Tagebuch der Klimakrise 07

5. September
Die letzte Nacht war mit 17 °C nochmals beinahe tropisch. Und gerade fühlt sich alles schwül und feucht an, obwohl es heute ‚nur‘ 26 °C wird (nach den gestrigen 30 °C und den folgenden zwei heißen Tagen).

Ich hoffe, das wird jetzt das letzte Aufbäumen dieses Hitzesommers sein (was kommt, weiß niemand und die, die Ahnung haben, ahnen nichts Gutes).

Ich bin sowas von fertig mit Sommer. 🫣

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7. September
Morgendliche Gewitter am zweitletzten sehr heißen Tag nach einer nicht sehr erfrischenden Nacht. Es regnet ein wenig, die Luft ist schwül, feucht und schwer.

Durchzug, es windet allerdings kaum. Die Innentemperatur liegt bei 22 °C. Puh. 😮‍💨

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8. September
Hoffentlich der letzte ü30 °C-Tag dieses Jahres. 32 °C für Anfang/Mitte September ist so ähnlich wie diese Hitzewelle Ende Mai.

Mir persönlich tun ja am allermeisten die Kinder leid, die in dieser Hitze heranwachsen müssen. Und die, die noch kommen werden. Und alle anderen natürlich auch. Insbesondere in jenen Ländern, in denen es noch heißer ist als bei uns und ach, manchmal platze ich fast vor Mitgefühl. Aber da ist auch Wut auf jene, die im großen Stil etwas ändern könnten.

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Heute ist der letzte ‚glühende Füße‘-Tag, hoffe ich.

Nochmals 32 °C, drin um die 25 °C, morgen dann endlich Herbstwetter. Ich habe mich echt noch nie soo nach Herbst gesehnt.

Gestern konnte ich aber immerhin meine Kühlsocken von ICEHOF das erste Mal ausprobieren. Funktionierte super. Sehr gutes Gefühl mit eisgekühlten Füßen auf dem Sofa zu chillen und ins Bett zu gehen.

Vielleicht für dieses Jahr mein letzter Eintrag im Hitzetagebuch.

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9. September
Ich habe diesen heutigen Tag seit einer Woche herbeigesehnt. Endlich ein 20 °C-kühler Tag, endlich die Wohnung wieder runterkühlen können, auf 22 °C oder weniger, endlich, endlich, endlich.

Gestern und vorgestern war es hier nämlich nochmals richtig heiß, schwül. Gestern Abend dann endlich das erlösende Gewitter. Noch war es im Schlafzimmer warm, zu warm, doch heute Nacht und schon jetzt, tagsüber, wird es darin hoffentlich endlich wieder kühler.

Zum Glück hatte ich mir vor einigen Wochen Kühlsocken mit einlegbaren Kühlpads gekauft (ICEHOF). Die letzten beiden Tage habe ich sie ausgiebig genutzt, denn ich habe das Problem, dass ich nicht nass werde beim Schwitzen, da meine Haut, warum auch immer, die Hitze nicht ausleiten kann.

Darum fühlt sich Hitze bei mir an, als würde die Haut von innen und außen mit einem Föhn angestrahlt und die Hitze kann nirgends hin. Am schlimmsten ist es in den Füßen. Das Problem ist von Jahr zu Jahr schlimmer geworden. Einzig Abkühlung der Haut von außen hilft. (Vielleicht muss ich das Thema mit meiner Hausärztin anschauen?)

Nun hoffe ich auf kühlere Tage, auf einen moderaten Herbst und auf genug Regen. (Träumen wird ja noch erlaubt sein, und Hoffen auch.)

Das aktualisierte Säulendiagramm bis und mit heute sieht so aus:

Säulendiagramm der Temperaturentwicklung vom 22. Juni – 9. September. Es sind sehr viele Tage mit Temperaturen über 30 °C zu sehen und viele Nächte um 20 °C. Die letzten Wochen sind nicht mehr so heftig, aber die letzten drei Tage zeigen nochmals Temperaturen um und über 30 °C.
Säulendiagramm der Temperaturentwicklung vom 22. Juni – 9. September. Es sind sehr viele Tage mit Temperaturen über 30 °C zu sehen und viele Nächte um 20 °C. Die letzten Wochen sind nicht mehr so heftig, aber die letzten drei Tage zeigen nochmals Temperaturen um und über 30 °C.

Tagebuch der Klimakrise 06

20. August
Verschlafen (immerhin mal wieder genug), dazu hat der Wind die Fenster zugebatscht, so dass die Morgenkühle es nicht reingeschafft hat und die Schwüle vom gestrigen 33 °C-Tag noch in der Wohnung klebt. Dazu wurde die Prognose für heute von okayen 26 °C auf 28 °C erhöht.
Und der Regen erneut vertagt.

Ich bin sooo angfressen, habe diese verdammte Hitze so satt, könnte heulen und Dinge werfen. Ich möchte das alles nicht, bin total überfordert.

Ja, ich bin einfach so verdammt wütend auf das alles gerade. Und weiß doch, wie wenig zielgerichtet, zielführend und letztlich hilfreich Wut in dieser Situation ist. Und doch ist Wut besser als die Hilflosigkeit, die ich sonst oft empfinde. Es ist wenigstens irgendwie ein aktives Gefühl und ich komme davon auch gerade nicht runter. Daneben ist da auch viel Enttäuschungstrauer und Zukunftsangst (wie wird es weitergehen: Winter, nächstes Jahr etc.).

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21. August
Zwar regnet die Wetterapp seit gestern Abend sehr malerisch, aber so richtig kann es in echt nicht geregnet haben, wenn ich die Balkonpflanzen frage. Das nächtliche Gewitter hat gut getan. Die Schwüle und Luftfeuchtigkeit klebt in den Zimmern. Durchzug ohne Wind ist relativ wirkungslos. Immerhin ist es heute maximal 20 °C, es besteht also Hoffnung auf langsame Abkühlung der Räume.

