Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 6: gesund oder krank? Teil 2

Es ist höchste Zeit, meine Integrationsarbeit fortzusetzen, denn die Integration der nach Deutschland ausgewanderten Schweizerin – ihres Zeichen Autorin dieses Blogs – ist noch längst nicht vollendet ist.
Heute behandeln wir zum zweiten Mal das Thema „gesund und krank“ und wenden uns dem Schwerpunkt Krankschreibung zu. Was macht eine Arbeitsnehmerin, die in Deutschland erkrankt? Halt, ich frage besser andersrum, denn hier soll es ja auch – ein bisschen zumindest – um Völkerverständnis und –verständigung gehen: Was macht eine Schweizer Arbeitsnehmerin, die krank ist?
Fall a.) Ist sie so krank, dass absehbar ist, dass sie sich länger als drei Tage nicht am Arbeitsplatz zeigen kann, geht sie baldmöglichst zu ihrer Ärztin und lässt sich behandeln. Die Ärztin rät ihr nach reiflicher Untersuchung der Arbeitsstelle so und so lange fernzubleiben und sich bestmöglich zu erholen. Vielleicht verschreibt sie ihr zusätzlich das eine oder andere Medikament. Mit einem seriösen, selbst verfassten Zeugnis bescheinigt sie, dass die Patientin von dann bis dann krank ist und nicht arbeiten kann.
Fall b.) Ist die Patientin schlicht und einfach erkältet und es ist absehbar, dass sie am vierten Tag wieder arbeiten gehen kann, bleibt sie zuhause und pflegt sich gesund. Drei Tage ohne Zeugnis, während denen sie ihre Scheffin über den Heilungsprozess telefonisch auf dem Laufenden hält.
Deutsche reagieren, wenn ich das erzähle, empört. Da kann ja jeder einfach mal drei Tage krank feiern!, sagen sie. Hat was, jedenfalls ohne nähere Kenntnisse der Schweizer Gepflogenheiten. Ihr müsst wissen, dass ein Arztbesuch in der Schweiz kostet. Mindestens zehn Prozent zahlt die Patientin selbst, neunzig Prozent übernimmt die Krankenkasse – je nach Vertrag auch weniger oder (bis eine vorher definierte Höhe erreicht ist) auch gar nichts. Darum rennen Schweizerinnen nicht wegen jedem Schnupfen zur Ärztin. Positiv daran: die Ärztinnen haben so den Rücken frei für jene Patientinnen, die mehr als nur erkältet sind. Mit der Drei-Tage-krank-sein-ohne-Zeugnis-Regelung werden aber auch die Kassen geschont und die Patientinnen zu Eigenverantwortung erzogen. Diese wird – jedenfalls in meinen vertrauten Arbeitsumgebungen – ernst genommen und in der Regel gehen die Arbeitsnehmerinnen am zweiten oder dritten Tag wieder arbeiten. Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Da kann ja jeder schnell mal eine Woche krank feiern!, sage ich zu meinen Liebsten, nachdem er mir erklärt hat, wie es in Deutschland läuft. Du gehst zwar bereits am ersten Tag (oder wie ich letzten Donnerstag am dritten, da ich die Regel nicht kannte) zur Ärztin, doch die Untersuchung – in meinem Fall dauerte diese ganze zwei Minuten (nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit) – war so rudimentär, dass meine Ärztin nicht mal gemerkt hätte, wenn ich an Pest erkrankt wäre. Immerhin hat sie das von mir für die Arbeitsgeberin notwendige Vordruckformular – allerdings noch im Leerzustand – unterschrieben (wie lange soll ich Sie denn krankschreiben?) während sie der Praxisassistentin am PC etwas von viralem Infekt und die auszufüllenden Daten mitteilte.
Mit dem auf dem PC ausgefüllten Vordruck in der Tasche verlasse ich irritiert die Praxis. Ich fühle mich wie ein Stück Fleisch, am Fließband untersucht und für krank befunden. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung heißt das Stück Papier, das ich erhalten habe. Na ja, irgendwie muss es ja heißen. Irritiert bin ich weniger vom Namen als vom Verfahren, das nicht wirklich vertrauenswürdig zu sein scheint, und ich bereue ein klein bisschen, dass ich mich nicht gleich eine Woche länger habe arbeitsunfähig  bescheinigen lassen. Aber nur ein bisschen. Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Kann ich einer Ärztin trauen, die tut, was ich will? Kann eine Arbeitsgeberin, die ja weiß, wie das bei den Weißkitteln läuft, überhaupt a.)  ihren Arbeitsnehmerinnen und b.) den Ärztinnen trauen? Kann ich … na ja. Irgendwie muss es ja funktionieren … Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Merke: Und die Erde dreht sich doch. Ob aus Pflichtbewusstsein oder nicht hat sie mir jedoch nicht verraten.
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Anmerkung: Mit der weiblichen Form sind selbstverständlich auch alle Männer mit gemeint. Der Einfachheit halber habe ich ausschließlich die weibliche Form verwendet.
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