Örkelljunga

Hier waren wir schon mal!, sagt Irgendlink. Da vorne kommt rechts eine Kirche, links ein Parkplatz.
Wir haben nach Meerbad, Dusche und Frühstück das Zelt abgebaut und Norrkiven und seine Küste verlassen. Südlich der Hallandsås, dem Gebirgszug, den wir vor Tagen beradelt haben, besuchten wir eine Dauerausstellung, die den jahrzehntelangen Eisenbahntunnelbau durch besagtes Gebirge illustriert. Spannend.
Später, nach einem Picknick in einem Friedhofpavillon, der geradezu zum Faulenzen drängt, beschließen wir, uns einen nicht allzu weit entfernten Zeltplatz mit Seeanschluss zu suchen. Fahrrichtung südsüdöstlich, so dass wir ab übermorgen den Rückweg ohne Stress in zwei Etappen anpacken können.
Auf dem Weg nach Örkelljunga schließlich J.s Déjà-vu.
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Die Kirche steht da, wo er gesagt hat und an die Landschaft erinnere ich mich möglicherweise, doch diese ist austauschbar. Felder, Wälder, Straßen. Hier, auf dieser Route, sind wir letztes Jahr nordwärts gefahren, immerhin das weiß ich noch. Die Route habe ich noch ungefähr im Kopf. Aber diese Kirche? Nein, sorry, keine Erinnerung. Auf dem iPhone finden wir Bilder von der nahen Umgebung und ans Baden und Geocachen ernnere ich mich sogar noch detailliert, doch die Kirche? Hm. Okay, auch sie ist austauschbar. Weißer, schlichter Bau, großer Friedhof.
Bin ich übersättigt, reizüberflutet? Oder war ich es letztes Jahr? Jetzt eher nicht. Ich fühle mich sogar seit ein paar Tagen so ausgewogen wie schon lange nicht mehr. Die Sonne tut das ihre. Die Natur, das Meer, die Einfachheit des Alltags mit seinen Eckpfeilern wie Frühstück, Abendessenkochen und Abwaschen sowie den täglichen Abwechslungen lassen den Alltag zuhause zuweilen vergessen. Die neuen Eindrücke und Erfahrungen legen sich quasi in die vorhandenen Regale und Schubladen.
Doch da sind auch Träume – so viele, wie schon lange nicht mehr, da der Unterwegs-im-Zelt-Schlaf leicht ist. Träume, die von mir Antworten fordern: Wohin bin ich unterwegs und wie? Welche Arbeit passt wirklich zu mir?
Ich sehe mich schreibend. Dennoch ist da zuweilen die Angst, dass mir eines Tages der Stoff ausgehen könnte. Wohl eine unbegründete Angst. Ich hatte sie auch vor dieser Reise. Wie wird dich das Livebloggen dieses Jahr anfühlen? Als schlechter Abklatsch von letztem Jahr, als Wiederholung – die Reise ebenso wie das Bloggen? Unbegründete Angst. Das Leben ist alt-neu-immer-wieder-anders. So kann sich eine Reise nicht wiederholen, selbst wenn wir die gleiche Strecke (Polarkreis – zurück) wiederholt hätten. Das Leben ist immer wieder anders. Nicht mal das heutige Meerbad war gleich wie das gestrige. Selbst ähnliche oder gleiche Erkenntnisse unterscheiden sich je nachdem, in welcher Verfassung sie uns antreffen. Oder in welcher Schublade sie heute liegen.
Und wir? Wir liegen heute – für ein bis zwei Nächte – in Örkelljungas Campinggefilden: direkt am Hjälmsjön, der über zwanzig Grad warm ist. Nebenan, im Minizelt, wohnen ein geselliger Däne und seine zwölfjährigen Tochter, die eine Woche lang Schonen per Rad bereisen.
Ein schöner Platz, günstig, mit WiFi sogar. Das Passwort – ohne Zeitlimit – haben wir für zwanzig Kronen gekauft. Dennoch mach ich jetzt Schluss für heute 🙂
Morgen womöglich noch mehr Gedanken, warum wir vertraute und bekannte Orte brauchen, und Wiederholungen.

