Vor mir die Sintflut

Der Scheibenwischer schrabt in höchster Geschwindigkeit über die Scheibe. Gischt spritzt auf, verdeckt mir Weitsicht, egal, ob ich überholt werde oder überhole. Die ganze Welt dampft und nebelt mich ein. Zuweilen ist mir, als hätten meine Räder keinen Bodenkontakt mehr. Aquaplaning. Gefangen in meiner kleinen Blechkiste übe ich mich in Geduld und Entspannung. Meine halbe Konzentration richte ich auf die weißen Streifen, die Rand und Mitte der unsichtbaren Straße definieren, die zweite Hälfte auf die Rücklichter des Autos vor mir. Eine Art Trance stellt sich ein, die Gedanken werden still. Aufs Überleben auf der Straße konzentriert, denke ich wenig. Entscheide nur, obwohl diese Fahrt extrem an meinen Kräften zehrt, dass ich keinen Stopp einlegen werde. Wer weiß, ob ich mich sonst je wieder weiterzufahren traue?
Nun biegt das Auto vor mir ab. Schade. Das wäre ja zu schön gewesen, bis nach Hause diesen Lichtern vor mir folgen zu dürfen. Wo bin ich überhaupt? Noch dreiunddreißig Kilometer bis Basel, sagt die Tafel. Eine Viertelstunde, denke ich, doch heute dauert die Fahrt fünfundzwanzig Minuten. In grauer Dämmerung zurückgelassen, bin ich nun auf mich selbst gestellt und muss neue Anhaltspunkte finden, um schön auf meiner Spur zu bleiben und weder mich noch andere in Gefahr zu bringen. Die Scheinwerferlichter der Autos auf der Gegenfahrbahn brechen sich im Wasserfilm auf meiner Scheibe. Und schon sind sie, für den Bruchteil einer Sekunde, wieder verschwunden. Irrlichter. Weggeschrabt vom Scheibenwischerblatt. Wie schon so oft bin ich dankbar um Autobahnen, schäme mich zugleich ein wenig über diese Erkenntnis, doch Überlandstraßen mit Gegenverkehr, die ich normalerweise gerne fahre, sind bei solch heftigen Regenfällen lebensgefährlich. Was sage ich da? Autofahren IST lebensgefährlich. Die vielen Lichter, die sich im Regen vertausendfachen, sind einfach nur anstrengend und ermüdend. Wir sind einfach zu viele hier. Zu viele.
Ja, ich bin froh um die Autobahn. Und dass ich sie doch noch gefunden habe, spät, aber besser als nie. Aus Freiburg raus muss ich schon wieder irgendetwas falsch gemacht haben. Dabei hat mir M. alles so gut erklärt. Und dabei bin ich doch immer den Autobahnzeichen – blau auf gelben Tafeln – gefolgt. Bin durch zig Dörfer gefahren, zum Glück noch bei mäßigem Regen. Mein iPhone sagt, als ich kurz anhalte, dass meine Richtung die Richtige ist. Ich folge weiter den Wegweisern nach Lörrach und endlich, in der Nähe von Neuenburg (ja, auch das, ebenso wie Freiburg, gibt es nicht nur in der Schweiz), finde ich endlich die Autobahn, die ich erst bei meiner Heimausfahrt wieder verlassen werde. Zwei Drittel der Strecke fahre ich mit höchster Scheibenwischergeschwindigkeit und mit durchschnittlich um die achtzig Stundenkilometern. Was bin ich erschöpft, als ich vor meinem Zuhause einparke.
Schon die Hinreise begann abenteuerlich. Jemand hatte sich in den letzten Tagen offensichtlich an meinem linken Scheibenwischer vergangen und den Bügel verbogen, sodass er jedes Mal hängengeblieben ist und seinen Dienst nicht verrichten konnte. Da ich keine Lust auf Werkzeugsuche hatte, fuhr ich zur Tankstelle, da ich eh tanken musste, und bat bei der dortigen Werkstatt um erste Hilfe. Die mir unkompliziert gewährt wurde. Der nette ältere Mann dort wollte noch nicht einmal Geld für seine Hilfe. (Das nenn ich Kundinnendienst und werde da sicher wieder hin gehen, wenn ich Hilfe brauche.)
Breisgaus Freiburg fand ich gut, doch das DichterInnenquartier, in dem Bloggerin M. lebt, die mich zu sich eingeladen hat, finde ich leider nicht, verfahre mich mehrfach, weil ich die falsche Ausfahrt genommen und bitte sie schließlich, schon sehr desolat, mich abzuholen. Toll, dass sie das macht und toll, wie sich das anfühlt, einer folgen zu dürfen, die weiß, wo es lang geht.
Die Stunden bei M. vergehen wie im Flug. Kostbare Stunden. Lebensgeschichten sind so einzigartig. Ich fühle mich beschenkt, wie ich mich ans Steuer setze. Und ich fühle mich noch immer beschenkt, aber todmüde, als ich zwei Stunden später meine Wohnungstüre öffne.
(Oh je, und jetzt fällt mir mal wieder kein guter Schlusssatz ein … )

