Exhibitionismus und andere Tugenden

Über Exhibitionismus hatten wir gesprochen, zwischen Nacht und Morgen irgendwann, und dass doch im Grunde jeder Mensch – mehr oder weniger – das Zeug zur Selbstdarstellung habe. Vielleicht sei es gar eine Art Überlebensnotwendigkeit.
Später waren wir nach H. gefahren, an die „größte Buchmesse der Welt“, wie sie sich ganz unbescheiden nannte. Top oder Flop?, rätselten wir auf der Fahrt.
Während einer grottenschlechten Lesung aus einem ziemlich schwach getexteten, doch von einem „richtigen“ Verlag herausgegebenen (!) Roman, konnte ich nicht umhin, mich fremdzuschämen, denn mir war die Autorin sympathisch. Immerhin war der Plot irgendwie originell. Doch mit Klischees hat die Dame – weiß Göttin – nicht gegeizt.
Ich hoffe, dass mich weder meine liebevoll kritischen FreundInnen noch mein selbstkritischer Verstand je so weit verlassen werden, dass ich auf die Idee kommen sollte, einem Verlag einen solch unausgereiften Text anzubieten.
Die Messe war in einem einzigen großen Raum untergebracht. An Tischen hatten sich ein paar vorwiegend auf Fantasy spezialisierte Kleinverlage der Region aufgebaut. Gerne würde ich jetzt berichten, welch wunderbare Bücher in Kleinverlagen erscheinen. Und keineswegs will ich hier nun kleine Verlage verunglimpfen oder gar alle in einen Topf werfen. Zudem verstehe ich von Fantasy nicht wirklich viel. Was ich aber – auch an schlechten Tagen – erkennen kann, ist, ob ein Text gut und vielleicht sogar sehr gut ist. Oder mindestens gutes Mittelmaß, was ja auch okay ist.
Ich hatte mich auf dier Suche nach einem ebensolchen Text gemacht und nahm dazu ziemlich viele Bücher in die Hand. Gut geschrieben waren einzig jene, die in den größeren oder gar großen Verlagen erschienen sind. Schon Covergestaltung und Textlayout zeigen, ob an einer Geschichte wirklich professionell gearbeitet wurde. Mit professionell meine ich keineswegs Mainstream, denn Individualität ist wunderbar. Nicht jedes Buch muss gleich aussehen, doch ein angenehm griffiges, nicht ganz glattes, eierschalenfarbenes Papier, das – allerdings nicht bis knapp an den Rand! – mit einer klassischen Serifenschrift bedruckt ist, liest sich einfach leichter, als ein zu eng, zu voll und/oder zu groß gedrucktes Buch. Wenn es dann noch vollschwarz auf hochweiß und womöglich in serifenloser Schrift daher kommt, dann großes Autsch!
Doch das Formelle soll ja letztlich nicht allein den Ausschlag geben, ob ein Buch gut ist. So bin ich dann doch nicht, nein, und darum habe ich das eine oder andere mich äußerlich nicht ansprechende Buch aufgeschlagen und ebendort zu lesen angefangen, wo ich den Finger hineingelegt hatte. Die Buchhändlerin in mir ist eben nicht auszumerzen. Schlagen mir schon im ersten zufällig ausgewählten Abschnitt zehn Adjektive, zwanzig Füllwörter, dreiundzwanzig Klischees und siebzehn Wiederholungen entgegen, schlucke ich erst einmal leer und versuche es mit einem nächsten Abschnitt. „Plötzlich ganz unvermittelt kriegte ich Gänsehaut“. Schon wieder großes Autsch. Nächstes Buch. Und so weiter.
Ja, lästere du nur Sofasophia! Bis du den Mut hast, eines deiner fast fertigen Manuskripte zu veröffentlichen …, dachte ich. Diese Autorinnen und Schriftsteller hier haben immerhin Mut!. Und wenn die sich trauen, dann könntest du es eigentlich auch. Schlechter kann es ja nicht sein, was du gesponnen hast.
Im städtischen Kunstsaal, wo Irgendlink und ich anschließend einer Führung durch die Ausstellung eines regionalen Kunstfotografen beiwohnten, hüpfte mein Kulturherz vor Freude. Ich war von der Vielfalt der Themen und auch von der Hängung begeistert. Diese zeugte von großem Verständnis und Gespür für den Inhalt der Bilder. Dennoch … die Führung war für meinen Geschmack zu lang, denn ein sich selbst erklärendes Bild muss, ebenso wie ein guter Text, nicht erklärt werden. Es und er sind sich selbst genug.
Na ja, wir sind eben alle, wie gesagt, exhibitionistisch veranlagt … Vielleicht sichern wir uns gar so das Überleben?

0 Kommentare zu „Exhibitionismus und andere Tugenden“

  1. Ei da siehstema, wie es mir in Ausstellungen manchmal geht. Ich versuche oft, Leute nett zu finden, obwohl ich mich frage, wie sie so einen Verhau gut und ausstellungswert finden können.
    Da spielt aber auch die Fähigkeit bei manchen Leuten mit, mit der Lüge leben zu können und irgendwie erziehen sie mich dann auch zur Lüge.

    1. die ausstellung war in diesem fall zum glück klasse, dafür die literatur für nix. nein, heucheln kann ich nicht. will und muss ich auch nicht … diese freiheit nehm ich mir 😉

  2. wenn ich schreibe oder meine bilder mache, dann mache ich dies nicht nur für mich, nein, ich möchte sie teilen – meine fruede ist immer wieder groß, wenn jemand meine werke berührt, sieht, was ich zeige – mir geht es dabei (nicht mehr) um lob und anerkennung, auch wenn ich beides genieße, aber manch kritisches wort ist auch willkommen – mein tiefster wunsch ist einmal von meiner kunst leben zu können, denn das bin ICH – von daher sehe ich da keinen exhibitionismus, ich ziehe mich ja nicht aus – lach – und zeige nur, was ich zeigen möchte

  3. jaja, liebe li ssi, ich habe da das wort exhibitionismus da ein wenig ins absurde und lächerliche gezogen … mit einem selbst-über-mich-lachenden augenzwinkern. 😉
    ich weiss ja, dass ich – wie du – gerne sichtbar mache, was ich kreiere. dennoch soll und darf das gezeigte auch eben eine gewisse reife haben. ich muss nicht alles von mir zeigen, sondern nur das, was ich für reif halte. und das tut der wirklich exhibitionistische mensch eben nicht. er/sie ist grenzenlos.
    doch natürlich ist es immer geschmackssache, was kunst ist. hm … so was wie ein gewisses grundniveau gibt es wohl dennoch …
    „gamuppel“ ist übrigens definitiv ein gutes beispiel, dass kleinverlage gute bücher verlegen können!!!

  4. Ich meinte, mir geht es in Ausstellungen manchmal ähnlich wie Dir beim Lesen des Geschriebenen. Womit man sich intensiv beschäfigt, ist man auch empfindlicher.

  5. genau, dann habe ich dich schon richtig verstanden 🙂
    bei mir ist es aber ja auch so, dass ich mich sowohl mit literatur als auch mit fotografie (wenn auch in anderer form) beschäftige … 😉

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