es glühte der Wein

Rot die Nasen, die Beine ab – beinahe jedenfalls – und heiß die Becher in den klammen Fingern. Der Inhalt auch, natürlich, dampfend und erheiternd. So standen wir gestern zu zwölft oder so neben der schiefsten aller Markthütten auf dem Berner Waisenhausplatz. Schreiberlinge aus der ganzen Schweiz und Specials Guests, die extra aus dem Ausland eingereist waren. Einzahl nur, nicht Mehrzahl, wie Publikum zum Beispiel. Wir alle hatten uns einzig zu dem einen Zweck hier eingefunden, dem glühenden Wein, dem besten weit und breit, unsere Referenz zu erweisen.

Erst kurz vor dem Erfrierungstod erkletterten wird gemeinsam die steilen, schiefen Stufen des Molino und stillten Hunger, Durst und Neugier …

Hach, meine Berner Schreibgruppe … was für ein toller Haufen. Nicht nur begnadete Schreiberlinge, auch ebensolche Festhütten … Nach dem uns der Kellner zwei Stunden später höflich aber bestimmt herausgeschmissen hatte, ließen wir uns im Kornhauskeller nieder um ebendort umso länger sitzen zu bleiben. Wie war das doch gleich? Ich solle viel trinken? Na denn!

Die Runde wird schließlich immer kleiner und ausgebeulter. Wir beschließen, das Ende der einwöchigen Spendenaktion im Glashaus auf dem Bundesplatz live mitzuverfolgen. Mona Vetsch moderiert, Büne besingt die W. Nuss – leider nicht live – und wir klappern bereits wieder, trotz getankter Wärme, mit den Zähnen … Wie schön, ein warmes Bett zu haben … Was für ne Nacht …

arm dran

Je ein armer Arm ist immer irgendwie überflüssig, wenn wir aneinandergeschmiegt im Bett liegen. Arme Arme! Und den Beinen geht es ähnlich …

Könnten sie doch derweilen was gaaanz anderes tun! In Afrika einen Brunnen bauen, zum Beispiel, oder ein Plumpsklo.

So aber bleibt ihnen nichts anderes übrig als irgendwann einzuschlafen und uns aufzuwecken.

Ahnung

Wenn ich zeichne, wenn
ich kritzle, wenn ich male, wenn
ich schreibe, ist jeder Strich der
Ausdruck eines Gefühls. Meines
Gefühls. Ein Stück meiner
Selbst, das aus meinem Inneren
fließt. Eine innere Bewegung, die
ich sichtbar mache. In jenem
Moment bin ich nichts –
nichts anderes als eben
dieser Strich, als dieses Wort, als
diese Bewegung. Und deren
Ausdruck.

Wenn du dir – später irgendwann – dieses Bild, das
ich gemalt, diesen Text, den
ich geschrieben habe, ansieht, wirst
du ihn als Ganzes sehen. Ein Eindruck.
Etwas, das dich berührt. Oder nicht. Vielleicht
wirst du darin die Bewegungen meiner
Seele ahnen (wenn du willst), ein klein
bisschen, doch alles
wird ahnen
bleiben. Meine Sprache spricht niemand
genauso. Und deine
auch nicht.

bis zum letzten Tag

Mit den Viren anstoßen. Ingwergrog in der Badewanne. Ideen kommen oft, wenn ich nichts zu schreiben habe. Mangels Papier und Stift könnte ich auf die Combox sprechen. Das Telefon liegt neben mir. Soll ich meine Gedanken mit Glasstift auf die Kacheln schreiben? Sie dampfen und fließen weiter, bevor ich sie auf Papier gebannt habe. Roh wird veredelt – eben jetzt – beim Abtippen der dürftigen Notizen. Und beim Erinnern. Aus Wörtern werden Sätze.

Was ich bis zum letzten Tag meines Lebens können, tun und lassen will, war das Thema. Und wie ich bleiben, sein und werden will.

Baden möchte ich können. Bis zum letzten Tag. So egoistisch das sein mag. Und immer schön warm haben. Lust am Leben auch. Den Sonnengruß machen, wenn möglich täglich. Beweglich bleiben will ich, innen und außen, solange ich lebe. Genussfähig ebenfalls. Liebesfähig Freundschaften pflegen. Tolerant und humorvoll sein. Denken und fühlen können. Weise sein. Interessiert und beteiligt … Sprechen, lesen, schreiben, sehen. Am Leben teilnehmen. Und Musik hören!

Was ich nicht mehr brauche? Den Komparativ. Die Buchhaltung. Addition und Multiplikation. Allenfalls erhalte ich mir Subtraktion und Division. Weniger ist mehr, heißt es ja so schön. Will nach innen wachsen. In die Tiefe. Und mit achtzig fange ich wieder zu rauchen an. Mal sehen.