Zürich. Zureich.

Was wir uns alles einfallen lassen, um das Leben erträglich zu machen! Ist das Leben vielleicht wie Fleisch, dass ohne Gewürze ungeniessbar ist? Ständig erzeugen wir Geräusche, Lärm, Musik, um die Stille zu übertönen. Damit wir hinterher ruhebedürftig sein und uns Urlaub erlauben dürfen. Wir produzieren Gerüche, Düfte, Gestank, der uns davon überzeugt, dass es woanders besser riecht. Wir essen schnelle, fette Gerichte, um mehr Zeit zu gewinnen, und wir jammern hinterher über Sodbrennen. Wir trinken gegen die Leere an und rauchen gegen die Ewigkeit.
Wir lenken uns ab und dröhnen uns zu, füllen uns ab und zu ab und zu. Bloß um das Leben zu ertragen.
Wohl all jene, die bei sich zuhause sind. Frieden. Leben. Totos Geschichte (siehe gestrigen Artikel), mitten in Zürich gelesen, wo ich eine Pause zwischen zwei Terminen einlege, erschüttert mich immer mehr.
Zürich Stadelhofen. Ich suche alte Spuren. Das Haus, in dem ich vor fünfzehn Jahren für einige Monate gelebt habe. Fast erkenne ich es nicht mehr. Ein moderner Wohnblock mit Lift, ein Haus wie ich es weder vorher noch nachher je bewohnt habe. Eine vorübergehende WG war es gewesen, dazu die wohl unpassendste Kombination, die sich frau vorstellen kann und ich war sehr froh, dass ich nach ein paar Monaten zu Freund M. ziehen konnte. Seine Wohnung in der andern Ecke Zürichs war warm und gemütlich, zuoberst in einem alten Wohnhaus. Der Wohnung, dem Haus und der WG-Kollegin im Seefeld hab ich keine Sekunde nachgetrauert.
Und nun sitze ich hier, am Bahnhof Zürich Stadelhofen, meinem damaligen Stamm-Bahnhof, um gleich für eine Stunde Freund M. zu treffen. Beide sind wir unterwegs von A nach B.
Schnitt.
Im Zug nach Hause. Nachdem ich den unklimatisierten Regionalzug verpasst habe, sitze ich nun im klimatisierten Schnellzug. Zuhause gibts nun nur einen winzigen Boxenstopp vorm Yoga. Puh. Die Hitze!
Wie M. und ich vorhin durch die große Bahnhofhalle schlendern, werden wir magisch von einer langen Menschenschlange vor einem Eventzelt angezogen. Das haben Schlangen wohl so an sich. Wir nähern uns ihrem Kopf, auf der Suche nach einer Antwort: Wofür lohnt es sich – für Menschen allen Alters – den Feierabend mit Schlangestehen zu verbringen? Am Kopf der Schlange eine Drehscheibe. Zehn mögliche Felder. Scheibe drehen und schon gibt’s einen Preis. Eine kleine Tube Zahnpasta oder eine Reisezahnbürste. Oder, Chance 1:10, eine sensationelle neuentwickelte elektronische Zahnbürste. Etwa zehn Personen lang gucken wir zu. Niemand schafft den Hauptgewinn, aber alle haben Spass. Spielen, Glückspielen macht offenbar glücklich, vor allem wenn es dabei um das eigene Wohl geht.
Und nun soll ja niemand behaupten, die schweizerische Bevölkerung sei nicht um ihre Zahngesundheit besorgt … 😉

nur ein einziger Tag?

