Die Reise

Ich sitze auf Platz B. Nicht Fenster, nicht Gang. Am Fenster eine deutsche Frau, die die Bunte liest und die Armstütze annektiert hat.

+++ Wir rollen aufs Flugfeld. Stehen nun da. Bereit.

+++ Rechts von mir, am Gang, eine junge Frau, Schweizerin, die ein Gesundheitsheft studiert. Schlanke Frauen, Rezepte, Diäten.

+++ Nun fliegen wir. I love it

+++ Pinkeln. Lesen. Essen. Dösen.

+++ Landeflug. Es geht abwärts. Kaugummi hilft immer. Das Land kommt näher.

+++ Unten. Immer wieder neu ein kleines Wunder, wie sanft so ein schweres Metallteil auf der Erde aufsetzen kann. Das Liftfahrgefühl hat ein Ende, das ich am Landeflug so mag. Wir rollen zur Landebahn.

+++ Die im Glashaus sitzt. Nach dem ich die Überfliegerin war, vorhin, sitze ich nun am Ende von Gleise vier. Im geheizten Wartehäuschen, das zwar auch schon bessere Tage gesehen hat, aber bezaubert mit Rundumverglasung und Wärme. Hier ist es nicht so schön wie daheim. Es hat sogar ein wenig geregnet, als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind. Grauverhangen der Himmel. Aber morgen! Morgen wird’s auch hier schön. Hier und bei Kerstin.

+++ Herrliche Szene vorhin am Billettautomaten, ähm, sorry, Fahrkartenautomaten natürlich. Alle meine MitüberfliegerInnen wollten offenbar mit dem Zug in die Stadt. Gruppenweise standen sie an, diskutierten über die Knöpfe, die zu drücken seien, über Tarife, über dies über das. Köstlich. Und gänzlich stressfrei.

+++ Ich habe nach Brandenburg gelöst und werde kurz nach halb drei dort sein. Viertel vor acht bis viertel vor drei: sieben Stunden Reisezeit. Nun ja, das ist es mir wert.

+++ Ich bin müde und entspannt. Vorfreudig auch, ja, aber die Nervosität ist von mir abgefallen. Ich bin hier bei mir. Und dieses Häuschen hier kommt mir gerade recht.

+++ Bald kommt der Zug. Vorher will ich noch bloggen. Tagespass und deutsche SIM-Karte-sei-Dank ist das kein Problem.

Wenn eine eine Reise tut

Wie lange bin ich nicht mehr so früh aufgestanden? Und wie lange bin ich schon nicht mehr so früh morgens Zug gefahren? Und wie anders ist es, wenn man frühmorgens um acht nach Basel-Flughafen fährt, als wenn man perversfrühmorgens um halb acht ins Büro fährt und dazu anderthalb Stunden Weg hin und am Abend wieder anderthalb Stunden zurück hat.

Bin ich froh, dass das vorbei ist.

Basel. Nordwärts fahre ich.

Noch nordwärtser fliege ich danach. Berlin-Schönefeld ist mein erstes Ziel. Mit dem Zug nach Brandenburg oder was anderes in der Richtung. Von dort schließlich mit dem Privattaxi called Kerstin the Eckisoap ins Kloster. Oder so.

Am Abend kommt Frau Mützenfalterin dazu und morgen die Vierte im Bunde, Ulli vom blauen Café Weltenall.

Das kann ja heiter werden. Lustig und ernst. Ich hoffe auf feine Gespräche, gemeinsames Lachen, Kichern, Tratschen und Schweigen. Und auf tiefes Verstehen. Ja. Das ist so ene Ahnung und Hoffnung, die ich habe. Und es ist auch das, was mich bereits jetzt mit diesen drei Frauen, von denen ich erst Ulli persönlich kenne, verbindet. Viele Mails haben wir alle schon getauscht, viele Herzgedanken, wie das nur Frauen können, die schon vieles erlebt, erlitten und erkannt haben.

Frauenpower ist etwas Wunderbares. Etwas Nährendes.

Na ja, Frauen können leider auch anders. Können sich gegenseitig mit Zickenkriegen und dergleichen mehr, mit Vergleichen, mit Eifersüchteleien bis aufs Blut zerstören. Nicht nur Frauen, nein, aber zuweilen haben Frauen diese ganz fiese Art drauf, die ich bei Männern so noch nie gesehen und erlebt habe. Darin unterscheiden sich die Geschlechter auch, finde ich. Und ja,  natürlich machen sich auch Männer gegenseitig fertig, wenn es sein muss.

