„Könnten Sie mir trotzdem die Namen Ihrer engsten Freunde geben. (…) Mit denen Sie und Ihr Mann Umgang pflegten.“
Sie schaute zu Boden. Aha, dachte Münster. Da liegt also der Hase begraben. So ist das.
Das Peinlichste, was es gibt, hatte er einmal gelesen, das ist, keine Freunde zu haben. Einsam zu sein. Man darf ungestraft bescheuert, rassistisch, sadistisch, übergewichtig und dreckig wie eine Sau sein, praktizierender Pädophiler … aber man muss Freunde haben.
aus: Hakan Nesser, Münsters Fall, btb 73793, Seite 119,
Wie man es auch drehte und wendete, das Leben war nun mal nicht mehr als die Summe all dieser Tage, und manchmal kam man natürlich an einen Punkt, an dem man sich mehr für das interessierte, was gewesen war, als für das, was noch zu erwarten war.
FreundInnen und eine schöne Aussicht – das sind Fäden aus denen das Gewand der Lebensfreude gestrickt ist. Und Lebensfreude – bitte unterschätzt sie nicht! – ist es, was wir brauchen, um am Morgen aus dem Bett zu kommen. Sie ist es, die uns munter macht, uns antreibt, uns inspiriert. Fehlt sie, gehen wir im Kreis. Oder wir gehen im Kreis, bis sie fehlt.
Leben ist immer nur Gegenwart. Weg. Spirale. Kurve. Kreuzung. Sitzbank. Aussichtspunkt. Tiefpunkt auch.
Mein ganz persönlicher Weg, mein Camino – analog dem Jakobsweg, den J. zurzeit pilgert – führt zu ganz ähnlichen Erkenntnissen, wie sie mein Liebster unterwegs täglich findet: Auch ich will jetzt leben, gegenwärtig. Zu oft habe ich mich in meinem Leben auf später vertröstet: Wenn ich endlich mal, dann werde ich …
Gegenwärtig sein heißt auch, den Sorgen nicht mehr Gewicht geben als nötig. Den zeitlichen und energetischen Aufwand zur Lösung der Alltagsprobleme so klein wie möglich und so groß wie nötig halten.
Damit wir, wie Münster es sich im zitierten Buch ersehnt, eben Zeit zum Leben haben. Denn das ist es letztlich, was zählt.