Doch, doch es ist erträglich, obwohl ich verblüfft bin, so viele Menschen an einem Samstagmorgen um halb neun an einem Bahnsteig zu sehen. Vor allem so viele gutgelaunte, wache Menschen. Viele mit Wanderschuhen an den Füßen. Ich habe das Glück, die Strecke Olten-Luzern in einem Abteil mit drei andern, sich gegenseitig unbekannten, sprich schweigenden Frauen zu verbringen. Im Viererabteil vis-à-vis eine famille romande (oder sind sie aus Frankreich?). Französisch im Hintergrund kann ich besser ausblenden als schweizerdeutsche Gespräche. Auch die beiden Amerikanerinnen vorhin habe ich in meinem Kopf runter dimmen können. Zugegeben, ganz ohne mithören geht’s nicht.
Was Leute in Zügen so reden? Viele vergessen potentielle Mithörende, andern ist anzumerken, dass sie befangen sind und miteinander anders reden als in den eigenen vier Wänden. So klingen die einen Gespräche, als wären sie eingeübt, wieder andere sind mir fast peinlich intim.
Erstaunlich, dass ich heute ganz freiwillig meinen mp3-Player zuhause gelassen habe. Früher tat ich keinen Schritt aus dem Haus ohne seinen akustischen Schutz. Die Welt da draußen sollte er übertönen, ausblenden, weil es da immer so furchtbar viele Geräusche hat, die meine Filter schnell verstopfen. Heute versuche, schreibend, lesend, dösend bei mir zu bleiben und mich nicht von alledem, was rundherum abgeht, von mir weg spülen zu lassen, nicht zu sehr jedenfalls.
Mein Herz klopft schnell. So früh am Morgen bin ich einfach nicht gerne unter Menschen. Hoffentlich finde ich in Luzern rechtzeitig den richtigen Bus. Um rechtzeitig im Tagungshaus zu sein. Und hoffentlich fühle ich mich dort wohl. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich daraus einen tollen Artikel für meine Zeitschrift weben kann.
Schnitt.
Nachmittagspause. Schon drei Blocks mit dawischen einer Mittagspause haben wir miteinander gearbeitet. Ich fühle mich wohl in der vierzigköpfigen Gruppe. Der letzte Block war besonders intensiv. Wir führten eine Loslassübung durch, in der wir uns eine Stunde lang bei rhythmischer Musik in eine heilsame Trance geatmet hatten – eine sehr emotionale Angelegenheit. Ich bin angenehm erschöpft und noch ein bisschen schwindlig, fühle mich aber sehr gut. Stillebedürftig. Die andern haben sich an die Tische im Schatten vor dem Haus gesetzt und scherzen. Ich ziehe mich zum hauseigenen Teich zurück und geniesse Wasser, Grün und Stille. Was ist da mit mir passiert? Diese Trance war wirklich ausgesprochen intensiv und fühlte sich wie eine Defragmentierung an. In Momenten wie solchen würde ich mich am liebsten auflösen und, ja, sterben. Loslassen, was ist. Neugeboren werden.
Stirb und werde sei, wie die Kursleiterin, Ethnologin und Forscherin, sagt, die Essenz aller alten Weisheitslehren. Der Stein der Weisen sozusagen. Und die Liebe. Liebe und tu was du willst, zitiert sie Augustinus. Auch Descartes‘ berühmter Satz steht im Raum, allerdings auf Herz- statt auf Kopfhöhe und ich gebe gerne zu, dass mir diese Variante noch besser gefällt: Amo ergo sum – ich liebe, also bin ich.
Schnitt.
Im Bus. Ich habe mich neben eine ältere Kursteilnehmerin gesetzt. Wir fahre zurück zum Bahnhof, am Vierwaldstättersee vorbei, und ich sage zu L., wie schade es sei, dass ich mein Badezeug nicht dabei hätte. Das Wetter lade ja regelrecht zum Bade, als eine aus den Augen verlorene Freundin mit ihrem Teenie-Sohn in den Bus steigt. Nein, das kann nicht sein, wir sind ja hier nicht in Bern, wir sind in Luzern, denke ich noch. Reibe mir wortwörtlich die Augen. Doch, das ist sie! Wir fallen uns um den Hals und erzählen uns in fünf Minuten das Neueste. Nehmen Abschied, weil die beiden noch abgemacht haben, und ich lasse mich von Regionalzügen, mit nur wenigen Fahrgästen diesmal, gemütlich nach Hause fahren.
War das wirklich erst heute Morgen, frage ich mich, als ich diese Türe hier abgeschlossen habe?

