Mitternacht vorbei. Halb eins. Draußen eisige Kälte. Mein Kopf dröhnt. Auf dem Heimweg eben – zu Fuß, denn meine Freundin M. wohnt im Nachbarquartier – frage ich mich, ob zwei Einladungen am gleichen Tag nicht vielleicht ein bisschen zu viel waren. Zumal ich mich sowohl an Freundin S.s Wohnungsfest als auch bei M. neben vertrauten Gesichtern auch auf unbekannte und wenig bekannte Menschen einlassen musste. Was ich manchmal liebe und manchmal furchtbar anstrengend finde.
Wer bin ich? Heute? Bin ich noch ich und wie? Ich schaue mir von innen und zugleich irgendwie von außen zu und frage mich, was ich über mich denken würde, wenn ich mich jetzt – so – hier – heute – das erste Mal treffen würde. Nicht weil es mir sehr wichtig ist, was die andern über mich denken. Eher interessiert es mich, was ich selbst über mich denke. Sind bei mir Selbstwahrnehmung, Wunsch und Realität halbwegs deckungsgleich? Bin ich authentisch? Spiele ich eine Rolle? Verändere ich mich nicht eigentlich laufend, verhalte mich aber nach außen hin noch „alt“? Sind da nichtsynchronisierte Updates in meinem System, ist meine Software veraltet?
Könnte ich mich neu erfinden, was käme dabei heraus?
Ich sitze im Dunkeln mit dem iPhone am Wohnzimmerfenster und tippe dieses Wörter hier auf die kleine, beleuchtete Tastatur. Der Schnee erhellt die Umgebung. Nur noch ein einziges Licht brennt im Haus gegenüber und ich frage mich, ob dort drüben auch jemand über die Rolle nachdenkt, die sie oder er im eigenen und im Leben der anderen spielt. Oder eben nicht. Und ob das wohl eine Rolle spielt.
Schnitt.
Halb acht. Pervers früh für einen Sonntagmorgen. Die volle Blase hat mich geweckt. Und der Brummschädel. Dabei habe ich doch gar nicht wirklich viel getrunken. An Sonntagen vermisse ich J. am meisten. Sein leiser Atem neben meinem Ohr, wenn ich nachts zwischendurch aufwache. Seine warmen Füße an meinen Beinen oder meine kühlen an seinen. Seine Konturen unter der Decke. Ihn ein- und wieder ausatmen. Wieder einschlafen. Zusammen aufwachen. Später im Bett Kaffee und Tee trinken. Aus einzelnen Fragmenten, Traumfetzen und Ideen einen neuen Tag malen. Natürlich kann ich auch alleine spinnen und die Trennung ist zum Glück absehbar, insch’allah. Dennoch. Vermissen darf doch wohl erlaubt sein.
Zeig mir dein iPhone und ich sage dir, wer du bist!, hatte ich kurz vor dem Einschlafen gedacht. Ein Satz, der mir sofort wieder einfällt, als ich mein iPhone, noch im Halbschlaf, einschalte und prompt mit einer SMS aus Nordspanien belohnt werde.
Bei M. liegen, nach witzigen Spielrunden, auf einmal alle unsere Handys auf dem Tisch. Handys? War mal. IPhones! Vier von uns fünf Erwachsenen haben eins. Eine so große Smartphone-Dichte ist mir dann doch neu und ein klein bisschen schämte ich mich ob dieser Dekadenz. Besondern, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wo ich überzeugt war, mir nie ein Mobiltelefon anzuschaffen. Ich doch nicht.
Die Appauswahl sagt, wer du bist. Polizeipsychologinnen können heutzutage ihre Verbrecherprofile anhand gewählter Apps erarbeiten, geht es mir durch den Kopf. Die Apps spiegeln unsere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interessen. So ist die Personalifizierung von Hardware wohl einfach nur ein weiterer Schritt zum gläsernen Menschen.
Meine Apps – diverse GPS-Applikationen, Karten- und Koordinaten-Software, einige Kameras und Bildbearbeitungsprogramme, sowie Fahrpläne, Telefonbücher und Blogsoftware – sagen dir, dass ich Freude an Natur, Bildern, schnell abrufbaren Infos und natürlich am Bloggen habe. Spiele?
Nö, hab ich keine, sage ich. Ich spiele lieber in echt.
Sag mal , kennst du …? Musst du uuunbedingt mal … Und schon fangen wir an, die Vorteile unserer Apps aufzuzählen, als sprächen wir über Kinder. Oder als wäre wir selbst wieder welche. M.s fünfzehneinhalbjährige Tochter M. und deren Freundin C. werfen sich Blicke in der Art von „die spinnen, die Erwachsenen“ zu.
M. liest von ihrem Display Zitate ab und stellt fest, dass ihre Sammlung männerlastig ist. Und ziemlich abgelutscht. Die wenige Frauen, die sie auf die Schnelle findet, sagen ebenfalls nichtssagendes. Ob das wohl besser ist, als gar nichts zu sagen?
P. sagt nicht nichts, sondern, dass er eigentlich gehofft hatte, dass ihm das iPhone helfen werde, Zeit zu sparen.
Träum weiter, sage ich. Zeit sparen ja, nur verplemperst du die gesparte Zeit mit dem Dingsda.