Doch noch …

Buchcover des Blogbuches 2017Ja, ich würde auch schreiben, wenn ich meine Gedanken nicht in diesem Blog mit euch teilen würde. Schreiben ist mir Grundbedürfnis – wie Essen, Trinken und der Gang aufs Klo.

Dank euch aber gibt es eine Art Austausch. Inspiration. Obwohl ich die Kommentarfunktion nach wie vor – außer bei Ausnahmen – ausgeschaltet habe, nehme ich euch wahr. Ihr seid da. Und ihr habt mir in eurem Leben eine kleine Nische freigeräumt, in welcher ich meine Gedanken ausbreiten kann. Mal kürzer, mal länger, die runden ebenso wie die kantigen. All meine halbgaren Ideen, meine Geschichten und all meine unmöglichen Fragen und all meine möglichen Antworten.

»Meinen Weg kann niemand gehen wie ich«. Das habe ich in diesem Blog schon oft geschrieben – wortwörtlich oder sinngemäß. Und ja, so wie ich hat niemand dieses letzte Jahr gelebt. Und so wie du auch nicht. Daraus ist nun ein Buch geworden, ein Blogbuch. Wie in den Jahren davor.

Was ich mir wünsche? Dass ich, obwohl es mir oft genug schwerfällt, dem Leben an sich wieder mehr vertrauen kann. Obwohl da so vieles im Ungleichgewicht ist. Außen in meinem Umfeld, auf der Welt, und ja, auch in mir.

Danke, dass ihr da seid und an meinem Leben – aus Distanz und doch nicht ohne Betroffenheit, sondern mit Mitgefühl – teilnehmt. Und ich freue mich natürlich ganz besonders, falls ihr hier den einen oder anderen Impuls für euer Leben gefunden habt.

Danke, dass ihr da seid.

Falls ihr Lust habt, meine sofasophischen Fallmaschenherzgespinste nochmals, in Buchform, zu lesen, könnt ihr sie hier downloaden. Nur zum Eigengebrauch versteht sich. Alle hübschen und weniger hübschen Tippfehler gibts gratis obendrauf.

Zu den Büchern der Vorjahre gehts ⇒ hier lang.

Im Bus | #Schattenklänge

Er zuckt zusammen, schluckt schwer. Nein, niemals will er sich daran gewöhnen, dass Menschen über andere Menschen so reden. Zwar hat es diesmal nicht ihm gegolten, nicht wirklich jedenfalls, denn sie haben ihn nicht gesehen. Dennoch. Nein. Das geht einfach nicht.

Angefangen hatte es bei ihm mit dem Schielen. Ein Geburtsfehler. Ihn hatte es nicht allzu sehr gestört. Schwieriger war der Spott der Klassenkameraden gewesen. Weh hatte das getan. Für eine OP war es irgendwann, als er endlich sein eigenes Geld verdient hatte, zu spät gewesen. Zu unsicher, hatten die Ärzte gemeint, zu riskant. Ohne Erfolgsgarantie.

Vor vier Jahren dann der Unfall. Ein Raser hatte ihn übersehen. Sein Gesicht sieht heute einseitig aus, asymmetrisch, schräg, da es rechts gewissermaßen herunterhängt. Ein Kollateralschaden. Die kaputten Muskel hatte man zu spät bemerkt, andere Reparaturen waren wichtiger gewesen. Manches war eben nicht mehr reparierbar. Sein Gesicht zum Beispiel. Daran änderten auch Schadenersatzzahlungen nichts.