Nicht ohne meinen Vater

Totale. Eine Bohrmaschine, eingespannt in ein Gestell, das eine präzise Bohrung erlaubt. Zoom. Nun sehen wir, wie der drehende Bohrer sich durch ein Stück Holz windet und Holzspäne und Holzstaub auf einer winzigen Hand hinterlässt, die das Holzstück festhält. Obwohl es natürlich mit Schraubzwingen festgemacht ist, aber man kann ja nie wissen. Die linke Hand – Kameraschwenk – liegt auf dem Hebel, der die Bohrmaschine, wie schon sein Name verrät, rauf und runter hebeln kann. Das kleine Mädchen, das zur kleinen Hand gehört, steht auf einem Schemel.
Wenn das die Mutter wüsste!, sagt sie leise zu ihrem Vater, der nebendran steht und ihr zuschaut.
Aber wenn sie doch will!, sagt dieser oft zu seiner Frau. Sie hat so geschickte Hände.

Er auch. Den ganzen Hausumbau hat er selbst gemacht. Alle Reparaturen. Fast nichts, wozu er Hilfe holen muss. Höchstens, damit es schneller voran geht. Aber da ist ja noch einer der Brüder. Zwar wäre der Vater lieber Lehrer als Handwerker geworden, doch die Zeiten waren schlecht. Vor dem zweiten Weltkrieg wurde jeder Rappen gebraucht. Jede zupackende Hand im Stall und auf dem Feld. Statt Wände hätte er dennoch lieber Bilder gemalt. Hat er auch, ein paar wenige, und gar nicht mal so schlecht. Erst später, als er pensioniert wurde, konnte er sich seinem Lebenstraum, der Ahnenforschung und der Geschichte seiner Heimat, widmen, in alten Büchern lesen, für Stammbäume, die weit zurück reichen recherchieren und sie erstellen. Sogar in amerikanischen Zeitungen wurde er erwähnt, weil er Ausgewanderten ihre Wurzeln zurück zu schenken vermocht hatte. Wenn er jedoch mit seiner jüngsten Tochter in der Werkstatt stand und kleine Möbelstücke, die sie sich für die Puppenstube oder später fürs Teeniezimmer ausgedacht und auf Papier gekritzelt hatte, mit ihr zusammen umsetzte, war er immer ganz bei der Sache.
Schnitt.
Am Anfang war die Idee. Das ist sie immer. Immer am Anfang. Denn ohne sie geht gar nichts. Kaum war ich hier eingezogen, nistete sie sich bei mir ein. Zwang mich zu Skizzen. Wollte gehört und gesehen. Gab nicht auf. Erinnerte mich daran, dass ich sie umsetzen sollte. Dass ich das kann.

Schnitt.
Im Baumarkt atme ich tief die Gerüche von Gummi, Farbe, Metall und Holz ein, als würde ich nach Hause kommen. StammleserInnen kennen sie längst, meine diesbezügliche Vorliebe. Ich schweife ähnlich narkotisiert durch die Reihe von Baumärkten wie andere Frauen vermutlich durch Modeboutiquen. Grüße da und dort ein paar Wichtel und Zwerge, die  freundlich zurückgrüßen, und sehe mir dies und das an.

Bevor ich das Holz auswähle und es millimetergenau zuschneiden lasse, lese ich Beschläge aus, Scharniere und Winkeleisen. Und Schrauben? Nein, davon habe ich bestimmt genug. Ich entscheide ich mich für Massivholz, schreibe die Masse aufs Bestellformular und suche, während der Schreiner die Bretter zuschneidet, nach Pinsel und Lasur. Das Teil wird draußen stehen, zwar überdacht doch Sonne und Regenspritzern dennoch ausgesetzt. Es soll gut geschützt werden.
Zuhause angekommen schleppe ich meine Beute zum Gartensitzplatz. Wie heiß es ist! Ich setze mich kurz hin, freue mich auf die Arbeit, stehe bald wieder auf und hole Werkzeugkiste und Akkubohrer. Suche Schrauben und Unterlagscheiben. Schrauben? Uff. So kurze in der richtigen Dicke gibt’s gar nicht mal so viele. Ich zähle sie ab und begreife, dass ich wohl genau genug habe. Genau genug!
Bereits läuft der Film in meinem Kopf. Er heißt „Schritt für Schritt zur Gartenbank mit Innenleben“. Zuerst die beiden Deckel – einer davon wird die auf- und zuklappbare Lehne – mit Scharnieren verbinden. Die beiden Scharniere unten bereits an- und wieder wegschrauben, damit nachher die Schlussmontage leichter von der Hand gehen kann. Nun die schmalen Seitenteile mit Winkeleisen vorbereiten und mit je einer Rück- respektive Vorderseite verschrauben. Weil es mir draußen zu heiß ist, mache ich alles drinnen am großen Tisch. Wo habe ich bloß den Akkubohrer hingelegt?
Nun trage ich die teilmontierten Teile auf den Sitzplatz und verbinde sie (Bild eins,oben links). Die Vorbohrungen habe ich so präzise ausgeführt, dass die Schlussmontage problemlos gelingt. Als ich die letzte Schraube festdrehe, pocht mein Herz laut. (Bilder zwei, oben rechts).
Geschafft. Ich fülle die Kiste mit all dem Krempel, der bisher unter einer schützenden Tischdecke dennoch verstaubte, (Bild drei, unten links) klappe den einen Deckel herunter (Bild vier, unten rechts), den andern, die Lehne, lasse ich offen und setze mich hin. Weihe meine neue Bank ein und fühle mich reich.

