Sputnik Sweetheart

Den ganzen Morgen über, im Büro, wollte ich – ganz kurz nur! – meine Ideen für diesen Blogartikel, den ich jetzt endlich schreibe, runter tippen. Keine Chance! Tausend Kleinigkeiten, ein ständig klingelndes Telefon, ein neuerlicher Konferenz-PC-Testlauf, den ich betreuen musste und der Versand der aktuellen Kursprogramme standen Schlange. Zum Glück gibt’s (herzige!) Velokuriere, die uns wenigstens ein paar Gänge abnehmen. Samt Fahrradanhänger und tausend Briefumschlägen machte sich unser Bote an meiner Stelle auf den Weg zur Post am Eigerplatz.

Ein Uhr. Endlich Feierabend. Endlich Wochenende. Erschöpft ließ ich mich auf meinen Bürosessel fallen. Im angrenzenden Entrée und Pausenraum saß G., meine Bürokollegin, und knabberte Zeitung lesend an ihrem Sandwich, derweil mein Magen knurrte, wann immer ich an die Couscous-Resten in meinem Kühlschrank dachte. Während ich die letzten Handgriffe vor dem Weekend verrichtete, den elektronischen Arbeitsrapport ausfüllen zum Beispiel, begannen wir über die Arbeitsauslastung und -verteilung innerhalb des Teams zu diskutieren. Ein Wort rief dem nächsten, Gedankenfetzen drängten sich in unser Blickfeld, Ideen wurden geboren und schließlich ließ ich mich beinahe dazu überreden, mein Pensum nächstes Jahr um zehn Prozent zu erhöhen. Denken und spinnen lässt sich sowas alleweil. Ziemlich schnell sogar. Doch in Tat und Wahrheit hieße das für mich, einen halben Tag mehr im Büro zu sitzen! Es hieße auch, neue Arbeitsgebiete kennen zu lernen und noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Und es hieße, mehr Geld zu verdienen.

Doch vor allem hieße es eins: Weniger freie Zeit für mich! Und das, gopf, das ist die alles entscheidende Frage. Die ich vor einem Jahr mit Nein beantwortet habe. Will ich mich wirklich mehr und mehr auf Arbeit-außer-Haus einlassen und dabei mein Ding, die Schreiberei und all das, was mir in meiner freien Zeit so wichtig ist, runter dimmen? War es nicht immer schon mein Heiliges Prinzip, dass mir Zeit wichtiger sei als Geld?

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Nein, nein, Halt! Das ist alles nicht wirklich dasjenige, worüber ich bloggen wollte!
Worüber denn dann?
Was war das gleich nochmal?
Ja! Jetzt fällt es mir wieder ein! Über ein Buch von J., das ich eben lese, wollte ich schreiben!

Sputnik Sweetheart.

Nun ja, der Titel sagt nicht wirklich viel. Aber vielleicht der Name des Autors? Haruki Murakami. Dieser begabte Japaner verwebt eine komplexe Liebesgeschichte, Poesie und Krimistränge zu einem genialen Ganzen, verwebt menschliche Sehnsüchte mit philosophischen Tauchgängen und Höhenflügen und bezaubert mich, wann immer ich zum Weiterlesen dieses zweihundertzweiundzwanzig Seiten dicken Buches komme, von Neuem.

Sumire, eine junge Frau, die Schriftstellerin werden will, verliebt sich in ihre zukünftige Arbeitsgeberin Miu. Was ihr Verehrer, der Ich-Erzähler zwar bedauert, ihr aber die schöne platonische Freundschaft deswegen nicht kündigt. Als Sumire mit ihrer neuen Chefin Miu nach einer Geschäftsreise ein paar Tage Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel macht, verschwindet sie über Nacht spurlos. Ihr Freund fliegt von Japan nach Griechenland und hilft der verzweifelten Miu bei der Suche. Eine faszinierende Suche sowohl im Außen als auch nach innen. Dem Erzähler gelingt es schließlich, Sumires Powerbook zu öffnen.

