Von Ärgernissen und Lachtränen

Bin heute Morgen auf dem Weg zur Post nur dreimal fast überfahren worden. Wohlgemerkt ohne mein Dazutun. Ich war halt einfach zufällig da. Materie, die auf andere Materie trifft. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Nebenstraßen verlocken Autofahrende dazu, Stoppsignale zu überfahren. Kenn ich ja selbst – allerdings nur wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, denn mit dem Auto fahre ich meistens anständig *hüstel*

Mein heutiger Arbeitsweg schenkte mir auf nur fünf Kilometern nicht nur zig Lebensgefahren sondern auch gleich noch zig Möglichkeiten, mich über Gott und die Welt zu ärgern, dachte ich kurz bevor ich unser Büro ansteuerte und dazu eine zweitletzte Straße querte. Eine Rollerfahrerin überließ mir den Vortritt und lachte mir freundlich zu.

Wow, die macht es richtig! Ich lächelte zurück, denn Lachen fühlt sich doch viel besser an, als sich zu ärgern. So fuhr ich grinsend weiter, froh, die zuvor erlebten Ärgernisse nicht gefüttert zu haben und den Gefahren der Straße einmal mehr entronnen zu sein.

Im Büro erwartete mich viel Arbeit. Wie seit Wochen. Wie gut, dass ich einen Druckbleistift habe, denn zum Bleistiftspitzen komme ich zurzeit nie. Für die Eventmanagerin vom Dienst, zu der ich wie die Jungfrau zum Kinde, in den letzten Wochen mutiert war, gab es heute die letzten Dinge für unser großes Fest zu erledigen. So ein öffentlich gefeiertes Jubiläum mit fast hundert Gästen will gut geplant sein. Schlaflose Nächte inklusive. Mein Scheff sah heute älter aus als auch schon. Die vielen zu haltenden Reden und Ansagen zehren an seinen Nerven. Verständlich.

Dazu habe heute sein Vater Geburtstag, erzählte er mir zwischen Tür und Angel. Sechsundachtzig werde er.
Noch so jung?, sagte ich. Wie alt warst du denn, als du geboren wurdest? Kaum war der Satz raus, grölten wir drauflos. Ich konnte fast nicht mehr stehen, musste mich am Türrahmen festhalten, hatte vor Lachen Tränen. Auf dem Klo, wohin ich mich lachend verzogen hatte, rechnete ich schließlich aus, was ich hatte wissen wollen. Wie alt sein Vater damals gewesen war. Als mein Scheff in der Zehnuhrpause meinen Kolleginnen – denn nett wie er ist, teilt er gute Storys gerne mit anderen – von meinem verbalen Fauxpas erzählte, lachten wir alle von neuem Tränen. Neben all den ernsthaften Themen und all dem Stress der letzten Tage und Wochen sind solche Momente unbezahlbar.

Ach, wie froh ich sein werde, wenn es morgen Abend um halb zwölf ist und wir das Fest hinter uns haben! Natürlich wird alles gelungen sein und wir alle werden auf einen tollen Abend zurückblicken. Alles wird rund laufen und die Leute werden sagen: Das war ja mal was ganz anderes! Hat das Spaß gemacht!

Und wir werden, im kleinen Kreis – die Küche ist fertig geputzt und alles ist aufgeräumt – Grappa trinken und lachen. Und wir werden sagen: Die ganze Arbeit, der ganze Aufwand hat sich gelohnt!
Aber Grappa gibt’s erst nach der letzten Ansage, Scheff! Versprochen?, sage ich, bevor er geht. Er zwinkert nur und winkt zum Abschied. Bis morgen dann.

Ob ich wohl die Flasche, die bereits mit dem ganzen Material im Kofferraum meines Autos bereit liegt, vorsorglich verstecken soll?

Es wird immer irgendwann wieder morgen

Schon vorbei, die Lesung. Und hat nicht mal weh getan. Im Gegenteil.

Kurz vor dem Anlass stellten wir unser spontanes Programm auf. Dabei beschlossen wir in drei Blocks zu lesen. Im ersten wechselten Mösiö M. und ich uns – nebeneinander auf Barhockern sitzend – mit kürzeren und längeren Texten ab. Madame A. las nach der ersten Pause zwei längere Texte aus ihrem tollen Romanmanuskript. Nach der zweiten Pause waren nochmals M. und ich dran.

War echt total  toll und gemütlich. Ich finde, es war eine richtig gute Lesung. Auch das Publikum war fein, zwar klein, aber begeisterungsfähig.

