irgendwie schief

Digitale Bildbearbeitung, so habe ich neulich von J. gelernt, kann sich auf mehrere Ebenen ausdehnen. Ein Bild kann unendlich oft aufeinander kopiert werden, so dass Ebene für Ebene nach Gusto bearbeitet werden kann. Wie Overheadprojektor-Folien, die aufeinandergelegt seien, müsse ich mir das vorstellen. Wenn alle Folien schön aufeinander liegen, sehen wir nichts von den verschiedenen Ebene. Schizophren irgendwie? Die verschiedenen Ebenen können sogar bildfremde Objekte enthalten oder sein, dazu gefügte Elemente also. Zur Ergänzung oder Erweiterung des Gesamtbildes. Noch schizophrener? Oder ganz normal. Denn, wie gesagt, wenn alle Folien korrekt aufeinander liegen, sieht niemand etwas von der Splitterei und den vielen Schichten.

Auch meine vielen Lebensebenen schichten sich derart aufeinander. Hin und wieder lege ich eine neue Folie drauf, hin und wieder ist die eine oder andere Folie überflüssig geworden und löst sich auf. Doch werden es dennoch, je älter ich werde, immer mehr Folien. Und immer bin ich auf Kongruenz bedacht. Mit immer mehr Folien nicht ganz einfach.

Würde ich – so dies denn ohne etwas zu zerstören, ohne Schmerzen und ohne Verluste, möglich wäre – , einige der gemachten Erfahrungen oder der erlebten Begegnungen oder Beziehungen entfernen? Würde ich gerne die eine oder andere Folie löschen? Das veränderte Gesamtbild – wäre das noch dieses Ich, das ich bin? Und würde ich das Entfernte überhaupt erinnern oder vermissen können, wo es doch nicht (mehr) da ist? War es überhaupt je da?

Mit solcherlei Herzgespinsten heute Morgen aus den Ebenen der Traumwelt aufgetaucht, in welcher, wie immer, meine Folien ziemlich verschoben wurden. Ein verändertes Bild meiner selbst. Wie immer rücke ich als erstes, noch vor dem Augenöffnen, zurecht, was schief war.

Nachtfalter flattern jetzt

Seit ungefähr einer Woche ist die zauberhaft-gruselig-spannende Anthologie

Nachtfalter und andere Kreaturen der Dunkelheit

im Handel.

Wenn der Tag endet, erwachen sie – die Kreaturen der Nacht. Manche mögen der Fantasie entspringen, andere schauen uns mit ihren weisen, heiteren oder nachdenklichen Augen ins Herz. Auch schaurige Gestalten könnten Euch begegnen, die vielleicht Eure tiefsten Ängste wecken.

Lasst Euch von uns, den Autorinnen, Autoren des Anthologieforums, in fremde, unheimlich-vertraute, längst vergangene und geheimnisvolle Welten entführen. Die Geschichten werden Euch begeistern!

Ich freue mich darüber, dass ich mit zwei Geschichten mit dabei bin!

Wichtig: Alle Autoren, Autorinnen und sonstige Beteiligten haben zugunsten der Berliner Obdachlosenhilfsorganisation Die Brücke e. V. auf ihr Honorar verzichtet.

Buch-Infos:
HerausgeberInnen: Anthologieforum
Erschienen ist das Buch im Wortkuss-Verlag München in der Reihe AnthoKuss.
ISBN-13: 978-3-942026-05-5
Preis: Fr. 22.40 (14,80 €) plus Versandkosten

Die Autorinnen und Autoren:
Renate Behr, Sylvia Dölger, Patricia Dragston, Simone Edelberg, Marlene Geselle, Raimund Hils, Iris Klockmann, Heike Krause, Marianne Labisch, Denise Maurer, Jon Padriks, Paul Sanker und Patrick Schön

Bestellungen Deutschland: info (( at)) wortkuss.biz
Bestellungen Schweiz: sofasophia (( at )) lebenswertvoll.ch > Versand mit Rechnung

Neue Sophistikierereien

Work like you don’t need the money, love like you’ve never been hurt, dance like nobody is watching, sing like nobody is listening and live like it’s heaven on earth.

Arbeite als ob Du das Geld nicht brauchst, liebe als ob Du nie verletzt wurdest, tanze als ob niemand Dich beobachtet, singe als ob niemand zuhört und lebe als sei der Himmel auf Erden.

(unbekannt)

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Wir hängen unser Herz bloß an jene Dinge, an die wir irgendwann Erinnerungen geklebt haben. Dinge ohne Erinnerung oder Dinge, deren Erinnerungskleber abgefallen sind, können wir deshalb problemlos wegschmeißen.

