»Dürfen Depressive lachen?«, fragte neulich jemand auf Twitter. Und wie sieht das Leben Hochsensibler aus? »… konstante Leistung – was ist das?«, fragt die Bloggerin Julia, die ich auf Twitter kennengelernt habe in einem ihrer Blogartikel zum Thema Hochsensibilität. Weiter schreibt sie, dass viele Hochsensible sehr leistungsstark sein können. » … aber diese Leistungsstärke konstant zu halten, das geht bei manchen HSP nicht bzw. ist sehr schwierig. Wenn es denn so scheint, dann setzen HSP eine Maske auf – denn sie wissen ganz genau, wer was von ihnen erwartet … Nur dann besteht die Gefahr, seine eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren und somit sich selbst.«
Quelle: hochsensibel1753.wordpress.com
Sie spricht mir aus dem Herzen. Ein Kommentator schreibt: »Sollte es einen guten Trick geben, das zu regulieren, wäre ich mehr als dankbar.«
Dazu seufze ich. Weil. Eigentlich finde ich selbst es ja nicht wirklich schlimm, dass ich mal so mal so bin. Nur so für mich und meine Nächsten ist das nicht schlimm. Schlimm daran ist, dass unsere Gesellschaft auf konstante Leistungsfähigkeit aufgebaut ist. So gehen wir, andere ebenso wie ich, immer wieder an unsere Grenzen. Äußerlich sieht man uns die Überstimulation und die Reizüberflutung nicht an. Wir haben unsere Masken früh zu tragen gelernt. Fast sind sie mit uns verwachsen, aber sie jucken und sie drücken zum Glück.
Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich feststelle, dass ich nicht die Kraft für mehrere Dinge habe. Mehrere größere, mehrere wichtige Dinge meine ich. Die Kraft reicht nicht für mehr. Weil ich nicht einfach ohne großen Energieaufwand vom einen zum anderen großen Thema mir-nichts-dir-nichts wechseln kann. Nun ja, mit der Maske auf kann ich es natürlich schon, aber es kostet mich unglaublich viel Kraft. Kraft, die mir dann fehlt für anderes, das mich wieder aufbauen würde.
Dazu schreibt Julia: »… warum fällt es uns Hochsensiblen denn (manchmal) so schwer, eine – für Muggels (Normalsensible) – vermeintlich einfache und schnell abzuarbeitende Arbeit zu erledigen?
Ursache: Unser (HSP-)Fokus ist gerade ganz woanders. Ein Muggel würde sagen: „Dann lenk den doch einfach auf das, was gerade ist und mach einfach. Machs doch einfach!“
Danke – das würde ich ja gerne tun. […]
Eindrücke bleiben bei Hochsensiblen länger bestehen. Man stelle sich einen gewöhnlichen Knautschball vor – auch bekannt als „Anti-Stress-Ball“ oder Knetball – den manche Kollegen ab und an tatsächlich durchwalken – weil gerade zu viel los ist – oder anderen Kollegen an den Kopf werfen *Spaß*
Diese Knetbälle benötigen ein bisschen Zeit, sobald sie zerknautscht wurden, bis sie sich wieder in ihrem Ursprungszustand befinden.
Also: Wenn EinDRÜCKE von außen (oder innen!, z.B. Hunger) kommen, wird der Knetball von Hochsensiblen und Muggels ein-ge-drückt… Nur: Bei Hochsensiblen wird er oft tiefer eingedrückt, weil einfach mehr Informationen bei ihm ankommen – und das Zurückverformen in den Ursprungszustand dauert unter Umständen auch länger. Was bedeutet das genau? Wenn man mit zu vielen Eindrücken und Gedanken beladen ist – egal ob hochsensibel oder nicht – kann man nur schlecht etwas Neues aufnehmen bzw. mit etwas Neuem beginnen oder das Bestehende weiterführen bzw. auf bestehendes Wissen zugreifen. Der Fokus ist in diesem Moment nur schwer steuerbar.«
Quelle: hochsensibel1753.wordpress.com
Hochsensibilität, die eigentlich eine Gabe, eine Ressouce sein könnte, ist mir zurzeit Last und Fluch. Ich möchte oft einfach nicht so viel fühlen, doch fühlen kann man nicht abstellen. Mir hilft es, mich durch Julias Blog zu lesen und mich in Ihren Berichten und den Kommentaren anderer wiederzufinden.
Oder in diesem Comic hier (bitte aufs Bild klicken)
Zu früheren Zeiten und in anderen Kulturen waren wir Hochsensiblen die HeilerInnen, TänzerInnen, WandlerInnen, KünstlerInnen einer Gesellschaft und ihre Gaben waren selbstverständlich. Und heute?
Fazit: Ja, auch Hochsensible können feiern und schuften, genauso wie auch Depressive lachen und sich freuen können. Und genauso, wie Normalsensible zuweilen reizüberflutet sein können und sich zurückziehen müssen.
Wir alle können fast alles. Wichtig ist es aber doch, dass wir genau hinfühlen. Und unsere persönliche Art nicht verleugnen. Und dass wir den Mut haben, uns so zu verhalten, wie es unserer Art entspricht. Artgerecht. Und respektvoll dem Anderssein anderer gegenüber.