Lange bleibe ich dort sitzen, noch lange nach dem Essen, bis ich kaum mehr sehen kann, was ich da überhaupt lese. Nicci Frenchs Psychothriller „In seiner Hand“ ist eins dieser Bücher, die man kaum mehr aus der Hand legen kann.
Wird Abbie es schaffen, ihren Entführer zu finden, bevor er sie – nach ihrer Flucht – umbringen kann. Und das, obwohl ihr niemand glaubt, dass sie wirklich entführt worden ist.

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Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt

In meinem Kalender steht heute Zahnarzt. Vierzehn Uhr. Ein neuer, einer aus dem Telefonbuch (den Zahnarzt, meine ich). Mal schauen. Ist ja nur für die Kontrolle. Wenn er mir nicht passt, geh ich nicht mehr da hin. Die Mädels sind jedenfalls süß, ganze drei an der Zahl, die da herum wuseln und nur für mich da sind. Werde ich eigentlich immer älter oder bloß die Assistentinnen immer jünger? Wie ich so auf dem Zahnarztstuhl sitze, Kopf richtig positioniert und mit Blick vom fünften Stock über die Hügel, sehne ich mich nach meiner Berner Zahnärztin, die immer gesungen hat, wenn sie mich reparierte. Hoffentlich habe ich keine schlimmen Löcher. Während der Zahnarzt zu jedem einzelnen Zahn, den er mit seinem Testpiekser antippt, ein kryptisches Wort sagt, dass Assistentin Nummer eins umgehend im PC notiert – allesamt Wörter, die ich nicht begreife – glaube ich zuerst, dass jeder dieser Zähne kaputt ist. Als er schließlich alle Zähne durch hat, gratuliert er mir. Alles in Ordnung. Da, oben rechts, ein bisschen freier Zahnhals, da unten links eine Füllung, die nächstens repariert werden muss. Aber noch hält sie. Puh, bin ich froh.
Nun noch Dentalhygiene?
Ja, gerne, war ja so abgemacht. Ach, das macht der Chef hier selbst? Zahnstein weg und zum krönenden Abschluss eine Imprägnation.
Nein, das hatte ich nun wirklich noch nie. Obwohl ich in Bern im modernsten Zentrum war. Mein neuer Zahnarzt füllt nun vor meinen Augen eine schäumende fluorhaltige Flüssigkeit in zwei u-förmige Styroporschalen und bittet mich, den Mund zu öffnen. Zuerst kippt er die eine Schale über meine untere Zahnreihe, dann legt er die zweite Schale auf die erste, allerdings nach oben geöffnet und heißt mich zuzubeißen. Eine Minute Wirkungszeit. Ich japse. Kriege keine Luft mehr. Kann nicht schlucken. Der Schaum schäumt vor sich hin, das einzige was er gut kann. Und ich würge. Verdrehe die Augen. Leide. Er reagiert zum Glück schnell und nimmt das Zöix wieder raus. Nein, das geht so nicht. Ich würge in den Spucknapf und spüle den ekligen Schaum weg.
Das mag ich nicht, sage ich.
Da sei ich die erste. Alle hätten das viel lieber als das frühere Fluor aus der Tube, meint er.
Ich bin eben nicht wie andere, sage ich. Bitte lieber traditionell.
Ganz traditionell, also einfach das Fluor mit einer Bürste einzureiben, sei zu wenig nachhaltig. Die Zähne müssten eine Minute regelrecht im Fluor baden, sagt er, und kippt aus der großen Tube traditionelles, nicht schäumendes Fluor in zwei neue U-Schalen. Nun wird zuerst die obere, danach die untere Reihe eine Minute getunkt. Er hält dazu die Schalen fest, so dass ich den Mund offen lassen und atmen und schlucken kann. So geht es. Auch weil das neue respektive traditionelle Zöix nicht schäumt. Dafür erinnert es mich an das gute alte Schulzahnputzen.
Danke und bis zum nächsten Mal. Noch ganz benommen gehe ich anschließend einkaufen.
Ich mag es, auf dem Heimweg von der Stadt durch das Areal der großen psychiatrischen Klinik zu radeln und mich irgendwo mitten drin auf eine ruhige Bank zu setzen. Hier treffe ich die ganze Welt in klein. Alle hier sind entweder „nicht ganz normal“ oder besuchen jemanden, der hier weilt. Oder sie wandeln, wie ich, irgendwo zwischen den Welten.
Hier denke ich nie, was wohl die anderen von mir denken, weil ich wochentags Zeit für ein Buch, auf der Bank gelesen, habe. Hier kommt die Zeit zum Stillstand. Immer wieder werde ich von PatientInnen gegrüßt. Selbstgespräche führende Menschen sind hier normal. Hinter mir ein spielende Familie. Menschen mit Migrationshintergrund. Die Kinder im Vorschulalter wechseln laufend von ihrer Muttersprache zu Schweizerdeutsch, je nachdem, mit wem sie reden. Ein alter Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist, fragt, ob es gestattet sei, sich neben mich zu setzen. Ich sage ja und hoffe, dass er nicht reden will. Mein Buch ist grad so spannend. Unmensch ich!
Ich denke an S., die Tochter einer Bekannten, die vor Jahren für ein paar Monate hier war, um ihre Magersucht zu heilen. Heute führt S. – soviel ich weiß – ein „normales“ Leben, hat eine Ausbildung abgeschlossen und sich in der Gesellschaft integriert. Wie hilfreich bei ihrem Entwicklungsprozess die Zeit hier gewesen ist, weiß ich nicht. Meine Besuche hatten mich immer sehr deprimiert und ich fragte mich, wie und ob man in solchen Räumen wirklich gesund werden kann. Kurz darauf ist sie abgehauen, nach Thailand. Niemand rechnete damit, sie je wiederzusehen, so mager wie sie war.
Wie viel Selbstbestimmung haben wir tatsächlich? Will ich wirklich diesen Fluorpanzer um meine Zähne?