„Meine vorläufige These lautet wie folgt: Durch das Schreiben schaffe ich mir einen zusätzlichen Raum, in dem ich mich im Alltag vergewissere, wer ich bin,“ schreibt die junge Schriftstellerin.

Warum kommt mir das bloß so bekannt vor?

Miu erzählt ihrem Gast über die Art der Beziehung zu ihrer jungen Freundin, der sie – da nicht homosexuell veranlagt – nicht das sein konnte, was diese sich gewünscht hätte:

„Wir waren zwar großartige Reisegefährten, aber letztlich doch nur zwei einsame Klumpen Metall auf getrennten Umlaufbahnen, die aus der Ferne wie wunderschöne Sternschnuppen aussehen, in Wirklichkeit aber nichts als Gefangene ihrer jeweiligen Umlaufbahn sind, aus der es keinen Ausweg gibt. Und wenn unsere Bahnen sich zufällig kreuzen, dann können wir vielleicht für einen kurzen Augenglick unser Herz füreinander öffnen, doch schon im nächsten Augenblick sind wir wieder zwei einsame Satelliten in der Weite des Weltalls. Bis wir irgendwann verglühen und zu Nichts werden.“

Schwimmend nach Hause

Solche Dienstgänge lob ich mir! In der Vormittagspause beschließen wir, unsere abwesende Arbeitskollegin und Vielleserin K., die nächste Woche Geburtstag hat, mit einem neuen Buch zu beschenken. Doch wer von uns liest das Geschenk aus? Die Wahl fällt auf mich, da ich eh noch zur Post muss.

Nach der Mittagspause stöbere ich also glücklich, zumal ich mir diese Freude letzten Donnerstag versagt habe, durch den großen Bücherladen beim Bahnhof. Völlig ausgehungert stehe ich vor den Auslagen. Habe in der letzten Zeit Bücherläden gemieden, weil die sowohl Zeit als auch Geld fressen. Außerdem liegen noch stapelweise ausgeliehene Bücher bei mir rum, die ich lesen darf und zurückgeben soll.

Schon bald habe ich mich für Rolf Lapperts Nach Hause schwimmen entschieden, eines meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres. Sowohl spannend wie auch philosophisch, tiefgängig, berührend ohne kitschig zu sein, menschlich, ironisch stellenweise. Lappert ist ein Buch gelungen, das – trotz des happigen Themas – alles andere als depressiv ist, literarisch wertvoll, herrlich, grotesk zuweilen, und voller Humor … Könnte K. gefallen, finde ich.

Dass ich für mich auch gleich zwei neue Bücher erstanden und für den baldigen Geburtstag einer anderen lieben Frau was gefunden habe, bleibt aber unter uns. Versprochen?!

Nun aber ab zum Postfach, schließlich bin ich auf Arbeit. Auf dem Fahrrad den Tramschienen ausweichend und gegen den Verkehr über den Bahnhofplatz zirkelnd, ziehe ich mit der linken Hand am Kopfhörerkabel, um mir die Kopfhörer aufzusetzen, um Musik zu hören. Ooops. Kein mp3-Player am anderen Ende des Kabels! Na sowas! Ein Blick zurück. Das schwarze Ding dahinten, mitten auf der Straße – immerhin noch knapp auf der Fahrradspur –, kommt mir irgendwie bekannt vor! Und das Plong von vorhin muss wohl dazu geführt haben, dass ich nun ein leeres Kabel in der Hand halte. Bremsen. Absteigen. Zurückrennen. Den Autos ausweichen. Den Schutzengel aller mp3-Player anflehen, dass fünf Sekunden lang kein Auto kommt. Das Teil am Boden packen. Dem erwähnten Schutzengel fürs Aufpassen danken. Vor mich hin grinsend zurück zum Fahrrad gehen und mir die Kopfhörer aufsetzen. Das alles geht blitzschnell. Keine drei Sekunden vermutlich. Als ich das Teil einschaltete, zeigte die Uhr, noch im Sommerzeit-Modus, 15:15. Sternschnuppenzeit!

