Human. Ein Wort mit Synonymen wie warm- oder barmherzig, mitfühlend, gutherzig, gütig. Außerdem freundlich und gut. Und, wen wundert‘s?, menschlich. Nein, eine philosophische Abhandlung will ich nicht liefern, nur ein paar Sofasophien …
Vor paar Tagen war Freundin C. bei mir. Little-F. natürlich mit dabei. Schon beinahe sechszehn Monate alt ist der kleine Kerl inzwischen. Und neugierig. Kindliche Neugier ist etwas vom schönsten und etwas vom anstrengendsten. Wir mögen uns, Little-F. und ich. C. meinte, dass er längst nicht bei allen so viel lache und Kapriolen und Grimassen mache. Welche Ehre!, sage ich und verneige mich vor dem kleinen Mann. Wir lachen. C. und ich überlegen, wie ein Kind wohl neue Wörter lernt. Fragen uns, wie Wörter verknüpft und gefüllt werden, die zwar ja gesellschaftlich definierte Inhalte haben, von uns allen jedoch oft recht unterschiedlich eingefärbt sind. Wörter lernen ist eins, sie verstehen ein anderes. Ein Wort ist wie ein Weg, denke ich. Je öfter ich ihn gehe, desto vertrauter wird er mir. Irgendwann kenne ich seine Kurven. Er lenkt mich und gibt mir seine Form vor, damit ich ihn nutzen kann.
Ich nicke übertrieben heftig mit dem Kopf und sage dazu Ja, ja zu Finn. Der Kleine nickt mit und grinst. Ich schüttle den Kopf und sage Nein, nein. Er schüttelt ebenfalls den Kopf. Später will er mein iPhone schnappen und ich sage nein, worauf er den Kopf schüttelt und grinst. Doch das iPhone schnappt er sich dennoch. Die Körpersprache hat er zwar gelernt, doch was das Wort heißt, will er nicht verstehen. Obwohl … ich bin sicher dass er es kennt. Denn das erste Wort, das wir Menschen lernen – und zugleich, wie ich vor einiger Zeit gelesen habe, auch das erste Wort, dass wir bald wieder verlernen müssen, weil wir sonst nicht überleben könnten – heißt nein.
Ja sagen ist einfacher. Es öffnet Türen.
Human werden, Mensch werden. Kommt ein Kind empathiefähig zur Welt oder gestalten sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens? Eine Frage, über die es haufenweise Theorien gibt. Ich habe zwar meine, doch das lassen wir.
Vorhin im Wald: Vor mir eine Mutter mit zwei Kindern. Sie zieht den Holzschlitten mit beiden Kids drauf. Das Mädchen, kleiner, vielleicht dreijährig, purzelt rückwärts. Nicht schlimm. Es steht auf. Der Junge, etwas fünf oder sechs Jahre alt, will nun den Schlitten ziehen. Eine Weile macht er es richtig gut. Dann wird er übermütig, was ich ihm nicht verargen kann. Er zieht seine Schwester im Slalom. Eine Weile sind beide glücklich. Dann wird er grob, er macht eckige, grobe Kurven und erwürgt seine Schwester beinahe mit dem Seil, der Schlitten kippt seitlich um, das Mädchen liegt im Schnee. Nein, es weint nicht, will sich keine Blöße geben. Der Bub grinst hämisch, ein bisschen böse. Die Mutter sagt nur scharf nein und schaut den Jungen direkt an. Er wendet beschämt seinen Blick ab und hilft seiner Schwester wieder auf die Beine. Ob aus Angst oder Einsicht ist nicht auszumachen.
An dieser Stelle habe ich die Familie überholt. Grenzen, denke ich beim Weitergehen, Kinder brauchen Grenzen. Wir brauchen Grenzen. Mensch können wir nur werden im begrenzten Raum. Grenzenlosigkeit erzeugt egoistische Selbstüberschätzung.
Erst wenn wir Grenzen haben und dazu Kenntnis, Weisheit, Erfahrung und Werkzeug, können wir sie auftun.