Die rote Bank

Genau hier war es. Vor zweiunddreißig Jahren muss es gewesen sein.

Hier, auf dieser Bank, die inzwischen bestimmt einige Male frisch gestrichen worden ist, habe ich damals gehockt. Ein bisschen geschlottert habe ich. Vor Müdigkeit und weil es so früh war. Hier, auf dieser roten Bank, schrieb ich damals jenen vermaledeiten Schulaufsatz. In der dritten Bez. muss es gewesen sein (was ungefähr der neunten Gymiklasse in Deutschland entspricht).
Maimorgen war der Titel dieses zu schreibenden Aufsatzes und eine Bedingung dazu war unumstößlich: vor Sonnenaufgang sollte der Schreibplatz, draußen in der Natur, aufgesucht werden. Und dort sollen wir mindestens eine Stunde sitzenbleiben. Beobachten und beschreiben, wie die Natur erwacht. Ein edles Ansinnen unsres Deutschlehrer, doch ein Rudel Fünfzehnjährige für solcherlei zu begeistern? Na ja. Hätte ich nicht den Aufsatz meiner drei Jahre älteren Schwester lesen dürfen, die – man ahnt es – beim gleichen Deutschlehrer ihre Zeit abgehockt hatte, wäre die Sache womöglich übel ausgegangen, denn ich hatte verschlafen. Die Sonne war schon aufgegangen, als ich auf dieser roten Bank hier Platz nahm. Mit dem Schreibblock in der Hand (nicht mit dem iPhone, in das ich jetzt diese Zeilen hacke und von dem ich damals noch nicht mal träumte) schrieb ich über die Geräuschkulisse und das sich verändernde Licht. All dies hat sich seither wohl kaum verändert.
Dörfer und Bäume sind einfach da. Zuweilen wachsen sie, wie mein Dorf hier, ein wenig oder viel. Und da und dort stirbt ein Baum, wird ein Haus abgerissen. Seltsam ist es mir zumute, die ich heute, als Bluestherapie, auf meinen alten Wegen gehe.
Die riesige Tanne, zu deren Füßen wir damals die Urnen unserer Eltern beigesetzt haben, ist gefällt worden. Ich erkenne den Platz nicht mehr mit Sicherheit. Kurz macht mich das traurig, doch schon schieben sich Erinnerungen an Sonntagsspaziergänge durch diesen Wald hier vor meine geistigen Augen. Das nächste Dia. Spaziergänge, bei welchen mir mein Vater, ziemlich erfolglos allerdings, versuchte die Namen der Bäume beizubringen. Erfolgreich war nur sein nicht deklarierter Wunsch, mir seine Liebe zu den Bäumen und zum Wald zu vermitteln.
Ich bleibe immer wieder stehen, spüre hin, was diese altbekannten Wege mit mir machen, die ich mit unsern Hunden früher fast täglich gegangen bin. Und nun schon so lange nicht mehr. Auf einmal bin ich wieder fünfzehn und schaue mich nach unserem Hund um. Komm her, komm bei Fuß. Das Waldstück, wo wir unsere Baumhütte gebaut und Niele geraucht haben, besuche ich das nächste Mal.
Oh weh, das Hexenhäuchen und das Haus vom alte Pfiifejokeb sind weg. Beide abgerissen worden und Neubauten gewichen. Das Rad der Zeit. Das „Neue Schulhaus“ feiert auch schon bald vierzigjähriges Jubiläum, rechne ich vor mich hin. Und die Hühnerfarm gackert zwar noch immer, hat aber längst auf nette Tierhaltung umgestellt.
Was wohl aus Freundin U. geworden ist, mit der ich meine erste Zigarette geraucht habe. Und Ch., mein Erstgeküsster – ob es ihm gut geht?
Eben hatte ich mich unversehens in „meinen“ geliebten Berner Könizberg-Wald versetzt gefühlt und vor mir, links zwischen den Bäumen, den Gurten, Berns Hausberg, zu sehen erwartet. Ein universelles Gefühl macht sich in mir breit. Gerade eben könnte ich überall sein. Doch durch meine Wahl bin ich genau hier. Wo der Gurten wäre – wenn ich jetzt woanders wäre, meine ich – sehe ich nun die drei Schlösser. Eins nah, die beiden ein bisschen weiter weg. Auf sanften Hügeln. Weichhügliges Juraland auf hartem, kalkigem Gestein.
Ich nehme Abkürzungen, als wäre ich nur ein paar Wochen weg gewesen. Atme tief, sauge das Grün und die Waldluft in mich auf.
Meistens kritele ich ja an meiner verkorksten Kindheit herum, doch wie ich heute betrachte und mich erinnere, wie idyllisch ich im Grunde aufgewachsen bin, weicht meine innere Zensorin ein paar Meter zurück und macht Dankbarkeit Platz. Die Erinnerungen ein bisschen zu schönen, schadet hier sicher nicht.
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

0 Kommentare zu „Die rote Bank“

  1. Das mit dem Erinnern an die verkorkste Kindheit geht mir im Moment recht ähnlich. Da sind so viele schöne Dinge, die ich in meiner früheren Erinnerung nicht gesehen habe. Vielleicht werde ich altersmilde. Schönes Eckchen zum Schreiben. Alles Liebe Karin

    1. schönen ist nicht immer schlecht, denke ich in der letzten zeit. die erinnerung ist eh subjektiv und nicht so wertfrei, wie wir das gerne hätten. altersmilde – ein schönes wort.
      liebe grüsse zurück, soso

  2. Ein schöner Artikel, der die Auswahl an Erinnerungen etwas in Frage stellt. Ändern wir uns, wenn wir Vergangenes noch von einer anderen Seite sehen lernen?

    1. ich glaube, die erinnerungen von mehreren seiten zu betrachten, kann uns schon verändern. es kann uns weiten und – wie im vorherigen kommentar – altersmilde machen. wer weiss …
      herzlich, soso

  3. Das sind schöne Bilder. Bänke üben auf mich eine magische Anziehungskraft aus. Denn sie wirken immer einsam. Bänke sind für mich glaube ich die beste Manifestation des Gefühls der Einsamkeit.

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