Platz tut gut

Es war im Herbst oder Winter 2009. Wir saßen mit Freund S. draußen am Feuer. Er war der erste uns bekannte iPhone-Besitzer, also begutachteten wir das gute Stück – ein iPhone 3S – zuerst skeptisch, doch mit wachsendem Interesse. Besonders bei Irgendlink war die Neugier groß. Ob sich damit wohl von unterwegs Bilder ins Blog stellen ließen?

Mit dem Kontaktgift in Berührung gekommen – so nannten wir diesen Moment, in welchem wir S.s Smartphone das erste Mal angefasst hatten. Von diesem Moment an war klar, dass wir über kurz oder lang auch so ein Teil wollten.

Bei Irgendlink dauerte es nicht mehr lange, denn er plante das fotografierenkönnende und internetfähige Telefon in seine im Frühling 2010 geplante Reise ein, seine erste digital gestützte Radreise. Nach Andorra. Eine zehn Jahre zuvor erstmals gefahrene Rad-und-Kunst-Tour nachstellen, die alten Bildstandorte – damals noch ohne GPS – aufsuchen, die Bilder nachstellen, den Wandel dokumentieren – so der Plan.

’Zweibrücken-Andorra’ wurde unser erstes Reiseabenteuer mit ihm als Radler und mir als Homebase. Und was für ein Abenteuer! Damals entwuchsen die iPhone-Apps erst allmählich den Babysocken. Die WordPress-App konnte, soweit ich mich erinnere, zwar Texte, aber noch keine Bilder. Wir wichen darum auf andere Blog-Apps aus, doch weil das Bildereinfügen per App doch sehr mühsam war, mailte mir Irgendlink schließlich seine mit dem iPhone geschossenen Bilder zu, wann immer er in ein freies WiFi-Netz gelangte. Oder er verschickte sie über das damals noch sehr teure Funknetz.

Bereits wenige Monate später, bei unserer Sommerreise an den norwegischen und schwedischen Polarkreis, war die Technik deutlich besser. Ich hatte mir zum 45. Geburtstag ein iPhone 3S geschenkt. Das erste und letzte neue iPhone, das ich mir seither gekauft habe. Damit fuhren wir nach Schweden und Norwegen und bloggten live von unterwegs. Und damit fing ich im Winter darauf an, mit Bildbearbeitungsapps Bilder zu bearbeiten, womit ich Irgendlink ansteckte. Und damit traten wir im Frühling 2011 einer internationalen, iphone-kunstbegeisterten Gruppe bei. Eine große Zeit war das. Eine von Pioniergeist beflügelte. Ein Quantensprung in Irgendlinks Künstlerlaufbahn. Und in meiner natürlich auch.

Bald einmal kamen die Nachfolgemodelle mit besseren Kameras auf den Markt und so kaufte ich kurz darauf Freund S. sein gebrauchtes 4S ab, als dieser aufs 5S umstieg – aus Gründen der Nachhaltigkeit ebenso wie aus finanziellen Gründen. Mein eigenes 5S kaufte ich Jahre später gebraucht per Internet und mein 6S bekam ich vor anderthalb Jahren für 50 € von einer lieben Freundin. Einziger Nachteil dieses tollen neuen Teils war der knappe Platz, doch da ich damals rasch ein 6S gebraucht hatte, griff ich zu. (Grund: Damals liefen die Covid-Apps leider noch nicht auf dem 5S.)

Man kann sich fragen, warum ich iPhones über all die Jahre so treu geblieben bin, wo es doch inzwischen auch andere smarte Telefone mit schnellem Internet und guten Kameras gibt. Dazu preisgünstiger und mit mehr Platz, SD-Karten-Schlitz und was immer Herzen höher schlagen lässt.