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23. August
Ich hörte neulich das neuste Hörbuch von Kathy Reichs (“Die Spur der Angst“, 2026), das im Sommer spielt (Juni-September). Und zwar in North Carolina, in Charlotte (auf dem 35. Breitengrad, ähnlich also wie – sagen wir – Tunesien).

Die Hauptfigur beschreibt das Sommerwetter und die Temperaturen ungefähr so, wie es diesen Sommer hier war.

Ich lebe ungefähr auf dem 47. Breitengrad.

Finde den Fehler.

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27. August
Weil es hier heute nochmals 31 °C wird, bin ich doppelt froh, nordwärts fahren zu können, zum Liebsten. Da wirds heute ja ‚nur’ 30 °C.

Die Nacht war nochmals so richtig schwül und nicht sehr erholsam. So bin ich aber immerhin früh erwacht und gepackt hab ich darum schon fast fertig.

Vielleicht komm ich hier vor 10 Uhr weg, bevor die Hitze knallt.

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28. August
Das Gewitter heute Nacht – ich bin beim Liebsten – war, in Zusammenarbeit mit dem Vollmond, der Gamechanger. Die zwei letzten Tage mit ihrer schwülen Hitze und einem 18 °C-Taupunkt sind Geschichte. Eben gewittert es erneut.

Heute Nacht hat es ständig geblitzt, oder gewetterleuchtet, nicht einfach Blitz und Sekunden später Donner, eher ein Dauergeblitze. Sowas hab ich echt noch nie bewusst erlebt. Dazu Starkregen, gefühlt 10 Minuten.

Tat und tut gut: Gerade wieder Starkregen. Hoffentlich regnet es den ganzen Tag weiter.

Vorschau:
Die Wetterapp kündigt in 8 Tagen bereits wieder 29 °C an.

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1. September
Am nächsten Wochenende sind wieder ü30 °C-Tage prognostiziert. Schwer vorstellbar. Jetzt ist es doch eigentlich genau richtig, finde ich, richtig gutes Spätsommer- oder Frühherbstwetter.

Das aktuelle Säulendiagramm mit den akuellen Prognosen sieht so aus:

Säulendiagramm der Temperaturentwicklung vom 22. Juni – 10. September. Es sind sehr viele Tage mit Temperaturen über 30 °C zu sehen und viele Nächte um 20 °C.
Säulendiagramm der Temperaturentwicklung vom 22. Juni – 10. September. Es sind sehr viele Tage mit Temperaturen über 30 °C zu sehen und viele Nächte um 20 °C.

So quasi auf Vorrat – denn der nächste Sommer kommt bestimmt! –, liste ich hier meine Hitze-erträglicher-Machen-Skills auf:

  • Fenster ohne Fensterläden von innen mit Rettungsdecken verdunkeln (silberne Seite nach außen).
  • Kühlsocken organisieren oder mit Fußbädern u/o Kühlakkus in Kissenbezügen die Füße kühlen
  • Kühlakku im Kissenbezug als Bettflasche zur Körper- und Fußkühlung
  • Schuheinlagen aus Stoff nass in die Latschen legen
  • Gesicht mit zuer Nase in kaltes Wasser tauchen so lange es geht
  • Nasse Tücher auf dem Kopf
  • Nasse Tücher auf der Schulter
  • Nasse Klamotten tragen

etc.

Tagebuch der Klimakrise 05

14. August
Ab und zu gönne ich mir statt nur 0,5 oder 1 mg Melatonin auch mal 2 mg. Wenn ich soo (hitze)erschöpft bin wie gestern nämlich. Nur ab und zu, damit der Körper sich nicht dran gewöhnt.

Ich habe sagenhafte 9 Std mit nur 1x Klo geschlafen und fühle mich gerade fast unkaputtbar. Was guter Schlaf so kann.

Noch heute und morgen brutalheiß, am Sonntag endlich wieder ‚nur noch 28 °C’ – plus eventuell sogar ein bisschen himmlische Feuchtigkeit. Wie war gleich noch dieser Fachbegriff?

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15. August
Meine neue Wetterstation behält immer einen Kalendertag lang die höchste gemessene Temperatur. Die Außenstation hängt am Fensterladen auf dem Balkon und muss nach Mitternacht 30 °C gemessen haben. Und selbst wenn der Standort zu hausnah für totale Zuverlässigkeit ist, plusminus 1 °C macht keinen großen Unterschied.

Um 4:21 waren draußen und im Schlafzimmer (offene Fenster) immer noch je 25 °C.

Wie machen anderen sowas? Ich belege mich am Kopf mit nassen Tüchern und Buff, der Ventilator läuft, an den Füßen oder am Körper ein Kühlakku in einem Kissenbezug.

Es war immerhin for now die letzte 20/ü20-Nacht. Und heute der letzte ü30-Tag. Morgen und die nächste Woche 2x 30 °C, der Rest darunter.

Meine Tapferkeit im Aushalten bekommt immer mehr Risse, ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr. Hitze tut weh.

Ein Wettervorhersagebildschirm, auf dem das Datum, die aktuelle Temperatur (22 °C) und die Wetterlage („Meist bewölkt“) angezeigt werden. Er zeigt die Vorhersage für die nächsten zehn Tage mit Temperaturen zwischen 15 °C und 34 °C, der Regenwahrscheinlichkeit, Gewittermöglichkeit, Bewölkung und vereinzelt Sonnenschein an.
Ein Wettervorhersagebildschirm, auf dem das Datum, die aktuelle Temperatur (22 °C) und die Wetterlage („Meist bewölkt“) angezeigt werden. Er zeigt die Vorhersage für die nächsten zehn Tage mit Temperaturen zwischen 15 °C und 34 °C, der Regenwahrscheinlichkeit, Gewittermöglichkeit, Bewölkung und vereinzelt Sonnenschein an.
Das Display einer digitalen Wetterstation zeigt eine Außentemperatur von 25,3 °C, eine Luftfeuchtigkeit von 36 %, eine Innentemperatur von 25,7 °C und eine Luftfeuchtigkeit von 48 % an. Außerdem verfügt es über Wettersymbole für Sonne und Wolken sowie eine digitale Uhrzeitanzeige: Es ist 4:21 am 15. August.
Das Display einer digitalen Wetterstation zeigt eine Außentemperatur von 25,3 °C, eine Luftfeuchtigkeit von 36 %, eine Innentemperatur von 25,7 °C und eine Luftfeuchtigkeit von 48 % an. Außerdem verfügt es über Wettersymbole für Sonne und Wolken sowie eine digitale Uhrzeitanzeige: Es ist 4:21 am 15. August.