Warum eigentlich?

Nein, darauf suche ich keine Antwort. Nicht jetzt jedenfalls.

Jetzt will ich einfach nur genießen. Die Reise, so gut es mit meiner ganzen Nervosität überhaupt geht, die ich in mir habe. Genießen auch mit all der Vorfreude. Wie es wohl sein wird? Meine erste Bloggerlive-Begegnung – die mit Mösiö Irgendlink vor bald sechs Jahren – war jedenfalls sehr nachhaltig. 🙂

Gleich Rheinfelden. Bald Basel. Umsteigen.

Kurz nach zwölf lande ich in Berlin. Drückt mir die Daumen, dass alles klappt. Hach, ich Landei …

Winke-winke!

So und nicht anders. Jetzt.

Manche Geschichten, glaube ich, wollen einfach erzählt werden. Sollen. Müssen sogar.
Anders gesagt: Warum habe ich den Nelken- und nicht den Buchenweg genommen?
Warum so und nicht so?
Wäre ich, hätte ich nicht.
Wäre ich nicht, hätte ich.

Sie steht hinter ihrem kleinen quietschgrünen Kleinwagen und versucht mit der rechten Hand den Kofferraum zu öffnen. Mit der linken hält sie sich am Auto fest. Ihr Stand ist wackelig, dennoch zögere ich kurz, doch schon mache ich – fast reflexartig – ein paar Schritte auf sie zu. Ich spreche sie  an, um sie nicht zu erschrecken, bevor ich ihr beim Öffnen des Kofferraums helfe. Ein Klapprollator liegt darin. Wir ziehen ihn gemeinsam heraus. Sie sagt mir, wie es am besten geht. An den Rädern, nämlich, sie lege ihn immer so hin, damit sie ihn gut einhändig herausziehen könne. Leichtes Teil. Was es nicht alles gibt!, denke ich und klappe das Teil vor ihr auf. Sie nimmt meine Handreichung dankbar an, obwohl sie alles selbst kann.

Den habe ich im Internet bestellt. Zuerst habe ich alle miteinander verglichen, sagt sie nun. Lächelt schelmisch. Ich habe alle Daten runtergeladen. Das war der leichteste und er ist mit diesen großen Rädern auch geländegängig.

Damit können Sie sogar über holprige Wege wandern, sage ich. Sie lacht weise und nickt. Ihr Wangen sind von der Anstrengung gerötet. Mit ihren weißen Locken und der roten Jacke wirkt sie wie eine liebe Großmutter aus dem Bilderbuch. Eine moderne Großmutter. Keine Spur von Senilität. Wach. Herzlich. Lebendig ist sie. Und lebensfroh. Ich frage, ob ich den Kofferraum schließen soll.

Ja gerne, und ich muss noch zur Beifahrerseite, die Einkäufe rausholen. Ich trete einen Schritt zurück, um sie an mir vorbei zu lassen, doch schließlich biete ich ihr an, die Einkäufe auf den Rollator zu stellen. Warum eigentlich nicht gleich hineintragen? Sie sucht den Schlüssel in der Jackentasche und sagt: Ja gerne. Es ist kein Bitten und keine Peinlichkeit in ihrer Stimme. Sie nimmt einfach ein Geschenk an, weil sie merkt, dass ich das gerne mache und weil sie weiß, dass sie es auch selbst kann. Mir gefällt das.

Ich trage die beiden Taschen ins Haus und stelle sie in den Flur. Als hätte ich das schon immer gemacht. Oder jedenfalls schon oft.
Sie haben eine Katze?, frage ich. Katzenfutter liegt oben auf dem Einkaufskorb. Zwei sogar. Und wie auf Stichwort kommt ein riesiger, rot-weißer Moudi, ein zehnjähriger Kater, aus dem Haus. Er kommt sofort auf mich zu, lässt sich liebkosen, umkreist mich eins ums andere Mal.