Die Antwort? Sie ist vielschichtig und letztlich persönlich. Die Nutzungsgewohnheit ist nur ein Aspekt von vielen. Ich habe nämlich auch eine geradezu persönliche Beziehung zu meinen Lieblingsapps, besonders zu jenen zum Navigieren und Bilderbearbeiten. Ich habe auf meinem Android-Tablet, das mein eReader und mein Fernseher ist, viele Apps getestet und bin mit sehr wenigen Ausnahmen einfach nicht glücklich mit den androiden Lösungen. (Gewohnheit oder mein sehr hoher Qualitätsmaßstab?) Außerdem nervt mich die viele Werbung bei vielen kostenlosen Apps (was leider bei iOS-Apps inzwischen auch nicht mehr soo viel besser ist). Außerdem mag ich ganz einfach die Handhabung und die Übersichtlichkeit bei den Apps und in den Einstellungen. Und dass ich kein Virusprogramm brauche. Und-und-und …

Aber ja, es gibt auch ein paar Dinge, die mich nerven. Allen voran die Tatsache, dass Betriebssystem und Datenspeicher viel Platz beanspruchen, was bei iPhones mit kleinem Gesamtspeicher ganz schön ins Gewicht fällt. Steht 16 GB auf dem Handykarton müssen davon schon mal ungefähr 7 GB aus Systemgründen von der Speichernutzung abgerechnet werden.

Als Gern-Fotografin und Viel-Apperin fühlte ich mich nach der anfänglichen Euphorie über das neue iPhone 6S schnell einmal sehr stark limitiert. Ich musste den Bilderspeicher regelmäßig löschen, um wieder Platz für Neues zu schaffen, was an sich ja nicht schlecht ist. Doch wenn man gerne am Handy Bilder  bearbeitet, wird das mit so wenig Platz schwierig, denn sowohl für die Bearbeitungsapps als auch für neue Bilder fehlte mir schlicht der Platz. So schrumpfte mit der kleinen Speichermenge sehr rasch meine Lust, Bilder zu bearbeiten. Was mir zunehmend schmerzhaft fehlt, denn Kreieren tut mir gut und ist wohltuend. Ich wurde immer geiziger mit meinem wenigen Platz, obwohl ich nur sehr wenige Apps auf dem Handy installiert hatte.

Achtung, jetzt wird es philosophisch: Nach und nach fühlte sich dieser wenige Platz auf dem Handy für mich so an wie ein zu enger Raum oder wie zu klein gewordene Schuhe … Das alles lässt sich durchaus auf das Bedürfnis auf Lebensräume übertragen, auf den Wunsch nach mehr Platz, auf mehr Daseinsberechtigung. Ja, genau: Ich sehnte mich nach mehr Platz – eben auch auf dem Handy.

Weniger und mehr? Mehr oder weniger? Wie lassen sich solche Bedürfnisse in einer Zeit mit schwindenden Ressourcen, Klimakrise, Überbevölkerung rechtfertigen? Mit einem kleinen Budget in Einklang bringen? Persönliche Ökonomie versus Ökologie – sprich größtmögliche Nachhaltigkeit – in Konjunktion zu den eigenen Bedürfnissen nach mehr Platz – kompliziert! Darf ich mir das leisten, soll ich mir das gönnen? (Fragen, wie ich sie mir praktisch vor jedem Kauf stelle … und die den meisten Menschen vermutlich gar nicht erst einfallen.)

Unterm Strich also die banale Frage: Brauche ich ein Handy mit mehr Platz tatsächlich?

Vor einer knappen Woche, als ich die Frage endlich mit einem klaren Ja beantworten konnte, suchte ich das Internet nach einem refurbished* iPhone 6S mit mindestens 32 GB ab. Und möglichst tiefpreisig. Farbe egal.

Bald wurde ich bei einem deutschen Anbieter fündig: 64 GB für € 110.–. Da irgendwo ist meine Schmerzgrenze gewesen. Geliefert wird aus Spanien, garantiert innert 48 Std., allerdings wird vom Anbieter nicht in die Schweiz verschickt, weshalb ich, wie oft, Irgendlinks Adresse als Lieferadresse angebe.

Keine 24 Stunden später schickt mir der Liebste ein Foto des soeben eingetroffenen Telefons. Da er kurz darauf zu mir gefahren ist, bin ich inzwischen stolze Besitzerin eines 64 GB-iPhones, das erste Mal in meinem Leben soo viel Platz! Das Teil ist wie neu und der Akku scheint kälterobuster und überhaupt besser zu sein als der Alte.

Ja, das macht mich gerade sehr glücklich. Ja, wirklich. Es macht mich verdammt glücklich, dass ich nun wieder Appen kann. Und drauflos fotografieren. Platz für Bildbearbeitungsapps, Platz für Fotos.

