unerfüllte Sehnsüchte. Ein Thema, das ich mit meiner Freundin U. grad in langen Mails thematisiere.

“ … sie erwachen, wenn irgendwas im außen geschieht. sie räkeln sich und fangen an, eigendynamisch zu handeln. sie zeigen uns genau, wo wir uns bisher bedeckt gehalten haben. unerfüllte sehnsüchte tun irgendwie weh und darum lernen wir irgendwann – ganz früh vielleicht schon – ihnen den mund zu verbieten oder wir sperren sie gar weg.

was ist ihr sinn? und müssen wir sie erfüllen? sind sie wichtig, damit unser leben eine dynamik, ein motiv und eine richtung bekommt? was wäre, wenn wir keine erfüllten sehnsüchte mehr hätten? wäre dies das nirvana und wir wunschlos glücklich. oder aber wären wir dann total abgestumpft und abgelöscht? ich weiß nur, dass unerfüllte wünsche, wenn ich sie zu sehr aufbausche, mein leben in eine richtung bringen, die nicht mehr lebensförderlich ist. ich denke da an a., dessen unerfüllte sehnsucht das paradies auf erde war. natürlich, diese sehnsucht haben wir bestimmt alle, alle in irgendeiner ecke unseres seins. nur: wie groß und wie stark ist sie? und darf sie größer sein, als … größer als was?

j. fragte mal irgendwo und irgendwann sinngemäß in seinem blog: wieso gewichten wir unsere innere, phantastische realität nicht ebenso schwer wie die äussere? … wie sein text weiterging, weiß ich nicht mehr. ich gebe mir, genau jetzt, zur antwort: die äußere realität ist jene, wo ich auf jene äußeren realitäten meiner mitmenschen stoße, wo ich den anderen begegnen kann. darum braucht sie wohl mein größeres augenmerk, wenn ich mich als soziales wesen betrachten und verhalten will, das im austausch mit diesen mitmenschen stehen will.

will ich das nicht, nicht mehr, kann ich mich auf meine innere realität fokussieren. möglicherweise werde ich dann von der welt außerhalb meiner selbst nicht mehr verstanden und erhalte einen dieser tollen diagnosen, die weißgekittelte menschen gerne (oder auch nicht so gerne) verteilen. item.

wie bei allem im leben suche ich mein gleichgewicht irgendwo in der mitte zu finden. da die unerfüllten wünsche, dort das wissen um die nichtideale realität, daneben träume und wünsche und erreichtes. unerreichbares auch, das vielleicht so unerreichbar nicht ist. immer alles im kontext mit den menschen, die mir lieb sind. immer im bewusstsein, dass (s)ich alles ständig verändern kann

es gab liebeserfahrungen in meinem leben, die wie kerzen waren. eine kerze gibt hell, doch sie wird kleiner und kleiner je länger sie brennt. dann gibt es liebeserfahrungen, die wie bäume sind. auch bäume nicht vergänglich, doch sie wachsen dem licht entgegen. eine solche liebe, ahne ich, ist jene zu j.. ich hoffe es. das leben, alles, ist vorläufig. und vergänglich …“ (Aus einer Mail an U., gestern, im Fieber geschrieben).

Es war einmal …

… und alles, was danach kam, ist mir noch immer unbegreiflich. Das Leben. Alles, was ist, fängt mit einer Idee an. Biologisch gesprochen mit Same und Ei. Alles ist zuerst nur eine Möglichkeit. Eine von vielen. Vielleicht eine Frage. Geboren aus einer verkeilten Situation, die nach Veränderung schreit.

Es gibt für alles eine Lösung. Alles kann man verändern! Mit diesem Mantra meines Vaters bin ich groß geworden. Ich vermute mal, dass ich ihm verdanke, dass ich lebe, dass ich noch lebe. Ihm, meinem Vater, das erste und ihm, dem Satz, das zweite.

Aber, halt, ich schweife ab. Da ist also jene Frage, geboren aus Unbehagen, welche nach Veränderung schreit. Veränderungswunsch ruft nach Lösung. Lösungswunsch kreiert Idee. Idee manifestiert sich in die Wirklichkeit.

