Keller- und Straßenkultur

Im Rampenlicht stehen. Nein. Das ist definitiv nicht das Ziel meiner Träume. Obwohl. Na ja. Es hat, ich gebe es zu, Spaß gemacht. Meine Löwinnenseite? Faszinierend. Ambivalent. Faszinierend ambivalent.

Bühnenerfahrung hatte ich bisher keine. Außer von unten nach oben. Vor Publikum gesprochen habe ich zwar schon oft und inzwischen ja auch schon einige Male gelesen. Jedes Mal lehrreich. Doch nun das: Sofasophia auf der ONO-Bühne. Das ONO – schon lange ein Ort, den ich mag. Unzählige Konzerte und andere kulturelle Anlässe wie Lesungen habe ich hier schon besucht. (… und das Honigbier genossen. Gibt’s nur hier!) Letztes Mal habe ich hier Pippo Pollina gehört. Auf seiner À-la-Carte-Tournée.

Ich höre Roswithas Ansage. Ist echt Gold, was sie sagt. Oh. Sie redet ja von mir! Ooops. Noch nie bin ich so lieb angesagt worden. Und nun steige ich also tatsächlich selber die Stufen herauf. Nehme auf der Bühne Platz. Bitte kneifen. Ist das alles echt? Wildes Herzklopfen. Ich werde mich blamieren. Bestimmt. Nun höre ich mich ein paar Sachen über diese Bühne sagen und merke, wie das hilft, die Beklemmung aus der Kehle zu lotsen. Trotzdem: Ich sehe schwarz. Nicht dunkelgrau. Total schwarz. Ich blicke auf den riesigen Bildschirm eines abgestürzten Computers. Bin mitten im Lichtkegel und sehe nur den Tisch. Und meinen Text. Na ja. Dann sollte ich wohl …

Diese schwarze Masse vor mir ist mein Publikum. Doch ist es wirklich da? Keine Chance an der Mimik der Zuhörenden etwas über die Wirkung meines Textes herauszufinden. Nix zu sehen. Nur zu hören. Den Applaus genieße ich. Echt wahr. Tut gut. Du hättest bisschen lauter lesen sollen, meinte mein Lieblingsbruder hinterher. Ansonsten wirkte er ein klein bisschen stolz auf die Kleine und drückte mich herzlich. Die einzige Kritik, die ich gehört habe. Ansonsten Ermutigendes. Oder sowas in der Art: Schwerverdaulich. Wie oft bei dir. Meine wunderbare Freundin K. Ja, stimmt. Ich weiß. Doch in Loch im Eis gibt es nun mal nichts Leichtverdauliches. (Zum Text: hier klicken)

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Bei kommenden Lesungen werde ich deshalb Blogtexte vorlesen. Gelobte ich beim ersten Bier. Leichtere Kost, wie ich hoffe. Die Texte. Das Bier auch.

Die Qualität unserer Texte war, finde ich, wieder auf sehr hohem Niveau. Abwechslungsreich. Von verspielt bis gruselig, von Psycho bis erzählend. Wie gut, dass ich (d.h. wir) unsere beiden Schreibgruppe-Männer überredenzeugen konnte mitzumachen. Manuels Text sei eine halbe Stunde vor der Lesung fertig geworden. Neue Mangas von Helen. Auf Grossleinwand – ein Erlebnis für die Augen! Ach … jetzt könnte ich ins Schwärmen kommen … Anjas Klipp-Klapp-Text, Stefans Gruselstory, undundund … Doch unser aller Überfliegerin war Roswitha. Sie moderierte absolut sympathisch, souverän und persönlich. Schwer zu toppen! (mehr Bilder von der Lesung …)

Publikum und Stimmung waren aufgeräumt. Die nicht ganz billige Raummiete haben wir praktisch aus der Kollekte gedeckt und schon bald lockte es uns alle auf die Gassen Bern.

Straßenmusik an jeder Ecke. Buskers 2009. Wir lassen uns treiben, genießen internationalen Fastfood – einen kleiner Trip nach Mexico zum Beispiel. Schweizer Bier. Tauschen aus. Treiben weiter. Am Schluss noch zu dritt bleiben wir an den Pos einer englischen Comedy-Truppe hängen. The Cosmic Sausages. Na ja, für die schönen Pos können wir nix. Ehrlich. Und für dieses charmante Lächeln hier auch nicht. Oder doch?

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Es war eben bloß noch hinter der Truppe Platz. Das Chrüsimüsi aus Klamauk, poppigem Gefiddel, Gipsysound und Countryrock animierte zum Mitshaken und -klatschen.