Im Kiental oder die vielen Herzen in meiner Brust

Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.


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Noch immer ohne Netz

Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.
Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.
Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.
Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.
Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.
Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.
Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).
Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.
Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.
(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)

undurchdringlich # 2

Verrückt, wie das Leben grad so wirbelt. Verrückt, den Gedanken zu denken, dass Irgendlinks Reise heute Abend (oder morgen Vormittag) zu Ende ist. Diese Reise, die ihn und mich, unsere Leben und auch die Leben anderer, über vier Monate (mit)bestimmt hat. Fertig. Schluss. Aus. Und wir ab morgen wieder zusammen. Zumindest für ein paar Tage.
Wenn wir das Leben als Kreis begreifen, ist ein Ende kein Ende. Und noch nicht mal ein neuer Anfang. Es sei denn, ich stelle mir den Kreis als Ding mit Schwellen und Absätzen vor. Ende und Anfang? Kontinuum wohl eher. Raum im Raum auch. Oder kein Raum.
Ähnlich verstehe ich die Bilderserie, die ich seit vorgestern am appen bin. Angefangen hat alles mit dem Schnappschuss meiner ersten beiden reifen Tomaten. Die Lust darauf, Bilder mit verschiedenen Apps – Programme für ein Smartphone – zu bearbeiten, zu äppen auf neudeutsch, was ich letztes Jahr geradezu süchtig betrieben habe, scheint also doch nicht verschwunden zu sein. Doch unter den Schmerzen der vermeintlichen Sehnenscheidenentzündung (vom Umzug und Putzen), die sich über viele Wochen nicht heilen ließ (bis ich entdeckte, dass es ein Tennisarm ist, den ich mit gezielten Dehnungsübungen innert weniger Wochen selbst heilen konnte) – unter besagten Schmerzen jedenfalls war jede nicht zwingend notwendige Arbeit am iPhone und am Laptop schon zu viel. Was sich auf meine Schreiblust und auf meine Applust sehr unmittelbar ausgewirkt hat. Und nicht eben toll war. Es wuchs die Erkenntnis, dass ich das Schreiben brauche (ja, und auch das Bloggen, wie es aussieht).
Bevor ich mich nun auf den Weg Richtung Emmental und Bern aufmache, um meine wieder genesene Freundin B. zu besuchen und am Abend meine SchreibfreundInnen zu treffen, will ich hier mal wieder ein bisschen Farbe reinbringen.
Das Ursprungsbild und ein paar Zwischenschritte … (groß werden die Pix durch draufklicken …)
             

