Berge

Ich säe Berge, sagte sie. Klein wie sie war, musste sie sich dazu nicht tief bücken. Kieselstein um Kieselstein legte sie in die warme Erde. Wie ihre Großmutter neben ihr hatte sie zuvor mit dem Setzholz eine Schneise gezogen. Bald würden hier Berge wachsen. So wie aus Apfelkernen Apfel- und aus Nüssen Nussbäume wurden.

Samstagmorgen. Mit der Kaffeetasse in der Hand wandert Julia durch Großmutters Garten. Längst ihr Garten. Oma und Opa sind schon lange tot, Berge keine gewachsen, doch Steine mag sie noch immer. Gesteinsschichten. Geschichten.

Meine Lebensgeschichte ist nichts anderes als das Umschichten von Erfahrungen, geht es ihr durch den Kopf. Kleines wird groß. Großes schrumpft. Und Unkraut wächst ohne zu fragen. Im Steingarten setzt Julia sich hin. Auf sonnengewärmte Erde.

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Diese Ges(teins)schichten habe ich gestern anlässlich eines literarischen Gottesdienstes vorgelesen. Thema: Saat gut – alles gut?

Abgehakt

Fünfe grad sein lassen? Leider nicht. Der Sigrist der Kirche von L. konnte es nicht lassen, auf der Tafel, die die Nummern der Lieder anzeigt, die falsch aufgehängte Fünf umzudrehen. Dabei war es gerade sie gewesen, die mir Mut zur Unvollkommenheit zugeblinzelt hatte.

Vor dem heute endlich stattfindenden literarischen Gottesdienst – StammBlogLesende wissen wie sehr ich im Vorfeld daraufhin gelitten und mich über meine Zusage nachträglich geärgert habe – trafen Pfarrer H. und ich uns nochmals zum definitiven Soundcheck mit dem Mikrofon. Noch einmal las ich meine Texte und noch einmal musste ich mir von ihm sagen lassen, dass ich undeutlich lese, dass ich die Endsilben verschlucke undundund. Doch diesmal nahm ich es mit mehr Humor als bei der Leseprobe vor einigen Wochen. Was hatte ich denn wirklich zu verlieren?

J., der zu meiner moralischen Unterstützung mitgekommen war, war genau dies. Seine Anwesenheit half mir, mein mentales Gleichgewicht zu bewahren und mich dem Strom, den ich vor ein paar Monaten bejaht hatte, hinzugeben. Noch am Morgen hatte ich zu ihm gesagt: Ich gehe einfach nicht hin! Im Brustton halbherziger Überzeugung allerdings nur.

Und nun saß ich also da, auf meinem Platz in der hintersten Reihe, von wo aus ich einen ersten lyrischen Text vortragen sollte um nachher in der vordersten Reihe Platz zu nehmen. Saß und nahm das Dröhnen meines Herzschlags wahr. Hörte die Kirchenglocken verhallen. Ließ mich vom Eingangsspiel auf dem Flügel einlullen und vergaß dabei beinahe, dass ich nicht in einem Konzertsaal war. Und dass ich jetzt dran war. Jetzt.

Irgendwie geht alles gut. Das Lesen macht sogar irgendwie Spaß, ich gestehe es. J. nickt mir ermutigend zu, als ich wieder meinen Platz neben ihm einnehme und wir bringen Predigt, Lieder und das ganze Brimborium hinter uns. Im anschließenden Apéro, bei Zopf, Käse und anderen Leckereien, lasse ich mich auf das eine oder andere ermutigende Gespräch ein und erfahre dabei, dass meine zweiteilige Geschichte offensichtlich den einen und anderen Menschen berührt hat. Und gehört wurde. Und verstanden.

Riesiger Felsblock, der mir vom Herzen fiel. Große Erleichterung. Und auf einmal große Müdigkeit. Und ich kann endlich wieder tief durchatmen.