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17. August
So langsam sickert die Erkenntnis in meinen Körper und meine Wohnung. Die 30+-Tage sind vorbei, for now. Die 20+-Nächte ebenfalls. Es warten Tage & Nächte ohne Ventilator auf mich, Tage ohne Verdunklung, vielleicht sogar mit Regen.

Ich fühl mich, als wäre 1 langer Lockdown aufgehoben worden.

So viel will ich endlich wieder tun, endlich wieder Alltag, Normalität, meine Ankerhandlungen.

Jetzt bloß nicht wieder einknicken ob des Endes der langen Zusammenreißphase.

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Ich habe die Energie der Morgenstunden, die kühl waren und kühl blieben, genutzt, um die Wohnung zu ent-spinnweben und mal wieder durchzuputzen. Die gefühlt schweißklebrigen Böden fühlen sich nun wieder ‚richtig‘ an. Auch sonst ein paar liegengebliebene Dinge. Und dann aber aufgehört, weil ich gemerkt habe, wie der Energieschub sonst zu schnell verbraucht ist. Denn ich will unbedingt heute mal wieder raus. Ohne Hitze auf der Haut. Spazieren oder mit dem Rad. Einfach raus ohne Hautschmerz.

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19. August
Heute also nochmals 31 oder 32 °C, je nach Prognosetool. Gestern 30 °C. Und dann endlich fertig mit der Hitze?

Da es zum Glück nachts gut runterkühlt, gehts mir okay, ich hoffe jedoch, dass der seit Tagen angekündigte Regen endlich doch noch kommt.

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Am Abend:
Es waren 33 °C.
🥵 ich habs soo satt.

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20. August
Verschlafen (immerhin mal wieder genug), dazu hat der Wind die Fenster zugebatscht, so dass die Morgenkühle es nicht reingeschafft hat und die vom gestrigen 33 °C-Tag noch in der Wohnung klebt. Dazu wurde die Prognose für heute von okayen 26 °C auf 28 °C erhöht.
Und der Regen erneut vertagt.

Ich bin sooo angfressen, habe diese verdammte Hitze so satt, könnte heulen und Dinge werfen.

Ich möchte das alles nicht, bin total überfordert. 🥵🤬

Temperaturverlaufskurve in der Nordschweiz Die Kurven zeigen die Zeit vom 22. Juni bis Ende August, wobei die letzten Augusttage noch fehlen. Die täglichen und nächtlichen Mittelwerte betragen 30,5 und 17 °C. Die letzten kühleren Tage sind aus der Prognose meiner Wetterapp entnommen.
Temperaturverlaufskurve in der Nordschweiz Die Kurven zeigen die Zeit vom 22. Juni bis Ende August, wobei die letzten Augusttage noch fehlen. Die täglichen und nächtlichen Mittelwerte betragen 30,5 und 17 °C. Die letzten kühleren Tage sind aus der Prognose meiner Wetterapp entnommen.

Vorhin hat es eine Minute geregnet. Die Tagestemperatur wurde von 28 auf 27 °C korrigiert und ab 16 Uhr soll es regnen. Für morgen sind 19 °C angesagt, tagsüber. Wer’s glaubt.

Tagebuch der Klimakrise 04

6. August
Ich weiß auch nicht … diese Prognosen und diese Klima-Realität … mir fehlen die Worte.

Mein Ventilator ist aktuell mein Lieblingshaushaltgegenstand.

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Soll ich jetzt wirklich noch, wie meine innere Vernuftstimme sagt, raus & mit dem Rad an die Reuss? Von wegen Bewegung und Abkühlung.

(Um im gleichen Aufwisch noch Glas zum Container zu bringen und die neuen in Folie gefassten Bücher in der Bib abzuliefern und Nachschub zu holen?)

Ist ja auch ‚nur noch‘ 29 °C draußen.

Innerer Sauhund sagt: Nein, Sofa!

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7. August
Die Wohnung ist dank nächtlichem Durchzug ‚nur‘ noch 23 °C und es wird heute ‚nur’ 30 °C. Zudem geht die Sonne täglich früher unter und später auf.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal denken könnte: Oh, ‚nur‘ 30 °C.

Alles eine Frage erlernter Überlebensstrategien und der Relativität.

—

Es ist nach über 30 °C relativ kühl. Heute Nacht wars 17 °C und am Morgen noch immer 18 °C und das war soooo schön. Die Wohnung ist mal wieder runter auf 23.

Es ist ein Eiertanz mit Lüften und Zumachen und ich habe eben ne Weile mit Recherche nach zahlbaren und passenden Klimageräte verbraten. Das wird wohl eine größere Recherche brauchen. Zumal ich keine Ahnung habe, was wirklich gut funktioniert und so …

Das Schlimmste an der Hitzewelle ist für mich immer das Nicht-wissen-wie-Lange. Es ist eine viel zu lange dauernder Ausnahmezustand, der die letzten Reserven an Durchhalteenergie auffrisst und mich täglich müder macht.

Ich mache gefühlt ständig Tippfehler, brauche für alles länger, bin träger, stoße mich auch ständig wo an, bin schussliger, kann mich weniger lang fokussieren … Matschehirn.

Und dazu ständig die Reizüberlastung der Haut durch die Hitze.

—

Mit dem Kühlakku unter den Füßen gehts mir deutlich besser im Homeoffice. Aber das Hirn macht trotzdem immer so viele Fehlzündungen, denen ich mit Akzeptanz nicht beikomme.

