Etwas mehr als zwei Wochen lang sind wir nordwärts gefahren. Mit Auto und Zelt haben wir uns über Bundes- und Landstraßen treiben lassen. Sind geblieben, wo es uns gefallen hat; sind weitergezogen, wenn die Möwen uns weiter nordwärts gerufen haben. So fuhren wir aus dem Süden – der Schweiz resp. der Südpfalz – über Bielefeld ins Alte Land Niedersachsen, nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, an die Nordseeküste Schleswig-Holsteins, auf Nordstrand, weiter ins dänische Südjütland (nach Broager um genau zu sein), weiter an der Ostsee bleibend nach Kiel und von da aus schließlich wieder zurück.
Vor zweieinhalb Wochen haben wir im niedersächsischen Stade, das sich als sehr kulturaffine Stadt mit einem richtig schönen Ortsbild entpuppt hat, im dortigen Kunsthaus die Ausstellung von Wolfgang Herrndorf besucht. Sie hängt übrigens noch bis Anfang Okotober und ist echt empfehlenswert. Diese Bilderschau zeigt das bildnerische Schaffen Herrndorfs, der ja vor allem durch seine Romane und sein Blog, in welchem er über seine Tumorerkrankung und deren Auswirkungen auf sein Leben geschrieben hat, bekannt geworden ist. Vor vier Jahren hat er sich entschieden, seinem Zerfall und Leiden mit einem selbstgewählten Tod ein Ende zu setzen. Die gezeigten Bilder stammen aus seinem Nachlass. Sie zeigen seine unglaubliche künstlerische Weite und Vielseitigkeit, die ja auch in seinen Gedanken und Texten sichtbar geworden ist.
Dass er sich als bildnerischer Künstler hauptsächlich mit Auftragsarbeiten – für Satiremagazine ebenso wie für Verlage – über Wasser halten musste, hat ihn, wenn ich seine Texte richtig verstehe, sehr frustriert. Vielleicht darum hat er eines Tages das Malen gelassen und sich dem Schreiben zugewendet. Einen Teil seiner Bilder hat er, so lese ich auf Informationstexten, sogar ein Jahr vor seinem Tod zerstört.
»Es ist Herrndorfs unbestechlicher Blick gewesen, der die Schönheit der Natur, aber auch die Skurrilität des Lebens und die bizarren Facetten der menschlichen Gesellschaft aufdeckte. Er war auch als bildender Künstler ein Beobachter, Gestalter und Erzähler.«
Quelle: www.museen-stade.de
Wie auch immer: Die Ausstellung zeigt eine Vielseitigkeit, die ich selten so bei einem Künstler gesehen habe. Herrndorf zitiert Klassiker ebenso gekonnt wie er simple Redewendungen in Wortbilder und Comics übersetzt. Von Skizzen zu opulenten Gemälden ist alles da und fast kann ich nicht glauben, dass seine göttliche Komödie ein zeitgenössisches Gemälde ist und kein antikes.
Uns beiden hat es richtig Spaß gemacht, uns in die Bilder einzulesen, ihre Geschichten zu hören, sie zu betrachten.
Die Bilder stammen teils von Irgendlink (leider unabsichtlich mit einer etwas gelbstichigen Fehleinstellung aufgenommen) und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].
Tipp: Mit der Eintrittskarte zum Kunsthaus können auch das städische Museum und das Freilichtmuseum besucht werden.
Eigentlich wollten wir ja nur einige Beiträge zur wachsenden Bahnhofsbilder-Sammlung einer auf Twitter befreundeten Community schießen, doch auf einmal fanden wir uns in einem herzigen Dorf mit dem pittoresken Namen Waldfischbach-Burgalben wieder und suchten nach der Bahnhofsfotografierung mal wieder nach einem Geocache in den nahen Hügeln. Zwar haben wir den nicht gefunden, aber sonst ein paar schöne Motive. Denn echt jetzt, die Pfalz ist schön. Nicht immer und nicht überall. Aber gestern. Aber dort.