Drei Spiegeleier in Pfanne digital verändert und verfremdet zu einem Gesicht. Grundfarbe blau mit Sprenkeln in grün und orange.

Der frühere Platz-Geiz – reicht der Platz noch für ein kleines Video oder kann ich danach keine Bilder mehr machen? – löst sich allmählich auf.

Übersetzen lässt sich das alles auf ganz viele andere, limitierende Umstände. Armut zum Beispiel. Wie sehr Armut unser Handeln, unsere Teilhabe einschränkt kann sich wirklich nur vorstellen, wer es selbst erlebt oder erlebt hat.

Was mich ebenfalls zurzeit sehr glücklich macht, ist spielen. Neulich habe ich es auf Twitter entdeckt, ein englisches Wörterrätselspiel namens Wordle.

Gesucht wird täglich ein neues englisches Wort mit fünf Buchstaben. Wie beim analogen Steckspiel Mastermind, das meine Generation geliebt hat, sagt das Programm, ob die Buchstaben im von mir gewählten Wort die richtigen oder die falschen sind und vielleicht sogar schon am richtigen Ort stehen. In möglichst wenigen Schritten soll so das Tageswort erraten werden.

»Der Erfinder des Spiels, der Programmierer Josh Wardle, will mit »Wordle« erstaunlicherweise kein Geld verdienen. Weder sammelt er persönliche Daten über die Nutzerinnen und Nutzern, noch brüllen einem von der beinahe elegant wirkenden Website Anzeigen entgegen.

Zugleich gibt es aber noch einen Kniff, der das Spiel zum sozialen Erlebnis macht: Jeden Tag gibt es nur ein Rätsel, das für alle gleich ist.«

Quelle: Wordle-Entstehungsgeschichte. Die romantische Geschichte hinter dem Spiel gibt es bei Spiegel.


*Was sagt Wiki über Refurbishing

Deutschland/Europa: backmarket.de
Schweiz: revendo.ch

(Werbung durch Namensnennung, ohne Gewinn/Vorteile)

Alt wird neu – und immer weiter

Jetzt sind wir also drüben in der eben noch weitwegen Zukunft. Aber nein, wir sind doch immer in der Gegenwart, die letztlich illusorisch ist, denn kaum erlebt, ist sie schon vergangen.

Das erste Mal seit ich denken kann, schenkte ich dem Jahreswechsel kaum Aufmerksamkeit. Keine großen mentalen Vorbereitungen. Keine Karten zum Jahreswechsel. Keine geplanten Neujahrsansprachen im Blogformat. Und der histaminfreie Versecco, mit dem wir angestoßen haben, stammte sogar noch vom Vorjahr.

Kurz und gut: Da ist wenig Ambition in Sachen 2022, dass das neue Jahr so viel anders und so viel besser werden könnte als das letzte. Obwohl das vergangene so schlecht auch nicht war. Es war einfach. Es hat stattgefunden und wir haben uns rund um die Pandemie so gut es eben geht eingerichtet. Haben uns mit den Ängsten und Gefahren arrangiert. Haben Erfahrungen gemacht und Erlebnisse gesammelt. Vieles war gut, vieles war doof, vieles war ungewohnt.

Und ausgerechnet an einem der letzten Tage des Jahres passiert Irgendlink und mir dann etwas ziemlich Verrücktes. Mein Autoradio ist seit etwa einem Monat am Zicken und seit einer Woche konnte ich noch nicht einmal mehr die Lautstärke regulieren. Hörbücher via Handy zu hören, ging nicht mehr. Kurz gesagt: Doof.

Kurzerhand guugelte ich Radioreparatur-Anleitungen und recherchiert was ein gebrauchtes Ersatzradio kosten würde. Ich sagte zu Irgendlink: Lass uns mal testweise gucken, ob wir das Radio überhaupt ohne professionalle Hilfe ausbauen können. (Kleiner Hintergedanke dabei war natürlich, dass da vielleicht nur ein Kabel falsch eingestöpselt sein könnte, das wir wieder einstöpseln könnten.) Das taten wir. Alle Kabel sahen richtig verortet und in Ordnung aus, weshalb wir das Radio wieder einbauten. Siehe da – alles geht wieder! Alles.