Ei einzigi Sekunde, singt Kuno, als ich auf Play drücke. Kein Stück passt besser. Mein Shuffler weiß Bescheid. In einer einzigen Sekunde hätte ich beinahe meine geliebte Musik verloren. Hauchdünn die Grenze von hier nach da, singt der Züri West-Sänger. Wie schnell sich alles verändern kann. Hab ich mal wieder Glück gehabt!

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Ei einzigi Sekunde – Songtext

üsi Hüue isch papierdünn
mir exischtiere uf guet Glück
bi extrem schwache Quote
irgnd eine dräiht im Rote
u scho flügsch us em Renne
u liegsch dusse im Schotter
ei einzigi Sekunde
u aues isch vrbii

ei enizigi Sekunde
u du erwachsch im däm Zimmer
u aues hanget am ne Fade
u dr Zuefau schnippt mit em Finger
u dr Früehlig schteit vor dr Türe
im Schnee

Quelle: http://lyrics.wikia.com/Z%C3%BCri_West:Ei_Einzigi_Sekunde

in Thun zu tun

Das leere Dokument lacht mich aus: Unmöglich all die Gedanken, die dir durch den Kopf gehen in Worte zu fassen!, höhnt es. Unmöglich, all diese Fäden, die da lose in deiner inneren Webstube herumliegen zu einem Ganzen zu verweben. Vergiss es!

Ob es recht hat, dieses blöde, weiße sonntagmorgenmuffelige Dokument? Ich stehe vom Laptop auf. Gehe in die Küche. Hole ein Stück Brot, obwohl ich eben gefrühstückt habe. Kauen rege die Gedankentätigkeit an, hab ich mal gelesen. Nun ja, über mangelnde Aktivität im Oberstübchen könnte ich mich ja eigentlich nicht beklagen. Eher über den Mangel, den Filter aktiv zu halten, der mir zeigt, was ich outputen soll. Sprich bloggen. Nein, an Inputs fehlt es mir beileibe nicht. Die kreative Welle, auf der ich zurzeit surfe, tut schon fast weh. Damit es nicht zur Wörterobstipation kommt, knabbere ich ein paar feige Wörter Wörterfeigen. Fast so gut wie Brot. Ich hacke dazu in die Tasten.

Nein, das hier war nicht wirklich mein Stil, diese schwarzgekleidete Lady da auf der Bühne. Obwohl sie schön war. Hätten wir nicht an der Wand gesessen, eingeklemmt von zig anderen Menschen, wären M. und ich vermutlich auf und davon. Was ich in solchen Situationen zu tun pflege? Das Beste draus machen. In diesem Fall hier – in der Alten Öle Thun, wo wir den Verlockungen des Wortes Surprise, das dieses Kulturevent titelte, auf den Leim gekrochen sind –, anfangen, Geschichten zu spinnen. Plötzlich saß ich also in einem Pariser Bistro. Dann wieder in einem Straßencafé in Granada. Sogar Rom kam in meinen Träumereien vor. Es waren denn auch die mediterranen Lieder, die mich mit dem Rest versöhnten. Kunst und Künstlichkeit – sie berührten sich in dieser Vorstellung nahtlos. Die Femme fatale, die deutsche Kunstlieder mit heiserer Stimme und ohne Mikrofon – dafür mit lasziven Gebärden unterstrichen – vortrug, von einem glatzköpfigen Pianisten der älteren Garde begleitet, mutierte in Sekundenschnelle in eine Chansons ins Mikrofon hauchende Pariserin. Am besten haben mir – wie gesagt – ihre französischen, spanischen und italienischen Lieder gefallen. Wirklich wahr, die Latina hat sie super hinbekommen. Alle gängigen Klischees der Körpersprache ausreizend. Köstlich Künstlichkeit mit Kunst verbindend.

