… auch Heimweh? Manchmal?

Auch Heimweh, manchmal, ja. Manchmal würde ich mich gerne einfach auf mein Rad Velo schwingen und kurz mal zu C. in die Länggasse fahren. Dort eine Tasse Tee trinken oder zwei und braaschte, gugele u lafere wie mir der Schnabel gewachsen ist. Oder zu K. nach B. und dort im Garten abhängen, zu M. nach W., zu B. nach B., zu A. nach B., zu, zu, zu … Oder zu L. nach R. – zwar nicht grad um die Ecke, aber keine Stunde Fahrt mit meinem Sternchen. Die Herzlichkeit, Unmittelbarkeit und Vertrautheit im Umgang mit meinen Freundinnen fehlt mir hier schon. Gestern, im Wartezimmer meiner neuen Ärztin, kam ich nicht umhin, Vergleiche im Umgang der Menschen miteinander zu ziehen. SchweizerInnen und Schweizer dort, Deutsche hier. Nein. Nicht wertend, denn du kannst ja auch nicht Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. Außerdem sehe ich ja immer nur einen Ausschnitt. Meine subjektive Perspektive. Bin ich einfach eine Mimose oder sind die Deutschen im Umgang miteinander wirklich derber und direkter als wir Schweizerinnen?, frage ich mich aber dennoch hin und wieder. In meiner aktuellen Dünnhäutigkeit überfordert mich zuweilen so ein Ausflug in die Welt beinahe.
Menschen, die ein bisschen so ticken, spinnen, grübeln, philosophieren, die Welt so wahrnehmen, lachen, denken und leben wie ich, die gibt es bestimmt auch hier, sage ich mir oft. Nur muss ich sie eben noch finden. Oder mich finden lassen. Ab August gehe ich – ein bisschen auch mit diesem Hintergedanken – ins Rückenyoga. Nach Barfußtanzen-Events, Trancedance und Schwitzhütten habe im Internet vergeblich gesucht. Auch Frauenrituale oder schamanische Trommelgruppen gibt es hier offenbar nicht. Ich könnte ja selbst Kurse anbieten, wie damals in Z., vor dreizehn Jahren, überlege ich zuweilen, doch bedeutet das fehlende Angebot nicht auch, dass kein Interesse vorhanden ist?
Schnitt.
Anhora hat gestern über die neuen Zeitzonen nachgedacht, in denen sie sich aktuell als Stellenlose bewegt. Die Parallelen zu mir sind unübersehbar. Diese Zeit, in der sie und ich leben und die nicht Urlaub, aber auch nicht bezahlte Arbeitszeit ist, wirbt verzweifelt um Anerkennung und Daseinsberechtigung, die wir ihr, Kinder der Leistungsgesellschaft, nur schwer geben können. Ob wir nun (wie ich) vom Ersparten leben oder von Arbeitslosenbeiträgen, macht im Endeffekt kaum einen Unterschied. Es ist im Kopf, das Problem. Wir werten Nichtstun ab, dabei ist es der Puffer. Die Zeit zwischen den Dingen. Die Lücken zwischen den Wörtern. Die Pause zwischen zwei Buchstaben. Die Leere zwischen den Zeilen. Sie ist die Essenz, die das Leben erträglich macht.
Auf dem Tisch steht eine große gläserne Vase. Daneben steht eine Schale mit Sand und da liegen auch kleine und große Steine. Sie alle sollen in die Vase. Fängst du mit dem Sand an, wird nicht alles Platz finden. Fängst du mit den kleinen Steinen an, auch nicht. Die großen Steine stehen für jene Dinge, die dir sehr wichtig sind* und sollen darum zuallererst in die Vase geschichtet werden. Einer vielleicht für eine Stunde Yoga pro Tag. Oder für einen langen Spaziergang. Oder für eine Stunde Lesen oder Nichtstun … Die kleinen Steine sind die Dinge, die auch wichtig sind, damit du dich im Leben wohlfühlst. Ordnung vielleicht, Sauberkeit, ein voller Kühlschrank, ein Dach über dem Kopf, dein Laptop … Doch der Sand ist es, der alles zusammenhält, der die Lücken schließt. Er ist es, der alles verbindet. Da ein Lächeln, dort ein Anruf, eine Begegnung, ein Musikstück. Der Sand ist es auch, den wir gleich wieder vergessen. Wenn wir zurückschauen auf unsere Leben, eines Tages, werden wir die Sandkörner zwar nicht erwähnen und uns nicht an die einzelnen Bröselchen erinnern, doch sie werden es sein, die darüber entscheiden, ob wir sagen können: Gut gemacht!
So ein Sandkorn ist dies hier, ein scharlachrotes … Eines, das übrigens ziemlich gut gegen Heimweh hilft. Im Hintergrund könnt ihr mich sogar mitsingen hören … 😉
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=bnDFseiDE-4&feature=related]

