Über das Schreiben zu schreiben

Am liebsten schreibe ich die Rohform. Ich liebe das weiße Blatt vor mir auf dem Bildschirm, das mich lockt, umschmeichelt, verführt, es schreibend mit meinen in Worte, Sätze und Lücken gepackte Gedanken zu füllen. Ich liebe den kreativen Rausch, den ein leeres Blatt in mir auslöst. Ich liebe es, ganz neue Sätze zu formulieren. Schlichte Hauptsätze. Wichtige Nebensätze. Klammern. Leerschläge.
Schreiben ist wie weben. Ich nehme neue Fäden zur Hand, die genau so, genau in diesem Rhythmus, genau in dieser Konstellation noch nicht geschrieben worden sind. Natürlich stand das Wort Konstellation schon hinter dieser und vor noch. Aber die Vorvorwörter sind so, ich meine genauso mit ihren eigenen Vor- und Vorvorwörtern, noch nie genau so gewesen. Und obwohl es diese Wörter schon ewig gibt, fast ewig jedenfalls, lagen sie noch nie so auf einem Blatt Papier nebeneinander.
Falsch, der erste Satz stimmt so nicht. Die Rohform ist mir nicht die liebste, denn genau genommen ist mir das Überarbeiten genauso lieb, auch wenn es die Fleissarbeit des Schreibprozesses ist. Und weniger kreativ. Oder wohl besser gesagt anders kreativ.
Ich schreibe verschiedene Textstile. Meine persönlichen Genres fließen zuweilen fast nahtlos ineinander über und doch unterscheide ich vier Hauptgefäße.
1.) Das ganz und gar unzensierte Tagebuch, das nur für mich selbst bestimmt ist. Wo ich sehr assoziativ schreibe und ohne jegliche Überarbeitung.
2.) Literarische Texte (Romane, Kurzgeschichten, Lyrik), die später (möglicherweise) veröffentlicht werden sollen oder worden sind. Oder auch nicht. Das entscheide ich allerdings erst, wenn der Text fertig ist.
3.) Blogartikel
4.) Journalistische Artikel. Das sind in der Regel Aufträge zu Sachthemen, die mich interessieren und über die ich Bescheid weiß. Meistens sind dies Sachartikel, Interviews und Buchbesprechungen.
Wenn ich einen Auftrag erhalte, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, so und so viele Zeichen zu schreiben und den Text dann und dann abzugeben, pulsiert sofort das Adrenalin durch meine Adern. Ich liebe solche Herausforderungen.
Ich werde zum Hamster. Assoziiere. Brainstorme. Mappe meinen mind. Drehe Schneebälle und recherchiere. Finde. Verknüpfe. Denke-denke-denke. Nach und über.
Wenn ich alles Material beisammen habe, das ich erwähnen will, ist der Rohtext meistens viel zu schnell geschrieben, der Genuß viel zu schnell vorbei. Die Praline ist wie immer viel zu schnell gegessen, denn ein solcher Text entsteht längst vor dem Schreiben im Kopf. Nicht im Detail, aber das Rauschen seines Fluss ist unüberhörbar. Ich schreibe also am Rechner nur auf, was bereits da ist. Kleide es in Worte, auch wenn es noch wild ist, was aus den Tasten auf die weißen Seiten purzelt. Ungezähmt und voller Tippfehler ist das neue Wortgespinst.
Ein derart unzensiert und intuitiv geschriebener Text hat zwar bereits eine Form, doch gleicht diese eher einem verschlungenen Waldpfad denn einem schönen Rad- oder Fußweg und ist für Außenstehende verwirrend und nicht nachvollziehbar. Meine Rohtexte zeige ich niemandem. Seid froh.