Doch heute, hier und jetzt, ist ja zum Glück noch nicht der letzte Tag meines Lebens Dafür der erste vom Lebensrest. Und morgen der zweite. Oder immer wieder der erste.

Ja, und morgen beginnt das Wochenende, das mit zwei tollen Männern startet. Einem davon werde ich auf der Bühne vom ISC lauschen, den andern ganz ohne Bühnen und Podeste genießen. Was noch viiiel schöner ist.

Nachtfalter – bald!

Frisch zum neuen Jahr erscheint im Wortkuss-Verlag München in der Reihe AnthoKuss die zauberhaft-gruselig-spannende Anthologie

Nachtfalter und andere Kreaturen der Dunkelheit

Wenn der Tag endet, erwachen sie – die Kreaturen der Nacht. Manche mögen der Fantasie entspringen, andere schauen uns mit ihren weisen, heiteren oder nachdenklichen Augen ins Herz. Auch schaurige Gestalten könnten Euch begegnen, die vielleicht Eure tiefsten Ängste wecken.

Lasst Euch von uns, den Autorinnen, Autoren des Anthologieforums, in fremde, unheimlich-vertraute, längst vergangene und geheimnisvolle Welten entführen. Die Geschichten werden Euch begeistern!

Ich freue mich darüber, dass ich mit zwei Geschichten mit dabei bin!

Wichtig: Alle Autoren, Autorinnen und sonstige Beteiligten haben zugunsten der Berliner Obdachlosenhilfsorganisation Die Brücke e. V. auf ihr Honorar verzichtet.

Buch-Info:
HerausgeberInnen: Anthologieforum
ISBN-13: 978-3-942026-05-5
Preis: Fr. 22.40 (14,80 €) plus Versandkosten

Die Autorinnen und Autoren:
Renate Behr, Sylvia Dölger, Patricia Dragston, Simone Edelberg, Marlene Geselle, Raimund Hils, Iris Klockmann, Heike Krause, Marianne Labisch, Denise Maurer, Jon Padriks, Paul Sanker und Patrick Schön

Bestellungen Deutschland: info (( at)) wortkuss.biz
Bestellungen Schweiz: sofasophia (( at )) lebenswertvoll.ch > Versand mit Rechnung

Störungen

Am liebsten beheben sie Störungen. Dauernd eigentlich. Immer sind sie dran, etwas zu reparieren, zu flicken, zu heilen, auf etwas zu reagieren und zu handeln … Und wenn endlich alle Störungen behoben sind und sie genießen könnten, dass alles rund läuft, sehnen sie sich nach dem nächsten Problem, das sie lösen könnten. Komische Wesen, diese Menschen!, sagte die eine Kuh zur anderen und fraß weiter, während die Milchmaschine an ihrem Euter saugte.

Dem Spatz, der an der offenen Türe gelauscht hat, ist es zu verdanken, dass sich dieses Gerüchte in Windeseile auf der ganzen Welt verbreitet und sich seither hartnäckig gehalten hat: Dass Menschen Störfälle lieben.

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Wenn ist eine Türe. Kurz vor dem Zuschlagen oder eben geöffnet. Verheißungsvoll oder bedrohlich.

in den Zeitungen …

die beim finanzamt scheinen irgendwie was von magie zu verstehen. oder sitzt da jetzt auch schon die percht während ihre hunde mit den beamten spielen? irgendwie hab ich so ein gefühl. manchmal, wenn ich eine viertelstunde im gitarrengedudel von einem amt gewartet habe, hab ich mir schon überlegt, ob es den staat überhaupt noch gibt? mein einziger beweis dafür ist ja, dass die zeitungen über ihn schreiben.

Luisa Francia (Quelle: salamandra.de am 14.12.2009)

Ist, was wir wahrnehmen, wirklich wahr? Stehen die Berge wirklich auch nachts an ihrem Platz? Und ist ihr Platz wirklich ihr ewig gleicher Platz oder werden sie womöglich über Nacht reingenommen, geputzt und neu gepudert, wie ich es mit J. schon oft zusammen spinntisiert habe?

Büne Huber singt in einem seiner uralten Lieder, Niemer im Nüt (Niemand im Nichts), dass er nicht mehr glaubt, was er nur sieht. Recht hat er. Glaub ich jedenfalls …

Ist Papa Staat, ist meine Phantasie, sind die Berge wahr und wahrhaftig existent? Oder nur dann, wenn ich mit ihnen in Kontakt trete? Und wie steht es mit Freundschaft, mit Solidarität, mit Liebe? Ist womöglich alles, was wir denken, wahr, weil wir es ja nicht denken könnten, wenn es nicht wäre? Wenn es nicht wahr wäre. Anders gefragt: Können wir irgendetwas denken, was nicht ist? Und ist, was ist, wahr, weil es ist?

