verlinkt …

Meine grösste Ressource, sagte ich neulich zu meinem Scheff, ist, dass ich das Leben als Netz betrachte. Und dass ich das schon immer konnte. Ich nehme das Leben, Sicht- und Unsichtbares, so wahr, dass alles miteinander verbunden ist. Alles ist verwandt, sagen die Lakota und auch die Quantenphysikerinnen haben es bewiesen.

Dieses Wissen als Ressource zu betrachten – was übrigens allen möglich ist – , hilft mir, was immer geschieht, zu relativieren. Das ist der rote Faden meines Lebens, das ist der rote Faden meiner Schreibe, und es ist auch der rote Faden in all meinen Beziehungen.

Der gestrige Abend – will heissen, die gestrige Nacht  – mit U. hat mir mal wieder gezeigt, wie vielschichtig und vernetzt die menschliche Kommunikation ist:
Da erzählt U. zum Beispiel eine Episode aus ihrem Alltag.  Ich greife einen Zipfel ihres Erlebens und spinne weiter, indem ich meinerseits eine Episode erzähle. Zur Illustration, dass ich – zumindest ansatzweise – verstehe, was sie erzählt hat und was sie meinen könnte. So mäandern wir erzählend durch die Höhen und Tiefen unserer Biografien. Malen WortBilder, teilen Erlebtes, Gefühltes … und unterbrechen uns selber immer wieder: He! Ich wollte doch eigentlich erzählen, wie ich damals … und jetzt erzähle ich dir was ganz anderes! Immer wieder gackern wir herzhaft, während sich die Weinflasche leert sich und die Minuten ohne unser Zutun versickern. Erstaunlich, wie universell die Geschichten sind, die das Leben schreibt – meine, deine, ihre, seine. Wie sie resonieren, wie sie im Gegenüber neue Links öffnen und wie wir erzählend auf den Wellen der Ewigkeit surfen.

Und dabei doch absolut gegenwärtig sind … Jetzt.

Und jetzt freue ich mich darauf, heute Abend mit B. die Ochsen zu erleben …

Bittebitte Büne, sing Angelina. Für mich. Das Lied für deinen Schutzengel berührt mich jedes Mal von neuem. Live habe ich es noch nie gehört … höchste Zeit!

Zitat aus einem Interview mit Büne Huber von Patrick Holenstein.
Ich möchte auf einige Songs eingehen. Angelina ist eine typische Ochsnerballade. Der Text klingt, als wäre sie die Mutter im Kontext der Platte oder eine Geliebte. Wie ist es wirklich und gibt es eine reale Angelina?

Es ist das Konzept des Schutzengels. Das ist das Bild, welches bei Angelina im Vordergrund steht. Ich kenne das aus Gesprächen mit vielen anderen Menschen, die in irgendeiner Form künstlerisch tätig sind, dass immer eine Angst im Raum steht. Die Angst, dass die tiefe Verbindung, der feine Faden mit einer seelischen Welt, mit etwas Spirituellem, und ich meine spirituell nicht im Sinne von Religion, das hat nichts mit der Kirche zu tun, sondern mit der spirituellen Welt, dass dieser Faden verloren geht. Man hat unter Umständen Angst, wenn du am Arbeiten bist, beschleicht dich das Gefühl, du würdest nur Mist bauen und es kommt nicht an den Punkt, an dem ich es mir wünsche. Oder ich misstraue meinen Kräften oder Visionen, ich misstraue meinen Eindrücken, die ich von etwas habe, geschweige denn, ich kann sie gar nicht umsetzen. Das ist ungefähr diese Ecke, die Angelina stark geprägt hat. (Quelle: http://www.students.ch/magazin/details/8618/Interview-mit-Buene-Huber-von-Patent-Ochsner)

Plastikschulden

Sind Bremsklötze Warnungen des Schicksals oder sind sie Tests, um zu gucken, wie mutig und zielstrebig wir sind? Oder weder noch? Mit der Absicht, einen ultraleichten und dennoch superwarmen Schlafsack zu kaufen, der notabene nicht mumienförmig, sondern eine Decke ist und auf der Innenseite einen Baumwollbezug hat und unter hundert Franken kostet, ging ich in die Stadt. Und den Flug nach Göteborg wollte ich auch endlich buchen. Möglichst billig. Online braucht es offensichtlich inzwischen überall Kreditkarte. Ein Mensch ohne Schuldenkarte ist nur ein halber Mensch, scheint es mir.