Bereits beim ersten Durchlesen merze ich die in der Eile gemachten Tippfehler aus, da ich oft schneller denke als ich schreiben kann – obwohl ich, zugegeben, ganz schön schnell schreibe. Im gleichen Zug wie ich erste Tippfehler korrigiere, merke ich mir auch Unstimmigkeiten in der Reihenfolge. Manchmal ist es nur ein Satz, der am falschen Ort steht, weil ich ihn einfach aufgeschrieben habe, als er mir einfiel. Darauf vertrauend, dass ich ihm später den richtigen Platz zuweisen werde. Häufig passiert es mir, dass ich Verben innerhalb eines Satzes wiederhole – am Anfang und am Schluss –, weil ich vergessen habe, dass ich das Verb bereits geschrieben habe. Oder ich habe dem Satz während des Schreibens einen anderen Verlauf als den zuerst gedachten geben und es ist auf einmal noch ein Neben- oder Nachsatz aufgetaucht. Beim ersten Schreiben unterbreche ich mich selten für solche Berichtigungen, weil sie den Schreibfluss stören. Manchmal stelle ich beim Durchlesen fest, dass ganze Abschnitte besser woanders hinpassen. Copy&Paste ist eine tolle Erfindung der Schreibprogramme kreierenden Zunft.
Auch Abschnitte mache ich erst beim Überarbeiten. Sie gestalten den Text fürs Auge mit, denn ein Text ohne Abschnitte erschlägt uns. Abschnitte sind die Pausen in der Melodie. Ohne sie geht es nicht. Atemholen. Kurz innehalten. Nachdenken. Wirken lassen.
Ganz wichtig: Kürzen nicht vergessen! In der Regel bekomme ich von der Redaktion ein Zeichenlimit. Sagen wir dreitausendfünfhundert Zeichen mit Leerschlägen. Natürlich habe ich immer viel zu viel zu einem Thema gefunden und zu sagen. Da gibt’s nur eins: einköcheln, verdichten bis die Zeichenzahl stimmt.
Füllwörter? Raus. Minus vier bis fünf Zeichen. Das Wort und am Anfang eines Satzes? Weg damit. Schon wieder drei Zeichen weniger. Das Wort und in der Mitte eines Satzes lässt sich oft durch ein Komma ersetzen. Drei Zeichen weg! Wenn ich Substantive durch Verben ersetze, habe ich stilistisch und zeichenzahltechnisch ebenfalls viel gewonnen, da der Satz sich hinterher flüssiger liest. Er wird aktiver und leichter. Doch all das lässt sich in einschlägigen Büchern und im Internet nachlesen.
Erfahrung, Sprachgefühl, Kenntnis der Werkzeuge in der Kiste – Grammatik, Rechtschreibung und vieles mehr – und zu wissen, wie ich mit ihnen umgehe, sind wichtig, sicher, doch bei aller Kenntnis von Schreibtechniken und Regeln wünscht sich jede Geschichte der Welt, jedes Thema der Welt, jede Idee der Welt von uns Schreiberlingen vor allem eins: Sie will so erzählt werden, dass wir sie lesen wollen. Nenn es Talent.
Ist der Text schließlich zwei- oder dreimal überarbeitet, lasse ich ihn, wenn es die Zeit zulässt, ein paar Tage liegen. Gerne gebe ich in dieser Phase meine Entwürfe auch textsensiblen FreundInnen zum Lesen. Von ihnen erhoffe ich mir vor allem Rückmeldungen zu Stimmigkeit, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit. Ist der Artikel schließlich fertig, wird er meistens noch von der jeweiligen Redaktion ein klein bisschen bearbeitet.
Zugegeben, ich mag es, meine Texte anschließend in gedruckter Form zu sehen. Nenn es eitel. Ich nenne es Freude am eigenen Schaffen. Freude am kreativen Tun. Und da ist auch große Dankbarkeit für dieses Talent und dass ich in einem Land lebe, wo ich es ausleben kann.
Gedruckte Texte zählen mehr, haben wir verinnerlicht. Gedruckte Texte haben mehr Gewicht. Ich habe ein Buch geschrieben, zählt mehr als zu sagen: Ich schreibe seit acht Jahren ein Webtagebuch. Was ist schon bloggen? Wer liest schon Blogs und wer hat schon Lust, seine Freizeit auch noch am Rechner zu vergeuden – schreibend oder lesend?
Fragen und Gedanken, die mich schon eine ganze Weile beschäftigen. Immer wieder anders. Dieser Tage starte ich mit der Arbeit an einem Auftragsartikel über das Bloggen als neues Genre der Gegenwartsliteratur und der Kunst. Da freu ich mich schon riesig drauf!