Nun ja, wahr ist, dass ich müde bin. Oder bilde ich mir das wohl bloß ein? Vielleicht stimmt es gar nicht, dass Menschen keinen Winterschlaf machen können …

Lasst uns, was als wahr gilt, öfters mal … aber das wisst ihr ja selbst … nicht wahr?

schön hässlich

Ein klein bisschen fürchte ich manchmal jenen Tag, da mir nichts mehr zu sagen oder zu schreiben einfällt. Denn, ich gebe es zu, ein klein bisschen fürchte ich die Leere.

Nein, nicht jene Stille, die mehr ist als die Abwesenheit von Geräuschen und Betriebsamkeit und die mit friedlichen Gefühlen einher geht. Denn habe ich jene Stille erst erreicht, hat sich meine Furcht bereits aufgelöst.

Ich fürchte mich wohl eher immer wieder ein wenig vor der Brücke dazwischen. Vor dieser Loslösung vom Lärm und Aktivität. Vor diesem Weg über die Brücke, diesem Weg durch den engen Tunnel, diesem Weg von da nach dort … nicht mehr hier, noch nicht da. Irgendwo dazwischen. Schweben. Kriechen. Sein im Nichts zwischen zwei Nichts. Keine Sicherheiten.

Wie die Trapezkünstlerin, die durch die Luft fliegt. Ihre einzige, fragile Sicherheit ist der Glaube an die eigene Fähigkeit, die ausgestreckten Hände zu ergreifen, die im richtigen Moment am richtigen Ort auftauchen werden. Noch aber fliegt sie. Noch sieht sie die Hände nicht. Und bevor sie dies konnte – fliegen und vertrauen gleichermaßen –, fiel sie tausendundeinmal ins Netz. Übte so in den eigenen Fall zu vertrauen. Und ins Netz, das trägt. Vertrauen ins eigene Scheitern. Ein Leben lang üben wir es, jenes Vertrauen in uns selber. Fallen und aufstehen. Weitergehen. Darum fürchte ich mich wohl nur ein ganz kleines bisschen vor der Leere. Und dies ist auch nicht wirklich schlimm. Ich weiß ja längst, wie aufstehen geht.

Apropos Stille und Leere: Das Buch von Jón Kalman Stefánsson, Das Knistern in den Sternen, ist genau das Richtige für spätherbstliche Schweige- und Lesestunden auf dem Sofa, wenn draußen die Flocken tanzen.

Der längst erwachsene Erzähler erinnert sich in an seine Kindheit. Glasklar ist seine Sprache, lyrisch, und voller Bilder und Andeutungen. Wir befinden uns im Island der Siebzigerjahre. Erst vor kurzem ist die Mutter gestorben. Der Vater, ein einfacher Mann, Maurer von Beruf, ist von heute auf morgen wieder liiert. Eines Tages ist die schweigende Frau einfach da, steht auf und kocht Hafergrütze. Die notabene weder Vater noch Sohn mögen. Das Synonym für Fremdheit.

Die Macht des Schweigens

Das Schweigen der Frau ist ein weites Meer, das man nur schwer überwinden kann. Papa räuspert sich am Abend und lobt das Essen. Papa räuspert sich am Abend und lobt das Wetter. Papa räuspert sich am Sonntag und verkündet, er brauche eine neue Wasserwaage. Papas Räusperer sind kleine Steine, die das Meer verschluckt, seine Worte Vögel, die unstet über der Meeresoberfläche flattern und in der Ferne verschwinden. Manchmal nickt die Frau mit dem Kopf und man glaubt, sie habe eine Rede gehalten. Es hat wirklich eine besondere Bewandtnis mit diesem Schweigen. Ich komme langsam auf den Gedanken, es könne manchmal ganz gut sein, zu schweigen. Mir dämmert allmählich, Schweigen verleihe einem Macht. Also gehe ich in einen neuen Tag hinaus und schweige; die anderen Jungen weichen vor meinem Schweigen zurück. Da kommt der fiese Frikki, der schon elf ist und mindestens drei Jungen pro Tag verprügelt. Er packt mich, dreht mir den Arm um und spuckt mir in die Haare, ich aber blicke ihn nur unbewegt und schweigend an. Völlig verwirrt lässt er mich los. Ich nehme mir vor, viele Tage lang zu schweigen. Das Schweigen ist eine Eisenkeule. Der Teufel erhebt sich mit seiner schrecklichen Fratze aus dem Boden. Ich aber stampfe ihn mit meinem Schweigen zurück in die Erde.