Es ist ja nicht nur das Denken, da ist auch ein von einem sensorisch überreizten Hirn gesteuerter Körper.

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8. August
Die kühle, windige Nacht (16 °C) hat der Wohnung und mir gut getan.

Ich hoffe, der 32 °C-Tag wird sie nicht wieder allzu sehr aufheizen. Nach der Bib-Schicht will ich mit dem Rad & der eingepackten Hängematte einen ruhigen Badeplatz ansteuern.

Am Sonntag in einer Woche sind erstmals wieder kühle Tage (= 29 °C) angesagt. Schauen wir mal.

12. August
Der viertletzte ü30-Tag dieser Hitzewelle. In einer Woche werde ich mich morgens vielleicht wieder in meinen Morgenmantel kuscheln können.

Temperaturverlaufskurve in der Nordschweiz Die Kurven zeigen die Zeit vom 22. Juni bis Ende August, wobei die zweite Augusthälfte fehlt. Die täglichen und nächtlichen Mittelwerte betragen 31 und 17 °C. Die letzten kühleren Tage sind aus der Prognose meiner Wetterapp entnommen.
Temperaturverlaufskurve in der Nordschweiz Die Kurven zeigen die Zeit vom 22. Juni bis Ende August, wobei die zweite Augusthälfte fehlt. Die täglichen und nächtlichen Mittelwerte betragen 31 und 17 °C. Die letzten kühleren Tage sind aus der Prognose meiner Wetterapp entnommen.

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13. August

Ich glaube, persönlich war das jetzt die schlimmste aller Hitzenächte. Manchmal denke ich, dass die Nächte eigentlich noch schlimmer sind als die Tage, weil ich mich tagsüber irgendwie (theoretisch) ablenken kann, nachts aber will ich ja eigentlich ‚nur schlafen‘. Doch das ist einfach schwer, wenn die Luft trotz Rundum-Durchzug dich fast erdrückt und die Haut gefühlt brennt.

Um 2:00 waren noch immer 26 °C im Zimmer bei draußen 24 °C. Dank meiner neuen Wetterstation (endlich!) kann ich selbst messen.

Im Wohnzimmer hatte es am Abend wieder 28 °C gehabt.

Das Bild zeigt einen Wecker, eine Wetterstation mit Uhr und ein Thermometer. Die Uhren zeigen die Uhrzeiten 6:46 und 6:47 an, während die Wetterstation Temperaturen von 20,7 °C (außen) und 24,2 °C (innen) anzeigen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt innen 39 % und außen 43 %. Oben links ist das Datum eingeblendet: 13. 8. 26
Das Bild zeigt einen Wecker, eine Wetterstation mit Uhr und ein Thermometer. Die Uhren zeigen die Uhrzeiten 6:46 und 6:47 an, während die Wetterstation Temperaturen von 20,7 °C (außen) und 24,2 °C (innen) anzeigen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt innen 39 % und außen 43 %. Oben links ist das Datum eingeblendet: 13. 8. 26

Vielleicht jetzt einkaufen wegen Kühle und alle hilfreichen Morgenroutinen auf danach verschieben? Oder wird mir das den ganzen Tag zerschießen?

So Fragen während Tag X dieser Hitzewelle.
(Hitzewelle versus Autismusspektrum)

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Das waren weitere Momentaufnahmen aus meinem Alltag. Für die Akten. Archiv eines Lebens am Limit.

»Die Hitze belastet auch psychisch«, titelte heute das Republik-Magazin seinen Klima-Newsletter: https://www.republik.ch/

Link zum Artikel: Zu heiß für klare Gedanken
PDF zum Artikel: Zu heiß für klare Gedanken

Über die wegbrechende Lebensqualität schrieb ich ja schon. Bis jetzt waren die Katastrophen immer anderswo, weit weg. Jetzt ist die Klimakatastrophe auch bei uns Wirklichkeit geworden. Und an der Hitze wird so viel gestorben wie schon lange nicht mehr. 

Ein winziger Teil von mir findet es gerecht, dass es nun auch uns an den Kragen geht und nicht nur immer den Menschen in all den Ländern, die der Westen schon immer ausgenutzt hat und noch immer ausnutzt.

Der anderere, größere Teil in mir möchte, dass es niemandem an den Kragen geht und dass wir alle die vielfältigen Krisen endlich gemeinsam lösen und die Geschichte der Menschheit drehen können; der Wunsch nach einer idealen Erde ist groß in mir.

Meine Fluchtorte sind Bücher und Filme.

Dazu sehne ich mich nach dem Ende dieses Ausnahmezustandes, nach Herbst, nach kühleren Tagen, nach kühleren Nächten, nach mehrheitlich tagsüber geschlossenen Fenstern, nach Ruhe, ohne immer die ganzen Außengeräusche – Baustellenverkehr und Kirchenglockenlärm – durch das einzige tagsüber auf Kipp stehende Fenster hören zu müssen.

Mir – und den Menschen, die ich im realen Leben normalerweise sehe –, ist es zu heiß für Treffen. Die Hitze zwingt mich und viele zu einem Leben in der halbwegs kühlen Wohnung (aktuell 27 °C, bei Außentemperatur auf dem Balkon im Schatten: 34 °C).

Die Ventilatoren haben viel zu tun: entweder trösten sie uns mit kühler Luft oder aber sie pusten die warme Luft abends nach draußen, damit die kühlere Luft hineinströmen kann. Wohl denen, die so ein Gerät haben.

Ich bin froh, dass ich meinen stets glühendheißen Füßen – dank Kühlakku in einem alten Kissenanzug – etwas Gutes tun kann. So geht es einigermaßen. Sich im Überlebensmodus einrichten ist die Herausforderung der Stunde. Und möglichst nichts Anstrengendes tun. (In dieser Hinsicht bin ich mir sehr meiner Privilegien bewusst.)

Tragen wir uns Sorge, uns und unseren Mitmenschen.