Was aber tun, wenn du – also ich – einen eigentlich tollen Job hast und nach außen hin alles okay ist? Was aber tun, wenn du trotz all dem guten dennoch dieses Unbehagen wahrnimmst, das du nirgends festmachen kannst? Einem Unbehagen liegt ein Ideal zu Grunde – will heißen, eigentlich ist es die Diskrepanz zum Ideal, die auf einmal erkannt wird. Dieses Ideal vom Leben: so und so könnte ich leben. Der Lebenstraum. Leben im Konjunktiv. Dieses Leben, das nur ich, nur ich SO, leben kann. Okay, das Leben ist nicht ideal, aber …

Wem gehorche ich, wem gehöre ich, worauf und auf wen höre ich? Eine dieser Fragen, die eine Kettenreaktion von Veränderungen auslösen kann.
Es ist Gewalt gegen sich selbst, zitierte Freundin K. am Samstagabend aus „gewaltfreie Kommunikation“. Du wendest Gewalt gegen dich selbst an, wenn du immer nur auf die Bedürfnisse anderer achtest und die eigenen ignorierst.

Ich weiß es nicht. In deinem Fall und auch bei mir selbst weiß ich es einfach nicht, sagte Irgendlink gestern, als wir über unsere beruflichen Unbehagen redeten, über die Hamsterradfalle. Und ob wir etwas Grundsätzliches daran ändern müssten.
Gute Jobs sind gefährlich, sagte ich. Sie machen bequem. Sesselkleberpotential haben sie. Wir vergessen bei der Arbeit unsere Träume. Wohl denen, die Träume haben …

Ich habe einen Traum … Berühmte Worte eines großen Träumers. Ein Anfang. Ein Same.

Es war einmal …

Zeitmanagement

In der neuen „Federwelt“ dies hier gelesen:

vormittags

ich höre Santana lese die Bibel
überbrühe Kaffee lasse ihn kalt werden
koche Reis zu Brei
schreibe Briefe
ich habe noch drei Stunden Zeit bis zur Schicht
nach der Schicht habe ich sechzehn Stunden Zeit bis zur nächsten
so kann ich hundert Jahre alt werden wenn ich nicht vergesse
zu essen

Birgit Herkula (1960)

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Nicht in der Federwelt gelesen dies hier:

nachmittags

Ich will nicht auf dich
warten, nein, will nicht in der
Schlaufe hängen, nicht auf deine
Nachricht fiebern. Nein-nein-nein.

Schließlich habe ich Pläne. Will
die freie Zeit sinnvoll nutzen.
Sinnvoll?
Nutzen?
Autsch!
Mit einkaufen und mit Klo putzen.
Und schreiben. Malen. Lesen.
Schlafen.
Nutzt alles nichts. Ich hänge
in der Schlaufe fest. Ich drehe im Kreis.

Genauso wie ich – wenn du
bei mir bist – meine Zeit unendlich
in die Länge dehnen will (und kann), so, genau-
so will ich diese Länge
verkürzen, jetzt, sie verdichten, einrollen
wie ein Garn-
knäuel. Zeit wird Punkt und du an der Schnur.
Nur. Komm.
Endlich.

Sofasophia (heute)

Finsteres Glück

Darf ein Mensch, so frage ich mich, darf ein Mensch einen anderen Menschen ungefragt als Aufgabe in sein Leben einsetzen – wie eine Schachfigur – als Platzhalter für die eigene Leere? Anders gefragt: Tun wir das nicht alle irgendwie und legitimisiert diese Tatsache das Ganze? Was aber ist, wenn dieser Mensch, der uns eine neue Lebensaufgabe gibt, ein Kind ist, eins dazu, das eben seine ganze Familie – Mutter, Vater, Schwester, Bruder – verloren hat? Und ist es, so frage ich weiter, ist es schlimm, wenn ein Mensch sich im eigenen Leben verirrt hat und an Ort tritt? Erneut drehe ich meine Frage um: Tun wir das denn nicht alle irgendwie – hin und wieder zumindest? Müßige Fragen. Ob ethisch korrekt oder nicht – Elianes Verhalten ist menschlich. So egoistisch und so empathisch wie Menschen nun mal sind. Nachvollziehbar. Den ersten Stein werfe ich zuletzt.

Sie ist mir ans Herz gewachsen, Eliane, die Psychologin. Und mit ihr auch ihre zwei flüggen Töchter. Eliane, die Koryphäe in Sachen Trauma, entwickelt unprofessionelle Gefühle, Muttergefühle genauer, als sie spätnachts ihren neuen Fall, den achtjährigen Yves kennenlernt. Wer kann es ihr verdenken? Gibt es denn etwas mehr Mitgefühl erweckenderes als ein Kind, das soeben alle und alles verloren hat?