Später erst stelle ich fest, dass die gesuchte Surprise mit den Fassadenfilmen zeitgleich im Hof der alten Öle, also in unmittelbarer Nähe, stattgefunden hat und dass das, was wir gesehen haben mit Madame stellt ein Klavier in die Alpen – Lieder und Chansons übertitelt war. Tja. Selber schuld, wenn frau nicht richtig liest. Dennoch bin ich um eine Erfahrung reicher.

Rückblende. Wir sitzen im Restaurant Waisenhaus, das heißt, nicht im, sondern davor. M. will rauchen. Die Nacht ist lau. Das Bälliz, Thuns Hauptschlagader, pulsiert und das Bier ist köstlich. Wir brüten über dem Programm der Thuner Kulturnacht. Zweimal Ristretto bitte, klarer Fall. Nein, nicht Kaffee. Auch nicht kleinen schnellen Kaffee. Immerhin schnell und klein passt. Und das Ambiente ebenfalls. Doch darüber später.

Nicht wie die singende Madame Klischees ausgereizt, sondern ziemlich viele geknackt, haben die vier Leute von Literaare, die in der Buchhandlung Thalia vorgelesen haben. Was sage ich da? Vorgelesen? Falsch! Perfomances waren das! Besonders gefallen haben mir Guy Krneta und Jens Nielsen. Will heißen ihre Texte, natürlich. M. favorisierte Matto Kämpf. Sandra Künzi, die vierte im Bunde, war auch okay, doch so richtig begeistert hat sie uns nicht. Spoken Word heißt sie, diese mir bis anhin unbekannte literarische Kunstrichtung. Texte, die ohne Satzzeichen auskommen, füllen Jens Nielsens kleinen Erzählband. Sie sind wunderbar zu lesen, doch vor allem sind sie wunderbar anzuhören. M. und ich werden – so hoffe ich – schon bald mal das Berner Café Kairo aufsuchen, wo es regelmäßige Spoken-Word-Sessions geben soll. Meine Vorliebe für Wortspielereien, Absurditäten und Surreales wurde gefüttert und rief nach mehr. So schnappte ich mir am Büchertisch den Band Alles wird wie niemand will und bat den Autoren um eine Signatur. Wie überrascht war ich, als ich den hochdeutsch vortragenden Nielsen nun im schönsten Aargauerdütsch mit mir plaudern hörte. Seine Wortspiele hätten es mir angetan, sagte ich. Da ich selber schriebe. Kleines Palaver unter Buchstabenklaubenden. Dann weiter ins Spettacolo.

Ristretto. Theatersport. Als meine Freundin R. vor ungefähr einem Jahr diese Sportart für sich entdeckt und mir davon erzählt hatte, konnte ich mir nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Gestern endlich sah ich, wie Theater auch sein kann. In zwei Gruppen spielen die Akteurinnen und Akteure gegeneinander an. Die Vorgaben, welche Szenen spielend zu improvisieren sind, kommen immer aus dem Publikum. Von absurd bis dramatisch, von komödiantisch bis schwarzhumorig liegt alles drin. Die Lautstärke des Applauses entscheidet, welche Gruppe den nächsten Punkt verdient hat. Herrlich!

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Später, im Zug nach Bern, werweiße ich mit meiner Freundin M., wo ich heute wohl wäre, wenn ich Ambitionen hätte. Wenn ich ehrgeizig an meiner Karriere gebaut hätte. Wäre meine Schreibe qualitativ besser? Hätte ich wohl bereits richtige Bücher veröffentlicht? Ist es die Resonanz eines Publikums, die Kunst zur Kunst macht?