Versiffte Fassaden
Fassade mit Antik-Tafeln
Blaue Wand mit Treppenstufen
Fassade eines Antikshops
Zwei braune Biotonnen stehen sich vis-à-vis
Mauer, die in Lehm und Geröll übergeht
Garagentor mit Dschungelbuch-Personal
Löwenzahn mit Biene 1
Löwenzahn mit Biene 2
Holzstamm mit den Worten Hase aufgesprayt
Weiße Abdeckfolie mit pittoreskem Loch in der Mitte
Efeu vor roter Felswand
Spiegelung, in ein Schaufenster mit leerem Galerieraum fotografiert, außen sieht man Irgendlink, Häuser und Tafeln
Ich bin nicht unschuldig daran, dass andere zuweilen auf mir und meinen Nerven und Gefühlen herumtrampeln, denn ich lasse es ja zu. Womöglich lade ich andere sogar geradezu dazu ein, weil ich mich erst spät zur Wehr setze. Mich zu wehren kommt in meinem Repertoire natürlicherweise nicht wirklich vor, diese App funktioniert in meinem Betriebssystem nicht. Noch nicht jedenfalls. Mich für mich zu wehren habe ich nicht gelernt, nur ein bisschen bei anderen abgeschaut und ja, ich fühle mich dabei unwohl wie in fremden Schuhen.
Ich wehre mich aber auch aus einem zweiten Grund in der Regel nicht für mich: Weil ich nämlich immer sooo viel Verständnis für die Probleme der anderen habe und deshalb vor mir immer sehr schnell eine Rechtfertigung dafür finde, warum die andere gerade jetzt so böse zu mir sind (ja, das ist jetzt ein bisschen ironisch, aber nur ein bisschen …).
Ich will das nicht mehr. Was also tun? Ich beschließe hiermit, Respekt für mich einzufordern, für mich und meine Gefühle: diesen ganz normalen, ganz alltäglichen, ganz natürlichen Respekt, den ich grundsätzlich allen entgegen bringe. Ich fordere zum Beispiel einen Dank, wenn ich jemandem einen Gefallen getan habe. Ohne mich dafür zu schämen, dass ich dieses Bedürfnis nach Anerkennung habe. Danke zu sagen gehört ja eigentlich zu unserem natürlichen, normalen, respektvollen Umgang mit dazu. Ich spreche meine Bedürfnisse klar aus, ohne mit Laternen- und Zaunpfählen zu winken.
Und ich beschließe ebenfalls, dass ich rechtzeitig sage, wenn ich finde, dass jemand mich verletzt hat, ob absichtlich oder nicht. Wie soll mein Gegenüber sonst wissen, wo meine Grenzen sind? Natürlich mache ich mich damit verletzbar und angreifbar. Aber wie habe ich doch gestern getwittert?
Was wäre, wenn Scheitern das neue Erfolgreichsein wäre?
Mit Scheitern meine ich hier alle Formen des Eingeständnisses, dass wir Fehler machen, dass wir nicht alles wissen, dass wir keine Superhelden sind, dass wir einfach ganz normale, verrückte Menschen sind.
Wenn wir alle damit anfangen, uns in unseren persönlichen Umfeldern aufrichtiger und damit eben auch verletztlicher zu verhalten, wird das den Umgang miteinander sehr nachhaltig verändern.
Und ja, dazu braucht es viel Mut. Den wünsch ich mir. Und dir auch. Dir ebenfalls.
Wir hatten die Wanderschuhe geschnürt, gestern Nachmittag, und fuhren mit dem Auto einfach mal drauflos. Irgendwohin, wo wir noch nie gewesen sind. Die Sonne hatte uns herausgelockt, hatte von Weitblick und Übers-Land-Wandern geschwärmt.
Da, guck, da könnten wir rauf! Beim Vorüberfahren entdecken wir auf einem kleinen Hügel eine kleine Ruine, doch in der unmittelbaren Nähe ist keine Parkbucht, der Weg zudem kurvig und schmal. So parkten wir im nächsten Dorf und wanderten zwischen Häusern, an Gärten und Bauernhöfen vorbei an einen nahen Bach, der uns von der Ruine trennte. Auf einmal fanden wir, wider Erwarten, eine kleine Brücke.
Lektion 1: Alles ist anders als es scheint.
Einem wunderbaren kleinen Wanderweg durch den steilen Wald bergan folgend, finden wir uns auf einmal auf einer kleinen Ebene mit Feldern und Wiesen wieder, an deren Ende die Ruine auf uns wartet.