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt). Zum Teil mehrmals verwendete Apps: Hipstamatic, Photowizard, Blender, Decim8, ToonCamera, TurboCollage.

undurchdringlich # 1

Undurchdringlich liegen sie da, die
Folien. Undurchdringlich, un-
erträglich dicht. Blickdicht. Wenn
ich sie bewege, ein wenig nur, hin und her, und
sie neu ordne, aufschüttle wie
eine Bettdecke, neu
arrangiere … Auf einmal sehe
ich zwischendurch. Neue Farb-
mischungen an der Wand.
– Schnitt –
Kürze! Da – nimm die Schere. Das Messer. Schneide weg, was zu viel ist. Säble weg. Na, mach schon.
Ja. Aber. Was denn noch? Hab ich doch schon. Ist doch alles wichtig, was noch da steht.
Noch tausendfünfhundert Zeichen zu viel! Zu lang! Kürze!
– Schnitt –
Beim nächsten Artikel mache ich alles anders. Gaaanz anders. Zuerst schreibe ich, statt als Rohstoff und Ausgangsmaterial ein Brainstorming mit zig spontan aufgeschriebener Details zu verwenden, nur Stichworte auf. Nur die Knochen. Die Essenz. Das Gerüst. Statt mit viel fange ich das nächste Mal mit wenig an. Wie die Töpferin. Nicht wie die Bildhauerin wie bisher, die wegklopft, was zu viel ist. Weil sie sieht, was darin sitzt, was darunter, dahinter wartet und befreit werden will.
War ich nicht immer schon eher die Steinhauerin denn die Töpferin? Habe ich nicht immer schon lieber ab- statt aufgetragen?
Und jetzt? Wage Neues!