Was für ein schöner Abend … mit anschließender Kneipentour natürlich! Hach, es lebe meine aus dem Sommerschlaf erwachte Schreibgruppe!

Danach? Bierselige Müdigkeit. Und ein Morgen, der sich viel zu schnell angeschlichen hat …

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Warum die Summe immer null ist, liebe K.?
Hat denn nicht alles einen Gegenpol?
Ist die Summe von Minus und Plus denn nicht immer null?
Und ist nicht die Summe von allem, wen wundert’s, immerimmer die Liebe?

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Ich bedanke mich bei allen DaumendrückerInnen herzlich!

Lipogramm V

u-entleert

Am Grab saß sie lieb, sang
Lieder,  trank Tee, schenkte
Kaffee ein. Wein manchmal. Bier. Vielleicht. Deswegen
war sie nicht gerne gesehen, da,
wo sie hinging. Jetzt. Anschreien wollte
sie sie. Die anderen, die nicht
verstanden, dort. Das Kissen noch immer
am Kamin. Weil sie holperige
Worte stotterte, ging sie weiter. War sich lieb. Er sich, ich
mir, andere sich selbst – immer so, von
oben. Sang sie am Grab. Wieder.

Lipogramm IV

Heute nicht das i-entleerte Lipogramm, nein, denn es ist Freitag. Mit i, nicht ohne. Wie Irgendlink gestern bemerkte. Heute das o-Ding. Das passt. Morgen das i-Teil und am Sonntag jenes mitohne u drin. Ob ich auch eins mitohne x hätte, fragte mein Liebster weiter. Das wäre alltagskompatibel. Ich werde es mir überlegen, vielleicht … Wenn ich mal gaaanz viel Zeit habe.

o-entleert

Summiere alle deine
Ideale, Pläne, Träume, Sünden, Nach-
lässigkeiten, und
Wunden. Addiere dein Blut mit meinem, dein
Herz mit dem aller
Menschen aus allen
Ländern der Erde. Das Ergebnis, wen
wundert‘s, ist Null. Immer. Sag mir, du da, ist Null
dir viel, ist Null dir wenig? Ist Null Anfang,
Same, Ursprung – Ziel vielleicht? Ist Null Leben
oder nichts mehr? Kein Gewicht. Darum
vielleicht
gar
die Liebe schlechthin?

Lipogramm II

a-entleert

Kennenlernen im Kopf, dem geschüttelten
und sich dehnen, doppelt. Vielen kichernden Gespenstern
zum Trotz großzügig verzeihen ohne
ins Dorf hinein zu gehen. Denn
Gegenwehr im Gegenteil zu Hellsicht
sei Holprigkeit. Wie sie sich einbildete.
Gewehre eben, entgegen der Meinung vieler, spiegeln
immer ein Bild von Leere. Denkt sie. Im Kopf, dem
geschüttelten, wie du weißt.

hätte ich bloß nicht …

Manchmal kann ich einfach meinen Mund nicht halten. Kurz vor Feierabend, nach einem Tag, wo endlich ein paar stagnierte Dinge ins Fließen gekommen sind, steht mein Scheff, der ausnahmsweise vor mir das Büro verlassen will, unter der Tür. Plauderton. Dies und das.

Auf einmal ist es raus. Ich erzähle, dass ich am nächsten Dienstag mit zwei andern von meiner Schreibgruppe zur Eröffnung des neuen und ersten Berner Geschichtenladens ein paar Texte vorlesen würde. Sofort zückte er seinen Taschenkalender, da sein Palm zurzeit streikt, und kritzelt etwas hinein. Hoffentlich kann er es später nicht mehr lesen. Bei seiner Kralle durchaus möglich.

Hilfe!, dachte ich. Der wird doch wohl nicht etwa auftauchen? Hoffentlich plaudert niemand meinen Blognamen aus, sonst ist meine Tarnung dahin und ich kann nicht mehr, wie bis anhin, drauflos lästern. Na ja, dass ich blogge, hab ich ihm wohl mal erzählt. Allerdings weiß er, als Internetbanause, wohl nicht mal, was ein Blog ist. Und schon gar nicht, jedenfalls bis jetzt, unter welchem Namen ich in der virtuellen Welt herumspaziere. Gopf, das soll auch so bleiben.

Wieso gibt es bloß nicht auch im realen Leben ein paar dieser tollen Knöpfe, wie sie meine Laptoptastatur hat. Delete. Ihr wisst schon.