Lektion 2: Umwege sind oft schöner als direkte Wege.
Krokusbeet
Spielwiese gesperrt
Sinnlose Kunsttreppe
Zaun aus Wäscheleine
Nonsense-Comic mit drei winterverpackten Sträuchern
Brücke über Bach
Bach
Nochmals Bach
Bach zum dritten
Ein paar Schafe beim Heufressen
Das kleine schwarze Schaft
Mutteschaf stillt Babyschaf
Schafe
Noch mehr Schafe, eines glotzt
Brückenschild-Warnung
Kleine Brücke
Herzstein
Ruine von unten
Blüte, winkend, wie eine kleine Hand
Eine Performance könnten wir es nennen, das hier, und ich könnte, so sagte ich zu Irgendlink, ich könnte morgen einen vollumfänglich im Konjunktiv geschriebenen Blogartikel kreieren. Im Artikel würde es, so sagte ich, um dieses Kohlfeld hier gehen. Um die Fülle und den Überfluss zum einen und um die Wegwerfmentalität zum anderen. Um die Schönheit im Zerfall und um den Reichtum, den man nur findet, wenn man sich bückt. Im Krieg, sagte ich, im Krieg wäre dieses Feld hier nicht so, wie es jetzt ist und nun wisse ich nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein solle. Dass kein Krieg ist. Und dass wir von dem, was hier noch rumliegt, einen Jahr lang leben könnten.
Lektion 3: Es hat genug für alle. Eigentlich.
Containern kann man offenbar auch auf dem Land. Nur ohne Container. Wir bücken uns und ernten einige krause Köpfe. Irgendlink nicht ganz ohne Skrupel, weshalb wir uns gegenseitig beim Weiterwandern erzählen, was wir sagen werden, wenn uns jemand des Kohldiebstahls bezichtigen würde. Unsere Geschichten werden skuriller, je weiter wir wanderen.
Kohl
Kohlfeldausschnitt
Kohlfeld
Kohlblattoberfläcke
Kohlblattmuster
Dörres Kohlblattmuster
Kohlköpfchen
Kohlabschnitt
Noch ein Kohlblatt
Kohl-Collage verfremdet
dürres Kohlköpfchen
Kohlblätter
Kohl-Collage aus zwölf Bildern
Zurück beim Auto, das nahe beim dörflichen Werkhof auf uns wartet, finden wir weitere Sujets. Auch hier wieder Abfall. Überfluss. Reichtum.
Lektion 4: Schönheit ist überall und liegt im Auge der Betrachtenden. Kunst auch.
Kunstvolle Farbkleckerei in Weiß auf rotbrauner Containerwand mit gelbem Rand
Das Innere des Altkarton-Containers
Kartonrohr
Taubenschiss in Form eines pinkelnden Mannes auf rostbrauner Conainerwand
Metallcontainer-Müll
Collage aus Rost- und Klecksbildern
Aufhängvorrichtung in Form eines Loch Ness-Metallwurmes.
Noch ein Loch Ness-Wurm aus Metall
Loch Ness-Wurm aus Metall, nach oben kriechend
Collage aus vier Metallwürmern, noch unbearbeitet
Wurmcollage, bearbeit Iet
Wurmcollage, bearbeitet II
Wurmcollage, bearbeitet III
Wurmcollage, bearbeitet IV
Collage aus Collagen, Spielerei
Collage mit Wurmcollage oben drauf
Lektion 5: Spielen macht Spaß.
Am Abend gabs – wen wundert’s? – Kohl. Kohlroulade, blanchierte und mit Kicherbsen-Gemüse-Zöix gefüllte Kohlblätter. So lecker.
Und über die Krönung unserer Kohl-Performance kichern wir noch immer. Unsere neue Kunstrichtung heißt nämlich Des Kaisers neue Fürze.
Gestern sind wir ins Zürcher Oberland gefahren und haben da Freund M., meinen ehemaligen Zürcher WG-Kumpel aus jungen Jahren, samt seiner kleinen Familie besucht, die sich dort in einem kleinen Dorf über der Nebelgrenze niedergelassen haben.
Herrliches Wetter zum Spazierengehen. Und zum Versteckisspielen ebenfalls.