Büne Huber erzählt „Geschichten von Menschen für Menschen, die auch in komischen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben, dass ein Leben vor dem Tode möglich sein kann.“

Zitat: Büne Huber. Quelle: hier klicken

>>>>> Nie! NIE! Niiieee!
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*Klassischerweise stehen in obiger Parabel, die ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe, die großen Steine für die Arbeit, für das Sichern des Einkommens … Ich habe sie hier aber ungefragt an meine Bedürfnisse angepasst. 🙂

Keine Ahnung

Wir können nicht kein Befinden haben, doch sehr wohl keine Meinung. Deshalb ist es immer noch besser und mutiger, zu seiner Feigheit zu stehen, keine Meinung zu haben, als zwar eine Meinung zu vertreten, diese aber in der Realität nicht zu leben.
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Ich muss wohl ein Schlagwort namens kluggeschissen einführen, hm, bloß …, da hab ich leider keine Meinung dazu. Und du? Wie fändest du das?

Exhibitionismus und andere Tugenden

Über Exhibitionismus hatten wir gesprochen, zwischen Nacht und Morgen irgendwann, und dass doch im Grunde jeder Mensch – mehr oder weniger – das Zeug zur Selbstdarstellung habe. Vielleicht sei es gar eine Art Überlebensnotwendigkeit.
Später waren wir nach H. gefahren, an die „größte Buchmesse der Welt“, wie sie sich ganz unbescheiden nannte. Top oder Flop?, rätselten wir auf der Fahrt.
Während einer grottenschlechten Lesung aus einem ziemlich schwach getexteten, doch von einem „richtigen“ Verlag herausgegebenen (!) Roman, konnte ich nicht umhin, mich fremdzuschämen, denn mir war die Autorin sympathisch. Immerhin war der Plot irgendwie originell. Doch mit Klischees hat die Dame – weiß Göttin – nicht gegeizt.
Ich hoffe, dass mich weder meine liebevoll kritischen FreundInnen noch mein selbstkritischer Verstand je so weit verlassen werden, dass ich auf die Idee kommen sollte, einem Verlag einen solch unausgereiften Text anzubieten.
Die Messe war in einem einzigen großen Raum untergebracht. An Tischen hatten sich ein paar vorwiegend auf Fantasy spezialisierte Kleinverlage der Region aufgebaut. Gerne würde ich jetzt berichten, welch wunderbare Bücher in Kleinverlagen erscheinen. Und keineswegs will ich hier nun kleine Verlage verunglimpfen oder gar alle in einen Topf werfen. Zudem verstehe ich von Fantasy nicht wirklich viel. Was ich aber – auch an schlechten Tagen – erkennen kann, ist, ob ein Text gut und vielleicht sogar sehr gut ist. Oder mindestens gutes Mittelmaß, was ja auch okay ist.
Ich hatte mich auf dier Suche nach einem ebensolchen Text gemacht und nahm dazu ziemlich viele Bücher in die Hand. Gut geschrieben waren einzig jene, die in den größeren oder gar großen Verlagen erschienen sind. Schon Covergestaltung und Textlayout zeigen, ob an einer Geschichte wirklich professionell gearbeitet wurde. Mit professionell meine ich keineswegs Mainstream, denn Individualität ist wunderbar. Nicht jedes Buch muss gleich aussehen, doch ein angenehm griffiges, nicht ganz glattes, eierschalenfarbenes Papier, das – allerdings nicht bis knapp an den Rand! – mit einer klassischen Serifenschrift bedruckt ist, liest sich einfach leichter, als ein zu eng, zu voll und/oder zu groß gedrucktes Buch. Wenn es dann noch vollschwarz auf hochweiß und womöglich in serifenloser Schrift daher kommt, dann großes Autsch!
Doch das Formelle soll ja letztlich nicht allein den Ausschlag geben, ob ein Buch gut ist. So bin ich dann doch nicht, nein, und darum habe ich das eine oder andere mich äußerlich nicht ansprechende Buch aufgeschlagen und ebendort zu lesen angefangen, wo ich den Finger hineingelegt hatte. Die Buchhändlerin in mir ist eben nicht auszumerzen. Schlagen mir schon im ersten zufällig ausgewählten Abschnitt zehn Adjektive, zwanzig Füllwörter, dreiundzwanzig Klischees und siebzehn Wiederholungen entgegen, schlucke ich erst einmal leer und versuche es mit einem nächsten Abschnitt. „Plötzlich ganz unvermittelt kriegte ich Gänsehaut“. Schon wieder großes Autsch. Nächstes Buch. Und so weiter.
Ja, lästere du nur Sofasophia! Bis du den Mut hast, eines deiner fast fertigen Manuskripte zu veröffentlichen …, dachte ich. Diese Autorinnen und Schriftsteller hier haben immerhin Mut!. Und wenn die sich trauen, dann könntest du es eigentlich auch. Schlechter kann es ja nicht sein, was du gesponnen hast.
Im städtischen Kunstsaal, wo Irgendlink und ich anschließend einer Führung durch die Ausstellung eines regionalen Kunstfotografen beiwohnten, hüpfte mein Kulturherz vor Freude. Ich war von der Vielfalt der Themen und auch von der Hängung begeistert. Diese zeugte von großem Verständnis und Gespür für den Inhalt der Bilder. Dennoch … die Führung war für meinen Geschmack zu lang, denn ein sich selbst erklärendes Bild muss, ebenso wie ein guter Text, nicht erklärt werden. Es und er sind sich selbst genug.
Na ja, wir sind eben alle, wie gesagt, exhibitionistisch veranlagt … Vielleicht sichern wir uns gar so das Überleben?