Im Laufe der Erzählung vergesse ich, dass ein Mann dieses Buch geschrieben hat, so authentisch erzählt er die Geschichte von Eliane und ihren beiden Töchtern. Und von Yves, dem Waisenkind. Da sind auch Melanie, Elianes Freundin aus dem Krankenhaus und Madlen, Yves‘ verstorbene Mutter. Dann die Nonna und Vera, die ehemalige Nachbarin. Viele Frauen. Adrian, einer der wenigen Männer steht gleichsam als Platzhalter da, ein Stellvertreter für vergangenes, unwiederbringliches … vorerst eine Projektionsfläche, entwickelt er Eigendynamik und initiiert den einen und anderen Neuanfang. Jede Figur steht mir deutlich vor Augen, zeichnet sich wie ein Schattenriss unverwechselbar neben den anderen Figuren ab. Doch jede Figur ist zugleich auch durchlässig und so flexibel, dass immer wieder leise Wandlungen Platz finden. So kann die zickige Pubertierende unerwartet zärtliche Geschwistergefühle zeigen und intuitiv das Richtige tun.

Eine aufwühlende Geschichte, die ich fast am Stück gelesen habe. Rühmenswert besonders, dass es Lukas Hartmann gelungen ist, die Geschichte bis zum Ende wertfrei zu erzählen. Immer wieder wechsle ich als Zuschauerin meine Perspektive. Was ich über das Ganze denke, bleibt mir selbst überlassen. Schuldige auszumachen ist hier so müßig wie im realen Leben. Weder um Schuldige im großen Drama des tödlichen Autounfalls geht es, noch um Schuldige, die den alles verändernden Unfall möglicherweise herbeigeführt haben könnten. Es gibt sie nicht.

Ein starkes Buch, das mich bis zum Schluss auf seine leise Art packt und bis zur letzten Seite für Überraschungen sorgt. Sensibel geschrieben, in einer Sprache, die mich berührt.

mehr darüber bei Diogenes …

Die Frau ohne Garten

Grün und wild. Büropause-Raum und Aufenthaltsraum für warme Tage. Das war er, unser wildüberwachsener Innenhof. Doch kaum war in diesem Frühling der letzte Schnee geschmolzen, hatten die ersten Handwerker Gerüste an den Hausfassaden der umliegenden Häuser hochgezogen. Den Innenhof hatten sie verwüstet, indem sie alles, was ihnen im Weg stand, rodeten. Das eine oder andere Kraut blieb standhaft, die eine oder andere Staude ließ sich nicht auf diese Powergames ein. Noch nicht. Doch bereits war Morast, wo früher Gras gewachsen war, vom Regen mehr und mehr aufgeweicht, so dass wir nicht mehr draußen unsere Stühle aufstellen konnten. Machte eh keinen Spaß mehr, denn dazu war es draußen eh viel zu laut. Ringsum wurde geschliffen, gemalt und gehämmert, dass es einem Angst und Bange wurde und jede und jeder von uns musste ab und zu einen Anruf unterbrechen. Obwohl die Fenster und Türen geschlossen waren. Ich kann Sie nicht verstehen, einen Moment bitte!

Nachdem das Haus frischgestrichen, die Gerüste wieder entfernt und die Fensterläden samt neuen Lärmschutzfenstern montiert waren, ging es unserem wilden Chaos-Garten erst richtig an den Kragen. Wortwörtlich. Die Nachbarin mit dem Pferdeschwanz litt jeden Tag mehr. Noch im Frühling hatte sie, wider besseres Wissen, eigenmächtig neue Stauden gesetzt. Wie jedes Jahr. Da und dort hatte sie Töpfe aufgestellt und sich um die Rosen gekümmert, die sich wild an der Teppichstange hochgewunden hatten.

Nun wurde alles ausgerissen. Alle Bäume wurden gefällt. Der ganze Innenhof wurde wortwörtlich dem Erdboden gleich gemacht. Hätte eine Bombe eingeschlagen, hätte es kaum schlimmer aussehen können. Wenn schon mein Herz blutete, wie sehr muss es ihr wehgetan haben, der Frau mit dem Pferdeschwanz, die doch alles mit ihrem grünen Daumen und ihrer Hingabe gehegt und gepflegt hatte. Sie war oft draußen gewesen, ihr Anblick machte sie mir vertraut, auch wenn ich sie – bis auf die täglichen Grüße – nicht näher kennen gelernt habe. Eine zeitlose Frau. Vielleicht arbeitslos. Vielleicht ohne Aufgabe, ohne Herausforderung. Außer jener, die Umwelt, in der sie lebt, mitzugestalten. Und nun wurde alles, was ihr lieb war, dem Erdboden gleich gemacht. Erdboden? Unter der kaum einen halben Meter tiefen Erdschicht liegen Tiefgaragen. Unten ist oben. Der Erdboden ist das Dach der Garagen. Es gibt immer ein noch tiefer unten. Und ein noch weiter oben.