Wir plaudern über Katzen und über das Älterwerden. Ob sie eine Hüftoperation gehabt habe, frage ich. Gestürzt sei sie, im Garten. und die Ärzte hätten sie aufgegeben.
Ein riesiger Gehirntumor, sagt sie und zeigt auf ihre Stirne. Hier. Das kann man nicht operieren. Ich bekam also einfach nur Chemo und Bestrahlungen. Ein Arzt meinte, ich werde nie wieder gehen können und für immer ein Pflegefall bleiben, selbst wenn der Tumor nicht mehr wachsen werde. Aber mein Schwiegersohn der hatte Beziehungen. Er ist Dr. bio-chem und der hat dann einfach nicht aufgehört zu forschen und so habe ich ein Medikament zusätzlich zur Bestrahlung bekommen. Und auf einmal war der Tumor weg. Und nun trainiere ich. Ich kann alles wieder alleine machen. Ich gebe einfach nicht auf.

Kurz habe sie im Pflegeheim in unserm Dorf gelebt, das ich immer mal wieder von außen betrachte und über all die Geschichten nachdenke, die darin wohnen. Ein Heim und seine Menschen mit ihren Geschichten.

Wir verabschieden uns herzlich, nennen zuvor aber noch unsere Namen, sagen: Auf ein ander Mal! und mein Herz ist froh und dankbar, als ich heimwärts bummle.

Neue Bilder braucht die Welt

Gleich vorweg: Ja, ich betrachte mich als emanzipierte Frau, was nach Wikipedia eine Frau ist, die aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist. Wäre ich je eine Sklavin gewesen, wäre ich (sagt ebenfalls Wiki) emanzipierterweise eine freigelassene Sklavin. [Nun ja, über die väterliche Gewalt – oder auch über die mütterliche – diskutieren wir vielleicht ein andermal.] Heute liegt mir jedoch ein anderer Schwerpunkt auf dem Herzen.

Emanzipation ist für viele – Männer wie Frauen – längst ein Reizwort, ausgelutscht und unattraktiv, sexy schon gar, und wird oft mit einer männerfeindlichen und radikalen Ablehnung klassischer Rollenbilder à la Frauen zurück an den Herd, Frauen sind Mütter, Frauen als Dienende gleichgesetzt. Nach Wortbedeutung (siehe oben) und auch in meinem Verständnis, meint Emanzipation aber, dass der emanzipierte Mensch – Frau oder Mann – in seinem Denken und Handeln unabhängig von der Macht anderer ist. Dass dieser Mensch eigenständig, aus freiem Willen und ohne Hörigkeiten von Eltern oder Partner für sich entscheidet, was er tut. Und dass dieser Mensch die Konsequenzen seines Tuns auch selbst trägt. So weit einverstanden?

Vor diesem Hintergrund also ein paar Gedanken über den Wert unserer täglichen Arbeit …

  • Viele von uns gehen täglich wohin, wo sie für Geld eine bestimmte Arbeit tun. Idealerweise eine, die sie mögen. Dann sind sie ein bisschen glücklicher, als jene, die für Geld Dinge tun, die sie nicht mögen.
  • Viele von uns sind Freischaffende, die teils zu Hause und teils bei ihren Kundinnen und Kunden für Geld eine bestimmte Arbeit tun – oft sogar eine, die sie besonders gut können und mögen.
  • Viele von uns sind alleinerziehende Frauen oder Männer, die ihre Arbeitszeit zu Hause und außerhalb leisten und so, mit der Betreuung ihrer Kinder, des Haushaltes und eines Jobs für Geld quasi rund um die Uhr arbeiten. (Nachtrag. Über diese Menschengruppe folgt ein zweiter Artikel in den nächsten Tagen.)
  • Viele von uns sind Frauen oder Männer, die ihre ganze oder Teile ihrer Arbeitszeit zu Hause leisten, mit der Betreuung ihrer Kinder und ihres Haushaltes.

Hast du es gemerkt: Im letzten Satz fehlt der Hinweis für Geld.

Und Geld, ihr wisst es alle, ist die Währung in der wir unseren Wert definieren und mit dem wir unseren Status finanzieren. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. (Sorry, das war jetzt ironisch gemeint …)

Die Konsequenzen unbezahlter Familienarbeit liegen auf der Hand: Diese Arbeit ist gesellschaftlich betrachtet jene mit dem tiefsten Status.
Ach, du arbeitest nichts?, ist noch eine der harmlosesten Bemerkungen, die nette Zeitgenossen für Nur-Hausfrauen und -männer übrig haben. Hand hoch: Wer von euch (von denen, die keine Kinder haben) hat das noch nie gesagt, gedacht oder gefühlt?

