Bitte schenk mir was!

Beim morgendlichen Postverteilen springt mir von einem Flyer – oder war es ein Bettelbrief oder ein Newsletter? – der Satz ins Auge „Bitte schenk mir was!“ Er bleibt hängen, im Auge und im Ohr, während ich später die letzten Weihnachtkarten versandbereit mache. Eine meiner ambivalentesten Pflichten im Kapitel Öffentlichkeitsarbeit. Eine Pflicht, die ich gerne vor mir herschiebe. Genau heute vor einem Jahr habe ich darüber gebloggt. Ambivalent, weil ich – neben meinem Scheff – die wohl größte Weihnachtsmuffelin bin, die ich kenne und weil ausgerechnet ich für diesen Versand zuständig bin.

Versteht mich richtig: Ich mag Feste. Und ich mag Geschenke. Ich mag auch Rituale. Aber ich mag den ganzen Kommerzglitzerkitschklimbim, der im Dezember die Kasse klingeln und die Tränen fließen lässt, ganz und gar nicht. Mich stößt diese künstlich erzeugte Nettigkeit und Pseudopflichtschuldigkeit ab, dieses kollektiv abzutragende schlechte Gewissen, das mit Händen zu greifen ist. Ich hasse Floskeln und ich verabscheue Geheuchel. Dieses Getue mit Familienzusammensein macht doch allen mehr Stress als Freude. Möglich, dass Kinder – bevor sie vom Kommerzengel verbogen werden – dem kerzengeschmückten Weihnachtsbaum etwas abgewinnen können, das lasse ich gelten, doch was den Auslöser vom ganzen Spektakel betrifft, die Geburt eines kleinen Kindes, das die Lasten einer ganzen kaputten Welt kompensieren soll, ist für mich nicht relevant und rechtfertigt in meinen Augen das ganze Theater nicht. Ich hoffe, dass ich damit niemandem auf die Füße trete. Doch so ist das nun mal bei mir.

Natürlich bin ich unseren Partnerorganisationen und all den Spendenden, die uns im Laufe des Jahres unterstützt haben, sehr dankbar. Keine Frage. Dennoch sind nicht mal wir als Hilfswerk gefeit vor Konkurrenzdenken. Haben wir die bessere Weihnachtskarte als die anderen? Ich weigere mich, beim Wettstreit mitzumachen. Ich habe vor zwei Jahren ein Kartenlayout für die Karteneinlage entworfen, dass ich letztes und dieses Jahr nur geringfügig verändert habe. Und natürlich mit einem neuen klugen Spruch ergänzt. Öffentlichkeitsarbeit nennt sich das. Während ich die Karten verpacke, höre ich Musik.

Oha, Heavy Metall?, fragt J., die mit einem IT-Problem zu mir kommt.

Aber nicht doch. Ist Indie. Nur grad ein härteres Stück. Jedenfalls alles andere als ein nettes Weihnachtslied, antworte ich.

Meine einzigen Gründe, mich auf die Festtage zu freuen, sind die anderthalb Wochen Ferien, Irgendlinks Rückkehr von seiner Pilgerreise und natürlich die Sonnwende. Der kürzeste Tag. Die längste Nacht. Danach die Raunächte, diese Zeit zwischen den Jahren, die ich sehr mag. Mehr als sehr.

Bitte schenk mir was! Wieder taucht der Satz in mir auf. Irgendwann nach der Büropause. Ich schreibe ihn auf, damit er gebannt ist.

Nun liegt der Zettel hier, neben mir, zuhause auf dem Schreibtisch, und will, dass ich über ihn schreibe. Bescheiden ist er nicht.

Die Macht des Gebenden, flüstert er mir zu, schreib darüber. Und dass es einfacher ist, zu schenken als zu bekommen. Weil man sich dann den anderen gegenüber besser fühlen kann.

Ach, sei still, das wissen wir längst, sage ich. Nicht zuletzt deshalb habe ich doch aufgehört, Weihnachtsgeschenke zu machen. Schon lange. Weil ich diese Games hasse: Wer schenkt wem was? Ist es groß und schön genug, und was bekomme ich dafür? Bekomme ich überhaupt etwas oder wurde ich vergessen? Liebt mich jemand? Dieser Austausch von Materie. Dieser Ablesen am Wert des Geschenkes, wem wer was bedeutet. Was ist mit denen, die nichts bekommen? All die vorprogrammierte Enttäuschung. Der Kick, der Rausch, der Kater … Nein. Brauch ich nicht.

Ich möchte meinen Liebsten Zeit schenken. Mich. Mein offenes Herz. Meine Zuwendung. Und zwar nicht unter dem Kerzenbaum, sondern immer. Mehr habe ich nicht.

4 Kommentare zu „Bitte schenk mir was!“

  1. genau Weihe-Nacht, Sonnenwende und die Raunächte… darum gehts… den Rest überlassen wir janz entspannt den GeschenkeJägerinnen und -Jägern… wir schenken uns… ganz
    Glitzerstern und Mondesschein, Funkelschnee und Eisgezapf, Bach erstarrt, See auch, Tee dampft oder ist es eine heiße Schokolade? Kerzchen scheint, Liedchen spielt 17 Hippies und nun gehe ich wieder an den Kochpott

  2. @ray yamon
    hey, so kuhl, dich hier zu lesenl! hab grad heute an dich gedacht und dass glühweinen am kommenden samstag schon nicht das gleiche sein wird, wenn du nicht mittrinkst. zumal wir jubilieren. aber was wottsch, du abtrünniger.
    ich wünsch dir eine gute chinazeit und komm gut und gesund wieder zurück.
    ich les dich jetzt gleich, thx für den link!
    lg, d.

    @li Ssi: aber ja doch 🙂 big hug, d.

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