Vom Golfspielen und dem Leben

Da radeln wir heute bei bestem Wetter von Norrviken über Båstad landeinwärts und bergan. Heiß ist es. Im T-Shirt steigen wir Hügel um Hügel süd- und aufwärts. Ich frage mich, wie ich meine Meinung gebildet habe, Schweden sei flach. Okay, im Norden vielleicht und verglichen mit der Schweiz doch schon eher, aber – echt wahr! – die Steigungen hier sind nicht ohne. Zuweilen schiebt uns der Wind vorwärts, andernorts bremst er uns. Mal sehen wir Meer, mal weniger. Mal Wald, mal weite Felder. Alles ganz nahe beieinander, nur unterbrochen von roten Farbklecksen. Gehöfte in der Pampa.

Diese Gefühle von Weite und Wo-bin-ich-überhaupt? kenne ich seit meiner Kindheit. Mich in der Größe und Weite zugleich klein und unbedeutend und zugleich geborgen und sicher zu fühlen, ist mir vertraut. Wo immer ich bin, bin ich nicht mehr als ein kleiner Punkt im Universum. Die Welt wird um mich her mit mir zusammen klein und gegenwärtig, reduziert sich auf das, was ich hier und jetzt sehen und erfahren kann. Mein ganz persönlicher Lenbenskartenausschnitt.

Ist das Autofahren durch Schweden – eine eindrückliche Erfahrung ohne Frage! – mit einer Weitwinkelaufnahme vergleichbar, gleicht das Radfahren der Zoomeinstellung. Ich sehe radelnd mehr vom Land, bin näher dran, meine Welt wird größer – bei kleinerem Maßstab, bei kleinerem Ausschnitt. Ich nehme die Farben und Gerüche anders, intensiver wahr. Egal eigentlich wo ich – absolut gesprochen – in diesem Moment bin. Ach, und Wandern entspräche schließlich in dieser Analogie der Makrofotografie.

Eben haben wir eine Steigung erklommen und beschlossen, hier oben unsere kleine Futterpause einzuschalten. Was wir nicht wissen: die Bank, die wir im Aufstieg gesehen haben, steht inmitten eines Golfareal. Und von diesem sehen wir vorerst nur einen kleinen Ausschnitt.

Kleine Gruppen defilieren an uns vobei. Paare um die fünfzig vorwiegend. Die Männer fangen immer oben, gleich neben unserer Bank, zu spielen an, die Frauen erst bei der zweiten Abschlagstelle. Da ich von diesem Sport außer ein paar Klischees kaum etwas weiß, kommt mir dieses Prozedere beinahe mysteriös vor. Wird den Frauen hier weniger zugetraut? Oder wird ihnen gentlemanlike eine Schwierigkeit erlassen? Vielleicht hat es auch mit dem Grad des Handicaps zu tun, was – wenn ich meines Liebsten Erklärungen richtig verstanden habe – so viel bedeutet, das Golfspielende je nach Fähigkeitslevel einen bestimmten Schwierigkeitsgrad bewältigen müssen. Damit Schwächere und Stärkere zusammen spielen können.

Egal. Mein Ökoherz schlägt zuallererst immer ein wenig schräg, wenn ich inmitten schönster Wild- und Waldgebiete künstlich hochgezüchtete Rasenflächen fürs Golfen sehe. Und wenn – wie zum Beispiel in Spaniens Süden – das wenige, kostbare Wasser der Alpujarras, das eigentlich der im Gebirge lebende Bevölkerung zum Leben dient, zur Wässerung von riesigen Golfanlagen in Luxushotels abgezweigt wird. Dann. Na ja.

Wir sitzen auf einer Anhöhe. Der Wind pfeift uns kühl um die Ohren, doch wir verfolgen zunehmend fasziniert, wie die Leute ihre Bälle setzen und ihren Ritualen gemäß die Bälle abschlagen. Wo die Bälle landen, können wir kaum ausmachen. Die Gruppen kommen und gehen. Heitere Menschen grüßen uns allesamt mit freundlichen Hej, hej! und fast alle sagen noch etwas zu Wetter, Lage oder Golf. Nettes Volk hier.

Ich würde nicht mal die Kugel treffen!, sage ich, nachdem ich fast losgeprustet habe, als ein attraktiver, sportlich auftretender Mann in unserm Alter seinen Ball im angrenzenden Wald versenkt. Es ist zu hoffen, dass er kein Kaninchen getroffen hat. Er stöhnt laut auf und legt eine neue Kugel auf die Erde, die dann offenbar besser landet. Mein Lachen verkneife ich mir, ich könnte es nicht besser. An Ambitionen Golf zu spielen fehlt es mir. Ein Mangel, der zum Glück nicht weh tut. Dennoch faszinierend, den Menschen hier zuzuschauen, mit welchem Ernst sie bei der Sache sind. Wie fernsehen, sage ich. Und das tun wir wortwörtlich mit angestrengtem Blick, um die Dinger landen zu sehen. Like Television!, sagt einer der vorüberziehenden Männer grinsend.

Alles, was wir mit Hingabe und Leidenschaft tun, ist wahrer Gottesdienst, sagte einst ein weiser Mensch. Habe ich jedenfalls irgendwo einmal gelesen oder gehört. Geträumt vielleicht?

Golf spielen ist wie Leben, sage ich später zu J., als wir uns wegen eines kurzen Schauers in einem Wartehäuschen unterstellen. Oder ist Leben wie Golfspielen? Die einen haben die Begabung dazu. Sie kennen die Regeln, haben die Bewegungen verinnerlicht. Andere üben, mühen sich ab, kommen nicht weiter. Wieder andere verlieren den Ball … Diese Mischung aus Glück und Können, Windstärke und Physik und dem Zusammentreffen von Kraft auf Materie. Wie im richtigen Leben …

Schnitt.

Die einzelnen Blogsequenzen eines Livereiseblogs sind für sich gesehen quasi wertlose Schnipsel. Erst zusammengehängt vermögen sie eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Jeder Ausschnitt ist quasi nur der isolierte Blick aus einem einzelnen Fenster eines Hauses. Ich bekomme damit kein umfassendes Bild meiner Umgebung. Erst zusammen mit den andern Aussichten aus dem gleichen Haus wird das Bild der Umgebung unfassend und vollständig. Doch selbst dann ist die sogenannte Vollständigkeit eine Illusion.

verfasst am Freitag, 29. Juli

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