Und manchmal eben gar nicht.

Dumm ist sie wirklich, diese Scham darüber, nicht so zu sein wie man glaubt, dass einen andere haben wollen, oder wie man nützlich, nutzbar, benutzbar wäre. In meinem Fall zum Beispiel hieße das belastbarer, leistungsfähiger, stärker zu sein als ich bin. Dumm, wirklich dumm, dass ich mich dafür schäme. Und ja, klar kann ich zuweilen belastbarer sein. Und ich kann auch immer mal wieder mehr leisten, sehr viel sogar. Es ist, wie Herr Bock auf Instagram mal in einem Textbild geschrieben hat: ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

Textbild. "Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht."

Nicht alle haben eine gleich große Decke zur Verfügung, die sie schützt. Wenn ich mich auf der einen Seite meines Lebens bedecke, entblöße ich dafür eine andere Ecke meines Lebens, weil meine Decke nicht für alles reicht. (Sind womöglich alle Decken dieser Welt zu klein oder ist es nur Einbildung, dass meine zu klein ist? Habe ich womöglich einfach die ’falsche Einstellung’ oder glaube ich das Falsche oder zu wenig? Außerdem wissen die andern ja sicher besser, warum meine Decke nie reicht.) Und ja, ich finde das zuweilen auch ungerecht vom Leben.

Gebe ich meine Energie in etwas, das mir eigentlich nur halb am Herzen liegt, fehlt sie mir für jene Dinge, die mir wirklich am Herzen liegen. Dazu gesellt sich natürlich sofort ein Gefühl der Unzufriedenheit, weil ich statt gut zu mir geschaut, meine Kraft für etwas eingesetzt habe, an das ich nicht wirklich glaube. Konkret: Statt kreativ zu arbeiten, zu schreiben, zu kunsten, schufte ich an Bewerbungen für Stellen, die ich nicht haben möchte.

Sehe ich uns Menschen an, sehe ich unsere immense Angst davor rauszufallen. Es gibt viele Arten herauszufallen. Am berüchtigsten ist jene, wenn wir nicht die von uns geforderte Leistung erbringen. Und wir fallen nicht nur aus der Arbeitswelt heraus, wir fallen zugleich auch heraus aus dem Gesellschaftsgefüge, aus dem Konsumkarussell. (Darüber hat Irgendlink heute auf Flussnoten.de sehr weise gebloggt.)

Wie viel besser es uns allen doch gehen würde, wenn wir nicht immer rennen, schuften, leisten müssten. Vor allem dann, nicht, wenn wir es tun, weil wir immer noch mehr haben, immer noch mehr konsumieren wollen. Konsum ist oft genug Kompensation. Weil wir erschöpft sind, kaufen wir uns zur Belohnung für den Stress Dinge, die wir nicht wirklich brauchen würden, wenn wir das Leben stressfreier leben würden. Nun ja, wir müssen schließlich die Wirtschaftsspirale ankurbeln, wir müssen ja weiter wachsen, weiter und weiter. Leisten. Noch mehr leisten.

Es war einmal ein Krug, er zerbrach am Brunnen, weil man ihn, trotz seines feinen Materials, zu sehr gefüllt hatte. Die Scherben liegen noch heute da. Für die einen sind sie ein Denkmal, für die anderen der Beweis für schlechtes Material.

Es kann doch nicht wirklich sein, dass wir immer ans Limit und am Limit gehen und immer öfter über unser Limit heraus. Dass wir immer wieder in diese Falle geraten. Und sie dabei immer seltener als Gefahr erkennen und als Falle. Aber wie könnten wir anders, wo wir doch gar keine Zeit haben, nachzudenken?

Weiter. Weiter. Unterschwellig lauert der ständige Vergleich, dieser Druck, dieses Ich-muss-doch. Dieses Leistungs- und Konkurrenzdenken hält uns vom bewussten Leben ab und manövriert uns in einen chronischen Überlebensmodus hinein. Ich sage wir und uns? Ja, denn ich kenne genug Menschen, die betroffen sind, um den Plural Wir verwenden zu können.

Wenn ich Bücher oder Blogs lese, fällt mir auf, dass ich mich dort am meisten berührt und angesprochen fühle, wenn Menschen menschlich handeln, verrückt vielleicht, aber menschlich, freundschaftlich, engagiert, emotional. Wenn sie nicht wie maschinengewordene Menschen handeln.  Wenn sie etwas begeistert, beherzt und mit Leidenschaft tun.

Vielleicht ist es genau diese Leidenschaft, die wir fürchten. Wir und jene, die an den Hebeln der Macht sitzen. Leidenschaft ist unberechenbar. Darum halten wir sie, zumindest im Berufsumfeld, an der kurzen Leine. Doch die Erfahrung zeigt: was immer unterdrückt wird und keinen Raum bekommt, weil es schwierig im Alltag intergrierbar ist, schlägt irgendwann Löcher in die Kerkerwände. Leidenschaft kann, ist sie erst entfesselt, zu Verbrechen, zu Kriegen, zu was-immer-noch-Schlimmem führen; doch wenn sie nach oben ausschlägt, kommen Schätze zu Tage. Ich denke dabei an alle Formen der Kunst, an Wissenschaft, Forschung etc. Was wäre unsere Welt ohne all die QuerdenkerInnen aller Zeiten und aller Sparten, die ungeachtet der Umstände beherzt ihr Ding machen (wie zum Beispiel Luisa Francia oder auch Irgendlink). Begeisterung und Leidenschaft aber brauchen Raum, brauchen eine Umgebung, die das fördert, die das möglich macht.