Als er nach Wochen endlich die Klinik verlassen konnte, hatte er sich an sein neues Gesicht bereits halbwegs gewöhnt. Daran, dass die Leute auf der Straße zusammenzuckten und wegschauten, wenn sie ihn anschauten, konnte er sich allerdings bis heute nicht gewöhnen. Bei Fremden versuchte er es einfach wegzustecken. Freunde und Freundinnen akzeptierten ihn nach wie vor als den, der er war. Schlimm war aber gewesen, als er das erste Mal wieder seinen Kolleginnen und Kollegen im Pausenraum begegnete. Außer der Lateinlehrerin, die seinem Blick tapfer aushielt, hatten alle peinlich berührt weggeschaut. Die Schülerinnen und Schüler hatten rote Köpfe bekommen. Hatten getuschelt, wenn er nicht hinschaute, und gekichert. Anfangs tat er so, als merke er es nicht, aber als irgendwann eine Zeichnung auf der Wandtafel in der Aula aufgetaucht war – das asymmetrische Gesicht sollte wohl eine Karikatur von ihm darstellen – wusste er, dass er etwas unternehmen musste.

Also hatte er sich an die Schulleiterin gewandt, mit der er sich bis zum Unfall immer bestens verstanden hatte. Einmal hatte sie ihn sogar eine ihrer engagiertesten Lehrpersonen genannt. Nun ja, Geschichte, Deutsch und Latein waren schon immer seine große Leidenschaft gewesen. Mit Herzblut und Begeisterung hatte er viele Jahre unterrichtet und auch sein Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern war immer gut gewesen. Bis zum Unfall.

Er selbst fühlte sich, von innen nach außen guckend, noch immer als der gleiche Mensch. Äußerlichkeiten hatten ihn nie groß interessiert. Seiner Frau ging es ähnlich. Sie hatte gesagt, dass sie sich natürlich, genau wie er selbst, an sein neues Gesicht gewöhnen müsse, doch das ändere nichts an ihrer Liebe.

Die Schulleiterin war seinem Blick ausgewichen. Weißt du, sagte sie, vielleicht ist es … Sie druckste herum, suchte nach Worten. Es gibt Eltern, sagte sie, Eltern, die finden … Nun ja, vielleicht ist es besser, wenn du nicht mehr unterrichtest. Etwas von Abfindung und bezahlter Umschulung sagte sie ebenfalls, während er aus allen Wolken fiel. Nie hätte er damit gerechnet, dass sogar seine Schulleiterin, diese kluge und gebildete Frau, ihn – nur weil er heute anders aussah als früher – nicht mehr als die Lehrperson sehen, ja, als diesen Menschen betrachten konnte, der er noch immer war. Dass sie derartige Eingeständnisse machen würde und sich den Unzumutbarkeitsbekundungen einzelner Eltern beugen. Ganz im Gegenteil. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie sich mit ihm solidarisieren und Toleranzaktionen umsetzen würde.

Wo, wenn nicht hier, an der Schule, sollten Kinder denn bitteschön Toleranz gegenüber Menschen lernen, die aus Gründen, die nicht relevant waren, anders aussahen als die Norm?, fragte er sich, während sie weiterplapperte. Dachte er ihre Haltung weiter, dürften Menschen mit sichtbaren Behinderungen, mit sogenannt entstellten Gesichtern oder Körpern keine öffentlichen Ämter mehr innehaben. Weil ihr Aussehen unzumutbar war. Sollten Menschen wie er aus der Öffentlichkeit verschwinden? War das wirklich das, was sie ihm da zu sagen versuchte? Wer sollte denn noch an Toleranz glauben wollen, wenn sie nirgendwo gelebt wurde?

Wie es den betroffenen Menschen dabei ging, war offenbar nicht der Rede wert. Was war denn mit seiner Leidenschaft, dem Unterricht? Wenn er die Aussagen seiner Schulleiterin konsequent und auf sich bezogen weiterdachte, dürfte er noch nicht mal an der Hochschule unterrichten, Studentinnen und Studenten das Rüstzeug für eine Laufbahn als Lehrperson mit auf den Weg geben. Weil sein Aussehen unzumutbar war.