Auch die Oberlichter wurden erneuert und der Boden – oder das Dach? – frisch betoniert, abgedichtet, was weiß ich … Alles neu und Hauptsache Lärm schien das Motto dieser Gesamterneuerung. Letzte Woche nun kam die Gartencrew und füllte den Erdboden mit herbei gekarrter Erde auf. Wie den Sandhaufen eines Riesen. Die Erde wurde mit schweren Planierrollen plattgewalzt auf dass es dem englischen Rasen, der darauf gesät wurde, an nichts fehle.

Wir werden Schmetterlingsblumen säen!, beschlossen meine Büronachbarin A. und ich. Ja, das tun wir, nachts. Subversiver Akt. Stadtguerilla.

Heute sah ich sie wieder, die Frau mit dem Pferdeschwanz. Sie grüßte mich nicht. Nicht weil sie mich nicht sah, sondern weil sie nicht mehr hinsehen konnte. Den Kopf hatte sie zu Boden gesenkt. Waren das Tränen in ihren Augen? Dann sah sie doch auf und schaute sich um, schaute sich die neuen, akkurat gepflanzten, jungen Bäume und Designerstauden an. Ein kaum merkliches Kopfschütteln. Ungläubig. Artige Parklandschaft statt wie früher Lebensraum. Keine Biotope mehr, weder für Menschen noch für Tiere.

Die Frau mit dem Pferdeschwanz habe, sagte M. in der Pause, Rosen setzen wollen, auf eigene Kosten, auf eigene Faust. Sie habe von der Liegenschaftsverwaltung eine Kündigungsandrohung erhalten.

einfach jetzt

Kein Heute ist mit dem Gestern zu füllen.

Mit diesen Worten endet ein genialer Blogartikel von FrauvonWelt, ein melancholischer, einer, den ich sehr gerne gelesen habe. Nein, die Gegenwart, dieser klitzekleine Punkt – kaum hier schon weg – lässt sich durch nichts ersetzen. Obwohl, ich gebe es zu, obwohl ich gerne rück- und vorwärts träume. An einem wunderbaren Platz an der Aare, wo ich für die (inter)nationale Geocache-Community einen kleinen Cache versteckt habe, blieb ich hängen. Statt, wie geplant, an meinem Manuskript zu arbeiten und Korrekturen anzubringen, las ich das zweite von Irgendlinks beiden Blogbüchern, die ich für uns ausgedruckt und gebunden (eigentlich geleimt) hatte. So als richtiges Buch und am Stück gelesen, finde ich sein tolles Blog noch besser. Nein, falsch. Noch besser klingt nach Wertung. Nach Vergleich. Mein ich aber nicht so. Tatsache ist, dass es sich gut anfühlt, sein Blog, ein Blog, physisch in Händen zu halten. Ich liebe Bücher. Ich lese gerne auf Papier. Ich finde, auch Blogs sind es wert zu Büchern zu werden. So ein kleiner Blog-Buchverlag – das wäre was! Kleine Auflagen – mit den Perlen aus der Blogosphäre. Womit wir schon beinahe beim Blogmuseum wären … Frau Freihändig sei herzlich gegrüßt. Und Herr Irgendlink sowieso.

Ich schweife ab, verzeiht. Da sass ich also, auf einem sonnengewärmten Stein, die Sonne im Gesicht, die Füße im Wasser (ab und zu jedenfalls) und begleitete lesend den Protagonisten zur Arbeit, nach Andorra und an den Polarkreis. Alltag und Freizeit. Höhen und Tiefen. Rückwärtsblicken macht Lust auf vorwärtsgehen. Was kommt?

Während ich den schweißtreibenden Hang hochradle und mich an frühere Touren erinnere, realisiere ich, dass ich nicht gestern und nicht morgen schwitzen kann – immer nur jetzt. Wie war das gleich? Kein Heute ist mit gestern zu füllen. Heute war ich an der Aare. So einfach ist das.

Heute habe ich Bilder gesammelt. Bilder wie Nüsse, die das Eichhörnchen in der Nähe seines Schlafplatzes in die Erde verscharrt. Bilder wie Zwetschgen und Äpfel, die wir auflesen oder pflücken. Sonnenwarme Bilder. Es ist Herbst. Auf meiner Festplatte koche ich sie ein. Wintervorrat. Bilder wie Nüsse.

Ach ja, meinen heutigen Everytrail-Trip findet ihr genau hier …