(von Sofasophia)

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Ein Fisch zum andern:
Du, wo ist eigentlich das Wasser, von dem alle die ganze Zeit reden?

Sagt der andere:
Na, wenn du mich fragst: Alles pure Erfindung! Lass uns, statt zu grübeln, lieber eine Runde schwimmen. Damit du wieder auf andere Gedanken kommst!

(von Sofasophia)

alle können es

Und alle tun es. Alle sprechen gerne darüber. Weil alle es KÖNNEN! Ob groß oder klein, komplex oder einfach gestrickt, alt oder jung. Das perfekte Thema für alle! Am liebsten werden im Kontext mit ihm gleich ein paar Schauergeschichten mitgeliefert. Geschichten, die mit Ja, damals vor zehn Jahren … oder so ähnlich anfangen. Dann folgen sie, die Erlebnisse mit Blitz und Donner, mit Hagel und  Sturm. Mit Schnee oder ohne. Geschichten über Naturgewalten. Ihre Faszination ist eine doppelte. Zum einen, weil wir uns – mitten in solch Erlebnissen – bewusst werden, wie klein und im Grunde machtlos wir sind (die stille Faszination) und zum anderen, weil wir uns gerne von Dramen erregen lassen (die laute Faszination). Am liebsten sind uns natürlich die Dramen anderer. Und wir gerne das Publikum. Zwar nahe am Geschehen, doch mit sicherem Abstand. Wie beim Krimilesen. Das Wetter – niemand kann sich ihm entziehen. Selbst wenn es das letzte ist, was wir sehen. Und das erste, wenn wir die Fensterläden öffnen.

Heute ein bisschen Neuschnee, stellte ich fest. Als ich bald darauf die Seite meines immerwährenden Seelenfarben-Kalenders wendete, war mir kurz, als stehe meine Mutter neben mir. Ganz unbewusst hatte ich, wie ich soeben begriff, vor einem Jahr ihr morgendliches Ritual übernommen. Jeden Tag hatte ich auf meinem Mondkalenderposter das Tagesmagnet einen Schritt weitergeschoben und mich dabei auf den neuen Tag eingestellt. Der Mondkalender wurde zwar inzwischen vom immerwährenden Kalender abgelöst, das Ritual blieb sich indes gleich. Ich suche täglich während dieses Rituals meinen Platz auf der illusorischen, chronologischen Zeitachse, die sich mein Leben nennt.

Meine Mutter. Bald neun Jahre sind seit ihrem Tod vergangen, doch sehe ich sie jetzt vor mir, als wäre es gestern gewesen. Sehe, wie sie nach dem Morgenkaffe und der Morgenzigarette vom Küchentisch aufstand und zum selbstgemachten Kalender am Küchenschrank ging, um den Tag –  den vergangenen, gestrigen allerdings – zu rapportieren. Mein Vater hatte ihr zur Herstellung ihres Kalenders eigens einen Holzstab zurecht geschliffen, der die perfekte Breite hatte, um die zwölf eierschalenfarbenen Halbkartons im A4-Format in jeweils einunddreißig, dreißig, neun- oder achtundzwanzig Zeilen zu unterteilen.

Schön, schrieb sie. Oder: Regen. Oder auch: durchzogen. Ein Wort meist nur. Außer wenn das Wetter kompliziert war. Aber auch dann reichte fast immer ein Wort: Wechselhaft. Je kranker sie wurde, desto reduzierter ihr Blick auf die Welt. Bis er nur noch das Wetter zu umfassen schien. Und den Zustand ihres schwächer werdenden Körpers. Irgendwann stand auf einmal auch Starke Schmerzen im Kalender. Oder Weniger Schmerzen. Der tägliche Rapport musste sein. Der Status Quo festgehalten, eingefangen, zur Erinnerung konserviert. Mit den Vorjahren verglichen.

Ich kann nicht umhin, dabei an mich und mein Kalenderritual zu denken. Und an meine Blogleidenschaft. Einer der Äpfel, scheint mir, der nicht allzu weit vom Stamm gefallen ist. Andere sind zum Glück weiter weg gerollt, nicht bei mir gelandet. Doch dieser hier schmeckt mir.

46 Grad 56 N – 7 Grad 26 O

1. Rien ne va plus

Wenn sie, er oder es fehlt, geht gar nix mehr. Winterschlafen höchstens. Decke über den Kopf. Ohne sie, er, es kann ich nicht sein. Ich brauche sie! Dringend! Oder ihn oder es. Für die Arbeit auch. Ja, im Büro fehlt sie, er, es mir am allermeisten. Wo sich das Ding bloß versteckt hat? Unter Schnee begraben? Gefrorene Software?