Und die alles entscheidende Frage:
Wäre ich heute glücklicher, wenn …?

eingetaucht

So genial lesen können möchte ich. Als Zuhörerin vergisst du ganz, dass du auf einem Stuhl inmitten von Leuten sitzest. Die Bilder, die auftauchen, nehmen dich an der Hand, lassen dich eintauchen, lassen dich mitschwimmen, lassen dich Teil der Geschichte sein.

Erstens kann er gut schreiben und zweitens kann er gut lesen, der Peter Stamm. Echt wahr.

Sein knapper, dichter Stil dockt bei mir unmittelbar auf der Sinnesebene an. Er wolle mit seiner Art zu schreiben die Lesenden vergessen lassen, dass sie lesen, habe ich mal aufgepickt. Oder so ähnlich jedenfalls. Und genau das gelingt ihm. Finde ich. Habe ja inzwischen fast alles von ihm gelesen, denn ich bin von seinem Schreibhandwerk begeistert. Doch sprechen mich natürlich auch die Geschichten selbst an.

Obwohl ich das Buch „Sieben Jahre“ ja bereits gelesen habe, kam bei mir während seiner dreiviertelstündigen Lesung, die aus drei Passagen bestand, keine Sekunde Langeweile auf. Im Anschluss daran beantwortete er Fragen. Ganz natürlich erzählte er von seinen Gedanken vor und während des Schreibprozesses und gestand sogar, dass er das Ende einer Geschichte, wenn er sie zu schreiben anfange, noch nicht kenne. Wohltuend!

Mein Dienstagmorgen-Kater hat aber definitiv nichts mit Peter Stamms Lesung zu tun. Da sind meine Freundinnen M. und R. und ich ganz selber dran schuld.

Nachtfalter

Vorankündigung

„In der Reihe AnthoKuss veröffentlicht der WortKuss Verlag Anthologien zu wechselnden Themen und Genres. Auch Lyrik findet hier ihren Platz. Derzeit steht der Verlag im Gespräch mit mehreren Einzelautoren und Autorengruppen, die an einer Veröffentlichung ihrer Werke interessiert sind. Den Auftakt macht im November 2009 das Anthologieforum, eine Gruppe engagierter Autoren aus vier Ländern, mit der Anthologie Nachtfalter und andere Kreaturen der Dunkelheit.“

>>> Warum das hier steht?
Ist Werbung in eigener Sache,  denn da hat es zwei Geschichten von mir drin …
Und auch sonst einen Haufen guter Texte! <<<

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PS: … auf obigem Link unter Autoren könnt ihr mich besuchen …

angeleint

dahinter
darunter
versteckt
verdeckt
unsichtbar
undichtbar
angeleint zwischen Buchstabe und Buchstabe
jene Worte die ohne Worte weben
verwandeln stattdessen
Farben
Düfte
Töne
immer
jetzt
immer
anders
immer
vorläufig

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Bin heute Morgen mit diesen Worten erwacht. Ob der Wecker sie mir zugeflüstert hat?

Und endlich kam mein Notizblock wieder mal zum Einsatz! Eine Woche lang hatte er Pause. Wie mein Kugelschreiber vor Freude darüber hüpfte, wieder kritzeln zu dürfen! Ich konnte ihn kaum zähmen und festhalten. Und der Block erst! Räkelte sich elegant – was sag ich da? – anmutig, zierte sich gar ein bisschen. Doch dann ließ er sich doch dazu herab, sich von meinem Kugelschreiber kitzeln und bemalen zu lassen. Bodypainting irgendwie. Buchstaben nur. Buchstaben nur? Purzelnde Gesellen, die sich zu einem kleinen Poem verbinden, über das Papier tanzen, sich mit mir zusammen über mich und das Leben lustig machen und einfach da sind. Beneidenswerte Gestalten!

Ganz viele von ihnen werde ich heute Abend im Stauffacher hören. Peter Stamm liest aus „Sieben Jahre“ vor, M. und ich hören zu. Ich freue mich.

