Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1

Über das deutsche Gesundheitswesen gäbe es viel zu erzählen. Besonders für die SchweizerInnen, die mein Blog besuchen, mag ein erster Blick hinter die Kulissen interessant sein. Doch ich warne alle Nichtdeutschen schon mal vor: Dieses Gebilde ist erstens gewöhnungsbedürftig und zweitens – jedenfalls am Anfang – scheinbar kompliziert und drittens funktioniert es meiner Erfahrung gemäß – hm, na ja, wie soll ich sagen? – nicht wirklich überzeugend.
Punkt 1: Die Praxisgebühr: Fängt ein neues Quartal an, ist beim ersten Besuch in einer Fachärztin-Praxis (gilt auch für Fachärzte, erwähne ich nun aber nicht mehr speziell) eine Gebühr fällig. Zehn Euro Praxisgebühr, die aber nicht den Halbgöttinnen in Weiß zu Gute kommt, sondern den Krankenkassen. Sie soll davor schützen, dass die Leute wegen Bagatellen in die Praxen rennen. Denn alle ärztlichen Behandlungen sind – GUTE NACHRICHT! – (ohne die in der Schweiz üblichen Selbstbehalte) kostenlos, will heißen, sie werden vollständig von den Kassen übernommen.
Darum die zehn Euro. Die sollen ein bisschen wehtun. Zehn Euro sind nämlich nicht einfach zwölf Franken, weil hier ja die Löhne nicht einfach einskommazweimal tiefer sind als in der Schweiz, sondern unvergleichlich tiefer. Die Mieten auch. Und die Lebensmittel sowieso. Aber das ist ein anderes Kursthema, das wir vielleicht in einer Nachfolgelektion behandeln werden. Back to the topic. Ich zücke also meine Krankenkassenkarte und zahle zehn Euro. Das kann nun bei der Orthopädin oder bei der Hausärztin sein. Egal. Beim ersten Besuch pro Quartal wird bezahlt und somit ist das hier für mich für dieses Quartal der Ort, wo ich für alle weiteren Besuche bei anderen Fachärztinnen eine Überweisung hole. Womit wir beim nächsten Punkt wären.
Punkt 2: Die Überweisung. Was Schweizerinnen, die das Hausarztmodell bevorzugen, praktizieren, ist hier in Deutschland der Normalfall. Für nicht Hausarztmodellvertraute wie mich, ist es schon ziemlich befremdlich (ich habe nicht wirklich den Sinn der Sache begriffen) dass ich, wenn ich zu einer anderen Fachärztin will – bleiben wir doch gleich bei der Orthopädin – wieder zu meiner erstbehandelnden Ärztin rennen muss, um dort einen von ihr unterschrieben Zettel zu erhalten, der mich legimitiert, zu ebendieser Orthopädin zu gehen. Puh.
Vorgestern hatte ich gleich zwei Termine nacheinander. Was nicht einfach zu bewerkstelligen ist, weil du eben nie weißt, wie lange du in den Wartezimmern verbringt. Womit wir bei den Wartezeiten wären (siehe Punkt 3) … Doch ich habe zum Glück auch den zweiten Termin pünktlich geschafft. Nachdem ich in der ersten Praxis anderthalb Stunden gewartet hatte, wartete ich in der zweiten exakt eine Stunde und wurde deshalb in der Mittagspause der Ärztin behandelt. Dass sich weder die erste noch die zweite Ärztin für meine lange Warterei entschuldigt hat, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Und dass bei der Hausärztin, die meine Schilddrüsen checkte, schon jemand oben ohne auf der Behandlungsliege lag, als ich mich hinlegen wollte, verschweige ich hier wohl besser.
Punkt 3: Die Wartezeiten: In den Praxen, die ich bisher gesehen habe, gibt es vielmehr Sitzgelegenheiten als in den Schweizer Praxen, die ich kenne. Der Grund ist einfach. Sie sind fast immer besetzt. Ich verstehe das deutsche Buchungssystem nicht. Und ich gestehe, dass ich Deutschlands Gesundheitssystem, dass auf mich mindestens so krank wirkt, wie das schweizerische, ebenfalls nicht nachvollziehen kann. Es kann doch nicht funktionieren, wenn acht Leute in eine einzige Stunde gebucht werden und die Ärztinnen im Sieben Minuten-Takt (hab ich mal aufgeschnappt), Menschen heilen oder ihnen zumindest helfen sollen.
Punkt 4: Die Behandlung: Wie gesagt, sie ist sehr kurz. Ob das mit den sieben Minuten stimmt, weiß ich nicht. In der Schweiz – bei meiner goldigen Berner Hausärztin ist es jedenfalls so – dauert eine Behandlung entweder eine Viertel- oder eine halbe Stunde. Warten tust du höchstens fünf Minuten. Sind es doch einmal zehn, entschuldigt sie sich herzlich. Und dann setzest du dich hin und redest. Dann guckt sie dich an. Schaut, was du brauchst, meine Ärztin. In der Schweiz.
Und hier? Na ja, Wie geht’s?, fragt sie schon und nett ist sie auch, aber die Antwort verdampft ungehört, denn dann geht’s ruck zuck. Und schon stehst du wieder draußen und hast all deine vorher zurecht gelegten Fragen zu stellen vergessen. Wann auch? Doch wer kann es ihr verargen? Sie hat ja gar keine Zeit!
Okay, niemand will mehr Geld für die Behandlungen zahlen, logisch. Es ist ja kaum welches da im Billiglöhneland Deutschland.
Im Vergleich: Das Schweizer System mit dem Mindest-Restselbstbehalt von zehn Prozent der Kosten pro Behandlung verfolgt im Grunde den Ansatz der Selbstverantwortung. Doch in der Schweiz liegt der Hase bei der Höhe der Prämien im Pfeffer. Diese erreichen astronomische Höhen und sind nicht einfach einskommazweimal höher als jene in Deutschland. Darum sagen sich die Leute: Wenn ich schon so viel zahlen muss, will ich auch zum Arzt, pardon, zur Ärztin! Und schon geht der Schuss nach hinten los. Nein, auch nicht wirklich viel besser. Und nein, ich habe auch keine besseren Vorschläge.
Merke:
Manches ist hier einfach anders als dort, wo du herkommst. Gib dem neuen eine Chance, vor allem wenn du keine besseren Ideen hast.