Ein Buch über die Einsamkeit, über die Spurensuche, über das, was war, das, was ist und das, was kommt. Ein Buch voller Bilder und existentielle Themen. So beiläufig und zugleich eindringlich erzählt, dass es mich von der ersten Zeile an gefangen nimmt. Geschrieben in einer Sprache, die der Hässlichkeit mit Metaphern, die so schön sind, dass sie beinahe schmerzen, entgegensteuert.

Solltet ihr also eines Tages länger nichts von mir lesen, kann es also gut sein,

a.) dass ich, Stefánssons Buch lesend, in den Winterschlaf gefallen bin,
b.) dass ich nach Island ausgewandert bin,
c.) dass mir nichts mehr zu schreiben einfällt oder (am wahrscheinlichsten)
d.) dass ich verreist bin (26.12. – 2.1.) und kein Internet habe …

Schön und hässlich sind ganz nahe beieinander. Aus dem gleichen Material. Wie Glück und Unglück. Hatten wir auch schon. Wer mir das nicht glaubt (und alle anderen auch), gucke sich dies hier an. Etwas vom schönsten, das ich in der letzten Zeit gesehen habe. Oder vom hässlichsten?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=518XP8prwZo]

Grenzgang

I

Einen Notizzettel in meinem Bett gefunden. Abkühlen und auftauen. Immer. Alles, steht drauf. Ein Traumfetzen war das. Oder besser einer dieser Gedanken, die kurz vor dem Schlafen oder nach dem Aufwachen vorbeispazieren. Mitte finden, heißt das. Mit Wörtern kühlen wir ab, tauen wir auf. Erwärmen wir, was zu kalt ist, kühlen wir ab, was zu heiß ist. Immer sind wir am Balancieren und am Regulieren. Auch im Jahreskreis. Festtage sind Mast-Tage. Alles ist erlaubt. Genuss und so. Die Reue-Tage folgen auf den Fuß. Diäten allerorten.

Den ganzen Stress könnten wir vermeiden, wenn wir immer schön brav in der Mitte gehen würden.

II

Was immer du auf einen Grat oder eine Grenze legst oder stellst, es wird nicht dort bleiben. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass es früher oder später auf die eine oder andere Seite fällt. Besser also, du sorgst rechtzeitig dafür, dass es zufälligerweise so fällt, wie du es willst. Falls du weißt, was du willst.

du auch!

Schwester Gewohnheit, wieso nur mache ich dich immer so mies? Obwohl du mir dabei hilfst – falls ich dich ernst nehme und akzeptiere -, bei mir zu bleiben und nicht von all den neuen Reizen, die mich ständig überfluten, weggespült zu werden. Hilfst mir zum Glück den Bodenkontakt zu behalten. Willkommen! Haben wir dich nicht, suchen wir dich nämlich. Oder vermissen dich zumindest.

Ohne Abwechslung, ohne neue Impulse wäre Gewohnheit unerträglich. Ohne Gewohnheit wäre das Neue unerträglich. Ohne Zuhause wäre die Fremde nichts als fremd. Ohne Fernweh wäre das Zuhause ein tristes Gefängnis. Unterwegs zu sein ist darum immer auch anzukommen. In unsren Gewohnheiten. In der Ferne ebenso wie zuhause.

Ich bin nie und nirgends nur das eine ohne das andere. Kein Gaspedal ohne Bremse. Keine Bremse ohne Gaspedal. Und keine Metapher ohne reale Entsprechung. Das Ganze ist beides, nein, nicht nur beides, alles! Denn es gibt immer mehr als bloß hinten und vorne oder oben und unten. Und auch ich bin immer alle und alles. Und du auch. Und du und du und du ebenfalls!

Dieses Zitat aus meinem diesjährigen Novemberschreiben-Manuskript  namens Keine Ahnung passt irgendwie zu meiner aktuellen Stimmung. Zu den zwei Herzen, die heute Nachmittag in meiner Brust schlugen. Nun schlägt nur noch eins, denn irgendwann musste ich mich schließlich entscheiden: Zürich oder nicht?

Mein lieber Freund M. und ein gemeinsamer Freund, P., hatten zu einer Lesung mit Impro-Konzert geladen. Soll ich fahren? Soll ich nicht? M., ein weiterer gemeinsamer Freund, hätte mich sogar begleitet. Doch schließlich siegte meine innere Faulpelzin. Nach einem langen Tag unterwegs im Oberland hatte ich ihr das Ruder überlassen. Ist okay … Nein sagen ist okay.

Na ja … nun gilt es allerdings weitere Entscheidungen zu treffen. Lesen? Oder Schreiben? Oder mal wieder einen Film gucken? Gopf, wieso müssen wir uns eigentlich ständig für oder gegen etwas entscheiden?

Vielleicht werde ich mich einfach aufs Sofa legen und einfach wieder mal NICHTS tun!