Miniuniversen

Große Welt im Kleinformat. Auf dem Camping Norrviken wird ebenso geliebt und gestritten wie zuhause.
Neben uns ein junges Paar im Wohnwagen. Zu jung, als dass es deren eigener Wohnwagen sein könnte. Das Auto vielleicht, der Wohnwagen nicht. Ob er ihren Eltern oder seinen gehört, ist egal. Sie sind hier zuhause. Fernseher im Vorbauwohnzimmer. Comedyshow gestern Abend. Dazwischen Gelächter und Gekicher bei den Pointen, die auf Schwedisch so vorhersehbar klingen wie auf Deutsch.
Auf der andern Straßenseite jenes ältere Paar mit dem Großbildschirm, dessen Bilder wir durch die transparente Seitenwand des Vorzeltes sehen können, wenn wir im Zelt liegen.
Daneben neue Zeltcamper. Gestern angereist, nachdem die junge Familie mit den zwei süßen, kleinen, blonden Mädchen, die um halb sieben mit ihrem Geplapper den ganzen Campingplatz geweckt haben, der ansonsten friedlich bis halb neun im Schlummer liegt, um halb acht das für eine Nacht aufgebaute Zelt schon wieder abbauen und losfahren. Die neuen sehen nach Hierbleiben aus. Gut. Dürfen sie von mir aus. Die machen keinen Lärm.
Schräg vis-à-vis wird zuweilen gezankt. Gestern Vormittag ziemlich lautstark.
Ist sie die Böse oder er?, unke ich beim Frühstück. Klassisches älteres Paar. Vor dem Wohnwagen mit Vorzelt ein Sichtschutz-Gartenzaun, der leider nicht vor Gezänkelärm schützt. Gestern Abend, wie wir friedlich an unserm Holztisch Gemüse schippeln, streiten sie schon wieder. Ich stehe und sehe ihn am Tisch sitzen. Mit Zeitung. Sie wuselt rum. Er motzt sie an. Sie kontert. Es klingt bei ihm wie Warum-hast-du-schon-wieder? und bei ihr nach Nun-fang-nicht-wieder-von-vorne-an!
Wie konnte es mit uns beiden bloß so weit kommen?
, fragen sie sich nachts im Bett. Falls sie mit solcherlei Fragen nicht längst schon aufgehört haben.
Und hier wir. Grünes, zehnjähriges Igluzelt mit Vorzeltchen. Mittelklasseauto mit deutschem Kennzeichen. Zwei Menschen Mitte vierzig, die ihr Essen auf den Kochern am Boden zubereiten.
Sie leben im Schmutz!, wie Irgendlink uns zu beschreiben beliebt. Uns und andere ZeltcamperInnen. Campende zweiter Klasse, die sich weder Wohnwagen noch Wohnmobil leisten können. Sieben Zelte stehen heute auf dem ganzen Zeltplatz.
Jeder und jede braucht jemanden, auf den oder die sie oder er runter schauen kann!, sage ich gestern auf dem Rückweg, nachdem wir radelnd den ausschließlich FußgängerInnen vorbehaltenen Båstader Park durchquert und dabei schräg beäugt worden sind. Nur wir haben leider niemanden zu belächeln oder zu kritisieren. Oder wie wärs mit jenen, die mit ihren schnittigen Elektrorädern über den Zeltplatz düsen? Nö, die beneide ich höchstens. Hmmm.
Schnitt
Alles Gute zum Geburtstag, liebe Schweiz. Erster August schon wieder. Und mal wieder ohne mich. Feuer. Feuerwerke. Ansprachen. Siebenhundertzwanzig Jahre alte EidgenossInnenschaft. Proscht Nägeli und alles Gute, dir morgenrotes, angeschwärztes Heimatland meins.
Schnitt.
Die Sonne scheint mir auf Rücken und Nacken. Vor mir in hundert Metern Luftlinie das Meer. Da wollen wir hin. Gleich. Baden. Nachher ein Ausflug auf die Katzensch…insel im Westen der Landzunge. Vielleicht. Oder was anderes. Und noch eine fünfte Nacht hierbleiben. Es wird mit jedem Tag schwieriger, einen guten, gut eingelaufenen Platz gegen einen neuen, unbekannten einzutauschen.
Schnitt.
Das Meerbad war königlich. Achtzehn Grad ungefähr. Doch erstmal drin war es einfach nur wohltuend.
Mit Blick auf ein paar weidende Kühe – neben mir ein Leuchtturm, Fyren genannt – schreibe ich diese Zeilen. Die winzige Insel, außerhalb Torekovs, ist gar nicht so klein wie gedacht. Zwei bis drei Kilometer misst sie schon und die vielen Leute haben sich gut auf ihr verteilt. Die einen wandern, andere baden, dritte bloggen. Mein Liebster tigert mit der Nikon und dem iPhone herum und findet wunderbare Bilder.