Wie einfach es wäre, einfach meinen Bio-Rechner hochzufahren und sie, ihn, es neu zu installieren. Runterladen aus dem Großen Netz. Oder eine entsprechende CD einlegen. Warum und wo das Teil rausgefallen ist, weiß ich nicht. Ein Virus vielleicht? Am liebsten also neu laden, auspacken und öffnen. Anwenden. Und alles wäre wieder gut. Wie einfach es sein könnte, das Leben.

Zum vermissten Inhalt:
BeGEISTerung – InSPIRation
MOTIV – BEWEGgrund
MOTIVation – ANTRIEB

Falls du, er, sie, es, ihr, sie meine abhanden gekommene Software finde(s)t, bitte sofort bei mir melden. FinderInnenlohn garantiert!

2. Kreuzpunkte

Warum mich Zahlen so faszinieren, weiß ich nicht. Ähnlich wie Buchstaben und Katzen führen sie ein autonomes Dasein, lassen sich mal hier mal da nieder. Dennoch gaukeln sie mir Sicherheit und Fassbarkeit vor. In Gleichungen zum Beispiel. Ich vertraue ihnen wider alle Vernunft. Auch lassen se sich auf Spielchen ein. Wie auf ein Leben als Teil einer Koordinatenangabe. Zum Beispiel.

Seit ich neulich das erste Mal ein GPS in Händen hielt und zu bedienen lernte, stelle ich fest, wie sehr mich die Idee fasziniert, dass sich jeder Punkt definieren lässt. Wo immer jemand ist, die Stelle lässt sich benennen! Mit Zahlen. Zahlen geben auf den Meter genau an, wo ich mich befinde. Und du. Ausgangspunkt ist, wie wir wissen, Greenwich, einst definierter Nullpunkt. Alles fängt mit einer Definition an. Null wäre hier also. Oder: du wärst da. Du wärst das. Ich wäre dies. Er jenes. Am Anfang war die Definition. Immer. Definieren ist machtvoll. Ein Spiel mit Wörtern und Zahlen. Schöpfungsmacht.

Was ich sagen wollte? Es entspricht meinem Naturell, ein Werkzeug zu kennen, das  mir sagt,  wo ich bin. Und dass ich bin. Dass ich da bin. Zugegeben, die Tatsache, dass ich anhand ein paar Zahlen anderen Eingeweihten verraten kann, wo ich wohne, hat was Unheimliches. Big Brother lässt grüßen. Natürlich. Dennoch …

Fällt mir eine Geographie-Stunde ein. Prüfungsarbeit Koordinaten. Meine Banknachbarin – wir saßen allerdings, wie immer bei Prüfungen, durch eine Sitzplatz-Lücke getrennt – hatte das ganze Theater ganz und gar nicht kapiert. Die Logik, die den nördlichen Breitengraden zugrunde liegt, war für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Noch in der Pause zuvor hatten wir gemeinsam geübt. Keine Chance. Also hatte ich mit ihr ausgemacht, dass ich ihr die Lösungen auf einen Zettel schreiben würde. Gesagt, getan. Doch ausgerechnet heute schielte der Gg-Lehrer ständig im Raum umher und bemerkte, wie ich den Spickzettel ins Pult neben mir legte. Eine Note Abzug. Schei… benkleister. Na ja. Damit konnte ich leben. Und wir hatten einen Grund mehr, den Lehrer zu verunglimpfen.

Wenn ich mich heute einem vorher im GPS eingespeisten Kreuzpunkt nähere, werde ich ganz zappelig. Es gilt, einen Schatz zu finden. Das Kind in mir trifft auf die Erwachsene. Hier bin ich. An diesem Punkt. Hier finde ich. Etwas. Ein bisschen Materie. Und ein bisschen mich. Und ein bisschen verloren geglaubte Software namens BeGEISTerung?

Passivleben

Habe mal wieder bis zehn geschlafen. Irgendwann zugelassen, dass ich von unter der Eisschicht an die Oberfläche trieb. Bin danach immer wieder eingedöst, bis ich irgendwann gegen die Dauermüdigkeit anzukämpfen begann. Nein. Nicht kämpfen. Ist zu anstrengend. Habe mich erneut sinken lassen. Wissend, dass ich heute nichts muss. Dass es egal ist, was ich heute tue. Relativ egal jedenfalls. Weil alles auch ein ander Mal getan werden kann, was ich meine tun zu müssen.

