Nichtreagieren, wie geht das überhaupt? Ich lese etwas und sofort reagiere ich. Immer eigentlich. Ich fühle immer, was ich lese, außer vielleicht die Beipackzettel von Kopfwehtabletten oder die Straßennamen im Telefonbuch. Aber gegen alles andere sind meine Gefühle leider nicht gefeit. Und weil es dem so ist, brauche ich vermutlich den Ausdruck. Ich brauche dazu Medien wie die Sprache oder den Körper, die meine Reaktion transformieren. Die dem Gelesenen – dem Erlebten, dem Beobachteten, dem Erlauschten, dem Angerührten – eine Gestalt, eine Form, eine Daseinsberechtigung geben. Um mich zu vergewissern, dass ich da bin vielleicht. Um mir selbst auf die Spur zu kommen. Um zu verstehen. Mich und das Gelesene.
Mag sein, dass du das langweilig findest. Es müsste mir egal sein. Eigentlich. Es müsste mir gleichgültig sein, was du über meine Ausdrücke denkst. Ich schreibe ja nicht für dich, ich schreibe für mich. Um dem vielen Zöix in mir zu entkommen.
Ich werfe es hin. Ich spucke es aus. Ich werfe es auf den Boden. Scherben manchmal. Kies. Manchmal haben die einzelnen Teilchen eine Form. Manchmal sehe ich, wenn ich auf den Boden gucke, dass ich diese Rohstoffe verwenden will. Kompostieren. Transformieren.
Warum tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass ich langweilig twittere? Wo diese Person ja nur einen winzigen Teil meiner Tweets und Texte kennt und somit sehr undifferenziert, subjekt und doch sehr absolut urteilt. Tut es mir weh, weil sie womöglich recht hat? Weil ich eine Langweilerin und weil ich unkuhl bin, weil ich nicht die Rampensau des Twitteruniversums bin, wie es ein klitzekleines Willensteilchen in mir drin vielleicht gerne wäre?
Obwohl … nein, ehrlich, das möchte ich nicht sein. Das wäre der pure Stress für mich. Ich halte mich lieber bedeckt. Werde lieber von Menschen gefollowt, die sich von meinen (zugegeben subjektiv womöglich durchaus) langweiligen Tweets angesprochen fühlen (ja, fühlen!), als von denen, die es lieber laut und schrill mögen.
Langeweile. Sie ist eins meiner Geheimnisse. Ich bin nämlich ziemlich gerne langweilig. Jedenfalls für mich. Mit mir. Ich mag es lange Weilen zwischen den schnellen Zeiten zu haben, ich mag die stillen Augenblicke. Dumm nur, dass das Wort wohl anders gemeint war. Und für die meisten von uns anders besetzt ist. Dumm nur, dass wir damit Reizlosigkeit und mangelnde Leidenschaft verbinden. Zweites kann man über mich so nicht wirklich sagen. Außer vielleicht, wenn ich die Steuererklärung ausfülle oder den Müll hinaus bringe.
Wie aber, fragst du dich (und zu recht finde ich) lassen sich nun Langeweile und Leidenschaft zusammenbringen? Frag mich nicht.
Vielleicht ist dies der Fluch der Schreibenden? Vorne die langweilige Fassade, hinter den Mauern die Leidenschaft?
Oops. Ich wollte ja was ganz anderes schreiben. Etwas über Geheimnisse nämlich. Weil die Mützenfalterin gestern darüber gebloggt hat. Weil ich darüber seither viel nachgedacht habe. Aber jetzt, wo das hier auf dem Bildschirm entstanden ist, werde ich es wohl einfach mal bloggen. Sorry, ich bin halt langweilig.
Und das hier? Nun ja, es ist ja nicht geheim das. Es ist wohl sogar etwas, das alle irgendwie kennen, dieses Ding mit der Kritik und dem Schmerz. Dass es dabei um mein verletztes Gerechtigkeitsempfinden geht, hat mir eine andere Tweetse verraten. Dass ich mich vermutlich ungerecht behandelt fühle, wenn mich jemand mit einem undifferenzierten Satz zu erfassen glaubt und dass es darum wehtut.
Uuh, das war jetzt wahrlich ein langweiliger Artikel. Wenn du es bis hierher geschafft hast, gratuliere ich dir herzlich.
Es lebe die Langeweile. Und ihre Schwester, die Muse. Mögen sie uns hin und wieder küssen, damit wir Menschen sein können, richtig lebendige Menschen. Richtig schön langweilig und leidenschaftlich.
Oh weia, nicht reagieren kann ich offenbar wirklich nicht.
Und du? 😉