Wo würden die Grenzen gezogen und wer würde bestimmen, welches Aussehen noch gerade so öffentlich vertretbar war um als Lehrperson, als Politikerin, als Arzt in Erscheinung treten zu dürfen? Wo war die Schmerzgrenze? Wessen Schmerzgrenze? Und warum galt diese nur in die eine Richtung? All jene Menschen mit Stigmata – war es ihnen denn zumutbar, in dieser Gesellschaft zu leben, wo Menschen wie er als Geächtete betrachtet wurden?

Und was wäre mit dem ganzen Potential, mit den Talenten all dieser Menschen, die – weil sie aus Gründen, die im Grunde niemanden etwas angingen, anders als die Norm aussahen – ihre Berufung nicht leben durften, weil ihr Aussehen der Öffentlichkeit nicht zu zumuten sei?

Die Schulleiterin brach ihren Redeschwall abrupt ab und sah ihn an. Sah, dass er nach Worten rang. Schließlich nicht mehr rang, da er keine fand. Und sprachlos aufstand.

Sie hatte über ihre Chefin gesprochen, die junge Frau im Bus zwei Reihen hinter ihm. Wie hässlich sie sei. Als würde sie ständig eine Grimasse reißen. Eine unendliche Grimmasse. Sie ist nun für immer so hässlich, weißt du, sie hatte einen Unfall. Sie sieht so gruslig aus, sage ich dir. Wenn ich so aussähe wie die, ich würde mir echt die Kugel geben.

An der nächsten Haltestelle steigt er aus. Das echte Gesicht der jungen Frau, die sich die Kugel geben würde, war hinter der Schminke schwer auszumachen. Mit viel Farbe hatte sie sich ein Gesicht aufgemalt, das in dieser Gesellschaft vermutlich als schön galt. Doch Schönheit war ja noch nie eine Frage des Aussehens gewesen.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

Er spielte Klavier – von @Traumspruch | #Schattenklänge

Klaviertasten
Klaviertasten

… er spielte Klavier
sanft
sehr schöne
leise Töne
spielte ohne Noten
aus der Erinnerung

einfach so

Lebensfreude

Ton für Ton

er spielte Klavier
was kümmerten ihn schon
diese Bilder
diese Bilder …
er spielte Klavier
die Tasten bebten
diese Bilder

er spielte Klavier
letzte Woche
war er hier
er spielte Klavier
und
wir füllten zusammen diesen Antrag aus
für …
ein Schlupfloch

noch war es kein Zuhaus
und
er spielte Klavier
Noten
Lieder
seine Seele klang aus jedem Stück
und seine Seele blieb doch irgendwo
in Syrien und auf dem Meer

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Dieser Text ist erstmalig am 7. Mai 2016  von Frau Traumspruch hier veröffentlicht worden und erscheint nun mit ihrer freundlicher Erlaubnis im Rahmen der Blogaktion #Schattenklänge auf diesem Blog.

Die Sache mit der Zufriedenheit | #Schattenklänge

Für das Projekt #Schattenklänge teile ich gerne die nachfolgende Geschichte, die ich vor nahezu zweieinhalb Jahren gebloggt habe, mit euch:

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig. Und ohne die Möglichkeit mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. [Weiterlesen …]

Ausgelesen #20 – Und es schmilzt von Lize Spit

Ein Buch, das von der ersten Seiten an unter die Haut geht, weh tut und das wohl niemanden kalt lassen wird. Wie im Frühling, als ich das Buch Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara gelesen und rezensiert hatte, musste ich auch bei Und es schmilzt von Lize Spit zwischen den Lesezeiten längere Pausen einlegen.

Die zwei Bücher haben übrigens durchaus gewisse Parallelen, geht es doch in beiden exemplarisch um Kinderseelen, die kaputt gemacht werden. Tagtäglich geschieht das. Immer. Irgendwo.