suchen und finden

Auf der Suche nach einem Dokument, das für meine Zukunft wichtig ist, habe ich mich heute durch meine Archivkisten gewühlt. Im Keller stehend Kisten umschichten – das hatte ich doch eben erst? Déjà-vu: Vor knapp drei Monaten waren schichten und sichten meine Nebenjobs.
Jetzt aber stellte ich fest, dass ich bereits zu vergessen begann. Wie das war mit dem Umzug zum einen und zum anderen, wo und mit was zusammen ich dies und jenes eingepackt hatte. Die Beschriftungen auf den Archivkartons waren so allgemein, dass ich nicht umhin kam, alle Kellerkisten aufzumachen und mir einen handfesten Überblick zu verschaffen. Die eine oder andere Kiste nahm ich gar mit nach oben. Siehe da: endlich finde ich die Plastiktüte mit meinen Mützen und Schals, die ich vermisst habe. Mittendrin meine Lieblingsjeansmütze. Jiippie!
Und was sehe ich da? Meine Kinder- und Jugendbuchsammlung! Ja, als Buchhändlerin darf ich schließlich Bücherfetischistin sein. Und was ist das denn für eine Stange da zwischen den Brettern? Die kommt mir irgendwie bekannt vor! Jaaa … Sie passt! Sie passt perfekt in meinen Kleiderschrank.
Weil meine Vermieterin eine Einbauschublade zum Eigengebrauch eingefordert hat – ihr gutes Recht – muss ich mein Einbaubüchergestell mit einem neuen Tablar ausstatten und baue es mit Irgendlinks Hilfe kurzerhand um. Puh … So bin ich den ganzen Nachmittag mit Materie verschieben, mit umschichten und neuordnen beschäftigt, als mir auf einmal einfällt, wo das gesuchte Dokument sein muss.
Genau, hier ist es ja, direkt unter meiner Nase quasi! Wie gut, dass es mir erst jetzt eingefallen ist … 🙂