Während ich diese Zeilen tippe, druckt mein Epson meine Texte aus, die ich  für die Lesung ausgewählt habe. Ein Sammelsurium von schrägen, witzigen, grotesken Wortgeweben. Satzgespinste. Dada hie und da. Vier neue Lipogramme gar, die mir einfach so in die Finger, will heißen in die Tasten, geplätschert sind …

Wir werden abwechselnd lesen, so ist es ausgemacht. Wird sicher witzig.

brennend

Wie ich gestern Nacht so im Bett liege, an einem getragenen T-Shirt, das ich J. abgeschwatzt habe, schnüffle und mir „nur noch dreimal schlafen“ zuraune – wie wir es bei Kindern tun –, begreife ich, dass ich die älteste, häufigste, herrlichste, traurigste, brennendste, dominanteste Emotion erlebe, zu der wir Menschen fähig sind. Eine Emotion, die mich mit allen Menschen auf dieser Erde verbindet. Die paar wenigen Erleuchteten auf dieser Erde vielleicht ausgenommen.

Nein, keine Emotion hat die menschliche Welt wohl mehr geprägt als die Sehnsucht. Die Welt der Kunst – was wäre sie ohne die Sehnsucht eines Da Vinci, eines Goethe, eines Mozart nach dem vollkommenen Abbild jenes inneren Feuers? Auch die Welt der Wirtschaft – was wäre sie ohne Sehnsucht der Menschheit nach Bequemlichkeit, nach Reichtum, nach Entwicklung und Erkenntnissen? Und was wäre die Welt, was wäre das Leben, deins und meins –  ja, und deins und deins auch – ohne unsern täglichen Traum von „besser, schöner, freier“?

Suchende sehnen sich.

Ich zum Beispiel ersehne mir zuweilen die Freiheit von Wünschen und Sehnsüchten. Und davon, nicht mehr länger bedürftig zu sein. Und keine Sorgen mehr zu haben, ganz besonders keine finanziellen mehr. Sehnsucht nach Zeit ist auch nicht unwesentlich in meinem Leben.

(Notiz an mich:
All die gestillten Sehnsüchte
was ist mit ihnen? Gebären sie nicht ständig neues Sehnen?)

Schnitt.

Sehnsucht macht sich an Erinnerungen fest. Und an Hoffnungen. Und sie ist radikal, denn sie ist zwar niemals gegenwärtig, doch meint sie immer das Jetzt. Sie zielt auf das erwünschte Ding hin, auf jenes, das einst war oder irgendwann sein wird, auf jenes große Jetzt, auf die Erfüllung des Seins im Augenblick. Ob Mondlandung oder Orgasmus ist dabei einerlei. Es geht um das Glück jenes Augenblicks, das wir ersehnen. Jenes Augenblicks, der in Vergangenheit und Zukunft reicht und alles aufsaugt, was je war und je sein wird. Für einen Augenblick zumindest. Und für die Ewigkeit.

Es riecht so gut nach J., das T-Shirt. Ich schnüffle noch ein wenig, bevor ich tief und fest einschlafe.

am Niederriedstausee

Mein Wohnzimmer ist zuweilen sehr groß. Heute reichte es bis an den Niederrieder Aarestausee. Wo ich zwei Geocaches hob und im neuen Wallander las. Hat gut getan, mir die Altweibersommersonne auf den Pelz brennen zu lassen … aaahhh …

beim ersten Geocache …

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Siesta …

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… und jetzt geht’s wieder heimwärts …

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Menschenskinder!

Wenn viele Menschen aus vielen Himmelsrichtungen zusammen sind, hüpft mein Herz ob all des Reichtums an Geschichten. Wie leben, wie denken, wie gestalten andere das Leben? Wie nehmen sie es wahr?

Wir saßen auf den gemütlichen Balkon der tollen neuen Altwohnung, in die meine jüngeren Freunde M. und A. neulich zusammengezogen sind. Einweihungsfest. Menschen aus zwei Freundeskreisen. Die meisten kannten sich nicht. Fließende Übergänge zwischen Kleingerede und großen Themen, denn wenn du genau hinhörst, erkennst du zwischen den Fäden der vordergründig smallgewalkten Gewebe auf einmal ganz persönliche Abgründe, Hoffnungen, Ängste, Weisheiten und Sorgenfalten.

Was für ein bereichernder Abend! Vor dem Abschied werden Nummern getauscht, Einladungen ausgesprochen und Musiktipps notiert.

Wie ich spätnachts auf dem Rad über die Kirchenfeldbrücke nach Hause radle, spätsommernächtlich warm ist es, fühle ich mich – nach einem Abend mit zehn bis zwanzig Jahre jüngeren Menschen – auf einmal auch gleich um zehn Jahre jünger.