Fazit: Manchmal hilft ein Neustart. Schön wär’s, wenn wir das im Leben auch so einfach könnten …

Bloß klappen Neuanfänge selten ohne Umdenken und Veränderungen. Wie sagte doch Albert Einstein so schön (oder vielleicht auch seine Frau, bei der er ja ziemlich viel abgekupfert haben soll):

»Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.«

Sinngemäß haben wir uns die letzten Tage oft über den Inhalt dieses Satzes unterhalten, ohne ihn zu kennen. (Gelesen habe ich ihn nämlich erst neulich das erste Mal auf Twitter.)

Wie bereit sind wir, uns zu verändern, anders gesagt: Brauchen wir erst einen gewissen Leidensdruck, um etwas zu verändern? Und lässt sich wirklich alles verändern, was auf der Seele drückt oder im Körper zwickt?

Und was ist mit den andern, denn wir alle tragen ja auf die eine oder andere Weise Verantwortung für unsere Mitmenschen. Darüber sprachen wir, als wir gestern Nachmittag zu unserm Freund S. fuhren, der dem Virustod von der Schippe gesprungen ist. Kurz zuvor war Freundin S. kurz vorbeigekommen, die sich aktuell neben ihrer eigenen Trauer um den verstorbenen Vater intensiv um ihre verwitwete Mutter kümmert.

‚Das eigene Leben temporär hintanstellen‘ ist also dieser Tage immer mal wieder Thema bei uns. Man kann sich ob all der Bedürfnisse und Bedürftigkeiten anderer, um die wir uns kümmern, geradezu verlieren, sagen wir zueinander. Wichtig ist doch, sagt der Liebste, dass wir uns dieser Gefahr bewusst sind. Dass solche Vorgänge mitgedacht werden, während sie geschehen. Zwar werde ich phasenweise buchstäblich zum andern, aber ich bleibe dennoch ich selbst, weil ich das Geschehen verstehe. Genau das ist, finden wir, die ganzgroße Herausforderung, Ich-Sein im Wir-alle-Sein, denn niemand ist eine Insel – es sei denn sie oder er lebe einsiedlerisch und autark. Wir sprechen über all die Einflüsse, die uns formen und verändern, über Wirkung und Ohnmacht. Manches geht, manches eben nicht.

Silvesterspätnachmittag. Wir waren vor 13 Uhr noch schnell in den Bioladen gehuscht, dessen Öffnungszeiten ich im Internet erfragt hatte. Ich kaufte ein paar Vorräte für meine histaminfreie Brotbäckerei. Das gleiche Internet, das mir die korrekten Öffnungszeiten des Bioladens verraten hatte, behauptete, dass unser bevorzugter Supermarkt bis 21 Uhr geöffnet sei – ja, trotz Silvester! Also planten wir, nach unserm kleinen Wanderausflug nach Bitche, dort noch schnell unsere Gemüse- und Käsevorräte aufzustocken.

Den Ausflug genossen wir sehr. Ferien spielen nennen wir solche Ausflüge zuweilen.

Auf dem Heimweg steuerten wir Supermarkt 1 an. Geschlossen. Auch Supermarkt 2, unser bevorzugter, war zu, als wir dort aufschlugen. Tja. Selbstverständlich gönne ich den Kassiererinnen ihren frühen Feierabend. Sehr sogar. Dennoch hat mich die Angelegenheit verstört. Zum einen natürlich ganz materiell, weil wir unsere Vorräte nicht auffüllen konnten und nun drei Abendessen würden aus Bordmitteln bestreiten müssen,  zum anderen aber, weil im Netz falsche Öffnungszeiten verbreitet worden waren. Das ist mir tatsächlich bisher noch nie passiert. Klar stimmt nicht alles, was das Internet sagt, kein Thema. Aber Öffnungszeiten? Bitte, Internet, bitte nicht auch noch die Öffnungszeiten verfälschen!

Was ist eigentlich noch selbstverständlich? Wie twitterte ich neulich?

Ein gutes Neues wünsch ich euch. Leben, Jahr oder was immer ihr euch gerade gut und neu wünscht.

Cartoon. Dialog zwischen Cowboyskelett und Vogel, beide auf Fässern sitzend. Skelett sagt: Eigentlich kann es ja nur besser werden, ne? Vogel antwortet: Machen wir das Beste draus?! Gutes Neues!