Berge

Ich säe Berge, sagte sie. Klein wie sie war, musste sie sich dazu nicht tief bücken. Kieselstein um Kieselstein legte sie in die warme Erde. Wie ihre Großmutter neben ihr hatte sie zuvor mit dem Setzholz eine Schneise gezogen. Bald würden hier Berge wachsen. So wie aus Apfelkernen Apfel- und aus Nüssen Nussbäume wurden.

Samstagmorgen. Mit der Kaffeetasse in der Hand wandert Julia durch Großmutters Garten. Längst ihr Garten. Oma und Opa sind schon lange tot, Berge keine gewachsen, doch Steine mag sie noch immer. Gesteinsschichten. Geschichten.

Meine Lebensgeschichte ist nichts anderes als das Umschichten von Erfahrungen, geht es ihr durch den Kopf. Kleines wird groß. Großes schrumpft. Und Unkraut wächst ohne zu fragen. Im Steingarten setzt Julia sich hin. Auf sonnengewärmte Erde.

hier klicken zum Weiterlesen …

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Diese Ges(teins)schichten habe ich gestern anlässlich eines literarischen Gottesdienstes vorgelesen. Thema: Saat gut – alles gut?

Puntos Universum

Die beiden Männer sitzen schon da, warten, ins Gespräch vertieft, auf die Frauen. Auf mich zum Beispiel. Schön, S. mal wieder zu sehen. Und R., unser Neuer, war auch schon lange nicht mehr dabei. Auch die anderen tröpfeln nach und nach ein. Zuletzt K., die eigentlich vor einem Jahr aus der Schreibgruppe ausgestiegen ist. Doch die freundschaftlichen Bänder sind offenbar stärker, weshalb sie uns allpot mal besucht Zu acht waren wir schon lange nicht mehr. Nur M. fehlt, the third Man. Schade.

Angeregtes Austauschen. Von mir aus könnte es den ganzen Abend so weitergehen, denn längst sind mir meine Mitschreiberlinge und ihre Themen ans Herz gewachsen. Im Punto wird italienisch gekocht. Gopf sind diese all’arrabiata scharf! Der Koch sei eben mit einer Amerikanerin zusammen, erklärt die Kellnerin. Alles klar?

An unseren Texten arbeiten wir so diszipliniert, wie schon lange nicht mehr. Mit der Uhr. Zum Glück habe ich nur einen kurzen Text dabei. Fünf Minuten vorlesen. Fünf Minuten Feedback. Vielleicht mag ich diese Menschen deshalb so sehr? Wir alle sind ehrlich zueinander, gnadenlos, doch wohlwollend, klar und ohne uns zu konkurrieren. Eine Miniwelt, die funktioniert. Ein Modell der Entwicklungsarbeit, das ich gerne auch auf das reale Leben übertrage und auch in allen anderen Beziehungen anwende. Hach, wenn Leben doch bloß überall so einfach wäre!

Zum Feierabendbier wechseln wir diesmal ins Tibits. Doch, nein, nicht des Katers wegen bin ich heute Morgen zuhause geblieben. Seit ein paar Tagen habe ich mal wieder meine Kopfweh-Tiefdruckphase. Chemieseidank geht’s mir jetzt wieder besser, so dass ich mich am Nachmittag wieder in mein Arbeitsuniversum stürzen kann. Doch jetzt genieße ich es einfach – noch immer im Bett -, dass sich mein Kopf langsam wieder lichtet.

ungeplant

… um viertel nach fünf unter dem fetten Stapel meiner unerledigten Pendenzen meinen heutigen (ungeöffneten) Postberg entdeckt. Stimmt. Untergegangen. Abgetaucht. Liegengeblieben.
Na ja. Ob die Idee wirklich gut war, den anderen zu sagen, dass ich nicht voll ausgelastet bin?
Und ausgerechnet jetzt sind meine üblichen Tagesgeschäfte gewachsen. Terminlich bedingt, wie es so schön heißt.
Immerhin vergeht so die Zeit wie im Flug.
Saumüde bin ich trotzdem.
Mein Kopf dröhnt.