Heute? Hängt eine fette Nebeldecke über dem Dorf. Ob sie sich noch lichten wird?
Vorgestern, einem besuchsfreien Tag, genoßen wir das wunderbare, klirrend kalte Wetter auf einer kleinen Bergwanderung. Nun ja, die Aargauer Berge sind ja eigentlich Hügel. Aber sie heißen trotzdem Berge, und wenn auch nur darum, weil man von hier oben in der Ferne die Berge sieht.
Den Bessenberg, den Bässebärg, kannte ich jedenfalls – trotz relativer Nähe – nicht. Aber er hat mich begeistert.
Rundsicht vom Feinsten Richtung Nordosten:
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Richtung Südwesten
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Ein bisschen Südfrankreichfeeling mit Jagdhochsitzjäger Irgendlink:
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Beim Geocache den Blick ins Unterland:
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Und hier noch eine kleine Bildergalerie:
Ich hoffe, ich kann mit diesen Bildern, all denen, die im Nebel sitzen – ob nun realem oder mentalem –, ein bisschen Sonne ins Gesicht zaubern.
Gestern habe ich das Streamen* gelernt. Wie fast immer autodidaktisch. With a little help of a friend. Freundin M. hat vom neulich geguckten Film Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück geschwärmt, den sie mit ihrer Tochter geschaut hat. Sie wusste, dass er mir gefallen würde. Mit Freundin M. und ihren drei damals noch kleinen Mädels habe ich in einem früheren Leben in einer Hippiekommune im französischen Jura gelebt. Nun ja, Hippiekommune nennt die Jüngste in ihren Internetbiografien unsere damalige Wohnform, ich bevorzuge ja Lebensgemeinschaft. Egal. Jedenfalls ist es lange her und inzwischen sind wir alle irgendwie mehr oder weniger auf den digitalen Zug aufgesprungen.
Wie auch immer, der Film, den ich gestern Abend gestreamt habe, hat mich tief berührt und an alte Erinnerungen und Sehnsüchte angeknüpft. Der Plot? Eine autark und zufrieden in der Wildnis lebende Familie, die zur Beerdigung der Mutter im Hippiebus in die Welt hinausfährt, gerät immer wieder zwischen die Fronten. Die Kinder, keineswegs ungebildete Wilde, überzeugen Onkel und Tante mit einem breiten Wissen um Zusammenhänge, dennoch sind sie nicht wirklich auf ein Leben in der sogenannten Zivilisation vorbereitet.
Welches ist die wirklichere Welt – die Natur oder die Stadt – und welches Wissen und Können ist wichtiger? Fragen, die am Familientisch beim Verwandtenbesuch diskutiert werden. Und nein, niemals wirkt der Film, wirkt die Geschichte, klischeehaft, niemals peinlich, niemals platt … Wunderbar dreidimensional wird hier erzählt, wunderbar humorvoll und köstlich schräg. Dazu sehr schön gespielt. Und tiefgründig.
Ja, hier sind sie wieder, die großen Fragen nach dem Ausstieg aus dem Hamsterrad. Die großen Fragen nach dem, was zählt.
Gestern Nachmittag, als ich Freundin L. besuchte – Lehrerin, zurzeit für einige Wochen krankgeschrieben –, sprachen wir einmal mehr über das Hamsterrad. Erst jetzt, wo sie es temporär verlassen musste/durfte/konnte, fällt ihr auf, wie schnell das Rad gedreht hat und wie sehr es sie verbraucht und entkräftet hat. Ausgebrannt? Jein, eigentlich nur auf die Belange der Schule bezogen, sagt sie. Und ja, sie wird aus dieser Erfahrung Konsequenzen ziehen, das Pensum reduzieren, vielleicht noch etwas Anderes, etwas Neues anpacken, vielleicht … Auf einmal sind wieder Möglichkeiten da, die noch vor zwei oder drei Monaten gar nicht gedacht werden konnten. Wann und wie auch? Dazu fehlten Kraft und Zeit. Schließlich galt es, im Hamsterrad mitzurennen, ohne anzuecken, ohne zu fallen.
Wir rennen, um den Standard halten zu können. Um mehr kaufen zu können. Um uns endlich den ersehnten Urlaub leisten zu können, den wir dringend brauchen, weil wir vom Rennen im Hamsterrad so kaputt sind. Oder immer mehr Leute rennen auch schlicht und einfach nur um zu überleben.
Wer von uns wäre in der Lage, in der Wildnis zu überleben?
* Beim Link unter der Grafik eine der aufgeführten Sream-Quellen wählen und anklicken. Ich habe StreamCloud.eu gewählt. Es gibt leider keine permanente Links zum Film. Warnung: Wer keinen Adblocker hat, muss sich zuerst einiges an Werbung gefallen lassen.
Ich empfehle Adblock Plus für werbefreies Internet.
Am letzten Samstag besuchten Irgendlink und ich nach einem schönen herbstwinterlichfrühlinghaften Spaziergang zum Lemberger Wasserfällchen das Städtchen Meisenthal. In der früheren Glasbläsermanufaktur fand auch dieses Jahr eine kleine Kunstausstellung statt.
Anschließend spazierten wir ins Kulturhaus der Künstlergruppe Artopie und genoßen die kreative Vielfalt der Meisenthaler KünstlerInnen. Im Verkaufsbazar, Baz’Artopie, staunten wir über die Fülle und erfreuten uns am Humor in all den vielen kleinen und großen Kunstwerken.
Spaziergang im Lemberger Wald
Impressionen von der Ausstellung in der Glasbläsermanufaktur Meisenthal
GIF – Bitte Bild anklicken, falls es nicht automatisch läuft
Gestern Nachmittag. Ich fahre auf der A35 von Basel nordwärts Richtung Haguenau. Mein Ziel ist, wie immer einmal monatlich, das einsame Gehöft des Liebsten unweit der französischen Grenze, im Süden von Rheinland-Pfalz. Wie immer fahre ich durch Frankreich. Eine Strecke, die sich inzwischen fast wie von selbst fährt, jedenfalls, wenn das Wetter okay ist.
Kurz vor Colmar, es ist halb zwei, wechsle ich wegen der vielen Brummis und des dichten Verkehrs auf den Überholstreifen, wie es vor mir die meisten Personenwagen tun. Da in Frankreich und der Schweiz ja keine Rechtsfahrpflicht gilt, bleibe ich dort, denn das Reinraus, das manche veranstalten, stört meines Erachtens den Verkehrsfluss eher als dass es ihn fördert. Außerdem sind die Lücken zwischen den Brummis zu kurz als dass es sich wirklich lohnt. Obwohl als Höchstgeschwindigkeit hundertdreißig Stundenkilomenter kommuniziert sind, fahren alle vor mir weniger schnell. Immer wieder scheren nämlich Brummis aus, um ihre Vorbrummis zu überholen. Brummirennen nenn ich das. Oder Elefantenrennen.
Ich fahre konzentriert, höre dabei Musik und halte mindestens eine Wagenlänge Abstand zum Auto vor mir, um potentielle Bremsreaktionen abfedern zu können und nicht plötzlich im Heck meines Vorfahrers zu landen. Bremsweg und so. Durchschnittsgeschwindigkeit des Autotrosses sind also ungefähr hundert bis hundertzwanzig Stundenkilometer. Mittleres Verkehrsaufkommen. So fließt es sich aber eigentlich ganz gut.
Jedenfalls bis hinter mir im Rückspiegel ein fetter Mercedes-SUV auftaucht und so nahe an mich aufschließt, dass ich denke: Hoffentlich muss ich nicht unvorhergesehen bremsen (siehe Galerie unten: erstes Bild). Zugegeben, solche Typen nerven mich, aber ich habe mir inzwischen abgewöhnt, mich über sie allzu sehr zu ärgern. In der Regel lasse ich sie bei passender Gelegenheit überholen. Oder eigentlich nur noch bei sehr-sehr passender Gelegenheit, denn ich habe echt keine Lust mehr, für nervende VerkehrteilnehmerInnen meine Ruhe zu opfern und unnötig zu beschleunigen und Bußen zu riskieren. Wenn es passt, lass ich sie natürlich schon vorfahren, aber ich quetsche mich nicht mehr extra für ungeduldige und rasende FahrerInnen in winzige Lücken, für die ich abbremsen müsste. Also bleibe ich auch heute, wie all die Autos vor mir, auf der Überholspur. So weit so gut.
Auf einmal bremst das Auto vor mir brüsk ab. Für mich kein Problem, da ich genug Abstand halte, dennoch muss ich bremsen. Das Problem hat nun der Graue SUV mit Kennzeichen F 405 AK J67 (siehe letztes Bild in der Galerie). Er muss sehr brüsk bremsen und straflichthupt mir zu. Doofmann!, denke ich, und fahre weiter wie gehabt. Als es ein bisschen lockerer wird, kann ich sogar wieder hundertdreißig Stundenkilometer fahren, halt so schnell, wie es die Situation zulässt und die Autos vor mir möglich machen. Noch immer hat es Brummis. Darum bleiben die meisten vor mir auf dem linken Streifen.
Endlich tut sich hinter den Brummis, die ich gerade überhole, eine Lücke auf, die der Graue SUV für ein Rechtsüberholmanöver nutzt um sich dann in die kleine autolange Lücke vor mir einzufädeln. Fast berührte er die Chassis meines Autos. Logisch, dass ich darum heftig auf die Bremse muss, was wiederum den hinter mir in Stress versetzt. Zum Glück hält der aber genug Abstand. Ich lichthupe nun auch den vor mir an. Kindisch zwar und sinnlos, aber menschlich.
Ganz schön gefährlich, was du da machst!, denke ich und fahre weiter. Will heißen, ich will weiterfahren. Kann ich aber nicht, denn jetzt fängt die Trollerei erst richtig an. Der Graue SUV fährt nun nur noch etwa hundert Stundenkilometer, obwohl vor ihm freie Bahn ist. Kurz gesagt: Er bremst mich absichtlich aus.
Blödmann!, denke ich, und wechsle nun doch die Fahrspur, weil ich solche Spielchen nicht leiden kann und weil es jetzt nicht mehr so viel Verkehr hat. Colmar liegt hinter uns. Ich habe nicht mit dem Grauen SUV gerechnet. Der wechselt auch. Direkt vor mich. Ich muss wieder brüsk bremsen.
Mann-mann-mann! Noch immer bin ich so naiv, dass ich mir sage, dass der einfach nur ein bisschen spielen will und nun sicher gleich aufhört. So versuche ich ihn via Überholspur loszuwerden, zumal nun, wie gesagt, der Verkehr lockerer geworden ist und man gut aneinander vorbeikommen könnte. Denkste! Wieder wechselt er vor mir die Spur und lässt mich nicht vorbei. Wieder muss ich brüsk bremsen.
Ich fahre also wieder auf die Normalspur. Diesmal oder vielleicht auch erst beim nächsten Mal – es wiederholt sich ein paar Mal, ich will ihm schließlich ausweichen – lasse ich ein Auto zwischen uns kommen. Doch der Depp lässt sich nun demonstrativ von diesem Auto überholen, damit wieder nur noch er und ich in diesem idiotischen Spiel sind.
Mir ist es längst zu blöd. Keine Ahnung, wie ich anders reagieren könnte. Schließlich lasse ich mich regelrecht zurückfallen, lasse viele Autos zwischen uns kommen, und bin ihn so endlich los. Auf der Raststätte Koenigsbourg muss ich dringend stresspinkeln und mich beruhigen. Ich zittere, Adrenalin strömt durch meine Blutbahnen (oder wo auch immer), und ich bin zu gleichen Teilen wütend und traurig.
Schnell wird mir klar, dass das hier, das eben Erlebte, ein Abbild der Gesellschaft ist.
Nein, ich habe den SUV-Fahrer nicht absichtlich provoziert, aber ich habe mein Ding gemacht, bin in meinem Tempo gefahren, rücksichtsvoll und zielstrebig, aber offenbar hat das Unabsichtliche gereicht, ihn gegen mich aufzubringen. Selbst wenn ich weniger Abstand zu meinem Vordermann gehabt hätte, wäre mein Hintermann nicht wirklich schneller ans Ziel gekommen. Hätte ich ihn vorgelassen (und das habe ich ja schlussendlich), hätte er das gleiche Spiel mit jedem vor ihm gemacht und wäre mit Engaufschließen und Lichthupen weiter und weiter voran gerast. Vermutlich hat er das auch getan, nachdem er von mir abgelassen hat. Und vermutlich lebt er genauso und kommt damit gut zurecht, weil ihn die Leute, dem Frieden zuliebe, vorlassen und oder oder es nicht wagen, sich mit ihm anzulegen. Wieso lassen wir solche Menschen gewähren? Was könnten wir tun?