Von Landkarten und anderen Berufungen

Innere Landkarte wächst
J. hat ein unglaubliches geografisches Talent, das sich nicht nur darin erschöpft, sich – wo immer er auch ist – eine Umgebung, ein Waldstück, eine Stadt, zu verinnerlichen, nein, er kann sie auch sehr detailgetreu in Worte fassen. Will heißen, wenn er mir einen Weg beschreibt, kann ich mich darauf verlassen, dass da, wo er sagt, tatsächlich eine Ampel steht oder da, wo er sagt, auch wirklich ein Wegweiser nach Xy zeigt. Ein lebendes GPS. In der Regel guck ich mir lieber Karten an als jemandem bei einer ungenauen Beschreibung zuhören zu müssen, die ich mir a.) meistens eh nicht merken kann und b.) oft bei entscheidenden Details nicht passt. Auf J. aber ist Verlass. Und das Gute ist, dass er beim Erklären auch die mir bereits vertrauten Wegmarken geschickt einbaut.
Weißt du, da, wo du neulich (…), da fährst du die erste Straße links ab …, sagt er und ermöglicht mir so, meine noch lückenhafte innere Karte zu ergänzen. Ich stelle mir zuweilen vor, dass jeder Weg, den ich je gegangen bin, eine Art unsichtbare Spur auf der Welt hinterlassen hat. Sichtbar eben nur für mein inneres Navigationssystem. Mein roter Faden. Könnte ich alle meine Spuren sehen, wäre auf der Erde von A. nach B. ein feiner Faden, von B. nach C. ein dickerer, von C. nach D. sogar ein dickes Seil … Je öfter ich also einen Weg gehe, desto fester wird das Gewebe zwischen zwei Punkten. Die Gegend um Z., wo ich seit zweieinhalb Monaten lebe, besteht noch immer aus sehr vielen unerforschten oder zumindest erst teilerforschten Gebieten. Jedes unbekannte Stück, das ich mir vertraut(er) mache, wird ganz allmählich und möglichst lückenlos an das bekannte angewoben.
Wie im richtigen Leben 🙂
***
Generalin geht in Rente
Heute hatte ich in H. mein Anstellungsgespräch. Ein bisschen gebammelt hatte es mir schon davor, hatte ich mir doch vorgenommen, meiner zukünftigen Scheffin mein großes Unbehagen zu schildern, das ich beim Schnuppern in der Gruppe der Frau Generalin – StammleserInnen wissen – empfunden habe. Das Gespräch verlief sehr erfreulich und mir gelang es, meine Eindrücke relativ objektiv und ohne anklagenden Ton zu formulieren. Frau K. hat es mir allerdings auch leicht gemacht.
Im Gespräch erfuhr ich, sehr erstaunt, dass die Frau Generalin mich als von ihr gewünschte Mitarbeiterin vorgeschlagen hatte. Als Mitarbeiterin? Falsch. Als mögliche Nachfolgerin! Und jetzt kommt’s: Sie geht nämlich in Rente, juhu! Warum – um Himmels Willen – sie mir das nicht gesagt hat, kann ich nicht verstehen. Sie hätte eben beschlossen, ihre Kündigung den Kindern so spät wie möglich zu sagen, sagte Frau K. heute, und falls sie es mir erzählt hätte, hätten es die Kinder womöglich mitbekommen.
Na ja … Ich bin einfach froh, dass die Kinder ab Sommer (zwar nicht mich, aber gewiss) eine andere, jüngere und – ich wage zu sagen – bessere pädagogische Gruppenleiterin haben werden. Ich habe mich schlussendlich auf die zweite der beiden mir vorgeschlagen erhaltenen Stellen konzentriert und ebendiese auch zugesagt bekommen. Am achten August geht’s los. Meine freien Tage sind definitiv gezählt.
***
In letzter Minute: Waschmaschine folgt ihrer Berufung
Nachdem Irgendlink und ich heute Vormittag alle Schläuche und Kabel in die richtigen Löcher gesteckt und geschraubt hatten, durfte Whirly ihre erste Runde drehen. Wo(h)ll(fühl)programm. Netto.  Ohne Wolle. Hinterher kam auch schon der Stresstest mit Stinkeocken, Unterhosen, T-Shirts und Frottiertüchern.
Erfreulicherweise hat sie den Test mit Bravour bestanden!