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Weiterführende Artikel:
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis

0 Kommentare zu „Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1“

  1. Gestern lag mir eine Patientenmama weinend in den Armen, weil sie wieder zurück in die Schweiz fährt. Die Behandlungen dort sind unzureichend für ihr Kind. Da habe ich gestaunt, was alles schief gehen kann!!
    Egal wie die Leistungen bezahlt werden, sind sie immer vom Menschen abhängig, der sie ausführt.
    Ich denke bald, es ist in jedem Land genügend Stoff, um Bücher zu füllen mit seltsamen Behandlungen, Praxissituationen etc.. Da ich selbst als Therapeutin tätig bin, schließe ich mich voll mit ein. 😉
    Herzliche Grüße
    ..schickt Monika

    1. ja, einverstanden! letztlich ist alles von den menschen abhängig, die sie ausführen. dass deine klientin in der schweiz keine unzureichende betreuung findet, hängt vermutlich von bestimmten kriterien ab. grundsätzlich würde ich sagen, dass es in der schweiz sicher die notwendige betreuung gibt – aber sie hat (weil sie dort fremd ist?) die richtige türe noch nicht gefunden? hach … nicht einfach, das thema!

  2. Mir geht es auch so, wenn ich länger als eine Stunde warte, verdörren meine Fragen und ich denke nur noch an Flucht. Beim Verlassen von Krankenhäuesern bekomme ich meist vor lauter Ungeduld „nur raus hier“ einen Nervenzusammenbruch. Zum Glück war das selten. 🙂

  3. 1. es stimmt, was du schreibst!
    2. es stimmt nicht, was du schreibst, denn es gibt sie, die anderen ÄrztInnen, auch in D – solche, die es schaffen gut zu planen und solche, die sich Zeit nehmen, aaaaber, die musst du finden- sie sind selten und kostbar… nud es kann passieren, weil sie eben so selten und kostbar sind, dass du nicht mehr reinkommst, dann heißt es: tut uns leid, wir können leider keine neuen PatientInnen annehmen
    3. ich habe auch keine Lösung
    4. früher war alles besser – lach

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