Artikel lesen auf eigene Gefahr. Einfach ein paar Gedanken zum Leben …
Warum wir tun, was wir so und nicht anders tun? Drüber kann ich mir zweilen aus nichtigen Anlässen den Kopf zerbrechen. Zum Glück konnte ich ihn bisher danach wieder einigermaßen zusammensetzen.
Die Motive und Abfolgen unserer Handlungen gehen, so meine These, darauf zurück, dass wir erstens in eine bestimmte Richtung geprägt worden sind und zweitens, viel gewichtiger, weil uns diese bestimmte Art als die sicherste erscheint. Die ungefährlichste. Selbstschutz. Wir alle sind Verwundete.
Eine Fläche taucht vor meinem inneren Auge auf, eine Membran. Die Hautoberfläche zum Beispiel. Ideal und gesund wäre, so sehe ich beim Näherzoomen, wenn sie intakt und eben, will heißen waagrecht, wäre. Wenn sie keine Dellen, keine Löcher, keine Verletzungen hätte. Nichts würde in sie einsickern. Alles wäre im Lot, würde sich gleichmäßig verteilen und wir könnten ungehindert und ausgeglichen unser Leben leben. Doch niemand hat keine Löcher. Alle haben wir Dellen, wo sich das Regenwasser ablagert, liegen bleibt, zu stinken anfängt. Alle haben wir Gruben, wo sich Stacheln eingewachsen haben. Irgendwann, wenn wir lange genug nicht daran rühren, bildet sich eine Haut darum herum. Eine Dornwarze wächst. Oder ein Krebsgeschwür. Ich bin eher die Type, die das Verheilen der Wunde dadurch verhindert, dass sie immer wieder die neu entstandene Kruste abkratzt. Und damit neuerliches Bluten provoziert. Doch selbst wenn meine Haut endlich intakt wäre, wären da auch noch die anderen: meine Mitwelt. Ich kann nicht einfach nur für mich leben, nicht langfristig jedenfalls. Die Welt ist ein fragiles Biotop und nur gemeinsam können wir dazu beitragen, dass das Gleichgewicht wieder stimmt.
Könnten. Doch der Mensch selbst, sage ich oft, ist sein größter Feind. Heil und intakt wird nur jener Mensch, wer die Dellen zuwachsen lässt, nachdem er mutig alte und neue Stacheln herausgezogen, stinkende Brackseen trockengelegt und Krusten von selbst abfallen lassen hat. Selbstheilung. Vertrauen in die Natur der Dinge. Intakt werden ist möglich. Vielleicht eine Illusion, aber eine an der ich festhalten will.
Dellen, Löcher, Lecks. Was hereinkommt – Liebe, Fülle, Zuwendung –, rinnt darum auch gleich wieder weg. Kettenreaktion. Dominoeffekt. Teufelskreis. Nenn es, wie du willst. Da ist dieses ständige Defizitgefühl: zu wenig Liebe, zu wenig Zuwendung, Ermutigung, Unterstützung, Lebensfreude … Mangel da und dort.
Kaum jemanden, bei dem alles im Lot ist. Den einen mangelt es „nur“ an Lebensglück, anderen an Brot, Bett und Dach. Alle Unzufriedenheit, der Mangel an Zufriedenheit und Lebensfreude, hat letztlich irgendwie mit Selbstablehnung zu tun. Irgendetwas, das mein Leben mitbestimmt, lehne ich ab. Umstände primär, die dann als Feindbilder hinhalten müssen. Selbstverarschung. Der Feind hockt in mir drin.
Versöhnung statt all die Grabenkriege mit mir selbst.
Ist Frieden und Lebensglück ein anzustrebendes Ziel? Sicher, doch Lebensglück können wir schwerlich machen. Es ist eine unmittelbare Folge von gelingender Selbstliebe und Frieden mit und in sich selbst. Es gibt keinen Weg zum Glück. Außer wenn wir das kleine unscheinbare Tor der Selbstakzeptanz öffnen und die Räume der Selbstliebe betreten.
Tag: 5. Juni 2011
(k)ein Platz für Träume
Gartenzentren liebe ich mindestens genauso sehr wie Baumärkte. Wie StammleserInnen wissen. Und genauso wie in Baumärkten vergesse ich, eingetaucht in den Anblick von Grünpflanzen und den herben Duft von Wasser und Erde alle Zeit, jeden Raum und jegliches Maß … Jahr für Jahr packe ich Setzling um Setzling auf den Karren. Waren es in Bern vor allem Blumen für den Balkon, waren heuer Kürbisse, Zucchini und Kohlrabi vorgesehen. Doch auch Auberginen und Fenchel mussten mit, entschied ich spontan. Wo ich schon mal da war. Und Paprika. Und Gurken natürlich.
Erst am Abend, als J. heimkommt, stelle ich mir die alles entscheidende Frage: Haben wir überhaupt genug Platz für all die tollen Kerlchen aus dem Gartenzentrum? Denn jeder Gartenquadratmeter ist ja bereits mit Kartoffeln, Kohl, roten Beeten, Tomaten, Karotten, Salaten und anderen Herrlichkeiten vollgepflanzt. Ein wahres Schlaraffenland! Mit H., J.s Mutter, die mit ihrem Mann E. den Großteil der Pflanzen gesetzt hat, überlegen J. und ich gemeinsam, wo es noch freie Plätze hat. Oder ist das Boot schon voll?
Da und da, und vielleicht hier, zwischen den roten Beeten?, sagt sie.
Ich könnte ja hier roden, sage ich auf ein kleines Stück Brachland zwischen den schwarzen und roten Johannisbeeren deutend. Sie nickt.
Noch am Abend werden ein paar erste Pflanzen gesetzt. J. jätet sein hübsches Terrassenbeet von Unkraut frei und gibt einer Aubergine und einer Paprika ein neues Zuhause, während ich eine zweite Paprika setze und mich der Fenchel und Kohlrabi annehme.
Heute Nachmittag rodete ich schließlich besagtes Stück Brachland und pflanzte dort die beiden Kürbisse, eine Gurke und die Zucchini ein. Auf gutes Gedeihen!
Nein, solche Momente glitzern nicht. Alltagsszenen sind es. Kaum eines Blogartikels wert. Langweilig. Wir Menschen lieben das Außerordentliche, Exorbitante, Schillernde, Tragische, Dramatische. Keine Gartengeschichten. Keinen Alltag. Nicht mal dann, wenn sich die Autorin mit dem Gartenwerkeln Träume erfüllt …
Egal.
Denn während ich mit den bloßen Händen, da ich Erde zwischen den Fingern liebe, die freigehackten Unkrautbüschel im brachen Land ausreiße und dabei ein bisschen Rücken- und Kopfweh habe, spüre ich diese ganz spezielle Glückseligkeit, die es eigentlich nur gibt, wenn wir uns ganz und gar auf etwas, auf den Moment einlassen. Und würde mich heute jemand fragen, ob ich ein glücklicher Mensch bin, könnte ich nichts anderes als JA! sagen.
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Das Gewitter, das soeben hernieder prasselt, während ich meinen Laptop vom Netz und vom WLAN getrennt habe, hat eine Regenflut gebracht, die ich kaum fassen kann. Die Regentonne, die das Wasser vom Dach auffängt, überläuft. Ebenso die Dachtraufen. Auf dem Hof steht zentimetertief Wasser. Am besten ich streue gleich noch ein paar Schneckenkörner, damit die Kürbisse auch morgen noch leben. Auf das Träume gedeihen …