Für meinen letzten Flug lieh ich mir das Teil aus. Dass ich solche Transaktionen nicht wirklich gerne mache, versteht sich. Weshalb ich nun, schweren Herzens, beschlossen habe, mir endlich auch eins anzuschaffen. Und darum heute Nachmittag meine nette Hausbank aufsuchte und den Antrag einreichte. Für eine Prepaid-Karte, die ähnlich wie mein Handy, nur solange benützt werden kann, wie es Geld drauf hat. Doch dieses Plastik werde ich weder morgen noch übermorgen in Händen halten. Frühestens in zehn Tagen. Und bis dann wird mein favorisierter Flug (Genf-Brüssel-Göteborg) wohl noch mehr kosten.  Oder ausgebucht sein. Mit jedem Tag wird er teurer. Im Reisebüro erfuhr ich, dass er samt Reisebüro-Aufpreis schon mehr als sechshundert Franken kostet. Tja. Weder Schlafsack noch Flugbuchung konnte ich abhaken. Und meine gute Laune, die ich am Vormittag gehabt hatte, schmolz von Geschäft zu Geschäft. Endlich zuhause war sie total im Eimer.

Zum Glück ist Wochenende. Und ich hab ein paar kuhle Dinge vor. Morgen Abend Besuch von U. Moosfrau auf Durchreise aus dem Schwarzwald. Und am Samstag die Ochsen live. Aarberg Open Air, wir kommen.

Da von meinen Freundinnen und Freunden meines Wissens niemand eine Kreditkarte hat, suche ich nun im Internet einen Weg, den Flug via Rechnung buchen zu können. *suchmoduseinschalt* … Das muss doch irgendwie möglich sein!!! Sonst muss ich doch ins Reisebüro und die Mehrkosten zahlen. Oder jemanden mit Kreditkarte finden …

Als hätte ich nicht schon genug um die Ohren! Die Recherchen für die nächsten drei Spuren-Artikel sind am Laufen. Dazu morgen Nachmittag ein Brainstorming mit Pfarrer H., der mich eingeladen hat, an einem literarischen Gottesdienst, einige Texte zum Themenumfeld „Saat, Ernte“ beizusteuern. (Ooops, Sofasophia und die Kirche? Kann das gut gehen?)

***

>>> Später. Geschafft! Ich habe! Meinen Flug! Auf Rechnung gebucht! Yes, I can!

***

>>>>>>>>> Nochmals eine Stunde später. Mein Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Wald. Rennen. Mein Paradies. Ganz nahe. Und ganz und gar ohne Bremsklötze. Glück pur.

grenzenlos …

… süchtig bin ich. Nach bloggen. Das Wissen um mein Blog lässt mich anders sehen, denken, erleben. Alles bekommt einen anderen Geruch, eine andere Farbe, ein anderes Gewicht. Ob das anderen NeoBloggerInnen wohl auch so geht? Diese Sucht, laut, will heissen schreibend, zu denken.

Mit dem Schreiben ist es bei mir ja eh so, dass ich es brauche, um den inneren Wahrnehmungsstau abzuleiten, den inneren Input-Überdruck umzulagern, den inneren Überschuss/Überfluss auszupressen. Ein ähnlicher Effekt, wie die fünf bis zehn Sonnengrüsse (Mondgrüsse) die ich – um besser schlafen zu können – abends auf die Matte lege. Ich muss regelmässig die Batterie leeren …

Habe ich zu viel Power? Zu viel Energie? Oder ist es bloss wegen des  Überschusses an Cortisol, jenem körpereigenem Hormon, das Menschen wie ich langsamer abbauen? Und die deshalb immer leicht auf Speed sind?

Heute Nachmittag habe ich mal wieder tausend Sachen erledigt, obwohl ich eigentlich baden gehen wollte. An den Gerzensee. Egal, dass ich dafür das Auto nehmen muss. Ich will dahin! Genau DA hin! Das brauche ich heute. Die Sehnsucht nach dem erfrischenden Bad im See braute sich im gleichen Rhythmus wie die Gewitterwolken zusammen. Als ich endlich alles erledigen hatte, was ich erledigen zu müssen geglaubt hatte, war es schon halb sechs. Der Himmel verkündete Regen. Neineinein!, trotzte ich. Ich will baden. Im Gerzensee. Ich muss!!! Ich gehe!!!