Cover von Lize Spits Buch Und es schmilzt. Es zeigt auf einem weißen Hintergrund den Namen des Buches und der Autorin. Die Buchstaben sind aus schmelzendem Eis, mit darin eingeschlossenen Blüten und Blättern.Wie ein einziges großes Domino!, dachte ich gestern, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte. Jemand stößt etwas an, überschreitet Grenzen, missbraucht eines anderen Menschen Gutmütigkeit, Leichtgläubigkeit, Sehnsucht nach Zugehörigkeit und hackt so lebenslang blutende Wunden, die möglicherweise nie mehr verheilen können, in das Leben eines anderen Menschen.

Und oft sind auch jene, die dieses Domino anstoßen, auch nur Menschen, die von anderen Dominosteinen zu Boden geworfen worden sind. Die Missbrauchsspirale ist allzu oft ein Teufelskreis ohne Anfang und Ende. Von Opfer zu Täter ist die Grenze oft fließend.

In ihrem Romandebüt, das mich mehr erschüttert hat als mancher Krimi, erzählt die junge Autorin Lize Spit das Leben ihrer Protagonistin. Eva ist eine hochsensible junge Frau, bald achtundzwanzig Jahre alt, die – sobald das damals möglich war – aus ihrem Heimatdorf in Flamen zum Studium in ihre Landeshauptstadt Brüssel geflohen ist und dort versucht, sich ein Leben aufzubauen, das halbwegs erträglich ist.

Eva deutet als Ich-Erzählerin vieles nur an und überlässt, zumindest in der ersten Buchhälfte, vieles der Phantasie und den Lebenserfahrungen der Lesenden.

Am Anfang des Buches, es ist der 30. Dezember 2015, sitzen wir mit ihr und einer riesigen Gefrierbox im Auto. Eva fährt zu einem Fest. In ihr altes Dorf. So weit, so gut. Dass das alles gar nicht gut ist und dass etwas für die Lesenden noch Unfassbares passiert sein muss, wird bald klar.

In Rückblenden, die auf den Sommer 2002 datiert sind – Eva war damals vierzehn Jahre alt – erfahren wir, von den seltsamen Veränderungen der beiden Freunde Evas. Nur zu dritt hatten sie von Anfang an eine Klasse gebildet. Mehr Kinder waren in ihrem Dorf in ihrem Jahrgang nicht zur Welt gekommen. Die drei Kinder – zwei Jungen und das Mädchen Eva – wurden beste Freunde und nannten sich fortan die drei Musketiere. Doch nun, im Sommer 2002, stecken sie mitten in der Pubertät. Das Thema Mädchen wird für Pim und Laurens auf einmal hochaktuell und sie beschließen mit einem ausgeklügelten Spiel, bei dem Eva die Rolle der Spielleiterin zugewiesen bekommt, ihre (un)heimlichen Lüste zu befriedigen. So rutscht Eva mehr und mehr in eine Rolle, die ihr nicht behagt, doch aussteigen kann sie auch nicht. Was würde ihr sonst noch bleiben?

Ihr Leben ist trist. Mit ihrem größeren Bruder Jolan und der kleineren Schwester Tesje, die immer seltsamere Verhaltensweisen an den Tag legt, versucht sie halbwegs würdevoll – und doch voller versteckter Selbstablehnungsmuster – zu leben. Die Geschwister haben längst erkannt, dass in ihrer Familie einiges schiefläuft. Zum Beispiel trinken die Eltern mehr als ihnen gut tut.

Am Anfang sind da nur diese subtilen Andeutungen, die der fast beiläufig skizzierten Szenerie etwas grotesk Selbstverständliches verleihen. Gezielt nutzt die Autorin für solche Erinnerungen eine dritte Rückblendenebene mit nicht datierten Alltagserlebnissen. Hier lässt sich am jeweiligen Alter der Kinder  ablesen, wo wir uns auf dieser fatalen Zeitachse ungefähr befinden.

Und immer wieder kommen wir zurück in die Gegenwart. Der 30. Dezember nimmt seinen Lauf. Eva erreicht das Dorf ihrer Kindheit. Das Elternhaus zuerst. Auch hier blicken wir mit ihr zurück. Erinnerungen, die zu lesen schier unerträglich sind.