0 Kommentare zu „Über das Schreiben zu schreiben“

  1. Meinen ersten Kommentar schreib ich sofort, nachdem ich den ersten Absatz gelesen habe. Echt. Weiter mag ich noch garnicht, weil ich …
    Ich schreibe zumindest das, was ich als «mein Werk» bezeichne, zumindest das also schreibe ich mit der Hand auf Papier. Sonst würde mir der Schritt der Übertragung in den Rechner fehlen, der ein erstes Wahrnehmen des Gesamten ist, der mich an groben Schnitzern arbeiten läßt, der mich vertraut macht mit dem, was da steht. Und bei dieser Übertragung entscheide ich auch, in welchen Blog oder wohin sonst der Text gehört.
    Direkt auf dem Bildschirm schreiben? Gut, diesen Kommentar hier, ja, manche Mail auch. Aber das, was meine Kunst ist, gehört zuerst auf Papier … Das mußte ich loswerden, ehe ich jetzt weiterlese.

    1. Das ist super interessant, Emil! Ich mache das nicht, das Schreiben mit der Hand geht langsamer und unterbricht meinen Fluss. Aber Tagebuch schreibe ich noch per Hand. Trotzdem, danke für deinen Kommentar, der hat mich einwenig daran erinnert, wie ich mich gegen diese ganze PC- und Internetscheiße damals gewehrt habe. Ich dachte, der PC frisst Kunst auf, vertilgt die Schönheit!

  2. oh, da muss ich gestehen, dass ich fast nix mehr von hand schreibe. nicht mal entwürfe. nur brainstorming, einzelne wörter, mind mapping … grund: ich kann meine schrift von hand oft nicht mehr lesen und ich schreibe auf der tastatur doppelt so schnell wie von hand und kann es sogar lesen nachher 🙂

      1. richtig und falsch gibts nicht. oder falsch höchstens, wenn jemand nicht zu seinem weg und zu seiner art steht.
        ich schreibe unterwegs längere sachen ins iphone und kürzere ins notizbuch, weil ich nicht gerne abschreibe 😉
        liebgrüßt soso

  3. „Beim ersten Schreiben unterbreche ich mich selten für solche Berichtigungen, weil sie den Schreibfluss stören. Manchmal stelle ich beim Durchlesen fest, dass ganze Abschnitte besser woanders hinpassen. Copy&Paste ist eine tolle Erfindung der Schreibprogramme kreierenden Zunft.“ JAAAAAAAAAAAAAAA… genau SOOOOOOOOOO
    und dann auch wieder ganz anders… eben ich… zugegeben, bei mir landet auch vieles erst einmal in einem meiner Gedankenauffangbücher – noch immer möchte ich ein Diktiergerät für unterwegs, hab bald eins… jawoll! aber was stimmt, ich schreibe auch wesentlich schneller auf der Tastatur, denn per Hand… also ist es je nach dem…
    auf deinen Artikel freue ich mich jetzt schon! ich lese gerne deine Texte, ob hier oder gedruckt. Du hast, ganz klar, Talent!
    herzliche grüße u.

  4. bloß nich rotwerd ;o) deine eigene vollkommene größe verwoben und verbunden mit all den anderen vollkommenen größen ;o) siehe meinen letzten artikel- hüstel…
    dankeeee fürs diktiergerät, aber isch kriesch doch jetzt bald ein i-phone… habe schon gespart – das muss jetzt sein! und wie ich mich darauf freue!!!!
    herzliebgegrüßt zur guten nacht und träum was schönes u.

  5. Aber ich will auch Ahnung haben. Wie ihr: Talent und Ahnung. Deshalb habe ich jetzt auch so ein Buch mit Techniken, hoffentlich lese ich auch schon sehr bald rein! So! [Danke, ihr Lieben. Ihr seid wirklich gut zu mir und meinem manchmal doofen Selbstbewusstsein. In real würdet ihr mir übrigens nicht direkt ansehen, dass ich ganz viel Selbstzweifel habe].

    1. du liebe sherry
      haben wir das nicht alle? nicht alle gleich, zugegeben. aber ich begreife selbstzweifel je länger je mehr als werkzeug noch authentischer zu werden.
      zu „keine ahnung“ noch dies: viel wissen über die sprache ist verinnerlicht. und diese „ahnung“ ist nicht zu unterschätzen. die hast du!!!

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