Dies und das und eine kleine Filmbesprechung | »Für immer Dein« – Saarlouis-Krimi

Seit Wochen will ich den Blog-Bann brechen, der mit der immer schiefer werdenden Weltlage, über mich gekommen ist. Anschreiben würde ich gern, anschreiben gegen meine Sprachlosigkeit. Das hier ist ein kleiner Versuch.

Erinnert ihr euch auch manchmal an jene kollektive Trauer, die viele von uns damals, vor fünf Jahren, überrollt hatte. Dieses Nicht-Wahrhaben der Realität. Ein Zustand, der sich für mich gerade zu wiederholen scheint, anders natürlich, dennoch irgendwie ähnlich …

Ob wir Menschen aufgrund in empathischer Umgebung gesammelter Erfahrungen empathisch werden oder ob wir schon als mitfühlende Menschen geboren werden, frage ich mich immer mal wieder. Gewöhnen uns schlimme Erfahrungen und Erlebnisse Mifühlen womöglich ab – oder mehren sie es sogar? Ich weiß, dass sich solche Fragen nicht allgemein beantworten lassen. Bücher und Filme zeigen sowohl das eine als auch das andere. Genetik, Epigenetik und Sozialisierung spielen sich in die Hände, dennoch bin ich ziemlich sicher, dass sich mitfühlend zu verhalten immer auch eine Entscheidung ist, die jede*r von uns persönlich treffen muss. Selbst wenn wir von klein auf verbogen wurden. Wie wir uns entscheiden, zeigen sich im Kleinen und im Großen. In der Familie ebenso wie in der Politik. Wie wir agieren, wie wir denken, wie wir Dinge bewerten und was mir mit den Erfahrungen und Beobachtungen anfangen, macht uns letztlich aus.

Solche Gedanken beschäftigten mich gestern, als wir auf arte.tv den neunten Teil »Für immer dein« des Saarlouis-Krimis »In Wahrheit « schauten.

Was wie eine Ode an die ideale Vater-Sohn-Beziehung beginnt – bei einem Zeltabenteuer an einem wunderschönen Ort an einem kleinen See im Wald – entwickelt sich nach und nach zu einem Albtraum.

+++ ACHTUNG SPOILER +++ TRIGGERWARNUNG +++

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Spätenstens als Kriminalkommissarin Judith Mohn gemeinsam mit ihrem Kollegen Freddy nachts in das Haus des Mordopfers eingedrungen ist, weil sie einer Beobachtung aus der Nachbarschaft nachgehen muss, und dabei aus großen Campinggasflaschen ausströmendes Gas feststellt, bin ich alarmiert. Und getriggert.

Vater Moritz und Sohn Theo, die eben erst Anna, ihre Partnerin respektive Mutter verloren haben, können gerettet werden. Sie haben tief und fest geschlafen. Nach einem externen Mordverdächtigen wird weiterhin gesucht. Gründe für die Attentate scheint es mehr zu geben, als am Anfang erkennbar.

Als gegen Ende der Geschichte immer mehr Negatives über Moritz, den perfekten Papa  erkennbar wird, bin ich nicht überrascht, dass es doch kein Fremder ist, der diese junge, scheinbar perfekte Familie auslöschen will, sondern Moritz selbst.

Seine Fassade bröckelt erst allmählich und zerbricht schließlich. Riesige Schuldenberge, der übermächtige Vater, der mit seinen überhöhten Erwartungen Moritz unterdrückte, dazu soziale Probleme mit Menschen, die Moritz verarscht und ausgenutzt hat. Statt sich seiner Verantwortung zu stellen, entscheidet er sich ein drittes Mal dafür, das Leben seines Sohnes und sein eigenes zu beenden.

Als Judith und Freddy die beiden – wieder mit Zelt im Wald – schließlich finden, ist es fast zu spät. Judith kann knapp verhindern, dass Moritz sich selbst tötet. Besonders beeindruckt hat mich hier ihre klar Ansprache.

+++

Ähnliche Situationen – Väter, die ihr Kind/ihre Kinder und sich selbst töten – kenne ich tatsächlich aus sehr persönlicher Erfahrung.

Selbst wenn dieses »Für immer dein« und »ich kann dich doch nicht zurücklassen« von den Tatpersonen (mehrheitlich Männern) als Motiv für den Mord an den eigenen Kindern mitgedacht wird: Nein, ich habe keinen Funken Verständnis dafür. Für keine Art von Gewalt von Männern an anderen Menschen. Weder im Kleinen – in der Familie –, noch im Großen und Globalen – in der Politik und Gesellschaft. Nirgendwo ist Gewalt die Lösung. Und sich seiner Verantwortung als Vater durch Mord zu entziehen ist für mich eins der abscheulichsten Gewaltszenarien. Gewalt ist keine Lösung.

Womit wir wieder bei der Weltlage wären. Dagegen anschreiben ist eins, die Realität abbilden, und sei es nur für das persönliche Archiv, etwas anderes. Beides ist nötig. Hinschauen ebenso wie zeitweise wegschauen, um sich selbst zu schützen. Aber vor allem müssen wir Haltung bewahren. Es ist gerade das Wichtigste in unserer Zeit, finde ich. Haltung bewahren ist ein Widerstand, der nicht unterschätzt werden darf.

Ausgelesen #43 | Wo die Geister tanzen von Joana Osman

Etwa anderthalb Wochen lang bin ich in Joana Osmans autofiktivem Roman »Wo die Geister tanzen« eingetaucht. Heute habe ich das Buch fertig gelesen. Es geht um den Nahostkonflikt. Um Menschen, die einst Palästina als Heimat wähnten. Um Osmans Großeltern, die nach der Gründung Israels aus ihrer Heimat, Jaffa, vertrieben wurden, staatenlos Gewordene … Die Autorin, in Deutschland aufgewachsen, beschreibt die Flucht der Großeltern, all die neuen provisorischen Wohnungen unterwegs und die bittere Armut, Hunger, Kälte, Ausgestoßensein … Trotz ihrer beinahe leichtfüßigen Erzählweise gehen mir ihre Geschichten tief unter die Haut. Oder vielleicht genau deswegen? Und auch weil ich weiß, dass das alles ja so oder ähnlich auch heute noch geschieht. Immer. Irgendwo. Krieg ist immer irgendwo. Flucht auch.

