Gestern Abend zu später Stunde, bei Kollegin A. mit Raclette und einem guten Wein, und nachdem wir aufgehört hatten, unseren aktuellen Arbeitsfrusts Luft zu machen, kamen wir auf Ängste im allgemeinen und meine im besonderen zu sprechen.
Nein, wenigstens vor dem Tod habe ich keine Angst, sagte ich.
Ist denn deine Angst vor dem Leben, die du zuweilen erwähnst, nicht letztlich auch eine Angst vor dem Tod?, fragte A.
Zuerst verneinte ich vehement, doch als wir jede Angst als Angst vor der Angst und Angst vor dem Leiden an der Angst enttarnt hatten und gleich noch ein paar Schichten tiefer gingen, um der letzten aller Ängste in die Augen schauten, begriff ich: Sie, die große Unbekannte, ist die Angst davor, nichts mehr zu haben, nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu können, nichts mehr zu sein und nicht mehr wirklich existent zu sein, sich aufzulösen. Lebendig tot zu sein. Die Angst also vor dem NICHTS? Und ja, vor so einem Tod, einem toten Zustand als Lebende, fürchte ich mich in der Tat.
Ich definiere mich hier und jetzt über mein Sein, Tun, Lassen, Denken und Haben. Und ein paar andere Dinge. Sollten diese alle umständehalber eines Tages wegfallen, bin ich dann noch immer ich? Oder wie fühlt sich dieser Worst Case wohl an? Könnte ich mich überhaupt ganz und gar verlieren, wirklich meine ich? Und ändert Angst zu haben etwas daran? Oder ist gar dieser totale Verlust das Nirwana oder die Erleuchtung? Und nein, eine abschließende Antwort haben wir keine gefunden.
Auch über das Leid redeten wir, über das Leiden an Umständen. Und wie anders es sich anfühlt, wenn wir einen schwierigen Umstand nicht zwingend als Leidensgrund, sondern einfach als Faktum definieren. Ob der Rücken wohl weniger weh tut oder die Angst vor dem Loslassen weniger schmerzt, wenn wir das Ganze einfach akzeptieren? Bestimmt brauchen wir weniger Energie im Umgang mit dem schwierigen Umstand.
Später wird eh alles besser, später, wenn ich … Nein. Jetzt.
So hangele ich mich heute und morgen und übermorgen an meinem roten Faden durch mein Lebenslabyrinth. Auch so komme ich irgendwie vorwärts.
Apropos Gegenwart, hier noch ein kleiner Input …
Die Gegenwart ist schlimm, zu meiner Zeit war es besser, sagt der Mittdreißiger an der Bushaltestelle. Die beiden Angesprochenen schütteln den Kopf. Der Mittfünfziger sagt: Nein, nein! Noch früher, als ich jung war, da war es angenehm. Woraufhin der Mittsiebziger ergänzt: Tut mir leid, aber am besten war es ganz früher, als ich ein Kind war.
Der Mittdreißiger fasst den Zustand der Welt zusammen: Tja, wie auch immer. Heute ist alles nur noch Mist.
In diesem Augenblick taucht der junge Praktikant am Ort des Geschehens auf. Sein Gesicht ein einziges Leuchten: Aber bedenken Sie, meine Herren, wie wunderbar die heutige Gegenwart in der Zukunft sein wird.
Drei betretene Gesichter.
Schließlich wieder der Mittdreißiger: Stimmt! Ich kann es kaum erwarten, bis das Jetzt Vergangenheit ist.
Quelle: Comic „Die Ladenhüter“ von Boris Zatko, Coopzeitung vom 11.1.11, Seite 3.