Ich blogge (nicht), also bin ich …

Gießen oder nicht gießen?, habe ich mich neulich hier gefragt. Heute heißt die Frage anders …
Wie wir beim Abendessen saßen, meinte ich nämlich zu Irgendlink:
Ich kann zurzeit einfach nicht bloggen. Glücklich zu sein, überhaupt einfach zu sein und unspektakulär vor sich hin zu leben, hat Null Unterhaltungswert. Womit wir schon mitten ihm Thema Larmoyanz-Bloggen waren.
Doch nur schreiben, wenn es mir Sch… geht, ist ja auch nicht das Wahre, sagte ich.
Dramen hatte ich für ein Leben genug. Jetzt darf ich einfach genießen. Sage ich mir oft. Was nicht immer leicht fällt. Genießen können ist eine Kunst. Kunst kommt von Können und dies will gelernt sein. Das Handwerk und sein Werkzeug dazu sind nicht einfach vorhanden. In unserer Überlebenskiste, die wir bei der Geburt mitbekommen, wird uns allen die Anleitung – ich stelle sie mir als Samenpackung vor – vermutlich mitgeliefert, doch ob wir sie auch lesen (und aussäen), hängt von mancherlei Umständen ab. Manchmal frage ich mich, wieso wir dagegen alle so gut jammern können. Dieser wunde Schrei nach Aufmerksamkeit. Schaut her, ich Arme, ich Armer. Auch geben wir uns gerne mit Jammern ein pseudointellektuelles Aussehen, denn wer jammert, kann ja nicht oberflächlich sein. Er denkt nach. Oder sie. Findet ein Haar an der Schuppe.
Und die Suppe ist zu kalt.
Zu salzig.
Zu …
Wer aber, wie ich zurzeit, einfach ein ruhiges, friedliches und – zugegeben – auch ein wenig von den schlimmen Nachrichten der Welt abgeschottetes Leben führt – hat da jemand langweilig gesagt? –, findet wenig Grund zum Jammern. Außerdem bin ich gerne allein, mit mir oder zu zweit, und befürchte zuweilen, dass ich nach diesem befristeten Time-Out zu Arbeitsbeginn neu sozialisiert werden muss.
Alles gut, aber schlicht nichts zu erzählen …
Halt, halt, da fällt mir ja doch was (halbwegs) erzählenswertes ein: Morgen wird unsere Waschmaschine geliefert! Das erste Mal im Leben, dass ich eine Waschmaschine mitbesitze. Das ist doch auch mal was! 🙂

Fragen über Fragen

Gießen oder nicht gießen? Da war dieses kurze Gespräch gestern, mit dem Nachbarbauern, der an seinen Feldern entlang fuhr, um den Schaden zu ermessen. Nein, selbst wenn er eine Gießanlage hätte, würde er nicht großflächig gießen. Die Natur sei eben mal so, mal so. Was mich zur Frage brachte, später, auf dem Rückweg von unserem Spaziergang, wo denn die goldene Mitte liegt. Und wie individuell eine Antwort ist  und überhaupt:
Was sollen-können-dürfen wir beeinflussen? Was sollen-können-dürfen wir einfach den Gewalten der Natur überlassen?
Gibt es etwas anderes als Zufall? Nein, an den Rauschebart-Liebgott glaube ich längst nicht mehr. Gretchenfrage mal wieder. Etwas gibt es da, das ahne ich. Nicht da oben, da außen, sondern mitten in uns allen drin, etwas, das alles zusammenhält. Ein Plan. Ein Konzept. Ob im Detail bestimmend oder nicht, weiß ich nicht. Vermutlich ähnlich planvoll wie das Konzept einer Tulpenzwiebel oder der Rehe. Und schon sehen wir, wie alles zusammenhängt – natürliche Feinde und so. Gestörtes Gleichgewicht … Ökologie …
Hätten wir unseren Tomaten kein Wasser gegeben, wären sie längst verdorrt und wir müssten uns das ganze Jahr welche kaufen. Was die Wirtschaft ankurbelt und die Monokultur-Mentalität in Spanien und Holland fördert. Vom kleinen zum großen und wieder zurück.
Urwasser aus den Urtiefen der Erde darf nicht zum Gießen eingesetzt werden, sagte der Bauer. Ich pflichtete ihm bei. Aus sicherem Abstand. Doch wie würde ich handeln, wenn ich am Verdursten, wenn ich am Verhungern wäre?
Alles hängt zusammen und beeinflusst sich. Dich. Mich.
Gesunddezimierung, meinte S. neulich, der Jäger, als er über seine Verantwortung sprach.
Ich gebe es zu: Ich bin froh, dass wir die Tomaten und alle ihre NachbarInnen gegossen haben.

