Ich lasse mich in die Polster des Zuges fallen. Des falschen Zuges. Will heißen, jetzt und hiermit der richtige. Den ersten richtigen habe ich verpasst. Die berühmte Minute. Was sage ich – die alles entscheidenden fünf Sekunden! Wo ich sie hätte sparen können? Beim Ticketautomaten bestimmt, denn ich habe dummerweise mein Ticket bei einem Automaten, der nur Plastikgeld annimmt, gelöst, was immer länger geht. Code eintippen und so. Früher zuhause losfahren hätte ich sollen, ganz einfach. Und mich unterwegs nicht aufhalten lassen. Der Typ im Lieferwagen in der Einbahnstraße, der nichts davon wissen wollte, dass jene kleine Straße, in der ich ihm entgegen fuhr, für Fahrräder zugelassen ist und der für sich die ganze Straßenbreite in Anspruch nahm, so dass ich absteigen musste – mindestens fünfzehn Sekunden hat der mich gekostet. Der hupende Postautofahrer, der mich daran erinnerte, dass ich eine Stoppstraße missachtet habe – allerdings ohne jemanden zu gefährden wohlverstanden – hat mich zwar keine Zeit, dafür ein paar Deziliter Adrenalin gekostet. Nein, ich kann niemandem die Schuld geben. Ich bin einfach zu spät losgefahren. Punkt.
Züge warten nicht. Auf der Treppe bin ich, als er losfährt. M***! Ich spüre, wie mir nach einem ruhigen kreativen Tag zuhause das Feierabendgedränge auf dem großen Bahnhof zu viel wird. Wie andere das bloß aushalten? Ein kleiner soziophobischer Schub. Zum Glück kommt der nächste Zug nach Burgdorf schon bald und zum Glück finde ich sogleich ein freies Abteil. Und zum Glück gibt’s Handys.
Endlich Ruhe im noch fast leeren Zug. Zwei Minuten später wälzen sich zehn Sechsjährige samt ihren Betreuerinnen ins Nachbarabteil. Fertig Ruhe! Wer will eine Rakete?, fragt eine der Betreuerinnen. Ich, ich, ich.
Nein, ich nicht. Ich nehme Reißaus. Natürlich liebe ich Kinder. Sehr sogar. Aber nicht jetzt. Nicht nach einem verpassten Zug. Nicht nach einem friedlichen, ruhigen Tag. Nicht, wenn es so heiß ist. Im nächsten Wagen sehe ich nur ältere Leute. Wieder lasse ich mich in die Polster fallen. Bestimmt ist es hier ruhiger. Weit gefehlt. Diese Seniorinnen und Senioren sind kaum leiser. Irgendwie gleichen sie in ihrem Rededrang den Kids von vorhin. Wie viel sie sich zu erzählen haben.
– Ah, du fährst auch noch Fahrrad!
– Fünfundsiebzig bin ich!
– Und ich fahre noch Mofa. Bin zwar neulich im Wald gestürzt.
(Was, du kannst schon Rad fahren?, hätten meine kleinen Nachbarn im ersten Abteil gefragt.)
Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werde, sagt eine alte Frau später. Andere sterben mit fünfundvierzig. Habt ihr von Vreni H. gehört? (Ooops, so alt werde ich in ein paar Tagen … *grmpf* will aber nicht sterben …) Wir haben es uns ja nicht ausgelesen, sagt eine andere Seniorin. Jeder hat halt seine Zeit.
Später, mit F. und zwei Hunden im Wald über Burgdorf, wo wir einen langen Spaziergang über die Flüh machen und nebenbei einen Cache heben, geht es mir wieder gut und auch wir haben uns viel zu erzählen. Auch ohne Raketeneislutscher und ohne Mofaunfälle.
Spät nachts muss ich offenbar unterwegs irgendwo meinen mp3-Player verloren haben. Heute jedenfalls konnte ich ihn nirgends finden. Oder war da gar ein Taschendieb am Werk, da aus meinen Jackentaschen eigentlich nicht so leicht etwas rausfallen kann? Womöglich liegt das Ding sogar irgendwo in meiner Wohnung und ich sehe es bloß nicht?
Eins ist sicher: die Seniorinnen von gestern würden über mich lachen!