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Pause
Ruhe
Wald
Den Kopf leeren
Die Lungen füllen
Mit M. plaudern
Das Herz füttern

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Ich glaube nächstens muss ich meine vielen Ms durchnummerieren. Vielleicht im gleichen Aufwisch in männliche und weibliche M aufteilen.

Diese M hier? Die ist weiblich und darum weder Patensohn, noch Schreib-Compañero noch Ex-Liebster …
Liebe Freundin ist sie, wilde Frau, Traum-Tänzerin. Wohnt im Nachbarquartier. Banales mischt sich im Beschreibenwollen mit unfassbarem … Wörter um Menschen zu beschreiben – sie genügen nicht. Nie!

Wir alle sind so viel mehr. Du. Ich. Bin ich überhaupt? Oder nur grad jetzt, wo ich denke, wo ich schreibe, wo ich sichtbar werde und den Kopf ein klein wenig und mühsam aus der Blase zähflüssiger Alltäglichkeit heraushebe?

Bin (n)ich(t) das, was du siehst. Ohne Fragezeichen. Bist du das, was ich sehe?
Bin ich, weil du mich siehst – Wirkung deines Sehens? –  und du ebenso? Solange nur.

Ist, was wirkt?
Wirkt, was ist?
Was ist?
Ist was?

Peter Stamms „Die Planung des Plans“, die ich gestern gelesen verschlungen habe, klingt nach.

Er geht durch Zürich. Seine Gedanken kreisen – es geht um die Planung des Plans, oder auch deren Unmöglichkeit. Der Plan – soviel ist sicher – ist von größter Bedeutung.
„Am Anfang war der Plan. Jahrelang habe ich an diesem Plan … nein, immer. Immer. Seit … es ist mein Plan. Ohne den Plan bin ich niemand mehr. Nichts mehr. Es geht nicht um mich. Ich habe eine Aufgabe. Es geht nur um die Aufgabe. Ohne die Aufgabe wäre ich ja … Aber es kann nicht sein. Der Plan kann nicht nicht sein. Er ist ja da. Die Frauen. Man kann sie sehen. Alles. Der Plan … er macht mich groß. Es ist ein großer Plan. Ein umfassender Plan. Uferlos. Es gibt viele Pläne, kleine Pläne, Details. Aber kein Plan ist wie dieser. Er enthält alles. Alle anderen Pläne und alles sonst. Nichts wurde vergessen. Ich habe nichts … Ich habe keine Mühe gescheut. Alles … an alles muss gedacht werden. Nicht gedacht. Man muss eins werden mit dem Plan. Sich einfühlen in alles. Eine Eigenschaft werden. Ein Plan von einer so … ein so komplexer Plan kann nur funktionieren, wenn alles eins ist, wenn alles sich bewegt wie ein Körper. Eine Bewegung. Die Einheit … der Zeitpunkt, die Personen, die Frauen, die Bewegungsabläufe. Sehr genau.“
Ein Monolog voll beißender Ironie, intelligentem Witz und böser Hintergründigkeit.

Ooops. Jetzt hab ich doch gebloggt. Dabei wollte ich doch bloß schreiben, dass ich heute nicht schreibe.

Sieben Jahre an der Aare

Eidechse sein
auf dem Stein
dem Rauschen
lauschen
Wind auf der Haut
Aaredüfte
Gummiboote
Lachen
Ruhe in mir

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Nach dem Baden auf dem Stein sitzend Peter Stamms „Sieben Jahre“ fertig lesen. Zwischendurch die heiße Haut abkühlen. Eintauchen ins grüne Nass.