out of time

Außerhalb der Zeit. Drei Wörter, die es in sich haben.
Gestern und heute hatte ich so gar keine Lust auf Internet. Das virtuelle Korsett war plötzlich so unwesentlich. Einfach so bin ich aus dem Cyberspace gepurzelt und habe, statt Bilder und Texte zu weben, heute Gelee und Sirup gekocht, dass es eine rote Freude ist. Roter Johannis – eine meiner Lieblingsbeeren … Neben den Erdbeeren und Kirschen und Stachelbeeren und Brombeeren natürlich. Und den Zwetschgen. Aber halt, das sind ja keine Beeren. Und ich will nicht vorgreifen. Und auch die Trauben kommen später.
Säen und ernten. Die kleinen Tomatensämchen, die J. vor Wochen im Trog gesät hat, sind längst ausgepflanzt und ranken um die Stöcke. Das Wunder des Lebens vollzieht sich. Jahr für Jahr. Alles wächst dem Licht entgegen.
Auch über Rehe und Kitze habe ich heute von S. viel gelernt. Er ist Jäger und hat, seit wir uns kennen, schon viele meiner Vorurteile aufgeweicht. Da ich Vegi bin, sind wir oft gänzlich verschiedener Meinung. Doch seine Ausführungen zur Rehkitzfrage waren sehr spannend. Jetzt weiß ich, dass Rehkitze (Kati, liest du das hier?) von ihren Müttern tagsüber alleingelassen werden und nur zweimal täglich gestillt werden. Die Rehkitze rufen nach ihren Müttern, wenn sie sie Durst haben. Auch zwischendurch mal. Wenn die Mutter es hört und wenn nicht grad ein paar unbedarfte, gutmeinende Menschen das Kitz umschwirren, kann sie es allenfalls auch mal zwischendurch füttern. Doch in der Regel reichen eigentlich zwei Fütterungen.
Jäger,
so meinte S., sehen, ob eine Rehkuh Mutter ist oder nicht und schießen auf gar keinen Fall auf Mütter. In den Tierheimen wissen die Leute oft nicht, wie sie ein Kitz aufziehen sollen und dann sterben die Tiere meistens.

Und noch viel mehr habe ich heute gelernt: Dass Rehe nach der Zeugung ihre Eier quasi einlagern, bevor sie sie ausbrüten, damit die Kitze nicht im Winter geboren werden. Nein, das hatte ich nicht gewusst und auch über Füchse und Hühner habe ich heute viel neues gelernt.
Wunder der Natur, diese Tiere. Wie Tomatensamen und Johannisbeeren.
Wunder über Wunder, Rätsel über Rätsel. Und auch dies noch:
Wo fängt die Zeit eigentlich an?
Bin ich jetzt wieder in ihr drin, weil ich im Internet bin?
Wo gehe ich hin, wenn ich träume?

zu früh

Während mich meine Schönste letztes Jahr warten ließ, ist sie heuer sogar ein paar Tage zu früh erblüht. Das nenne ich mal Ausgleich. Feste soll man eben feiern, wie sie fallen. Damit sie steigen können …

Zur Feier des morgigen Tages ein für einmal ganz und gar unbearbeitetes Bild … Die Natur ist eben einfach die beste Künstlerin!
Dieses Jahr feiern wir nur zu zweit und das ist gut so. Sechsundvierzig ist irgendwie so eine graue Zahl und fühlt sich schon jetzt staubtrocken an. Ich hoffe natürlich, dass mein Vorurteil an jedem der dreihundertfünfundsechzig Tage, die kommen werden, widerlegt wird! Und dass ich, je älter desto weiser werde …