Ich mag mich doch für mein korrektes Verhalten nicht rechtfertigen müssen. Auch will ich mir nicht von andern diktieren lassen, wie schnell ich fahren soll. Jedenfalls nicht, solange ich mich korrekt verhalte und niemanden gefährde,
Stell dir vor, ich wäre der männliche Flüchtling, der eine hiesige Frau eine Sekunde zu lange anschaut. Oder ich wäre die Linke, die dem Nazi im Einkaufsladen eine Sekunde im Weg steht. Ich wäre … ach, es gäbe viele Beispiele. Hier geht es um willkürliche Gewalt, um absichtliche Schikane, darum, Gefahren für andere auf sich zu nehmen, um einen Menschen auszubremsen.
Seine Motive, die Motive von Trollen, sind mir schlicht unklar. Ich gestehe, meine geheime Hoffnung in solchen Momenten ist die Nacherziehung, die Hoffnung, einen anderen – in meinen Augen fehlprogrammierten – Menschen, zum Nachdenken zu bringen. Aber eigentlich wüsste ich ja, dass das nichts bringt. Dass solche Idioten zu sehr von ihrer Art zu handeln überzeugt sind, als dass sie ihr Handeln reflektieren würden.
Um nicht ebenso kindisch, biblisch, dogmatisch, fanatisch zu reagieren – Aug’ um Auge, Zahn um Zahn –, müsste ich eine bessere Strategie kennen. Im Leben ebenso wie auf der Straße.
Im konkreten Fall denke ich über eine allfällige Anzeige nach. [Doch reichen meine Fotos und die beiden Filmchen denn als Beweise? Und wo müsste ich das machen? Schweiz? Frankreich? Deutschland da EU?] Außerdem will ich doch nicht für einen Idioten wie diesen SUV-Fahrer soviel Energie aufwenden, die ich ja gar nicht habe. Doch genauso denken die meisten von uns. Dann regen wir uns wieder ab und alles geht genauso weiter wie zuvor.
Kurz taucht die Frage auf, ob ich um mein Leben – oder doch um meine Ruhe – bangen müsste, wenn ich dem Idioten eine Buße verursachen würde?
Auf dem weiteren Weg denke ich über die Kräftespirale nach, über die der Liebste schon oft in seinen Blogs geschrieben hat. Kräfte und Gegenkräfte, die sich gegenseitig hochschaukeln. Und am Schluss hat doch niemand gewonnen.
Habe ich etwas gelernt? Vielleicht, dass man Trolle nicht ausbremsen kann? Nein, ich mag einfach nicht akzeptieren, dass es solche Arschlöcher gibt, gegen die man nichts tun kann.
Er hat vermutlich erst recht nichts gelernt, außer, dass schlussendlich jeder seiner Dummheit weicht, außer er oder sie lasse sich auf einen Krieg mit ihm ein.
Sag mir, wie du dich im Straßenverkehr verhältst und ich sage dir, wer du bist.
Bild ohne zu gucken nach hinten. Man sieht trotz Überbelichtung die nahen Lichter.
Da hat er mich das zweite Mal rechts überholt.
Nach der zweiten Rechtsüberholung lässt er mir zuerst ein bisschen Platz zum Gasgeben.
Heute möchte ich euch zwei wichtige Texte ans Herz legen.
Bei beiden geht es im Grunde um die Erkenntnis, dass wir weit weniger frei sind als wir es möchten. Und darum, wie wir subtil manipuliert werden, um auf bestimmte Arten zu denken, zu handeln und zu wählen.
Im ersten geht es um Big Data, um das, was wir tagtäglich an Spuren hinterlassen ob wir es wollen oder nicht, ob wir was machen oder es lassen. Und was damit gemacht werden kann. Könnte.
Im zweiten Text geht es darum, wie wir nach und nach vom Ich befreit werden sollen. Und um das Dunbar-Dorf und unsere beschränkte Kapazität zur Beziehungspflege. 2.) Die Befreiung des Ich
(Quelle: Frau Meike sagt)