Computer sind anders, Menschen auch

Seit RAH vor Wochen über die uns im alltäglichen Leben fehlende Suchfunktion des Computers geklagt hat, stolpere ich tagtäglich über weitere Analogien zwischen den verschiedenen Welten, in denen wir uns aufhalten.

Nein, der PC ist uns nicht überlegen, obwohl er das bessere Gedächtnis hat. Doch ein gutes Gedächtnis ist eben nicht alles. PCs können weder glücklich sein, noch trösten. Und sie können auch nicht umarmen.

Ist doch schön, dass es Mitmenschen gibt. Selbst wenn die nicht perfekt sind.

Hm. Wo lege ich eigentlich in mir drin all die Begegnungen mit meinen Mitmenschen ab? Hab ich da nichtmal irgendwo einen dicken Ordner gesehen? „Zwischenmenschliches“ steht auf seinem Rücken. Unterordner „Freunde & Freundinnen“ mit weiteren Unterunterordnern. Darauf Vornamen. Auch Unterordner „Schreiberlinge“ und „Verwandte“ gibt es da.

Ablegen gut und recht. Doch bitteschön in welchem Format? .pdf? Damit ich garantiert nichts mehr ändern kann? Oder doch lieber in einem Textformat wie .doc, .txt oder .rtf, damit ich jederzeit daran arbeiten kann? Und jetzt? Alles abspeichern? Backupen hin und wieder nicht vergessen!

Ooops. Dabei will ich doch fließen lassen. Alles. Immer. Jetzt. Und dabei innen und außen in Bewegung bleiben.

Ob mein Laptop auch dafür eine Analogie kennt? Ist eben auch nicht perfekt, das Teil!

Noch 22 Tage

Der Countdown läuft. Weiß noch nicht so genau, ob ich auch dies Jahr wieder mitmache. Tage zählen. Wörter zählen. Den Zensoren in die Wüste schicken, wie Fatima, die Initiantin, seit drei Jahren predigt.

Weiß nicht, ob ich mir dieses Jahr die Zeit nehmen kann. Nehmen will. Lust hätte ich schon, denn ich liebe diesen Novemberflow, diese kreative Inspiration, das Schreiben ohne zu denken. Besonders, wenn es draußen kalt und feucht ist. Gring ache u seckle. Kopf runter und drauflos rennen. Drauflos tippen. Schreibmarathon. Novemberschreiben.

Seit drei Jahren bin ich – als Janaluna – mit dabei. Zuerst als Schreiberling, später als aktives Mitglied, die mit anderen eine noch immer aktive Schreibgruppe aufgebaut, ein paar Lesungen mitorganisiert und aktiv im alten Forum mitdiskutiert hat. Und die in den letzten Monaten ebendort sehr ruhig geworden ist. Inzwischen musste das veraltete Forum einem neuen Platz machen und ich fühle mich noch fremd dort. Außerdem habe ich eine neue literarische Herausforderung gefunden: Dieses Blog hier.

Dennoch fühle ich mit, pflege jene Beziehungen privat weiter, höre den Puls meiner Schreibcompañeras und -compañeros immer lauter schlagen, sehe sie die Tage zählen.

Eben kletterte ich mal versuchsweise die Treppe hoch und nun stehe ich auf dem Sprungbrett. Soll ich springen?

Und du? Anmelden unter: www.novemberschreiben.ch

Sternschnuppen

Um 2:22 auf die Uhr zu schauen bringt Glück. Ebenso um 13:13. Pech, wenn du um 8:88 schaust. Besser ist 22:22. Auch bei 23:23 kommt das Glück. Und erst recht dann, wenn du dabei zuschauen kannst, wie die Zahl wechselt. Warum sonst gucke ich manchmal eine Beinahe-Minute lang ohne zu Blinzeln auf das Display meines Handys oder auf die rechte Ecke meines PC-Bildschirms?