Habe schließlich irgendwann, noch immer im Bett, die letzten hundert Seiten von Jo Nesbøs fünftem Zeichen verschlungen. Und dabei begriffen, dass ich lesend nicht wirklich mein Leben lebe. Oder doch? Allerdings nur passiv. Passiv am fiktiven Leben anderer teilnehme. Desgleichen, wenn ich Bilder betrachte. Ich lebe andere Leben. Und meins im Rückspiegel. Ist aber okay.

Ständig könnte ich schlafen. Nichtstun. Kann mich nicht durchringen, aus diesem statischen Zustand herauszukommen. Aufzutauchen in die aktive Realität. Müsste ich doch. Leben ist doch aktiv und zielorientiert. Ich müsste bloß die Hand ausstrecken. Zum Beispiel nach dem Telefon. Geht nicht. Bin erstarrt. Eingefroren. Mitten in der Bewegung. Unmotiviert. Unmotivierbar. Lahm. Totgefroren???

All diese Ich müsste eigentlich! und Ich sollte doch! klopfen an der Eisschicht. Der neue Schreibauftrag ist einer davon. Aufdringliches Gepolter. Und anderes. Dies. Und jenes. Pseudopflichten, die weder notwendig sind noch Spaß machen, also genauso gut unerledigt bleiben können. Oder auf die lange Bank geschoben. Oder vielleicht sich selber erledigen.

Bin zu müde. Kann nichts tun außer Nichtstun. Und sein.
Zu müde, um zu leben?

Schwerkräfte

Halbe Geschichten immer wieder. Anfänge. Halbe
Träume. Massenweise Notizen und
Plots. Alle nicht schlecht, doch
fehlt ihnen etwas. Der Schluss? Hätten sie einen, wären sie
fertig. Am Ende. Und genau
das dürfen sie nicht sein, denn alles geht.
Alles! Geht! Immer! Alles geht
immer weiter. Irgendwie. Auch meine Geschichten. Die
Figuren leben, so stelle ich es mir vor, auch ohne mich
weiter. Nachdem ich sie erfunden habe. Immer weiter.
Ewig.

Da ist R., die sich Gedanken darüber macht, was der größte
gemeinsame Nenner dessen ist, was
Menschen brauchen, um sich
wohl zu fühlen. Frische Wäsche? Wasser? Eine saubere
Wohnung? Oder sei das bereits Luxus. Denkt sie. Lebendig
geworden durch meine Tastatur. Zum Leben
erweckt. Zur Denkerin gemacht.

Und dann? Wie weiter?

Oder D.. Sie dreht bisweilen das Gesetz der Schwerkraft
und sich selber auf
den Kopf und fällt beim
Liebemachen himmelwärts. Schwebt
dort ein wenig. Kommt wieder
zurück. Noch da. Dort. Hier. Überall. Nur
nicht im Alltag.

Und dann? Wie weiter?

Oder T., dessen Vater eines Tages nicht mehr aufsteht. So viel
unfertiges noch zwischen ihnen. Unausgesprochen auch die
Liebe. Trotz all dem Mist, der sich da
angesammelt hat.

Und dann? Wie weiter?

Tja. Alltag kommt in Geschichten selten vor, jener langweilige, immer wiederkehrende Alltag. Pinkeln. Wäschewaschen. Geschirrspülen. Einkaufen. Briefmarken aufkleben. Vielleicht weil wir Lesenden, aus dem Alltag fliehen wollen. Weil wir nicht alltägliche Geschichten lesen wollen. Mit nichtalltäglichem Alltag drin. Mit überraschenden Alltäglichkeiten. Dennoch wollen wir uns in ihnen wiedererkennen. Zumindest als Zerrbild. Im Spiegel der Geschichten, denn dies sind sie alle. Immer. Immer ein wenig zumindest. Wiedererkennen also. Sich selber. Andere. Und über unsere Menschlichkeit weinen. Oder lachen. Oder beides. Gleichzeitig.

Doch sag mir nun bitte eine oder einer, was denn eine ganze Geschichte ist!

Wie kann ich einen Text vollenden, endlich, ohne seinen Geist umzubringen, weil ich seine Dynamik, seine Entwicklung kappe, wenn ich die Geschichte für vollendet erkläre und sie einsperre. Zwischen zwei Buchdeckeln, auf denen vorne mein Name steht.

Da bleibe ich wohl besser bei meinen halben Geschichten, die das Leben mir zeigt, und lasse mich immer wieder auf neue Figuren ein. Gehe immer wieder neuen Spuren nach. Höre hin. Schaue zu. Schließe die Augen. Träume offenen Herzens und mit geöffneten Sinnen meine Welt um und forme aus der Essenz alldessen neue Bilder. Fiktion gibt es nicht. Alles ist Fiktion.

Buchstaben hat es ja genug. Zum Glück. Ganze Buchstaben. Das reicht.