Ich packte mein Badezöix und setzte mich ins frisch vergoldete Sternchen, das mich durch die wunderbare Landschaft des Aaretals fuhr. Herrlich.
Ich liebe Gewitterstimmungen.
Ich liebe diese Gegend.
Ich liebe es, laut Musik zu hören und über Land zu fahren.
Hach. Surreale Farben. Das Grün der Bäume grünggraugelb. Der Himmel voller Wolkenvieh. Der See – nein, weder Wörter- noch Wörthersee! – hatte seine Gewitterdusche bereits hinter sich und der Himmel über mir war bereits wieder klar!

Jaaaaaaaaaa! (… mehr dazu sagen kann ich nicht …)

Auf dem Rückweg zum Parkplatz ging ich wie immer am Sportplatz vorbei. Die Kids trainierten Fussball und Unihockey. Direkt neben dem Friedhof. Die Coaches ermutigen die Kleinen: „Ned stahbliebe! Seckle, die Rote! … Ball abgeh, Sven! … Ned alles eleini mache! S‘ Goal isch offe, Jungs!“ Was da alles an Lebensweisheit drin steckt! 🙂 Neben dem Friedhof. Und so.

Warum ich bloss diesen doofen Spruch „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ derart verinnerlicht habe, dass ich mir nicht erlaube, hin und wieder alles liegen zu lassen? Ich hätte früher gehen, länger bleiben sollen. Hätte! Denn die Unruhe hat im und am Wasser schlagartig nachgelassen.

Auf dem Rücken schwimmen. Die Ohren unter Wasser. Den Himmel über mir.
Sehen. Riechen. Lauschen. Eins sein.
Mein ganz persönliches Paradies.

unmöglich

Unmöglich, ich werde es wohl nie schaffen, mit Rauchen aufzuhören!, sagte ich. Glaubte ich. Noch vor ein paar Monaten. Auch war ich nicht wirklich motiviert. Doch dann, ganz allmählich, schlich sich dieses „Bäh“-Gefühl an, wann immer ich rauchte. Ähnlich der Gehirnwäsche, die irgendwann dazu beigetragen hat, dass ich damals und immer wieder mit Rauchen angefangen hatte („es schmeckt mir eben!“), erlebte ich die Gehirnwäsche in die andere Richtung. Bäh. Nein, militante Nichtraucherin bin ich nicht. Will ich nicht werden. Zu gut weiss ich noch, wie entspannend so ein Glimmstängel sein kann. Und ob ich es auf die Länge ohne Zigis schaffe, weiss ich nicht. Vielleicht fange ich ja zum Beispiel mit 80 wieder an?

Doch unmöglich sind noch ganz andere Dinge. Unmöglich für die Nerven zum Beispiel. Eine Vorhangschiene nervte mich, seit ich hier eingezogen bin, jeden Morgen und jeden Abend. Da, wo die zwei Schienen meines breiten Wohnzimmerfensters zusammentreffen, hängt die eine Schiene ein klitzekleines Bisschen, nicht mal einen Millimeter, tiefer herunter als die andere und behindert durch dieses minime Vorstehen die Vorhanggleiter, wenn ich die Vorhänge zu- oder aufziehe. Was ich schon alles versucht habe! Die Schiene mit Maler-Abdeckband hoch zu kleben, hat bis jetzt am besten funktioniert. Nur dass das Band mit der Zeit erlahmt. Und ich von neuem basteln muss. Bis neulich.
Nach vier Jahren Ärger entdeckte ich endlich, dass die Gleiter nicht tagtäglich an der vorstehenden Schiene hängengeblieben sind, sondern … Nein, es ist zu peinlich, zumal ich ja ansonsten keine zwei linken Hände habe.
Also gut … ich erzähl es ja … Na ja, da war diese klitzekleine lockere Schraube. Und diese musste ich eben bloss ganz fest zudrehen. That’s it! Jetzt hängt die Schiene nicht mehr runter, die Schraube blockiert die Gleiter nicht mehr und ich … ich ärgere mich nicht mehr und denke an Joggeli, der zum Birnenschütteln geschickt wurde. Wie einfach doch gewisse, scheinbar unmögliche Probleme zu lösen sind.

Unmöglich!, sagte ich in einer Diskussion über Bewegung, ich nicht! Ich bin nicht der Typ Mensch, der zusätzlich Sport braucht. Ich bewege mich im Alltag genug. Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit. Ich spaziere viel, schwimme, wandere. Das reicht mir! Als ich vor bald drei Monaten aufgehört habe zu rauchen, begann die Lust nach Bewegung zu wachsen. Und heute? Heute werde ich kribbelig, wenn ich zwei Tage nicht joggen gegangen bin. Waaas? Ich?

Unmöglich! Unmöglich???

Ich glaube wieder an Möglichkeiten. Ein kleines Credo.

Mein Sommernachtstraum

Nachts am See. Schwimmende Wörter. Ungebunden. Ohne Satzzeichen. All die unzähligen Wörter all meiner Geschichten. Der geschriebenen ebenso wie der ungeschriebenen. Die bereits geschriebenen haben sich aus dem Korsett der Sätze herausgepult. Für ein paar Stunden im See. So viele, so viele.

Ich stehe am Ufer und ziehe spielerisch das eine oder andere Wort heraus. Ich halte jedes kurz fest, betrachte es und werfe es anschliessend in den kühlen See zurück. Einige wenige, die mir ihr Einverständnis geben, behalte ich. Sammle. Verdichte. Dichte. Dichte ein. Schichte. Schichte um. Verdichte noch mehr. Werfe noch mehr Wörter in den See zurück.

Endlich ist da nur noch ein einziger Satz. Ein Satz für jede Geschichte, die ich je geschrieben habe, schreibe, schreiben werde. Je ein Satz. Der immer schon da war. Nein, ich habe sie nicht bemerkt, diese Sätze. Sie waren immer schon da. Sind mir immer schon gefolgt. Haben sich an meine Fersen geheftet. Sind mir immer treu geblieben. Immer und immer schon. Endlich haben ich euch gesehen. Schade, dass es so dunkel war. Nachts am See.

Pätschwörkzöix

Früh (!!!) morgens auf dem Weg zum Bahnhof hat mein mp3-Player lauter Liebeslieder ausgespuckt. Hoppla.

Alles ist möglich, dachte ich. Jeder Tag besteht aus unzähligen Möglichkeiten. Jeden Morgen bin ich eine leere, weisse Seite. Doch der Rahmen des heutigen war vorgegeben: Tagung zum Thema „Empowerment“ in Zürich. Den Rahmen jedoch, oder die Stimmung darin, kann ich selber füllen. Kann mich öffnen oder verschliessen. Leben heisst in Beziehung treten. Heisst ziehen – aneinander. An mir. Schleifen, reiben, formen, Ab- und Eindrücke hinterlassen. Und sammeln.

Bilder sammeln zum Beispiel. Schreiben ist wie fotografieren. Nur authentischer. Oder weniger? Denn „Schreiben hinkt der Empfindung immer hintennach, kommt immer zu spät“, wie Rébecca gestern kommentiert hat. Wie sich das Hintennachhinken auf die Authentizität auswirkt, ist wohl von Fall zu Fall verschieden.

Nach der Tagung im Volkshaus gabs Apéro im Kanzlei (Park).  Bier. Wein. Geplapper. Habe mich – nach einer halben Stunde Small- & Mediumtalk – aus dem Staub gemacht. Im Tram zum Bahnhof fotograschriebt. Menschen sehen, hören, riechen. Lärm. Farben. Sprachen. Hitze. Schweiss. Noch mehr Lärm. (Kann mir jemand verraten, warum wir so viel Lärm machen? Ist das so ähnlich wie das Pinkeln der Hunde??? Und, ähm, bin ich auch so laut??????)

Dann Ruhe. Endlich. Raum. Ein Viererabteil für mich. Für zehn Sekunden. Eine schwangere Frau setzt sich zu mir hin. Sympathisch. Gut. Bitte sonst niemand mehr. Jaaa. Sehr gut. Im Abteil nebenan eine französisch sprechende Frau, blind, mit Sohnemann (ca. 5). Ein Schwarzer setzt sich zu ihnen. Angeregte Gespräche. Diskrete Lautstärke. Ob die blinde Frau genauso unbefangen mit dem Mann sprechen würde, wüsste sie seine Hautfarbe? Und ich?