Lize Spit ist das unglaubliche Kunststück gelungen, Evas sehr detailreiche sinnliche und hochsensibel wahrgenommene Sicht auf ihre Wirklichkeit, ihre Fähigkeit, die Absichten anderer zu durchschauen, ihre eigene Verletztlichkeit, in Worte zu fassen. So gut, dass das Lesen je umfassender die ganze Geschichte ausgebreitet wird, umso schmerzhafter ist.

Darum hier eine inständige Triggerwarnung meinerseits: Diese Erzählung handelt von Themen wie Missbrauch, Übergriffen, Suizid, Suizidabsichten, zwanghaften Persönlichkeitsstörungen, Alkoholismus. Das Lesen dieses Buches kann Menschen mit einem feinen Nervenkostüm und die möglicherweise ähnliche Erfahrungen wie Eva machen mussten, sehr aufwühlen und triggern. Darum kann ich es nur eingeschränkt zum Lesen empfehlen.

Ich persönlich finde es dennoch eine großartig gelungene Annäherung an Themen, über die man am liebsten nichts wissen und nicht sprechen möchte.

Weil Du mir so fehlst – Geschichten von Leben und Tod | Schreibwettbewerb

Gerne weise ich euch auf einen Wettbewerb hin, bei dem ich wohl mitmachen werde.

»Da ist das Loch. Mitten in uns. Der geliebte Mensch verschwunden, und wie aus einem Vulkan schleudern aus unserem schwarzen inneren Krater heiße Gefühle hinauf.

WettbewerbslogoManchmal so eruptiv, dass man sich festhalten möchte und dass die Tränen verdampfen. Andere werfen mit Kraft in den Abgrund ihr ’Warum’, hoffend auf Echo. Aber nichts fällt, es bleibt wolkenleicht vor der Stirn, verhängt die Gedanken und denkt gar nicht daran hinabzustürzen. Einige von uns werden deshalb wütend, andere können nur noch: einatmen – ausatmen. Nichts weiter.«

Es gibt soviele Schattierungen der Trauer, erzählt uns davon. Erzähle wie Du es erlebt hast und auch was Dir half. Vielleicht ist Deine Geschichte für andere Trost.

Start ist am Totensonntag den 26. November 2017 bis Frühlingsanfang 20. März 2018

Hier lang geht es zu den Teilnahmebedingungen.
Weitere Infos gibt es hier: Bitte → klicken.

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Gerne teilen und weitererzählen!

Ausgelesen #19 – Der Fall Kallmann von Håkan Nesser

Mit Der Fall Kallmann legte der vielseitige schwedische Autor Håkan Nesser eine Sozialstudie der etwas anderen Art vor. Wir befinden uns in einer kleinen Stadt im mittelschwedischen Binnenland, die K. genannt wird, und schreiben das Jahr 1995.

Eugen Kallmann unterrichtete an einer Gesamtschule Schwedisch und galt in seinem Kollegium als Einzelgänger, doch seine Schülerinnen und Schüler verehrten ihn. Einzig Igor, einem Lehrer für Mathematik und Physik, sowie Ludmilla, der Beratungslehrerin, gelang es hin und wieder einen kleinen Einblick in Kallmanns Gedankengänge zu bekommen. Doch auch diese blieben sehr fragmentarisch. Eines Abend im Mai findet der Schüler Charlie seinen Lehrer Kallmann am Fuße der steilen Treppe eines verlassenen Hauses tot auf.

Zum Weiterlesen bitte → hier klicken.

Ausgelesen #18 – Neues aus der Schweizer Krimiküche

Die beiden Autorinnen Mitra Devi und Petra Ivanov haben sich zusammengetan und den Psychothriller Schockfrost geschrieben.