Und sie brauchen nicht nur Raum, sie brauchen auch Mut, Mut und Kraft. Und Weisheit. Hinter allem die Fähigkeit, zu spüren, was wir wirklich brauchen – als Einzelne, als Kollektiv. Bedürfnisspürigkeit* jenseits von Marktforschung und Kaufoptimierung. Diese essentielle Fähigkeit, die den meisten von uns abhanden gekommen ist. Zumal für viele Menschen Bedürfnisse zu haben, sich zu spüren und seine Grenzen zu spüren, suspekt ist. Da drückt das Weltbild des Patriarchats, in dem wir noch immer leben, voll durch. Bedürfnis riecht nach Bedürftigkeit, riecht nach Schwäche, riecht nach Leistungsunfähigkeit. Und das in einer Welt, in der Schwäche und Leistungsunfähigkeit mit Hartz IV (D) resp. Sozialamt (CH) geahndet werden.

Dabei ist es genau das, was unserer Welt fehlt: Beherztes, begeistertes, leidenschaftliches Denken und Handeln. Dazu der Mut, zu sein, wie man ist und zu handeln, wie man fühlt. Und das können wir nur, wenn wir, die wir schwächer als die Norm oder sonst wie anders sind, nicht mehr stigmatisiert werden.


* Dieses Wort hat Frau Rebis neulich gebloggt.

Der Traum vom Fliegen

Der eine verzaubert uns mit dem Diabolo, der andere am Hochseil, zwei Frauen klettern an der Stange aufwärts als wäre sie watteweich. Dazu viel Jonglage, Seil und Trapez, noch mehr Luftakrobatik und zwischen den Zeilen immer Klamauk und Schalk. Und alles ganz ohne Kitsch und Glitzer. Schließlich das Trio, das mich persönlich am meisten begeistert: eine Frau und zwei Männer, die auf einem roten Polsterteppich durch die Chinesischen Ringe fliegen und gegenseitig aufeinander aufpassen, dass keiner einschläft (ganz am Anfang des Trailers zu sehen: bei 0:03).

Und die Clowns, natürlich! Sie rahmen die ganze Geschichte ein. Denn Circus Monti heißt immer Gesamtkunstwerk und Circus Monti heißt, sich eine (Zirkus-)Geschichte erzählen zu lassen. Die überdimensionierten Bücher machen uns bereits neugierig, während wir – vorgestern Abend war es – unsere Plätze suchen. Einzelne Bücher, pop-ups, werden später vor den jeweiligen Nummern geöffnet und verrate, was wir gleich mit eigenen Augen genießen dürfen. Und das ist jede einzelne Darbietung: ein Genuss für die Augen – und fürs Herz!

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Emilia und Gutzi, sie zierlich und klein, er ein langer Lulatsch, träumen – schon beim ersten Auftritt – den ewigen Traum des Ikarus. Mit Papierflugzeugen fangen sie an, später sind es Ballons, noch später kleine Heissluftballons und sogar Gutzi muss als potentielles Flugzeug herhalten, damit Emilia endlich aufsteigen darf. Alle Versuche, die die zwei sympathischen Clowns – zwischen den andern Nummern – unternehmen, scheitern jedoch kläglich. Erst am Schluss, als das ganze Ensemble sich ihrer erbarmt und bei der Umsetzung des Traumes mitanpackt, fliegen die beiden – er als Flugzeug, sie als Pilotin auf seinem Rücken – am Hochseil durch die Lüfte.

Wunderbar poetisch dazu die Musik, die sich wunderbar ins Gesamtkonzept ergießt.

Freundin L. und ich sind hell begeistert. Monti ist für uns beide DER Circus überhaupt. Im Gegensatz zu all den andern Zirkussen bekommen wir hier eine Geschichte erzählt, wir finden Witz, wir sehen köstliche kleine Details, und vor allem begegnen wir großer Leidenschaft am Kunsthandwerk der Zirkuswelt. Andere Zirkusse glitzern und glimmen und sie sind gewiss alle viel dramatischer und womöglich auch professioneller, doch hier finden wir Menschen. Menschen, die mit größter Hingabe und Kunstfertigkeit ihr Können darbieten.

Das Leben … ein einziger großer Zirkus?, frage ich uns auf dem Heimweg. Ist es nicht so, dass wir alle – genau wie diese wunderbaren Artistinnen und Artisten – unsere einmaligen Talente haben und diese auf unsere ganz eigene Weise der Welt darbieten sollten? Und wenn wir alle das tun, was wir am liebsten machen und am besten können und dieses Tun als Teil einer übergeordneten Choreographie begreifen, die wir verinnerlicht haben … Was meinst du? Vielleicht vielleicht wäre die Welt dann …

… ein besserer Ort?