Oft fühle ich diese ganze Last dieser Scham des Privilegiert-Seins auf mir. Meine Privilegien. Unsere. Zwar bin ich materiell arm, doch ohne Angst hungern oder um ein Dach überm Kopf bangen zu müssen. Fluchtanlässe habe ich auch keine. Die Scham der Privilegierten einerseits, andererseits auch die Schuld – die Mitverantwortung – einer zufällig in einem reichen Land Geborenen, einer, die es sich eingerichtet hat in einem System, das sie im Grunde zutiefst anzweifelt. Zur Scham also auch noch die Schuld der Privilegierten.

Wenn ich solche Geschichten und Texte lese und mich dem Schmerz öffne, ist das wohl wie eine Art Ablasshandlung für mich – stelle ich irgendwann mitten in meiner Mit-Trauer fest. Auch Doomscrolling vielleicht einmal als eine Art selbstverletzendes Verhalten betrachten: ein Ritzen an der Seele sozusagen, um gefühlt ein wenig der Schuld und Scham zu kompensieren? Vielleicht.

Was aber kann ich tun? Mit-Fühlen, ja, immer, weiterhin. Nicht damit aufhören, nicht abstumpfen. Wachsam sein. Hinschauen. Mich solidarisieren. Wutmut füttern und Mutwut auch gleich. Und handeln. Da wo es geht.

Ich habe dieses Leid so satt, dieses menschliche, kollektive Leid, das von Generation zu Generation weitergereicht wird … all dieses Leid, all dieser Schmerz. Die Uneinsicht jener, die Macht haben.

Fazit? Die Menschheit ist zu großen Teilen kaputt.

»Ich möchte lieber nicht.« So schrieb Herr Buddenbohm heute. Ich möchte auch lieber nicht. Ja, ich glaube, gerade habe ich ein ziemliches Motivationsproblem.

Ach, und noch ein Fazit: Dieser Roman sollte Pflichtschullektüre werden. Aus Gründen.


Drei Generationen, verbunden durch die tiefe Sehnsucht danach, Wurzeln zu schlagen – in ihrem großen Roman erschreibt sich Joana Osman ihre eigene Familiengeschichte.
Joana Osmans Roman hat einen hellen Umschlag. Im unteren Bereich des Covers sehen wir die Fotografie von sechs Menschen, die als Silhouetten erkennbar sind und aus dem Wasser steigen. Darüber, im eierschalenweißen Bereich Autorin-Name (Joana Osman, in schwarzer Schrift) und Titel des Buches (Wo die Geister tanzen, in roten Großbuchstaben).
Joana Osmans Roman hat einen hellen Umschlag. Im unteren Bereich des Covers sehen wir die Fotografie von sechs Menschen, die als Silhouetten erkennbar sind und aus dem Wasser steigen. Darüber, im eierschalenweißen Bereich Autorin-Name (Joana Osman, in schwarzer Schrift) und Titel des Buches (Wo die Geister tanzen, in roten Großbuchstaben).

Sabiha und Ahmed sind fest verwurzelt in ihrer Heimatstadt Jaffa. Hier eröffnen sie ein eigenes Kino, um in der letzten Reihe bei Filmen mit Shirley Temple zu weinen, und ziehen ihre Söhne groß. Doch 1948, mit dem ersten arabisch-israelischen Krieg und schließlich der Gründung Israels, beginnt für die Familie eine Odyssee. Sie fliehen in den Libanon und weiter in die Türkei, stets auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Sie leben in Abbruchhäusern und werden von keinem Staat anerkannt. Sie trauern um die Verstorbenen und verlieren doch nie die Lust am Leben und erst recht nicht ihren Humor.

Siebzig Jahre später begibt sich Joana Osman in Israel auf Spurensuche. Wer waren ihre Großeltern, die ihren Vater auf der Flucht großzogen? Was war das für eine Reise, die auch ihr eigenes Aufwachsen so stark und doch so unsichtbar geprägt hat.

Fiktion und Autofiktion verschwimmen in diesem Roman, in dem Joana Osman ihre eigene Familiengeschichte vor dem Vergessen rettet. Voller Fantasie und hinreißendem Witz lässt sie die Geister der Vergangenheit tanzen. (Zitat Webseite Bertelsmann)

Hardcover, mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Erschienen am 30.08.2023
ISBN: 978-3-570-10522-1

Drei Stuten

Stutenbissig ist sie, die eine der drei Stuten. Wiki sagt, das sei ein deutscher Ausdruck, der salopp abwertend ein Verhalten von Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten mit Hilfe einer Tiermetapher benenne. Es handele sich um einen Geschlechterrollen-Stereotyp. Damit werde ein empfindliches, oftmals intrigantes und hinterhältiges, aggressiv streitbares und hitziges Verhalten gegenüber anderen Frauen, die als mögliche Konkurrenz empfunden werden, beschrieben. (Quelle) Aha, Geschlechter-Stereotypen also. Wie es wohl bei Männern heißt, dieses Verhalten, Konkurrenz wegzubeißen?

Ich weiß nicht, ob die drei Stuten auf dieser Koppel am Ende der Welt davon schon einmal gehört haben, aber sie illustrieren menschliches Verhalten – ganz ohne Geschlechterzuweisung – leider bestens.

Die Koppel ist, es tut weh, ein einziges Schlammfeld. Ganz hinten, wo der Zaun des vielleicht 200 x 80 Meter großen Platzes aufhört, ist ein waldiger Bach. Irgendwo, mittendrin im baumlosen Pferch, steht eine einsame, überdachte Futterkrippe mit ein bisschen labrigem Heu. Sonst nichts. Kein Obst. Kein Getreide. Kein Unterstand. Kein Strauch. Nichts. Nur Schlamm. Das Gras ist abgegrast, auch das vorne, wo wir auf dem Wanderweg vorbeigehen.

Zwei elektrisch geladene Bänder umgeben das Gelände. Ich frage mich, was die drei Stuten tun würden, wenn ich den Zaun öffnen würde. Sie könnten ausbüxen. Ob mit oder ohne uns: ein Sprung würde genügen. Das Gras jenseits des Zauns ist tatsächlich grüner. Wir pflücken ein paar Büschel und locken die drei Stuten an. Die Dunkelbraune ist die Leitstute. Sie holt sich hungrig ihren Anteil an Gras. Die zwei anderen, Hellbrau und Schwarz, beißt sie buchstäblich weg, wenn wir sie füttern wollen. Zu zweit schaffen wir es schließlich, dass auch Hellbraun ein paar Büschel bekommt. Schwarz traut sich nicht an den Zaun.

Schlammige Wiese mit drei Pferden. Im Hintergrund, außerhalb des Zaunes Wald. Davor, auf der Wiese, ein mobiles Gebäude aus grauem Kunststoff. Das eine Pferd kommt auf die Betrachtenden zu, die zwei anderen sind noch abgewandt.

Auf dem Rückweg von unserer Runde kommen wir wieder an der Koppel vorbei. Diesmal haben wir einen ganzen Stoffsack mit Gras gefüllt und die Pferde kommen uns bereits entgegen, als sie uns sehen. Die Leitstute ist noch dreister geworden, aber diesmal lasse ich nicht locker. Der Liebste lenkt die Fiese Tante, wie ich die Leitstute nenne, ab, damit ich Hellbraun und Schwarz auch ein bisschen füttern kann.

Hellbraun ist unglaublich ängstlich. Sie legt die Ohren an, macht nur kleine, blitzschnelle Schnappbewegungen mit dem Mund, um das gereichte Gras zu schnappen und zieht ihren Kopf rasch wieder zurück, um von der Fiesen Tante nicht gebissen zu werden. Schwarz ist die, die aufgegeben hat. Sie nimmt, was sie bekommt. Die Fiese Tante beißt Schwarz weniger als Hellbraun, vermutlich weil Schwarz längst resigniert hat.

Ist es die Not oder sind es Hunger und Verzweiflung, die von diesen drei Pferden Besitz ergriffen haben? Was macht Not, was machen Hunger und Verzweiflung mit einem Pferd, einem Menschen, wenn die Lebensbedingungen nicht mehr artgerecht sind?

Artgerechte Haltung ist das nämlich nicht, doch selbst wenn ich den Zaun aufschneiden würde, ich glaube nicht, dass die drei Pferde abhauen würden. Wohin auch? Sie kennen es nicht anders.

Innen ist außen. Außen ist innen. Grenzen sind im Kopf. Im menschlichen ebenso wie im tierischen. Außerdem verschleiern und verharmlosen Gewohnheiten Leid und Schmerz.

Diskrepanzen

 

Triggerwarnung ||| Toxische Beziehungen. Victim blaming.
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Manche Menschen sagen: Du entscheidest selbst, wie du über diese oder jene schlimme Erfahrung denkst. Du hast immer eine Wahl. Entscheidend ist nur deine Haltung dazu, dein Umgang damit.

Andere Menschen sagen, dass eine Person, die eine toxische physisch und/oder psychisch gewalttägige Beziehung nicht schnellstmöglich verlasse, selbst schuld sei. Und sie sagen, es brauche zur Machtausübung ja immer zwei, die Machtausübenden und die, die es zuließen. Würden diese die Macht nicht mehr zulassen, würden die Machtausübenden aufgeben.

Menschen, die so denken, haben vermutlich noch nie in einer solchen Situation gesteckt. Wurden noch nie unterdrückt. Haben noch nie Mobbing, Übergriffe, Gewalt oder Ausgrenzung erlebt.

Ja, ich bin richtig allergisch auf solche Sätze. Sie sind in meinen Augen ebenfalls eine Art von Victim blaming – Täter-Opfer-Umkehr, Schuldumkehr – wie etwa der zu kurze Rock, der Schuld daran sei, wenn ein Vergewaltiger seine Hormone nicht unter Komtrolle habe.

Die Opfer werden dafür gescholten, dass sie sich nicht aus eigener Kraft aus ihrer Falle befreien. Und sie werden gern noch dafür beschuldigt, dass sie überhaupt in diese Situation geraten sind. Kurzer Rock und so.

Ich frage mich, ob Menschen, die so über andere urteilen, jemals wirkliches Leid erlebt haben.

Ein Mensch, jung oder alt, erwachsen oder Kind, ist in solchen Situationen gefangen in den Umständen, oft panisch und womöglich sogar in Todesangst.

Gewalt zu erfahren ist immer schrecklich und hört auch nicht einfach auf, wenn die akut erlebte Gewalt wieder aufgehört hat, denn später findet sie im Inneren statt und löst in der Erinnerung jedes Mal neu Angst und Schmerz aus.

Betroffene fühlen Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, oft auch Isolation, Resignation. Wie sollen sie da ausbrechen können? Wie sollen sie da an sich selbst glauben, woher die Kraft und den Mut nehmen? Und wenn sie es dann doch irgendwie herausgeschafft haben, steckt das Erlebte noch immer prägend unter ihrer Haut.

Jedes Mal, wenn ich Sprüche höre oder lese, wie dass es ja nur darauf ankomme, wie wir die Dinge bewerten und wie wir darüber denken, fühle ich diese krasse Diskrepanz zwischen dem, was viele wohl so denken und dem, was ich selbst erlebt und in Gesprächen mit anderen beobachtet habe.

Nein, wie es uns geht, ist nicht nur das Ergebnis dessen, wie wir über die Dinge denken. Es ist vor allem das Ergebnis dessen, was wir fühlen und erleben. Jetzt. Direkt und unmittelbar. Und es ist ein Ergebnis dessen, was wir bis hierher gefühlt und erlebt haben. Ganz ohne Bewertung.

Inzwischen weiß ich, dass wir traumatische Erfahrungen nur lösen können, wenn wir uns diesem Gefühl- und Erlebthaben stellen. Und das geht definitiv nicht über Rationalisierung und Anders-über-etwas-Denken.

Hört also bitte auf, zu sagen, dass Opfer auch immer irgendwie selbst schuld sind.

Das Vergehen der Tage

Elf Tage dreht sich die Welt jetzt schon ohne dich, lieber Freund, so, wie sie das schon immer getan hat. Sie hat noch nie angehalten, wenn jemand gestorben ist, wie könnte sie auch? Müsste sie nicht dauerhaft anhalten, da doch immer irgendwo jemand stirbt; und müsste sie dann nicht ständig hüpfen, wenn jemand geboren wird?

Immer stirbt irgendwo jemand. Junge Menschen und ältere. Gesunde und kranke, mit und ohne Schmerzen, plötzlich oder langsam, ohne oder mit Abschied; und mit oder ohne geliebte Menschen in der Nähe. Einsame Menschen sterben ebenso wie Menschen, die viele Lieblingsmenschen haben.

Und immer schlüpft irgendwo jemand hinaus in die Welt. Kleine Menschen, die sehnlichst erwartet werden und solche, die niemand geplant hat. Als ließe sich das Leben planen. Arm und reich, gesund und krank, mit oder ohne Haare, kleine Menschen mit beschädigten Herzen. Geboren werde sie alle, und alle sind sie darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmert, damit sie nicht verkümmern.

Wir müssten immerfort weinen und lachen, trauern und uns freuen, Abschiede und Anfänge feiern.

Statt dessen lassen wir die Tage werden und vergehen; und füllen sie mit Dingen, von denen wir glauben, dass sie getan werden müssen oder dass wir sie tun sollten und mit solchen, die wir tun wollen. Und das ist gut so.

Als du auf der Intensivstation lagst, vom Hals an abwärts gelähmt, begann meine Uhr anders zu ticken.

Du hast mir einen neuen Blick auf Leben und Sterben ermöglicht. Einen neuen Blick auf Leid und Schmerz auch. Auf Freundschaft und Verbindlichkeit, auf letzte Bitten und auf Dankbarkeit. Und natürlich auch, auf das was bleibt. Auf Materie, die jemand hinterlässt und auf jene Dinge, die unsterblich sind.

Nein, ich glaube nicht mehr an ein Danach, aber ich glaube an Verbindungen, an Erinnerungen, und ich glaube an Freundschaft.

Ich glaube an das Leben. Auch wenn es vielleicht nur dem Tod abgetrotzte Zeit ist.
Ich danke dir, lieber Freund.

Eigentlich anders

Content warning »Sterbebegleitung, Sterben, Tod, Abschiednehmen«
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Eigentlich wollte ich dieser Tag hier einen liebevollen, begeisterten, einladenden Text über das geplante Live-Kunst-Reiseprojekt des liebsten Irgendlink schreiben. Einen Text über seine Pläne, via Helsinki ein weiteres Mal ans Nordkap zu radeln. Einen Text über die Umsetzung eines Traumes, der seit Mitte Pandemiezeit immer konkreter wurde und dieses Jahr in die Wirklichkeit geholt werden sollte.

Uneigentlich ist alles ganz anders. Gestern Nachmittag fand ein Gespräch statt, von dem wir uns erhofft hatten, dass danach unser lieber Freund S. endlich und seinem Wunsch, seiner mündlichen Patientenverfügung, entsprechend, von seinen unheilbaren Schmerzen befreit wird.

Diese existentielle Fragen liegen uns schwer auf Mägen und Herzen. Es geht um Würde und Autonomie bis zuletzt, und es geht um Fragen zu Lebenmüssen und Sterbendürfen. Um Entscheidungen, die wir für einen lieben Menschen treffen müssen, der sich nicht mehr zu Wort melden kann. Ich bin ja ’nur’als Mitmensch und langjährige Freundin im Boot, der Liebste jedoch als Beistand. Schwere Entscheidungen. Wir machen es uns keineswegs leicht.

Mein Herz ist schwer. So viele Erinnerungen an unseren lieben Freund S. tauchen auf, während ich an seinem Bett stehe. Die letzten Besuche im Pflegeheim. Mein letzter vor dem aktuellen Klinikaufenthalt war jener, bei welchem wir ihm das von Freunden finanzierten E-Mobil geliefert hatten. Das er aber, weil er von seiner zweiten Covid-Erkrankung noch so geschwächt war, noch gar nicht hatte probefahren können.

Leider hat das gestrige Gespräch nicht das erhoffte Ergebnis bewirkt, nämlich das Freund S. von seinen Leiden erlöst werden darf. Nochmals neun Tage Abwarterei. Heute oder jedenfalls bald bekommt S. einen Luftröhrenschnitt, dann soll das Morphin ausgeschlichen werden und alsdann soll S. bitteschön höchstpersönlich sagen, dass er nicht mehr weiterleben will. Obwohl wir eine Tonaufnahme von eben dieser Aussage haben. Und diese auch in verschriftlichter Form vorliegt. Und der Liebste immerhin S.s juristischer Beistand ist. Dass S. vor einem Monat jener einen OP zugestimmt habe, die ihn von seiner zunehmenden Lähmung erlösen sollte, sei doch Zeichen dafür, dass S. weiterleben wolle. Dass die OP eher nicht erfolgreich war, wird ignoriert.

Es ist ein Trauerspiel. Wir geben nicht auf.

Des Liebsten Reise ist jedenfalls gecancelt. Aber vielleicht ist ja aufgeschoben nicht aufgehoben. Bestimmt würde sich S. sogar freuen, wenn Irgendlink nochmals vom Nordkap in die Ferne gucken könnte. Ganz bestimmt sogar.