Schlaftrunken, später, irgendwann, im Bett, begreife ich plötzlich, dass ich Ferien habe. Endlich! Dass ich schon übermorgen nach Schweden fliege, kann ich kaum glauben. Denn im Moment will ich einfach nur schlafen.

an die Leine genommen

Ja, ich weiß, es ist Sommer. Alle Welt tummelt sich draußen. Die Sonne scheint und die Natur ruft  … Doch der Abgabetermin für meinen Artikel rückt unaufhaltsam näher. Außerdem habe ich ein paar rohe Geschichten auf dem Feuer. Die müssen eingeköchelt und ständig mit ein bisschen Wasser abgelöscht werden. Sonst brennen sie an. Und für die Lesung in dreizehn Tagen (schon?) muss ich auch noch den richtigen Text finden.  All das vor den Ferien … es gibt viel zu tun. Es GÄBE viel zu tun …

Deshalb bin ich heute brav zuhause geblieben und sitze bei schönstem Wetter am Laptop. Allerdings so gut wie draußen. Doch was tue ich? Ich surfe! Womit wir wieder beim Thema „zu wenig Zeit“ wären. Zwei Herzen in meiner Brust. Wie der Autor im Buch, das ich lese, habe ich offenbar auch meine ganz eigene Art von Disziplin.

„Der Nichteingeweihte versteht das natürlich nicht. Es wäre ja auch kaum begreiflich zu machen, worin die Disziplin liegt, wenn einer vier bis fünf Stunden des Tages mit ruhelosem Warten im Nichtstun verbringt: aufsteht, von einem Raum in den nächsten wandert, sich irgendwo niederlässt, (…) ein Bad nimmt, zu einem Buch greift (…) Krach schlägt, wenn ein Besuch in „stört“ (…) …inzwischen ist es nachmittags um sechs oder vier Uhr früh – und mit weiterer Zeitverschwendung von zwei Stunden erfolgreich eine oder bestenfalls anderthalb Seiten vollzuschreiben.“

Sándor Márai. Mal wieder. Seit ich seine „Glut“ gelesen habe, schafft es dieser ungarische Autor immer wieder, mich zu packen. Den roten Faden in seinen Romanen sehe ich weniger in den Themen oder Figuren seiner Geschichten, als darin, wie er menschliche Banalität, menschliche Genialität, menschliche Absurdität und menschliche Brutalität, die alle irgendwie ganz nahe beieinander stehen, sich wohl oder übel gegenseitig einatmen und sich zugleich voneinander fortdrängen, in Worte kleidet. So als hörten wir seine Antiheldinnen und –helden beim Denken zu.

In der Bibliothek bin ich neulich fast zufällig über seinen „Hund mit Charakter“ gestolpert. Wie bitte? Márai schreibt einen Roman über Hunde? Jawohl! Und wie! Der Protagonist, genannt „Herr“ – Màrais Alter Ego? –, schenkt der Dame des Hauses zu Weihnachten einen Welpen. Wir schreiben das Jahr 1928. Nein, nun kommt keine süße Hundegeschichte, wie könnte es auch? Es folgt, typisch für den ungarischen Philosophen, eine Geschichte darüber, wie diese kleine Kreatur, dieses wollknäuelige Hundebaby, mit seiner Schamlosigkeit den ganzen Haushalt durcheinander- und den Autoren dazu bringt, eigenes Verhalten zu hinterfragen. So wie es eben nur Márai kann.

„Es fällt ihm dennoch schwer, den Widerstand aufzugeben; die Scham, die ihn überkommt, wenn er sich um ein Tier kümmert, wohl wissend, dass jetzt gerade hundert Millionen Menschen auf der Erde … – doch wie soll er sich mit hundert Millionen Menschen abgeben? Wie soll er sie alle lieben? Wie kann er etwas für sie tun, wenn er keinen einzigen von ihnen kennt? Vielleicht sollte man die Welt doch einfach da anpacken, wo sie einem am nächsten ist. Wo man sie zu fassen bekommt? (…) Und dann, wenn all das erledigt ist und er immer noch einen kleinen Überschuss an Gefühlen, Hingabe und Eifer hat, dann darf er diesen zum Beispiel auch an einen Hund verschwenden …“

Der Tag, an dem der Hund die Leine kennenlernt, ist kein einfacher. Zuerst flippt er beinahe aus …

„Plötzlich hält der Hund im nervösen Herumtrippeln und Wimmern inne. Jetzt hat er begriffen. Er erstarrt vor Entsetzen, und dann sagt er Nein! (…) Es bricht mit so entsetzlicher Wut und Verzweiflung aus ihm hervor, wie es nur aus jemandem hervorbrechen kann, der im Recht ist. Er hat das An-der-Leine-Sein verstanden, begriffen fürs Leben. Nein, das nicht! … kommt der Schrei. (…) … das kann doch nicht sein! Warum auch? Dann wäre ja alles aus, der Sinn des Daseins, kein Ziel mehr, für das es sich zu leben lohnte, da wäre keine Würde mehr und keine moralische Gerechtigkeit und auch kein wahres Gesetz, weder dort oben in den Sternen noch hier unten in der endlichen Welt zwischen Schlaf- und Herrenzimmer! Jetzt hat er begriffen und kann es nicht ertragen.“

Winterhöhle

„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „

Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt.  „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heisst, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.

Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht: „Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiss nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weg gesehen. Und er weiss nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.“

Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …

Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen.