Wertewandel

»Entscheide du dich für eine Philosophie und richtest dein Leben danach aus oder suchst du dir eine Philosophie, die zu deinem Leben passt?«, fragte Kai gestern auf Twitter.
» Wie wäre es mit einer flexiblen Philosophie, die man dem eigenen Lebensweg immer wieder anpasst?«, fragte Irgendlink zurück.
»Es fängt viel früher an, mit Werten, mit Identifkation. Darum herum schneidert man sich seine Philosophie wie ein maßgeschneidertes Kleid«, schlug ich vor.
»Mir scheint, das ist mehr als alles andere einem Wandel unterworfen. (Außer die ethischen Grundwerte.)«, warf Frau Rebis ein.
»Welche Variante ist besser für mein Leben? Uff …«, fragte sich der Emil.
Ist das Konzept, das uns im Leben motiviert, womöglich ein Sowohl-als-auch-Ding, wie es Frau Traumspruch und Frau Rebis später zur Diskussion vorschlugen?

Wandeln sich die Werte oder wandelt sich ihre Glaubwürdigkeit? Oder wandelt sich unser Verhältnis zu unseren Werten? Und wie ist es mit den Fakten, auf die wir diese gründen? Wie wahr sind sie? Sind sie noch immer vertrauenswürdig? Nützen sie sich womöglich im Laufe der Zeit ab oder werden von anderen Fakten widerlegt? Wem können wir überhaupt noch vertrauen?

Genau darüber hat Christine Steiger in der neuen SPUREN-Ausgabe, Nr. 123, eine wunderbare Kolumne geschrieben. Wahre Fakten versus Fake News. (Und ja, das war soeben ein hemmungsloser Werbespot für diese tolle Zeitschrift!)

Vertraue ich mir? Vertraue ich dem, was ich zu wissen meine und für richtig halte? Warum glaube ich, dass das genau so richtig und wahr ist? Wer hat es mir gesagt? Welche Beweise brauche ich, woran halte ich mich fest?

Was ist mir wichtig und warum?
Schreiben. Weil es mir gut tut.

Und weil wir alle viel mehr das tun sollten, was uns gut tut. Wie es die schwedische Thrillerautorin Kristina Ohlsson in ihrem Nachwort zum grandiosen Thriller Papierjunge meisterhaft geschrieben hat (Link zum Nachwort). Und warum sie die Spirale durchbrochen hat, ausgestiegen ist, nur noch schreibt. Warum wohl? Ja. Weil es ihr gut tut.

Und ja, auch ich könnte zurzeit, rein theoretisch, jeden Tag schreiben. Weil es mir gut tut, mich erdet, mich zentriert. Ich könnte ganz viel schreiben. Stundenlang. Aber wie nannte es Milena Moser in ihrem letzten Blogartikel, Ein ziemlich guter Tag, gleich noch? Der Fluch der perfekten Bedingungen. Ja, das ist es vielleicht auch bei mir, wenn auch mit ein bisschen anderen Vorzeichen. Jetzt, wo ich könnte, weil ich zurzeit ja auf Stellensuche bin und darum gaaanz viel Zeit für mich habe, fallen mir immer wieder alle möglichen Gründe ein, nicht zu schreiben. Und das, obwohl ich schreiben will. Natürlich sind auch die Schmerzen in der Schulter, im Nacken und im Kopf, wenn ich zu lange an der Kiste sitze, ein Vorwand, es nicht zu tun. Oder aber ich arbeite weiter an der Trauer-Webseite, die ich mit anderen zusammen für andere verwaiste Eltern oder Geschwister gebaut habe. Viel Zeit und Herzblut habe ich schon in dieses Projekt investiert und mich gestern – aus Gründen wie Arztrechnungen und »Ich brauche unbedingt neue Turnschuhe« – sogar dazu durchgerungen, dort ein Spendenschweinchen einzurichten. Oder vielleicht auch aus dem Gedanken heraus: Ich gebe etwas in die Welt, also darf mir die Welt dafür etwas zurückgeben. Das Prinzip des Ausgleichens. So was in der Art.

Fakt ist, dass ich zwar Schriftstellerin bin, mich als Schriftstellerin fühle, mich als Schriftstellerin denke, aber davon nicht leben kann. Aus Gründen mangelnden Talents in Selbstvermarktung unter anderem. Und ja, auch Selbstzweifel sind ein Thema. Und ja, da beneide ich manchmal jene Menschen, die weniger gehemmt und weniger publikumsängstlich sind, die einfach hingehen und ihr Ding in den Raum stellen können. Sich vermarkten, ohne dass es nach Vermarktung stinkt.

Ausgerechnet in diese Gedanken hinein lese ich bei Luisa Francia über den Neid: »Neid ist die dunkle schwester des erfolgs. Sie kriecht überall hinein und verbreitet das schleichende gift. Warum hat die das und ich nicht? Warum kann sie sich das leisten und ich nicht? Warum hat die erfolg, die ist doch total blöd! Dabei ist neid eigentlich die therapeutin: schau hin. Das fehlt dir! Das willst du erreichen! Das ärgert dich!
Wenn eine/r etwas erreicht hat das fast nie damit zu tun, dass ein/e andere/r das nicht erreicht. Doch im kopf der neidischen person verbindet sich das. Die eigene enttäuschung, wut, der eigene mangel wird mit dem gelingen der anderen person verkoppelt. Das ist doch ungerecht! Und ja: diese welt ist nicht gerecht. Doch die beste möglichkeit diese ungerechtigkeit zu durchbrechen ist die entschlossenheit herauszufinden was wirklich fehlt, was erreicht werden soll und die mittel und wege zu finden, die da hin führen.«
Quelle: salamandra.de | luisa in one world – 28.03.2017 um 07:01:47

Ich schlucke leer und wünsche mir genau diese Hartnäckigkeit. Und diesen Mut. Und ja, ich wünsche mir langsam auch etwas, das ich bis vor kurzem nicht mal ohne Gänsehaut denken konnte: Erfolg. Gelingen. Auch in Form von endlich mal genug Geld auf dem Konto.

(Und schon will ich gleich wieder erklären, schon will ich nachschieben, dass das falsch klingen und falsch verstanden werden könnte, egoistisch zum Beispiel etc. …, aber ich lasse es jetzt einfach mal so stehen.)

Ah, meine massgeschneiderte Lebensphilosophie? Alles hängt miteinander zusammen. Darum denke und handle ich so liebevoll ich kann, lege da und dort ein paar gute Spuren aus, und mache möglichst wenig kaputt.

Das Ding mit dem Respekt oder Mut zum Mut

Ich bin nicht unschuldig daran, dass andere zuweilen auf mir und meinen Nerven und Gefühlen herumtrampeln, denn ich lasse es ja zu. Womöglich lade ich andere sogar geradezu dazu ein, weil ich mich erst spät zur Wehr setze. Mich zu wehren kommt in meinem Repertoire natürlicherweise nicht wirklich vor, diese App funktioniert in meinem Betriebssystem nicht. Noch nicht jedenfalls. Mich für mich zu wehren habe ich nicht gelernt, nur ein bisschen bei anderen abgeschaut und ja, ich fühle mich dabei unwohl wie in fremden Schuhen.

Ich wehre mich aber auch aus einem zweiten Grund in der Regel nicht für mich: Weil ich nämlich immer sooo viel Verständnis für die Probleme der anderen habe und deshalb vor mir immer sehr schnell eine Rechtfertigung dafür finde, warum die andere gerade jetzt so böse zu mir sind (ja, das ist jetzt ein bisschen ironisch, aber nur ein bisschen …).

Ich will das nicht mehr. Was also tun? Ich beschließe hiermit, Respekt für mich einzufordern, für mich und meine Gefühle: diesen ganz normalen, ganz alltäglichen, ganz natürlichen Respekt, den ich grundsätzlich allen entgegen bringe. Ich fordere zum Beispiel einen Dank, wenn ich jemandem einen Gefallen getan habe. Ohne mich dafür zu schämen, dass ich dieses Bedürfnis nach Anerkennung habe. Danke zu sagen gehört ja eigentlich zu unserem natürlichen, normalen, respektvollen Umgang mit dazu. Ich spreche meine Bedürfnisse klar aus, ohne mit Laternen- und Zaunpfählen zu winken.

Und ich beschließe ebenfalls, dass ich rechtzeitig sage, wenn ich finde, dass jemand mich verletzt hat, ob absichtlich oder nicht. Wie soll mein Gegenüber sonst wissen, wo meine Grenzen sind? Natürlich mache ich mich damit verletzbar und angreifbar. Aber wie habe ich doch gestern getwittert?

Mit Scheitern meine ich hier alle Formen des Eingeständnisses, dass wir Fehler machen, dass wir nicht alles wissen, dass wir keine Superhelden sind, dass wir einfach ganz normale, verrückte Menschen sind.

Wenn wir alle damit anfangen, uns in unseren persönlichen Umfeldern aufrichtiger und damit eben auch verletztlicher zu verhalten, wird das den Umgang miteinander sehr nachhaltig verändern.

Und ja, dazu braucht es viel Mut. Den wünsch ich mir. Und dir auch. Dir ebenfalls.

Der inneren Weisheit trauen

Seit ich mich erinnern kann, habe ich nach Antworten gesucht. Nach einfachen, nach komplexen, nach überzeugenden, nach wohltuenden, nach heilsamen. Nach Wegen vielleicht, die meine sein könnten. Wenn ich mich nur genug anstrenge. Wenn ich nur genug glaube. Wenn ich nur alles richtig mache … Ja dann würde ich bestimmt eines – hoffentlich nicht allzu fernen – Tages glücklich werden und bis ans Ende meiner Tage zufrieden leben.

In meinem Leben bin ich vielen herzklugen und herzweisen Menschen begegnet. Manchen im echten Leben, manchen in Büchern. Sobald das, was sie sagten, bei mir die Hoffnung auszulösen vermochte, dass sie wissen könnten, wie das mit diesem Leben geht, habe ich mich ihnen angeschlossen – als Jugendlichen den Frommen, später den Suchenden. Ich habe mir deren Wissen und Erkenntnisse einzuverleiben versucht, denn ich war überzeugt davon, dass alle anderen eh viel klüger und viel weiser sind, als ich je sein kann. Ja, ich fühlte mich in meinem Leben sehr oft dumm und unwissend – jedenfalls was die wirklich wichtigen Dinge des Lebens betrifft. Die Sache mit der Zufriedenheit und so. (Denn eigentlich ging es mir ja vor allem und immer nur darum …).

Nein, dieses tiefe Sehnen ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es macht mich neugierig auf AntwortenBlick zum Himmel, nackte Birkenäste tanzen.. Schädlich für mich war daran, dass ich mich mehrheitlich am Außen orientiert und andern mehr statt mir und meinem inneren Wissen geglaubt habe. Mir zu vertrauen gar nicht erst richtig probiert habe. Weil es mich, wann immer ich es doch getan hatte, ins pure Chaos führte. (Erst jetzt, hinterher, begreife ich all die Chancen, die im Chaos liegen und die ich selten genutzt habe … wobei … wer weiß das schon so genau?)

Mit all dem gesehenen, gehörten, mir angelesenen Wissen könnte ich ganze Weisheitsbücher füllen. Und ja, natürlich ist das eine oder andere Wissenspflänzlein da und dort in meinem Herzgärtchen angewachsen und hat mir beim Leben geholfen. Es ist nicht alles Theorie geblieben. Zum Beispiel jetzt, die Erkenntnisse Klaus Bernhardts aus der Hirnforschung: Das sind tolle Hilfsmittel. Aber, wie alle vorher kennengelernten Werkzeuge wirken auch sie nur, wenn ich ihnen in mir eine Brücke baue, vom Kopf in den Bauch, ins Herz.

Rezepte für ein gutes Leben funktionieren eben nicht bei allen gleich. Wichtig ist, dass wir unsere eigenen Menüs entdecken.

Auflösen

Manchmal brauche ich offenbar Schmerzen, körperliche zum Beispiel, damit ich endlich aufmerke, mich endlich frage, was ich wirklich brauche. Wegschauen geht nicht mehr. Also gut: was brauche ich? Was kann ich tun, um wieder beweglich zu werden?

Nun ja, mit der Selbstmotivation ringe ich, seit ich mich erinnern kann. Außer natürlich bei Gerne-Dingen, dort nicht. Dort fließt es. Und so lange es fließt, so lange ist alles gut. Und so lange geht es mir gut. Wenn nicht, dann nicht. Dann staut sich der Fluss, dann friert der Fluss ein und dann fängt es in meiner Landschaft, in meinem Körper, über kurz oder lang irgendwo zu schmerzen an. Zuerst ganz leise.

Am besten wäre es also, ich könnte-dürfte-wollte-würde diesen Gerne-Dingen Raum geben, schamlos und ohne schlechtes Gewissen.

Ich weiß, manche der unlieben Dinge sind unumgänglich: Einkaufen (außer ich wäre totale Selbstversorgerin), Steuererklärung ausfüllen (außer ich würde auf dem Mond leben), Rechnungen bezahlen (außer ich würde nichts mehr konsumieren, weder Strom noch Wasser), Fenster putzen (außer es wäre mir egal, wenn die Sonne nicht mehr hineinscheinen kann). Kurz: Sachen halt, die, unerledigt noch lästiger sind als erledigt.

Doch es gibt unliebe Dinge, die eigentlich gar nichts mit mir zu tun haben und sich doch in mir eingenistet haben wie Viren: sich vergleichen mit, sich sorgen um.

Derweil stehen die Gerne-Dinge bereit, hüpfen übermütig, wollen lostanzen; und ich, ich halte sie zurück. Ich muss doch schließlich zuerst noch.

Muss ich wirklich so viel müssen, wie ich zu müssen meine? Müsste ich nicht vielleicht mehr mir zuliebe leben lernen? Die Gerne-Dinge tun?

Ich schweife ab. Die Schmerzen. Die Schulter, die wehe, die nun so langsam meine Lehrerin geworden ist, eine mir eigentlich wohlgesinnte, aber eine, die sich weigert, das Lernziel aus den Augen zu verlieren.

Je länger sie mich fordert – sprich: weh tut –, desto lauter fragt sie mich, ob ich daran glaube, ob ich hoffe, ob ich mir vorstellen kann, dass es je wieder anders werden könnte. Manchmal zweifle ich. Weil ich keine Kraft mehr zu haben glaube, weder zum Hoffen noch zum Vorstellen. Dennoch will ich meine Beweglichkeit zurück und so nicke ich. Meine wehe Schulter fordert mich auf, mich der Dehnung, dem Schmerz darin, zu stellen, mich ihm sogar hinzugeben, ihm zu vertrauen (ja, so habe ich auch geguckt!). Sie fordert mich zu Geduld auf und zu Ausdauer, beides eher nicht so meine Tugenden. Und ja, Zielstrebigkeit – auch diese will sie mir beibringen: Das Ziel heißt in diesem Fall größtmögliche Beweglichkeit der Schulter und des Arms; wie vor dem Vorfall. Das klare Ziel heißt Heilungserfolg. Ich übe. Dehne. Spanne. Drücke. Täglich mehrmals. Allfälliger Kolleteralnutzen könnte sein, dass ich auch in anderen Situationen hinfort ausdauernder, geduldiger, zielstrebiger und beweglicher bin. (Für einmal kein Konjunktiv. Ich will es so. Punkt.)

Ja, klar, ich bin mir bewusst, sehr sogar, dass ich auf einem schmalen Grat wandere, denn nicht alles ist heilbar. Andererseits: Heilung ist eine Tochter von Akzeptanz. Was geworden ist, wurde zuerst als Idee akzeptiert. Erst dann konnte es werden, sich manifestieren, wahr werden. Darum akzeptiere ich also jetzt, so gut es geht, die eingeschränkte Beweglichkeit; und ich imaginiere mir dazu eine bewegliche Schulter, einen wieder wunderbar geschmeidigen Arm.

Nur schon, damit ich hinfort wieder einen Wanderrucksack anziehen kann. Damit wären wir wieder bei meinen Gerne-Dingen, die ich viel mehr tun sollte.

Noch mehr aufräumen

Als ich vor zwei Tagen auf meinem neuen Tablet eine Root-App installiert hatte, tat ich dies in der Hoffnung, damit alle Malware und alle Adware, inklusive all der dämlichen Werbeeinblendungen, für alle Zeiten loszusein. Offenbar hatte ich mich zu früh gefreut, denn nun erschienen die Werbebanner nicht mehr als aufpoppende Fensterchen, sondern tabletwurden mir als Mitteilungen bei der Rückkehr aus dem Standby-Zustand in den aktiven Zustand angezeigt. Nicht ganz soo nervig, aber auch immer noch unsympathisch. Auch wurde die Root-App vom einen der inzwischen drei installierten Antivirusprogramm als Malware angezeigt, was leises lautes Herzklopfen bei mir auslöste. Auch die eine Malware, die mir im zweiten Antivirusprogramm angezeigt worden war, konnte ich weder mit dem Antivirusprogramm noch mit der Root-App entfernen.

Entsprächen aber, wie ich im letzten Artikel schon schrieb, entsprächen also diese Ad- und Malwares unsere eigenen destruktiven, lebensfeindlichen Gedanken, entspräche dann der Antivirus-Scanner meiner inneren Heilerin? Oder ist gar die Root-App die heilende Instanz? Was aber, wenn diese selbst schon verseucht war? (War sie das und war sie somit ein Scharlatan?)

Ich entschied mich nach einigem Lesen in Foren, schließlich dazu, eine weitere Root-App, eine, die überall nur beste Rückmeldungen bekam, zu installieren. Leider hat das nicht wirklich funktioniert, aber immerhin konnte ich nun endlich die andere, angeblich verseuchte Root-App deaktivieren. Was immerhin soviel bedeutet wie blockieren, stummschalten, ihr die Hände zu binden.

Nun ja, was die beiden Ad- und Malwares schon alles ausspioniert und vielleicht sogar angeknabbert haben, weiß ich nicht. (’Digitaler Krebs’, gibts den Begriff schon?) Fakt ist aber, dass ich jetzt mit zwei nicht mehr wirklich deinstallierbaren, aber immerhin auch auch nicht aktiven Root-Apps und drei Antivirus-Programmen Ruhe vor der Werbung habe.

Auch nicht schlecht und schon wieder eine Art Gleichnis. Nun ja, ein wenig plump ist es vielleicht schon und ein bisschen schwarz-weiß, aber irgendwie stelle ich mir grad vor, dass dieses Tablet wie ein Menschenleben ist. Alles da. Schwarz, weiß und vor allem die ganze Palette an Grautönen, an Bunttönen. Das »Böse« ist bereits drin, mit einem trojanischen Pferd eingedrungen, aber ich kann es vielleicht aushungern. Und ich kann dem, was heil ist, mehr Raum geben, immer noch mehr Raum, statt das zu fokussieren, was kaputt ist. Stattdessen kann ich das Kaputte mit Salbe und mit Übungen unterstützen, ihm mit Ermutigungen zum Heilerwerden verhelfen. Wenn ich es jedoch immer nur betrachte und stattdessen bedauere, was ich alles versäumt habe und darüber nachdenke, wie das denn überhaupt geschehen konnte und was ich womöglich alles falsch gemacht habe (oh ja, das tue ich; in solchen Gedanken bin ich sozusagen Weltmeisterin!), verliere ich ständig – und vor allem verdammt viel – Energie. Es ist mein verdammtes Leck, das ich endlich versiegeln will.

Mein Kaputtes will ich, wie gestern in der Physiotherapie angefangen, wieder beweglich und geschmeidig machen, es wieder so heil wie möglich werden lassen. Aktiv.

Und das, was heil ist, will ich bestaunen. Will dafür dankbar sein. Will es loben, will es sorgsam berühren, will mich freuen darüber. Ja!

Denn ich kann schließlich – im Gegensatz zu einem PC, einem Handy, einem Tablet – meine körpereigene, seelendurchdrungene Lebensfestplatte nicht einfach auf Werkseinstellung zurückschalten, ich kann sie nicht einfach neu aufsetzen.
(Schön wärs. Oder auch nicht.)

aufgeräumt

Da habe ich also neulich dieses Billigtablet gekauft – ja, ja, Asche auf mein Haupt –, weil das Alte kaputtgegangen ist. Trotz wenig Geld habe ich mich dazu entschieden, weil mir ein Tablet Bibliothek, Fernseher und Notizbuch ist; kurz gesagt etwas, auf das ich nicht mehr so einfach verzichten mag. So weit so gut.

Nun ja, weniger gut ist, dass dieses Billig quasi ein mit Nerven erkauftes Billig war. Hätte ich mir eigentlich denken können.

Die Hersteller haben für ihr Billig nämlich Adware auf die Festplatte des kleinen Computerleins geschmuggelt. Werbezöix. So ploppt also, wenn ich nichts böses ahnend buchlese oder einen Film gucke, Werbung für eine App auf, die ich unbedingt nicht brauche. Dass ich jedes Mal, wenn ich diese unerwünschte Werbung über das x lösche, einen Werbebatzen der App-Hersteller an die Tablet-Hersteller auslöse, weiß ich erst seit gestern.

Irgendwann gestern Abend wurde es mir nämlich zu nervig und ich wollte wissen, was dahinter steckt. Zuerst ließ ich mein Antivirusprogramm einfach mal die Festplatte scannen. Siehe da: eine unerwünschte App ist schuld. Wie ich sie loswerden kann? Da gibt es viele Antworten. Die glaubwürdigsten empfehlen, die Root- also Superuserrechte des Tablets zu erlangen und sodann die App zu löschen. System-Apps lassen sich nämlich, anders als selbstgeladene, nicht so einfach löschen.

Root-Apps gibts zuhauf, doch wenige halten, was sie versprechen, wenn stimmt, was ich da lese. Eine, die mir Chip empfohlen hat, findet schließlich meine Gnade und ich lade sie außerhalb des Guugl-Appstores auf das Tablet. Da sie zwar von Chip empfohlen, von meinem Antivirusprogramm aber als gefährlich bewertet wird, muss ich zuerst ein paar Schwellen, Steine, Baumstämme aus dem Weg räumen, um der Neuen Platz zu schaffen. Das braucht ein paar Anläufe, da die Root-App offenbar auch den Codes des Betriebssystems zuwiderläuft.

Es ist, als müsste ich einen Schlüsseldienst davon überzeugen, dass ich wirklich das Recht habe, meinen Hausschlüssel zu verwenden. Oder ist es ein ’Die Guten gegen die Bösen’-Ding? Big Buisness auf jeden Fall. Immerhin: jetzt ist es geschafft. Beim Viren-Scan wird zwar die App noch immer als vorhanden angezeigt, aber Werbung ploppt keine mehr auf. Darum habe ich das Teil nun neu gestartet, ähm, gerootet meine ich natürlich.

Huhu, noch da? 😉

Dass ich das alles nicht einfach nur aus Spaß an der Technik schreibe, könnt ihr euch sicher denken. Wenn Virus, Malware, Adware für alle meine schädlichen Gedanken stehen, stehen Rootrecht und Aufräumaktion dann nicht für Eigenverantwortung?

Meine Osteopathin war heute Morgen einigermaßen erschrocken über das Ausmaß der Blockaden in meinem Körper, als sie – ausgehend von einer verkalten Schulter, die inzwischen ziemlich sicher als Frozen Shoulder zu definieren ist – meinen Unterleib behandelte. Alles großräumig blockiert. Kein Wunder, dass ich kaum Atem bekäme und dass mir oft schlecht sei, meinte sie. Bloß: was war zuerst da? Wo alles anfing und wie sich alles auf meiner Körperfestplatte verbreitet hat, weiß weder sie noch ich. War die Malware ein Gedanke, der Kreise gezogen hat? Etwas rein physisches vielleicht? Gibt es in unserem persönlichen – sprich: körperlichen – Betriebssystem solche Trennungen überhaupt?

Vielleicht ist es auch müßig, nach Schuld und Ursachen zu suchen. Fakt ist, dass alles zusammenhängt. Und ich hoffe, meine Ärztin findet nachher, wenn ich bei ihr bin, einige Ansatzpunkte für eine Verbesserung meines Zustandes.

Vielleicht bin ich ja auch irgendwie rootbar, vielleicht gibts da etwas, womit ich die Malware ausschalten, löschen kann? Und vielleicht wäre diese Wanderung, von der der Liebste und ich heute am Telefon getagträumt haben, gar nicht mal so übel. Im Sommer am Nordkap loswandern und im Winter in Südspanien ankommen. Oder so. Nun ja, Träumen darf man ja.

Über Panikattacken und wie wir sie (vielleicht) loswerden können

Ich hörte und las mich die letzten Tage intensiv durch die Erkenntnisse Klaus Bernhardts, der mit seinen Ansätzen die Angsttherapie revolutionieren will. Was er lehrt, ist mir auf der theoretischen Sachebene nicht neu, von den ganz konkreten Übungen einmal abgesehen, auf die ich nachher noch eingehen werde. In einem früheren Leben, in einer sehr sehr suchenden Zeit, habe ich nämlich zig Selbsthilfebücher rauf und runter gelesen, esoterische ebenso wie (küchen-)psychologische. Und bereits vor zwanzig Jahren habe ich bei Luisa Francia die Kunst des positiven Formulierens gelernt und vieles anderes, das nun offenbar auch endlich in der wissenschaftlichen Welt im Allgemeinen, bei den Hirnforschenden im Speziellen, angekommen ist.

Vor zwanzig Jahren hätte Klaus Bernhardt aus all den gesammelten Erkenntnissen vielleicht einen schönen Roman geschrieben, heute aber wollen wir Rezepte. Anwendbares. Lifehackzöix. Bernhardt erfüllt uns diesen Wunsch und reichert das Gesammelte mit Erkenntnissen, Forschungsergebnissen und Erfahrungen aus seiner eigenen Praxis an. Sein ausgewiesenes Spezialgebiet ist, sagt er, die schnelle Behandlung von Angsterkrankungen. Und ehrlich, ja, ich glaube, mit seiner Rezeptur tut er vielen, auch mir, einen großen Dienst. Er hat nämlich für uns die Wirkstoffe aus all dem vielen schamanischen, esoterischen und wissenschaftlichen Wissen extrahiert, bekömmlich aufbereitet und in handliche Flaschen abgefüllt.

Den Fehler, seine Erkenntnisse als Allheilmittel mit Sofortheilversprechen zu verkaufen, begeht er nicht. Er punktet mit deutlichen, klaren Anleitungen, erklärt gut nachvollziehbar seine Theorien, die er mit Beispielen unterlegt, leitet methodisch zu konkreten Übungen an und zitiert zufriedene Ex-PatientInnen. Und seine Therapie wirkt offensichtlich. Obwohl ich auch die manipulative Kraft hinter seinen Worten und den Zahlen, die seine Heilerfolge belegen, spüre, will ich nichts mehr, als erleben, dass das Rezept funktioniert. Auch bei mir.

Ich habe mir vorgestern gleich, wie im Buch beschrieben, zehn Sätze aufgeschrieben, die mein ideales Leben beschreiben, und ab heute will ich täglich einen von ihnen durch meine fünf Kanäle geben und Kraft meiner Vorstellungskraft meine Neuronen neu verlinken. Für jeden meiner Sinne – Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen – installiere ich also in meiner Vorstellungskraft einen eigenen Kanal.

Womöglich sind ja unsere Neuronen die Schnittstellen zur spirituellen Wirklichkeit?

Die Theorie, dass wir durch unsere Gedanken ständig neue Neuronenvernetzungen schaffen um damit Abläufe und Reaktionen wo immer möglich zu automatisieren, leuchtet mir ein. Dass ich mit meinen düsteren, negativen, ängstlichen, depressiven Gedanken ganze Netzwerke an schädlichen Automatismen geschaffen habe, ebenfalls. Und auch, dass es not-wendig und heilsam ist, diese Netzwerke durch neue, positive neu zu schreiben. Das geschieht zum Beispiel eben mit Übungen wie der erwähnten Zehn-Satz-Methode. Doch anders als bei der klassischer Affirmationsarbeit kommt hier die sinnliche Komponente hinzu. Wird jeder Satz nämlich auf jedem der fünf Kanäle dem jeweiligen Sinn entsprechend wahrgenommen, entstehen ungleich mehr neue Knoten im neuronalen Netz als wenn wir nur den gemeinhin üblichen auditiven Kanal mit unseren Affirmationen füttern. Das ist eine der eher langfristigen Techniken. Doch im Werkzeugset gibt es auch Sofort-Stopp-Techniken. Eine ist etwa das Verschieben negativer Bilder, Sätze und Wahrnehmungen von der einen in die andere Hirnhälfte. Oder die Slowmotion-Technik, bei welcher wir uns potentielle Gefahren statt blitzartig uns diese in Zeitlupe vorstellen. Mit der Pitching-Technik wird die Stimmlage der Stimme, die uns vor vermeintlichen Gefahren und potentiellen Ängsten warnt, verändert – wie bei einer Comicfigur redet sie also zum Beispiel gaaanz langsam oder viel zu schnell und wird so ihres Ernstes beraubt. Und damit auch ihrer destruktiven Macht. Weiter kommt Embodiment zum Einsatz, die Verkörperlichung innerer Haltungen: Wer lächelt, wer sich in eine Chef- respektive Powerpose setzt, vermittelt seinem Körper nämlich auch eine Botschaft. Ich bin hier die Chefin, zum Beispiel. In Chefpose – Beine auf dem Tisch, Hände hinterm Nacken – steigt innert weniger Minuten der Testosteronspiegel messbar, während der Cortisolspiegel sinkt. Diese Übung habe eine sehr unmittelbare Wirkung auf unsere Stimmung. Sagt Bernhardt. Und ja, ich habe diese Übung sofort getestet. Es stimmt. Selbst wenn vielleicht nur, weil ich es will. Doch vielleicht geht es ja genau darum? Diese Neuprogrammieren hat immerhin damit zu tun, sich das Leben neu zu denken, es sich anders zu denken.

Soweit so gut. Aber jetzt kommt mein persönliches Aber. Keins zur Therapie, eins zum Leben. Bei alledem geht es nämlich um Eigenverantwortung. Ich kann meine Heilung nicht delegieren. Trotz aller Rezepte bin ich es, die das hier tun muss, die die Übungen umsetzen soll um etwas zu verändern. Auch die Suche nach den Punkten, die verändert werden wollen.  Eine Panikattacke sei ein Liebesdienst des Körpers, sagt Bernhardt. Einer, der uns dringend, psychosomatisch, sagt, dass wir endlich etwas verändern müssen. Dass wir zum Beispiel endlich ernst machen sollen mit der neuen Ausbildung, eine Beziehung beenden oder aber, wie bei mir, endlich eine Perspektive entwickeln sollen. Endlich wieder große Ziele fassen. Endlich.

Niemand anders als ich ist hier, bei diesen Grundsätzen, gefragt. Ich bin die einzige Therapeutin, die mich heilen kann.

Also werde ich ausprobieren. Und hoffen. Neu anfangen. Immer wieder. Und mir endlich erlauben, große Ziele haben zu dürfen, Perspektiven zu benennen, anfangen groß zu denken.

Ursachenveränderung statt Symptombekämpfung

Da ich mich intensiv mit meiner eigenen Heilung beschäftige, habe ich mir soeben das Buch von Klaus Bernhardt bestellt: Panikattacken und andere Angststörungen loswerden. Heute Morgen habe ich bereits damit angefangen, mir Klaus Bernhardts kostenlose Podcasts zum Thema anzuhören.

Anders als alles, was ich bisher über Panikattacken und die eine oder andere Technik gelesen habe, geht es hier nicht um Symptombekämpfung, sondern um Ursachenveränderung. Um die wissenschaftlichen Zusammenhänge.

Hier ein kleines Zitat aus dem Blog auf Bernhardts Webseite:

»Wie aus vereinzelten Angstattacken eine generalisierte Angststörung wird:

Bei einer Angststörung den Serotonin und Noradrenalin-Spiegel durch Antidepressiva zu erhöhen ist in etwa so, als hätten Sie ein Auto, dass ein Leck im Kühlwassersystem hat. Doch anstatt das Leck, also die Ursache des Wasserverlustes, zu reparieren, füllen Sie Tag für Tag Kühlwasser nach, damit Ihr Motor nicht kaputt geht. Das Leck wird mit der Zeit größer und größer und Ihr Aktionsradius wird kleiner und kleiner, weil Sie ja permanent anhalten müssen, um wieder Wasser nachzufüllen.

Und so, wie es selbstverständlich klüger ist, das Leck zu reparieren, anstatt nur an den Folgen herumzudoktern, genau so verhält es sich auch mit einer Angststörung. Auch hier ist es klüger, das Gehirn durch bestimmte Übungen strukturell so zu verändern, dass die Angststörung da gestoppt wird, wo sie entstanden ist, nämlich in den automatisierten Denkprozessen Ihres Gehirns. Medikamente gegen Angst sind prinzipiell nichts anderes, als ein permanentes Nachfüllen von Kühlwasser. Sie zögern bestenfalls die nötige Reparatur etwas hinaus, lösen aber das Problem nicht.

Je länger man eine Reparatur jedoch hinauszögert, umso größer wird der ursprüngliche Schaden. Übertragen auf eine Angsterkrankung bedeutet das, je länger eine Angststörung nicht oder gar falsch behandelt wird, umso mehr besteht die Gefahr, dass sie sich ausweitet und immer mehr Bereiche des Leben erfasst. Dieses Übertragen der Angst auf alle Lebensbereiche nennt sich „generalisieren“, daher der Name generalisierte Angststörung.« (Zitat Ende).

Quelle: www.panikattacken-loswerden.de/generalisierte-angststoerung-loswerden

Zitiert wird auch immer wieder der Hirnforscher respektive Neurowissenschaftler Eric Kandel, der mit seinen Forschungserkenntnissen viel des früher in der Psychologie und Psychotherapie Gelehrten und Erkannten aufhebt. Jeder Gedanke, den ich jetzt denke, sei, so sagt er etwa, eine neuronale Verbindung, die genau jetzt, da ich den Gedanken denke, wachse. Und jede neuen Verbindung ist vernetzt mit unendlich vielen Verbindungen, die laufend, blitzschnell und in großen Menschen Informationen auswerten und unser Unterbewusstsein mit diesen Erkenntnissen speisen, welches unser sogenanntes Bauchgefühl mit Informationen versorgt. Anders als das Denken, das argumentiert, abwägt und oft das Bauchgefühl übergeht, weiß dieses jedoch, was eigentlich das Beste für uns ist.

Durch die Podcasts erfahre ich wie unser Arbeitsspeicher im Hirn funktioniert, wie wir Informationen abspeichern und wie wir Abläufe möglichst schnell automatisieren, damit der Kopf für Neues frei wird.

Panikattacken seien sozusagen fehlgeleitete Automatismen, eingespielte Reaktionen. und Wollen wir diese auflösen, müssen wir die Synapsen quasi neu verlöten (sag ich jetzt in meinem Brachialpsychoslang)

Ich höre in den Podcasts von möglichen Auslösern wie ignoriertem Bauchgefühl, das nie mit mir diskutiert, aber immer nur mein Bestes will und dass medizinisch verschriebene Substanzen (worunter auch Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika oder Schilddrüsenmedikamente gehören können) sowie Drogen (z.B. THC, Ecstasy, Kokain, Psilocybin) zu Panikattacken führen können, aber ich höre auch, wie Grübeln und negatives Denken unsere Panikattacken- und Angstbereitschaft sehr erhöhen. Auch sekundärer Krankheitsgewinn sei eine der Türen zu Panikattacken. Kurz: Der Körper reagiert psychosomatisch auf für uns ungesunde Umstände. Zum Beispiel eben mit einer Panikattacke. Sie, respektive unser Körper, will uns so zu Veränderungen motivieren.

Bernhardt zieht laufend Beispiele aus dem Alltag herbei, vergleich etwa den Gedankenstrom mit elektrischem Strom, der immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Eine Datenautobahn der negativen Gedanken nennt er das, verglichen mit den positiven Gedanken, die in der Regel über einen schmalen Trampelpfad daherkommen.

Warum wir oft in Ruhephasen von Panikattacken heimgesucht werden? Weil dann das Hirn wenig zu tun hat. Es lässt sich dann über die Datenautobahn mit Denkfutter beliefern – mit negativen Gedanken – und schon geht’s wieder los.

Lösung bringt, so zeigen seine Praxiserfahrungen, eigentlich nur, wenn wir uns neu neuronal vernetzen. Ich bin auf die Übungen gespannt, die in Podcast und Buch vorgestellt werden und offenbar dauerhaft beim Auflösen der Angstverursachern helfen können.

Ich kann die Podcasts wirklich herzlich allen empfehlen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen und sich dabei auch für die wissenschaftliche Seite von Angst in der Hirnforschung und die daraus geschlossenen Erkenntnisse interessieren.