Nadelöhre

Ja, ich weiß, über Nadelöhre wurde schon viel geschrieben. Auch hier in meinem Blog. Darüber was mit mir geschieht, wenn verschiedene äußere Umstände sich (wie Folien auf dem guten alten Hellraumprojektor – uf bärndütsch Prokischriiber –) auf- und übereinander legen. Gelegt werden. Vom Leben. Umstände, auf die ich keinen Einfluss habe, jedenfalls nicht zeitlich, nicht direkt. Dennoch sind sie logische Konsequenzen davon, dass ich mich irgendwann auf irgendetwas eingelassen habe. Dass ich irgendwann den einen statt den anderen Weg gegangen bin. Dass ich eine Wahl getroffen habe.
Die eine Folie, sie liegt irgendwo in der Mitte, zeigt mich, wie ich dieser Tage an einem Artikel – es ist eine Buchbesprechung – schreibe, den ich am Mittwoch abgeben soll. Dass sie da liegt, hat damit zu tun, dass ich so bin wie ich bin. Anders gesagt, sie liegt da, weil ich vor fünf Jahren ein Beinah-Burnout und deswegen meinen damaligen Job geschmissen hatte. Bei den Recherchen über meine Krankheitssymptome fand ich heraus, dass ich nicht krank sondern einfach ein wenig anders bin. Einfach nur hochsensibel. Und dass es noch andere auf diese Art Anders-Seiende gibt. Und dass darüber zurzeit intensiv geforscht wird. Nachdem ich darüber einen kleinen Artikel verfasst und diesen mit der Bitte aufklärend über dieses „Phänomen“ zu berichten an ein paar Zeitschriften geschickt hatte, erhielt ich von einer tollen Zeitschrift den Auftrag, doch selbst einen ausführlichen Artikel darüber zu schreiben. Seit damals bin ich mit an Bord dieses Teams und genieße es, durch das Schreiben nicht nur das Schreiben selbst zu trainieren, sondern mich, gegen Bezahlung, mit äußerst spannenden Themen auseinandersetzen zu können. Wie aktuell über das neuerscheinende Buch eines amerikanischen Hirnforschers, der einige wirklich bahnbrechende Zusammenhänge erkannt hat.
Eine weitere Folie – sie liegt ganz oben – zeigt mich und Irgendlink, wie wir uns vor über drei Jahren kennen- und lieben gelernt haben. Wie wir das eine oder andere Projekt realisiert, die eine und andere Ausstellung auf die Beine gestellt und schließlich im letzten Winter das „Ums Meer 2012“-Projekt ausgetüftelt haben. Mein Part war es, die Fäden des steigenden Heißluftballons irgendwie in der Hand zu behalten, so dass dieser zwar hoch steigen, aber nicht davon treiben kann. Lange, sehr lange Fäden – bis zu den Shetlands reichen sie und bis nach Bergen. Nun rolle ich sie langsam wieder auf, damit sie am nächsten Mittwoch, wenn Irgendlink und ich uns endlich wieder sehen werden, ganz eingerollt sind. Fäden halten heißt und hieß, da und dort Türen zu öffnen, ein ziemlich buntes Blog zu pflegen, Bilder hochzuladen, Newsletters und Pressemitteilungen zu verschicken … Ein Job, der nach einer gewissen Einarbeitungszeit zu Alltag geworden ist und täglich zwischen einer halben bis zwei Stunden Zeit erfordert. Ein Job, den ich mit Leib und Seele mache. Ein Job aber auch, der nach viel Herzblut verlangt.
Auf einer ebenfalls ziemlich weit oben liegenden Folie sehe ich mir zu, wie ich an meinen eigenen Schreibprojekten arbeite. Meine vier recht unterschiedlichen Romanmanuskripte, denen eigentlich nur noch der letzte Schliff fehlt. Nein, nicht nur. Vor allem fehlt ihnen mein Mut. Die Verlagssuche zu wagen, ist ein großer Schritt. Noch zu groß. Zumal mir die Frage im Weg steht, wer denn bitteschön tiefgründige Romane über Suizid, Amok, Missbrauch und andere menschliche Abgründe lesen mag. Immer wieder höre ich das Echo eines Satzes von Hansjörg Sch.. In einem Schreibseminar bei diesem Schweizer Bestseller-Autor fiel der Satz: Wenn ihr ein Thema habt, über das ihr schreiben „müsst“, dann tut es. Sich für Themen verbiegen, funktioniert nicht. Fakt ist: Freundinnen und Freunde glauben mehr an meine Texte als ich.
Eine weitere Folie zeigt mich auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Arbeitsstellen hatte ich schon ziemlich viele. Und ich habe – dank meiner vielseitigen Talente und meiner verschiedenen Ausbildungen – auch schon einiges gesehen und unter dem Strich waren alle Stellen irgendwie super. Aber eben: nach einiger Zeit musste ich weiterziehen. Immer auf der Suche nach dem Wahren. Hoffend, DEN Job zu finden, der mich bis in alle Ecken meines Seins befriedigt. Okay, den gäbe es ja, das wäre nämlich eine Mischform der bereits erwähnten Folien, allerdings gegen Bares. Mindestens so viel, dass ich davon leben kann. Und nicht jeden Rappen fünfmal drehen muss. Auf dieser Folie sieht man mich, wie ich zurzeit mal sehr optimistisch, mal eher skeptisch Zeitungen und Internet nach passenden Stellen absuche. Manchmal bin ich für eine Stelle über-, dann wieder unterqualifiziert. Oft schreibe ich auch einfach tolle Firmen an, die mich interessieren. Bis jetzt erfolglos.
Auf anderen Folien sehe ich mich mit Freundinnen und Freunden zusammen, sehe wie ich dies und jenes unternehme, sehe wie ich mal zweifle, mal Mut schöpfe, sehe mich gehen und stehen, sehe mich innehalten und neu anfangen, sehe mich straucheln, sehe mich fallen, sehe mich wieder aufstehen.
All diese Folien, dicht auf dicht, liegen auf der gläsernen Scheibe, angestrahlt und auf die weiße Wand projiziert. Mittendrin, irgendwo ein kleines weißes Loch. Das Nadelöhr. Ich schlüpfe hindurch, auf die andere Seite des Haarrisses.