Voyeurinnen und so

Seit ich erwacht bin, taumeln Gedanken durch meine Gehirnwindungen. Akute krea(k)tive Phase. Bin schon seit Tagen so drauf. Und irgendwie asozial. StilleKämmerchen-Phase nenn ich das.

Ich bin ein relativ intaktes Makrokosmos. Gut zu wissen!, kritzle ich auf einen Zettel.

Später dies:

Meine Bühne bist du. Und alle meine Andern. Deine Bühne bin ich und alle deine Anderen. Ich spiele, wir spielen unsere Lebensrolle(n). Vor Publikum. Mit Neben-Hauptrollen, die uns sehr nahe Menschen innehaben, mit Statistinnen und Statisten (Kolleginnen und Kollegen) und mit dem großen unbekannten Publikum. Wir alle sind – mehr oder weniger, zugegeben – auf Wirkung bedacht, auf Reaktion. Vielleicht auf Wohlwollen. Vielleicht auf Applaus. Zumindest auf irgendeine Resonanz. Wenn wir mit unserem Schauspiel provozieren, provozieren wollen, hoffen wir auf Reibung, auf Gegenkraft, auf Gegenstimmen. Wenn wir mit unserem Schauspiel Schönheit darstellen, hoffen wir darauf, unser Publikum zu berühren jenes große, unbekannte, namenlose Publikum, dessen Meinung uns so unglaublich wichtig ist.

Solcherlei Sätze, auf Zettel gebannt, türmen sich auf meinem Nachttisch, auf dem Küchentisch, auf dem Schreibtisch. Hier noch zwei weitere Zettelphilosophien:

1 – Der Idee, Protagonistinnen und Protagonisten zu erschaffen, was liegt ihr zugrunde? Verbirgt sich hier denn nicht das Bedürfnis, jemandem oder verschiedenen Personen, meine klugen, weisen, sinnlosen, undichten oder gar dummen Gedanken in den Mund zu legen und zu schauen, was mit diesen Worten geschieht, was diese Worte aus- oder anrichten?

2 – Wir Bloggende sind Stellvertreterinnen und Stellvertreter für die Lesenden. Alle Schreiberlinge sind das, alle, die in irgendeiner Form ihre Inputs ausputen, ausdrücken, alle Kunstschaffenden …
Stellvertretend für das Publikum stellen wir dar, was wir wahrnehmen. Wie exhibitionistisch das auch immer sein mag. Die anderen, die Lesenden, sind immer irgendwie – sorry – Spanner, Voyeurinnen. Souffleure oder Souffleusen auch, meinetwegen.
Ich auch. Ich bin beides. Ich wechsle fließend und fleißig die Seiten.

Irgendlinks Reise ist ein gutes Beispiel für das erwähnte Stellvertretertum. Ich reise auf den Karten mit. Ich bin emotional nahe dran. An ihm und an der Reise. In der Trockenheit und Behaglichkeit meiner Wohnhöhle radle ich mit ihm über Berge und durch Täler immer Richtung Süden. Ohne allerdings wie er Hitze, Wind und – wie heute – Regen ausgesetzt zu sein. Wie fernsehen irgendwie.
Das ist meine Arbeit, sie treibt mich voran, meinte J. gestern am Telefon. Zugegeben eine Arbeit, die total Spaß macht. Meistens jedenfalls. Noch lieber würde ich jetzt mit dir durch die Gegend gondeln. Das wäre aber ein ganz anderer Kontext.

Stellvertretend für uns erforscht er Neuland. Terra incognita. Alles ist immer, immer wieder, Neuland. Selbst wenn du auf der Karte oder sogar in Natura die Strecke bereits erforscht hast. Immer wieder neu, weil die Umstände immer wieder anders sind. So ähnlich beschrieb er vor zehn Jahren dieses Unterwegs sein in seinem Reisetagebuch.

Wie gut es jedes Mal tut, den Alltag zu durchbrechen! Andere Gewohnheiten anzunehmen. Anderes auszuprobieren. Es ist nicht der Alltag an sich, der uns abstumpft, es ist das Verharren im immer Gleichen. Statt über den zähmenden, lähmenden, betäubenden Alltag ins Feld zu gehen, will ich ihm Farbe einhauchen. Herausforderung. Übung.

Wir brauchen  unsere ganz persönliche Mischung von Vertrautem und Neuem, um lebendig zu bleiben. Ins Neue lassen wir schon bald Vertrautes Einzug halten. Wir füllen die Winkel des Neuen mit Vertrautem auf. Damit es vertraut wir und uns keine Angst (mehr) macht. So schaffen wir ständig Gleichgewicht. Leben ist Balancieren.

Gestern am Telefon mit meiner Schwester – als sie mir von ihrer geisttötenden Arbeit, die zwar ziemlich anspruchsvoll, doch immer gleich ist , erzählte – begriff ich wie abwechslungsreich und herausfordernd mein Job eigentlich ist. Na ja, eigentlich ohne eigentlich. Oder doch mit? Das eigentlich meint: Ich träume eben von anderem. Ob mit Sehnsüchten leben einfacher ist als ohne, lässt sich schwer sagen. Es ist weniger anstrengend, das bestimmt. Wie ein Land ohne Berge. Irgendwie langweilig.

Ach, übrigens, das Land ohne Sehnsüchte gibt’s. Davon schreiben Andreas Altmann („Sucht nach Leben“ irgendwo im hintersten Teil des Buches) und Amélie Nothomb („Biografie des Hungers“, ganz am Anfang des Buches). Eine Insel namens Vanuatu, früher Neue Hebriden genannt, 1606 entdeckt und der katholischen Kirche einverleibt. Die Menschen, die dort aufwachsen, haben alles. Von allem immer genug. Kein leichtes Los. Weil den Menschen dort buchstäblich alles in den Schoß fällt, die Sonne, das Obst, ebenso Milch und Honig, sind sie dauersatt. Nichts da, das sie vorwärts treibt. Vanuatu als Synonym von abstumpfender Fülle. Nothomb beschreibt in ihrer oben erwähnten Autobiografie als Kontrast zu Vanuatu ihren Überhunger, der sie voran treibt. Diese Kraft in ihr, der sie nach Antworten, nach Seelennahrung, nach Abenteuern, nach Erfahrungen und nach Süßem hungern lässt. Sinnigerweise und irgendwie zufällig hatte ich diese Bücher gleich hintereinander gelesen.

Na ja, Überhunger ist jedenfalls bestimmt nicht langweilig.

Den Alltag durchbrechen? Den Alltag bunt machen, wie es zuweilen Pflanzen tun, deren Samen irgendwie in eine Ritze zwischen Teer, Beton oder Platten geraten sind. Das Grau aufweichen. Die Seele weich klopfen. Wieder hinsehen.

Ein Kommentar zu „Voyeurinnen und so“

  1. Monolog des Menschen
    Wir sind die Welt gewöhnt/(steht für Zeile) Wir haben die Welt lieb wie uns./ Würde die Welt plötzlich anders,/ wir weinten.
    Im Nichts hausen die Fragen./Im Nichts sind die Pupillen groß./ Wenn Nichts wäre, /o wir schliefen jetzt nicht,/ und der kommende Traum/ sänke zu Tode unter blöden Riesenstein.
    Ich habe einfach ein Gedicht von Ernst Meister mal abgeschrieben, wenn es auch nur so halb passt. mit Gruß

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