Kein Wunder also, wenn sich viele Familienfrauen und -männer minderwertig fühlen. Und das oft sogar auf zwei Ebenen: Das eine ist, dass sie die Arbeit, die sie täglich tun, nicht wirklich von Berufs wegen gewählt haben oder hätten.
Das zweite nenne ich eine Art Scham. Eine Scham, die es vermutlich erst so in den letzten dreißig Jahren entstanden ist. Heute ist nicht die Frau, die arbeiten geht die Böse Mutter, sondern jene, die daheim bei den Kindern bleibt. Der arme Mann muss alles alleine stemmen, wird da schon mal gemunkelt. Von netten Frauen ebenso wie von andern Männern.

Die Frau daheim arbeitet derweil schließlich nichts. Sie sitzt nur rum, malt sich die Nägel an und geht jeden Tag zur Kosmetikerin. So will es das Klischee.

Wir alle, ob wir es nun schon am eigenen Leib erfahren haben oder nicht, wir alle wissen, dass es nicht so ist, sondern dass die Familienfrau/der Familienmann verdammt viel schuftet und im Grunde nie Feierabend hat. Dennoch lässt sich der tiefe Status der Familienfrau und des Familienmannes nur schwer mit dem wirklichen Wert dieser Arbeit in Verbindung bringen.

Solange eine Gesellschaft diese unbezahlten und unbezahlbaren Aufgaben nicht mehr wertschätzt, wird sie sich nicht gesund entwickeln können, behaupte ich. Wenn alle nur noch Fast- und Convenience Food aus der Mikrowelle kaufen und essen, weil sie sich schämen, für ihre Kinder, für ihre Partnerin, für ihren Partner etwas Gesundes zu kochen (kochen zu können), wie sollen da Kinder lernen, was Wertschätzung für gesunde Ernährung, für liebevoll zubereitetes nährendes Essen bedeutet? Wo sollen Kinder Werte wie Verlässlichkeit und Geborgenheit kennenlernen und erleben, wenn beide Eltern immer nur am Arbeiten außer Haus sind? Wer, wenn nicht pirmär einmal Mutter und Vater, soll den Kindern denn zeigen, was Leben heißt? Die Aufgabe (und das sage ich jetzt als wirklich-wirklich emanzipierte Frau!), die Aufgabe, die eine Familienfrau oder ein Familienmann tagtäglich für das Wohlergehen seiner kleinen aber gesellschaftlich für die Gegenwart und Zukunft relevanten Zelle tut, ist im Grunde die wichtigste und am meisten unterschätzte Arbeit auf der Welt. Diese Menschen, Mütter und Väter, formen immerhin die Gesellschaft der Zukunft!

Es macht mich immer wieder verdammt wütend, dass diese Aufgaben gesellschaftlich nicht anerkannt und mit einer Art Familienrente oder einem Bedingungslosen Grundeinkommen honoriert werden und diesen Tatsachen, dass sie eben nicht finanziell entschädigt werden, verdanken sie ihren tiefen Status – was für ein kranker Teufelskreis. Aber so läuft das leider in einer Gesellschaft, in der Aufgaben und Werte primär mit Geld aufgewogen werden. Bringen wir doch mit unserer Haltung den Menschen, die diese so wertvolle Arbeiten tun, ab sofort mehr Wertschätzung entgegenbringen. Bedingungslos.

Change dolls
Change dolls

Eine emanzipierte, unabhängig denkende Frau oder ein emanzipierter, unabhängig denkender Mann kann sich bewusst dafür entscheiden, nicht in der Berufswelt draußen Karriere zu machen, sondern zu Hause an der Welt der Zukunft mitzubauen, in dem sie/er ihren/seinen Kindern gibt, was nur Eltern so ihren Kindern geben können: Liebe. Boden unter den Füßen, Geborgenheit, Anerkennung. Und vieles mehr.
Neue Frauenbilder braucht die Welt. Und neue Männerbilder auch.

Dazu fällt mir ein feines Schlusswort ein. Etwa zum optischen Frauenbild, das ebenfalls erneuerungsbedürftig ist: Neue Puppen braucht die Kinderwelt nämlich auch, und zwar solche, die wieder wie richtige Kinder aussehen dürfen.
treechangedolls.tumblr.com

[Ein Teil 2 über alleinerziehende Mütter und Väter folgt demnächst]