Die Sache mit dem Kipphebel und andere wichtige Erkenntnisse

Dieses Fenster in meinem kleinen Klo! Eines der alten Systeme. Du kannst das Fenster auf Kipp stellen, wenn du vorher den einen von den beiden Hebeln von oben nach unten bringst und so die Mechanik, die das Fenster arretiert, veränderst. Seine innere Logik wird gleichsam manipuliert … 😉 Tolle Sache, dieses Auf-Kipp-Kippen.
Ja, lach du nur, liebe Leserin, lieber Leser! Meine Berner Altbauwohnung, die ich bis Ende März bewohnt hatte, war eben ziemlich simpel befenstert. Und was davor war, habe ich wohl einfach vergessen. Dass es kippbare Fenster gibt, zum Beispiel. Alle meine Berner Fenster waren nur analog zu öffnen gewesen.
In meiner Künstlerinnenbude auf dem einsamen Gehöft habe ich zum Glück – außer jenem auf dem kleinen Klo – noch ein paar andere Fenster. Ziemlich viele sogar. In der Küche schon mal drei. Im Wohnzimmer sogar noch mehr. Vier Dachfenster im Schlaf- und Künstlerinnenstübchen inklusive. Irgendwann nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Hof auf dem Berg aufgebaut und ist seither etliche Male renoviert worden. So war mein Hausteil früher das Gesindehaus, habe ich mir erzählen lassen. In meinem schönen großen, weiß gekachelten Bad – mit ebenfalls drei Fenstern (Himmel, wie soll ich die bloß alle sauber halten?) – seien früher drei (!) Gesinderäume untergebracht gewesen. Ach, all die Geschichten, die das Haus erzählen könnte!
Wieso stellst du es denn nicht einfach auf Kipp, sagte J. neulich zu mir, als ich das Schlafzimmerfenster öffnete und es anschließend mit dem Vorhang mühsam arretierte, damit es sich nicht weiter öffnen konnte als ich es wollte.
Kipp? Ich muss ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben.
Ja, Kipp.
Wie das denn? Hat ja keinen zweiten Hebel dran …
Na, sooo …
Er dreht den einzig vorhandenen Hebel nach oben und zieht das Fenster auf. Kipp. Et voilà!
Aha …

Dass ich hier nun, auf dem einsamen alten Gehöft – außer dem Klofenster mit seiner nicht ganz einfachen Handhabung – auch alle anderen Fenster ganz einfach auf Kipp stellen kann, war somit die große Überraschung des Tages.

Wie oft im Leben, fragte ich mich hinterher natürlich, gehe ich mit den Dingen, den Menschen und der Natur so um, als hätte ich schon ihre ganze Wahrheit erkannt?
(((Hm, da bist du ja eh selbst drauf gekommen.)))
Schnitt.
Neulich habe ich hier Herrn Blender vorgestellt. Er kann, wie sich Stammlesende vielleicht noch erinnern, zwei Bilder zu einem neuen vermischen. Unter Einbezug verschiedener Vorgaben und Filter ist er ein wahrer Künstler.
Wie mein Liebster und ich gestern so im Bett den Sandmann herbei plaudern, murmle ich, dass das Leben eigentlich ein einziges Überblenden ist. Laufend schieben sich neue Bilder über alte. Dynamisch verändert sich alles. Immer. Auch wenn es vermeintlich gleich aussieht, was wir täglich tun, die immer gleichen Griffe, die ständig gleichen Abläufe, die täglich gleichen Tassen, die ich in die Spülmaschine stelle, ist es doch immer wieder anders. Versuche mal, die Maschine zweimal genau gleich aufzufüllen! Oder versuche mal, zweimal das genau gleiche Bild aufzunehmen! Geht nicht. Bestenfalls wird das Ergebnis sehr ähnlich.
Das Gesicht des Alltags ist die eine Wahrheit. Eine andere, dass sie sich täglich ändert. Es lebe das Paradoxon.