Ein Tag im Leben von …

Gestern habe ich die letzte Umzugskiste ausgepackt, platt gemacht und mit ihren Schwestern und Brüdern zusammengeschnürt in den Speicher unter dem Dach gestellt. Meine Wohnung sieht schon fast gemütlich aus, wenn auch noch ohne Bilder.
Endlich ist das Leben aus Kisten vorüber. Schon beinahe vergessen sind die ersten Tage, wo ich ständig etwas suchte und Kistenberge umstapeln musste, um das Ersehnte zu finden. Zum Glück waren die Dinger angeschrieben. Nicht im Detail, aber nach Thema und Raum. Ein nächstes Mal könnte ich eine Exceltabelle von den Kisteninhalten machen und die Kisten entsprechend der Liste einfach nummerieren, denke ich. Wenn ich etwas suche, kann ich einfach die Liste mittels Suchfunktion scannen um das Ding zu finden. Denke ich. Denn die Zeit zum Listenschreiben hat frau definitiv nicht, wenn sie im Umzugsflow gefangen ist. Gefangen vom Takt der Zeit. Ticktackticktack. Noch zwei Wochen. Noch eine Woche. Noch zwei Tage. Und auf einmal saß ich im Auto Richtung Schweiz. Und nun sitze ich hier und habe heute Morgen die letzte Lampe aufgehängt.
Dass ich nach einem Umzug so viel Erholungszeit brauche, ist neu. Auch dass ich vierzehn Tage brauche, um alles auszupacken. Was nicht mit der Menge, sondern mit meinem Tempo zu tun hat. Zugegeben, die Langsamkeit hat auch mit meinem Zweitjob zu tun. Neben dem Job als Wohnungseinrichterin auf Zeit bin ich ja – wie Stammlesende wissen – auch Kunst-Reise-Blog-Redakteurin auf Zeit. Im Irgendlink-Blog. Das erfüllt mich noch immer mit großer Freude, einen besseren Job gibt es kaum. Am schönsten jedoch ist es, wenn ich grad dabei bin, einen Artikel mit Bildern zu gestalten und just dann der Liebste kostenloses Wlan entdeckt und dank Skype von seinem iPhone aus meins anrufen kann. Hallo, hörst du mich? Nach etwa zehn Sekunden Rauschen und Geknister in der Leitung können wir beide ja sagen.
Ja, ich höre dich, wo bist du?
Ja, ich höre dich, wie geht es dir?

Mein Herz klopft jedes Mal (wild, laut, heftig, rosarot und so) wenn ich seine Stimme höre und noch immer, auch nach bald drei Jahren noch, weiß ich mich in solchen Momente siebzehnjährig, alterslos, glücklich.
Kaum haben wir uns, eine ganze Weile später, wieder verabschiedet, klingelt das Telefon von neuem. Freund M. (2) sagt hallo und erzählt sonst noch ein paar Sachen aus seinem Leben. Wir haben uns lange nicht mehr gehört. Gesehen noch viel länger. Eine ganze Stunde geht so vorbei und die Bilder aus England, die ich für Irgendlink bloggen wollte, hängen noch immer im Bearbeitungsmodus fest. Soeben wird mir vom Stellensuchsystem eine offene Stelle zugemailt. Ich schreibe eine Bewerbung und verschicke sie online, damit das auch vom Tisch ist.
Auf einmal fühle ich mich fiebrig. Da ruft Lieblingsbruder P. zum zweiten Mal an und gibt Entwarnung. Er arbeitet in der Nähe und hatte eine Autopanne. Ob ich ihm allenfalls mein Auto leihen oder ihn von S. nach B. fahren könnte, hatte er vor zwei Stunden gefragt. Kann ich, natürlich, hatte ich gesagt. Inzwischen hat der Pannendienst ein Ventil ausgewechselt, sagt er, und alles ist wieder gut. Gut, sage ich. Denn mit Fieber ist nicht gut autofahren.
Die Mail von Freundin R., die ich nun öffne, berührt mich sehr. Sie arbeitet an einem Buch, das unter anderem ein Interview mit mir enthält. Ich dürfe den rohen Text über unser Gespräch, den sie mir zur Kontrolle des Inhalts gemailt hat, gerne nach Gusto lektorieren und redigieren, bietet sie mir an. Und die anderen Texte, wenn ich wolle, auch gleich. Gerne. Nur leider könne sie mir nichts zahlen. Hm. Sie ist auch nur eine arme Schriftstellerin wie ich, denke ich. Schlaf drüber, sagt eine innere Stimme. Okay, sage ich. Mache ich. Schlafen. Später aber erst, denn noch immer hängen die Bilder von England in der Leitung. Ich stehe kurz auf und hole Wasser. Das Probe-Yoga habe ich zum Glück verschoben, auf nächste Woche. Will da nicht mit Fieber und entzündeten Sehnenscheiden hin, sage ich mir, während ich endlich Irgendlinks Bilder publiziere.
Dabei wollte ich doch bloß ein kleines Artikelchen bloggen, als ich heute Mittag den Laptop startete. Und jetzt ist schon sechs Uhr vorbei. Und der Blogtext, den ich schreiben wollte? Grad war der Zettel doch noch da, worauf ich mir notiert hatte, worüber ich bloggen will. Parallelen stand drauf, meine ich mich zu erinnern. Was noch? Vergleichen?
Vergessen, so las ich gestern irgendwo, vergessen sei überlebenswichtig. Oder so. Weil wir uns gar nicht alles merken können. Und auch nicht müssen, vermutlich, doch den Rest des Textes habe ich … schon wieder vergessen.

0 Kommentare zu „Ein Tag im Leben von …“

  1. Also, meine Kisten hätten auf jeden Fall länger gebraucht. Dass das mit euch beiden noch so schön ist, ist wunderbar. Das wird es hoffentlich auch noch lange bleiben. Am Liebsten ja für immer.

  2. hoffe, dass du wieder entfiebert bist?!
    auch dir ein fleißkärtchen ;o) und eine herzensumärmelung obendrauf… ist doch weiterhin alles ziemlich relativ – lach und tschüss u.

  3. hui, liebe Sofasphia, dann gönn Dir mal ein Päuschen und Erholung….
    Dass Dir dies, garniert mit angenehmen Gedanken, gelingen möge, das wünscht Dir von Herzen
    die ff.

  4. ihr lieben beide
    danke für die lieben wünsche. nönochnich entfiebert, aber geht so. morgen zum doc. hoffe, der ist gut, kenn ich noch nicht. schmerzen mal so mal so. nicht so toll. aber na ja …
    liebgrüß, soso

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