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Das Wort Dreiecksgeschichte, das Moral impliziert, will mir für Alex‘ Dilemma nicht wirklich gefallen. Auch wäre es zu kurz gegriffen, wenn wir seinen Konflikt ausschließlich auf die Zerrissenheit, in der er sich in Bezug auf die zwei Frauen seines Lebens befindet, schieben würden. Das alles geht tiefer und reicht weiter zurück, doch geht es im erzählten Ausschnitt eben um seine Beziehung zu zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der einen Frau, Iwona, einer illegal eingereisten Polin, ist er zu einer Zeit verfallen, als er sich bereits mit seiner zukünftigen Ehefrau Sonja getroffen hat. Iwona liefert sich ihm von Anfang an aus. Beinahe willenlos, dennoch sehr bewusst, in hingebungsvoller, romantischer Liebe. Bei ihr lebt Alex seine Schattenseiten aus. Er fühlt sich von ihr angezogen und zugleich abgestoßen. Und es stößt ihn ab, wie er sich ihr gegenüber verhält. Obsession auf beiden Seiten. Das erwünschte Kind, das seine Frau nicht zu empfangen fähig ist, trägt nach sieben Jahren Ehe schließlich die ungeliebte Geliebte Iwona aus. Ungeplant allerdings. Iwonas Liebe zu Alex geht so weit, dass sie in seinen und Sonjas Adoptionsvorschlag einwilligt.

Ein Mensch, der liebt, hat immer schon gewonnen!, behauptet Alex. Rechtfertigung oder ein plumper Versuch, Iwona ein glückliches Leben anzudichten? Oder ist sie womöglich tatsächlich glücklicher als Alex und Sonja? Du bist, was du liebst, nicht wer dich liebt, lässt Stamm seinen Protagonisten sagen. … es ist schlimmer, nicht zu lieben, als nicht geliebt zu werden.

Nachdem Sonja und Alex die kleine Sophie adoptiert haben, verschwindet Iwona von der Bildfläche. Obwohl Sonja wunderschön ist, fragt sich Alex zuweilen, ob er sie wirklich je geliebt hat. Vielleicht schon? Um ihrer Schönheit willen? Sonja ist kühl und sachlich. Die beiden Architektur-Fachleute sind ein perfektes Team. Später die perfekte Familie. Und natürlich haben sie das perfekte Geschäft.

Antje, eine alte Freundin der beiden und Künstlerin, ist anlässlich einer Ausstellung zu Besuch in München. Sie war es damals gewesen, die die beiden verkuppelt hat. Nach der Vernissage beginnt Alex Antje seine Geschichte zu erzählen. Nach großen Krisen in der Beziehung und im Geschäft, das kurz vor dem Scheitern stand, scheint nun – nach achtzehn Jahren – doch alles wieder im Lot zu sein.

Und sie lebten glücklich und zufrieden, sagt Antje, nachdem Alex am übernächsten Tag endlich seine Geschichte zu Ende erzählt hat. Wenn es doch so einfach wäre wie bei ihr, die ihr Liebesleben sehr freimütig gestaltet! Antje hat einen jungen Liebhaber. Ich liebe ihn, wenn ich mit ihm zusammen bin. Aber ich vermisse ihn nicht, wenn er nicht da ist, sagt sie über diese Beziehung. Ich genieße es, so lange es dauert.

Die Abwesenheit von Schuldgefühlen beschäftigt Alex ebenso, wie seine Unfähigkeit, sich wirklich auf die Liebe einlassen zu können. Große Themen. Ein mutiges Buch. Peters Stamms dichte, knappe Sprache, die sich fast von selber liest, deswegen aber keineswegs simpel ist, lässt in mir Bilder entstehen, berührt, geht unter die Haut.

In „Sieben Jahre“ ist Stamm das Porträt eines Mannes gelungen, der trotz seiner Ambivalenz und trotz all seiner Schattenseiten sympathisch bleibt. Menschlich eben. Genau das mag ich an Stamms Figuren. Lesen! Oder es sich vom Autor vorlesen lassen! Hier die Daten.