M. war – und hat mich – felsenfest von ihrer Glückstheorie überzeugt, damals, und wir sofasophieren noch heute hin und wieder über die Wahrheit dieser Zahlenzauberei. Dreizehn Jahre später. Von Zahlen verdeckte Sternschnuppen nenne ich dieses Phänomen, im richtigen Moment auf die Uhr zu schauen, diese eines lauen Herbstabends an einem Feuer im französischen Jura kreierte Weisheit. Die Wahrheit dabei ist: Glück kommt, wenn wir es locken. Na ja, eigentlich ist es ja die ganze Zeit schon da und mag unsere lockenden Spielereien. Es mag uns, wenn wir glücklich sind, da es sich in diesem Klima vermehrt. Glücksvirus.

Heute Morgen. Früh. Noch dunkel hinter den Läden. Ich fragte meinen Wecker per Tastendruck nach der Zeit. 05:55 bedeutete er mir. Und ich? Dachte an Kuno! Natürlich. Und an Charlotte. An Kunos Abgang um nullfüf-füfeföfzg. Nicht heute. Auch nicht gestern. Irgendwann. Und an den Kaffee, den er aufsetzt. An ein wehmütiges Lied auf einem genialem Silberling (http://www.zueriwest.ch/ > Disco > Haubi Songs > 1.Song). Drehte mich zur Seite und konnte doch nicht mehr einschlafen. Obwohl ich noch mehr als eine Stunde gedurft hätte. Dachte stattdessen an die aktuelle Häufung der Sternschnuppen in Zahlenform. Und daran, dass ich glücklich bin. Daran, dass Glück weder von Zahlen noch von Sternschnuppen abhängt, auch von Sternen nicht. Eigentlich. Und auch nicht von Umständen. Einzig von meiner Fähigkeit, es zu sehen, zu fühlen. Dennoch mag ich Sternschuppen und Schnapszahlen. Und Doppelzahlen natürlich auch. Zahlenspiele sowieso. Und das Leben. Und Wochenenden. Und Besuche von lieben Menschen.

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Puntos Universum

Die beiden Männer sitzen schon da, warten, ins Gespräch vertieft, auf die Frauen. Auf mich zum Beispiel. Schön, S. mal wieder zu sehen. Und R., unser Neuer, war auch schon lange nicht mehr dabei. Auch die anderen tröpfeln nach und nach ein. Zuletzt K., die eigentlich vor einem Jahr aus der Schreibgruppe ausgestiegen ist. Doch die freundschaftlichen Bänder sind offenbar stärker, weshalb sie uns allpot mal besucht Zu acht waren wir schon lange nicht mehr. Nur M. fehlt, the third Man. Schade.

Angeregtes Austauschen. Von mir aus könnte es den ganzen Abend so weitergehen, denn längst sind mir meine Mitschreiberlinge und ihre Themen ans Herz gewachsen. Im Punto wird italienisch gekocht. Gopf sind diese all’arrabiata scharf! Der Koch sei eben mit einer Amerikanerin zusammen, erklärt die Kellnerin. Alles klar?

An unseren Texten arbeiten wir so diszipliniert, wie schon lange nicht mehr. Mit der Uhr. Zum Glück habe ich nur einen kurzen Text dabei. Fünf Minuten vorlesen. Fünf Minuten Feedback. Vielleicht mag ich diese Menschen deshalb so sehr? Wir alle sind ehrlich zueinander, gnadenlos, doch wohlwollend, klar und ohne uns zu konkurrieren. Eine Miniwelt, die funktioniert. Ein Modell der Entwicklungsarbeit, das ich gerne auch auf das reale Leben übertrage und auch in allen anderen Beziehungen anwende. Hach, wenn Leben doch bloß überall so einfach wäre!

Zum Feierabendbier wechseln wir diesmal ins Tibits. Doch, nein, nicht des Katers wegen bin ich heute Morgen zuhause geblieben. Seit ein paar Tagen habe ich mal wieder meine Kopfweh-Tiefdruckphase. Chemieseidank geht’s mir jetzt wieder besser, so dass ich mich am Nachmittag wieder in mein Arbeitsuniversum stürzen kann. Doch jetzt genieße ich es einfach – noch immer im Bett -, dass sich mein Kopf langsam wieder lichtet.