Idealerweise vergänglich …

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Das Schöne am Leben ist: Alles ist vergänglich, auch Schwieriges.
Das Schwierige am Leben ist: Alles ist vergänglich auch Schönes.
(Zitat K. R.-W.)

Wie recht sie hat, meine Freundin K.

Und auch Ingo Schulze gebe ich Recht:

Das Ideal wäre, in Echtzeit zu schreiben, also über den Augenblick, den ich gerade erlebe.
(Mehr dazu unter: http://www.federwelt.de/)

Dennoch frage ich mich, ob ich gleichzeitig  erleben, wahrnehmen und unmittelbar darüber schreiben kann … jedenfalls etwas, das sich zu erzählen lohnt …? Interessiert es denn jemanden, was ich genau jetzt wahrnehme? (Beispielsweise, dass mein Po von der Fahrradtour schmerzt und dass ich das Licht anmachen sollte … )

Bleibt Schreiben – und jede andere Form von Ausdruck – letztlich nicht immer ein unvollkommener Versuch, Wahrgenommenes abzubilden um sich selber sichtbar zu machen, darzustellen?

Ist es Leerlauf, Mauldünnschiss oder was, dass jede und jeder über sich reden/schreiben will und muss? Da muss mehr dahinter stecken! Reagieren wir so auf eine gesellschaftliche Leere und Beziehungslosigkeit? Denn als eine der zentralsten Begründungen für dieses Bedürfnis sehe ich, zumindest für mich, den Wunsch danach, verstanden zu werden.

„Hallo, ihr da draussen: Hört ihr mich? Geht es euch auch so, wie ich es hier schreibe (oder singe oder male)? Versteht ihr mich?“

Möglicherweise meint Selbstdarstellung den Beginn eines Dialogs, denn jede Selbstdarstellung hat zwei Seiten. Neben der sich selber sichtbar machenden Person ist da ja auch jene Person, die die Darstellung betrachtet, liest, zur Kenntnis nimmt. Das DU!* Ein zweites wichtiges Bedürfnis hinter der Selbstdarstellung habe ich nun nebenbei erwähnt: Sich sichtbar machen. Möglicherweise anonym oder aber ganz offiziell, mit Namen und allem. Aus dem initiierten Monolg soll durch Resonanz ein Dialog entstehen, denn was nützt die schönste Selbstdarstellung ohne Publikum? (Ja, ich folgere hier, dass Publikum für Resonanz und Dialog steht!)

(Wir) ExhibitionistInnen brauchen Voyeure wie Hühner ihre Eier, auch wenn noch immer nicht klar ist, was zuerst war. Die Betrachtenden sollen der sich selber darstellenden Person rückmelden, dass sie sich in der Darstellung wiedererkennen, sie sollen ihr danken, sie sollen ihr applaudieren! WinWin-Symbiose der besten Art**, da wir alle möglicherweise auch das Bedürfnis haben, andere zu bewundern***? Sag, was mag wohl sonst noch hinter dem Bedürfnis stehen, jemanden, der sich darstellt, zu betrachten? Da ich aus eigenem Erleben beides kenne und praktiziere, kann ich nur von mir aus gehen: Ich will mich im Erleben eines anderen Menschen und im Lesen einer anderen Geschichte wiedererkennen, mich in meiner Art zu leben, zu denken, zu fühlen bestätigt fühlen: „Ich bin normal!“ denken nach dem Lesen, oder: „Ach so! Andere sind als auch so schräg!“

Natürlich lässt sich dieses Thema nicht abschliessend diskutieren, doch die Essenz hinter den Bedürfnissen beider Seiten, oder, um es globaler auszudrücken, das Grundbedürfnis hinter all unserem Tun und Lassen, scheint einmal mehr der Wunsch nach Gemeinschaft zu sein. Nach Beziehung. Nach Anerkennung und Liebe. Oderrr?

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* Person kommt von per sonare, was so viel heisst, das etwas in etwas anderem nachklingt, soniert eben
**   Art = Kunst?!
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Diesen Aspekt der menschlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten ins Absurde zu führen, überlasse ich dir selber!

(Selbstzitat: 16.11.08, Internettagebuch)

Den Goldesel oder nicht zu viel Zeit?

Wocheneinkauf. Habe im Quartier-Bioladen D. getroffen. Als ich mit M. zusammen war, war D. bereits eine Weile mit M. zusammen, die im gleichen Haus wie M. wohnt. Die beiden M. wohnen übrigens noch immer in Hausgemeinschaft, aber D. ist nach der Trennung von M. in mein Nachbarquartier gezogen, wo ich schon damals wohnte. Gesehen haben wir uns allerdings schon lange nicht mehr.

Ich freute mich über das unerwartete Wiederzusehen, waren wir doch etwa zwei Jahre lang Wochenend-Nachbarn gewesen. Zwischen Biogemüse und frischem Käse tauschten wir angeregt über unsere aktuellen Lebensumstände aus. Auch über die Jobs. Natürlich. Seine 75%-Stelle werde demnächst auf 70% reduziert. Er wolle sich einen Zusatz-Job suchen.
Warum denn das?, fragte ich. Wegen dem Stutz kann es kaum sein, überlegte ich.
Mir wird die viele Zeit zu lang, gab er zu. Zuvor war er Teil einer Patchwork-Familie gewesen. Und so was ähnliches wie Hauswart. Heute offensichtlich noch immer Single. Logisch, dass da plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung steht, als er es lange Jahre gewohnt war. Ich bekannte, dass ich trotz meiner lächerlichen 60 Stellenprozent tendenziell immer den Eindruck von zu wenig freier Zeit hätte. Oder zu viel zu tun. Zu viele Ideen.

Es gibt zweierlei Menschen, begriff ich auf dem Heimweg. Jene, die leben um zu arbeiten und jene, die arbeiten gehen, um leben zu können. Womit wir uns vermutlich Gedanken zur Definition der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit machen sollten. Doch das überlasse ich gerne euch. Ich jedenfalls gehöre eindeutig zu zweiter Gruppe. Obwohl ich ja in der Freizeit nicht nur abhänge, sondern lebe*, will heissen vielseitig, selbstgewählt und kreativ arbeite. Meine Schreibjobs und so. (Gehöre ich also doch zur ersten Gruppe?)

Tja. So lebe, schreibe, träume, bin ich. Träumen tu ich bisweilen noch immer vom Goldesel. Er hat den Weg zu mir noch immer nicht gefunden.

Haaallooo, Eselchen, hier bin ich! Guck! Hier –  in Bern! (Jaaa, ich liebe meinen Job trotzdem!)

Da kommt mir eine meiner „Voller EinSatz**“-Geschichten in den Sinn, aus denen ich vor einem Dreivierteljahr am Kultur-Event „Zeitverschwendung“ in der Berner Altstadt vorgelesen habe.

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Eselei

Bevor sie einkaufen geht, umrundet sie das Haus, betritt den Pferdestall und nähert sich der Box von Hejoka, ihrem Esel, der, wann immer sie ihm eine Karotte oder einen Apfel hinstreckt, zuerst kurz mit den Ohren zuckt und gleich darauf mit einem lauten Furz eine Ladung Geldstücke scheisst, welche sie sorgsam und mit Gummihandschuhen aufhebt, im Salatsieb abspült, abtrocknet und in ihre Geldbörse steckt, um damit neue Karotten und Äpfel für Hejoka zu kaufen.

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* > ich schreibe, also bin ich …, also lebe ich! 😉
** =  einen Satz lange Kürzestgeschichte

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Maman est chez le coiffeur!

Seit As it is in Heaven habe ich es nicht mehr erlebt … Das Publikum bleibt selbst nach dem Abspann sitzen. Wir beide sind die letzten, die aufstehen. Gut so, inzwischen konnten meine Tränen trocknen.

Anders als Mani Matter ist Maman Simone allerdings nicht wirklich beim Coiffeur gewesen. Doch als Ausrede taugt der Spruch ganz gut. Als Ausrede und als Selbstschutz. Von metaphysischem Gruseln und Spiegeln, die sich in Spiegeln spiegeln, blieb Simone dennoch nicht verschont.

Ein Film, dessen Plot uns, für sich gesehen, kaum ein müdes Lächeln entlockt. Ein Familiendrama mehr? Umso grossartiger die Leistung der Kanadaschweizerin Léa Pool (Regie) und Isabelle Héberts (Drehbuch). Mit unspektakulären Dialogen, die gerade durch ihre Alltäglichkeit überzeugen, mit Mimik, Ungesagtem machen sie  fühlbar, sichtbar, was WIRKLICH abgeht. Beklemmend banal, bedrückend normal, wie Kinder empfinden, was Erwachsene inszenieren. Kleine Stilmittel reichen. Maman zöpfelt Elises Haare nicht mehr. Denn Maman ist weg. Nicht beim Coiffeur, sondern von Kanada nach London gereist. Hat die Familie zurückgelassen. Wegen eines Mannes. Wie (fast) immer. Und doch immer wieder anders.

Böse Mutter? Oder böser Vater, der nach vielen Familienjahren endlich begreift, dass er homosexuell tickt und sich in einen seiner Golfpartner verliebt hat? „Ich kann deine Mutter nicht glücklich machen!“, sagt er so ehrlich wie sonst kaum je, als Elise von ihm wissen will, ob sie die Schuld daran trage, dass Maman gegangen sei.

Wie gesagt, die Haare trägt Elise seither offen. Noch ganz viel anderes ist ganz anders geworden, seit Maman gegangen ist. Doch Maman ist nicht einfach gegangen, um sich als Korrespondentin in London zu verwirklichen. In den späten Sechzigern war das noch nicht wirklich DAS Thema. Sie müsse gehen, weil sie sonst sterben würde, sagt sie ihrem Chef. Fliehen. Sich selber retten als Schadensbegrenzung. Alles andere muss warten. Die Überlebensinstinkte einer Mutter. Geht die Mutter unter, ertrinken auch alle anderen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn die Geschichte kommt ohne Wertung aus. Der Vater ist weniger schuldig als hilflos und überfordert. Seine ganze berufliche Kompetenz als Biochemiker nützt ihm nichts angesichts der Not seiner Kinder. Seine klugen Sprüche bringen ihn nicht weiter. So flüchtet er sich in die Arbeit und überlässt die Kinder mehrheitlich sich selbst. Will heissen Elise, seiner Ältesten.

Und wir? Wir sehen einfach zu. Sehen zu, wie sich Conrad, Coco genannt, in der Garage verschanzt, um endlich seine Seifenkiste zu vollenden. Ans Klavier, dieser Brücke zu seiner Mutter, setzt er sich nur noch selten. Seinen Schmerz schluckt er hinunter. Nur im Schlaf fliessen seine Tränen. Obwohl Elise stark wirkt, hat auch sie den Boden unter den Füssen verloren. Sie sucht Zuflucht am Fluss. Die (verbotene) Freundschaft zu einem taubstummen, „unheimlichen“ Fischer, der ihr das Fischen beibringt, hilft ihr, die Trennung von der Mutter auszuhalten, die ihre drei Kinder bald nach London holen will. Am schlimmsten jedoch ist es für den kleinen Benoît, der in den Augen seines leistungsorientierten Vaters, zurückgeblieben ist. Maman Simone, die wir zu Beginn des Filmes als sehr authentische, herzliche und emotionale Frau erleben, nahm den Kleinen so, wie er ist. Das liebevolle Band von Nähe zwischen den beiden wurde mit der Trennung von einem Tag auf den anderen zerrissen. Der hochsensible Bursche beginnt allerdings erst nach dem Besuch beim Kinderpsychiater wirklich damit, sich auffällig zu verhalten. Als da wären Selbstverletzungen, das Zerstören seiner Puppen, das Zerschlagen des Fernsehers, auf dem seine Mutter als Nachrichtensprecherin zu sehen ist. Wie wichtig die Mutter doch für alle ist! Wie wichtig diese allererste Beziehung eines Kindes. Der überforderte Vater ist froh, als die Ferien endlich zu Ende sind und die Kinder wieder zurück an die Schule sollen. Sollten jedenfalls!

***

Einer der besten Filme, den ich in den letzten Monaten gesehen habe. Starke Dialoge. Emotional. Klischeefrei. Authentisch. Alltäglich. Berührend. Beklemmend. Fünf Sterne. Mindestens!

Danke, K., du treuer Blogleser, für dieses Geburtstagsgeschenk. Ich habe den Abend und das Aftercinema-Bier mit dir sehr genossen.
S’het gfägt!