Schockfrost

Die Londoner Psychiaterin Frieda Klein, erschaffen vom Autorenpaar Nicci French, hat jetzt eine Schweizer Kollegin. Sarah Marten. Wie Frieda behandelt Sarah ihre PatientInnen in der eigenen Praxis und erarbeitet daneben Gutachten für die Behörden. Ebenfalls wie Frieda hat auch Sarah diesen einen Klienten, der sie vor der Welt beschützen will. Doch hier hören die Ähnlichkeiten auch schon auf, denn Sarahs neuer Klient leidet immer wieder an paranoiden Psychosen. Seine Ängste richten sich auf ein manipulatives Netzwerk, das – wie wir im Laufe der Geschichte erfahren werden – nicht nur aus der Luft gegriffene Grundlagen hat.

Zusammen mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn Dave lebt Sarah Marten am Stadtrand von Zürich. Ihren neuen Klienten verdankt sie Kaspar, ihrem Exmann, der an einer Klinik als Psychiater praktiziert. Über seine wahren Gründe für die Überweisung schweigt er sich allerdings aus.
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Zeitgleich ist von Petra Ivanov Erster Funke – Wie alles begann erschienen. Für Fans ein Muss!

Erster Funke | Petra Ivanov

Mit Erster Funke hat Petra Ivanov ein Prequel vorgelegt, das die Fragen beantwortet, wo und unter welchen Umständen sich ihr Ermittlerduo Regina Flint und Bruno Cavalli kennengelernt haben.

Dass sich Regina und Cavalli – niemand nennt ihn Bruno – vor ihrem ersten gemeinsam gelösten Fall schon mal getroffen haben, wird im ersten Roman Fremde Hände, der 2005 erschienen ist, angedeutet. Auch in späteren Büchern wird diese Begegnung in den USA hin und wieder erwähnt. Doch was ist damals wirklich geschehen?
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Ausgelesen #17 – Crimson Lake von Candice Fox

»Sechs Minuten braucht es nur, um das Leben von Detective Ted Conkaffey vollständig zu ruinieren. Die Anklage gegen ihn wird zwar aus Mangel an Beweisen fallengelassen, doch alle Welt glaubt zu wissen, dass einzig und allein er es gewesen ist, der Claire entführt hat. Um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, zieht er nach Crimson Lake, eine Kleinstadt im Norden Australiens. Dort trifft er Amanda Pharrell, die ganz genau weiß, was es heißt, Staatsfeind Nr. 1 zu sein. Vor Jahren musste sie wegen angeblichen Mordes ins Gefängnis. Nun ist sie Privatdetektivin und braucht bei ihrem neuen Fall ausgerechten seine Hilfe …«. So viel zum Klappentext. Ich bin gespannt.

Auf der ersten Buchseite watschelt eine siebenköpfige Gänsefamilie durchs Bild. Eines Tages hält sie beim Ich-Erzähler Ted Einzug. Als er schon fast nicht mehr daran zu glauben gewagt hatte, dass sein Leben je wieder lebenswert sein könnte. Seine Frau glaubt nicht an seine Unschuld, seine Tochter darf er nicht mehr sehen und das baufällige Haus, das er gekauft hat, ist leer. So leer, wie er selbst sich fühlt. Bis die Gänse auftauchen. Einige Tage später lernt er die von Kopf bis Fuß tätowierte Amanda kennen, die wegen Mordes eine Haftstrafe abgesessen hat, sich nun als Privatermittlerin betätigt und ihn in ihr Ermittler-Boot holt. Diese Wende tut Ted zwar gut, doch immer wieder überfallen ihn heftige Panikattacken, die auch nicht davon besser werden, dass kurze Zeit später sein Inkognito auffliegt und der Mob ihn zu terrorisieren beginnt. Bürgerwehren wollen ihn, den vermeintlichen Kinderschänder, nicht in ihrer Stadt. Auch aus der Familie des Schriftstellers, die Amanda und ihm den Auftrag erteilt hat, den verschwundenen Ehemann respektive Vater – einen Bestseller-Schrifteller – zu finden, schlägt ihm unerwartet kalter Wind entgegen.

Fast aussichtslos scheint es, diesen Fall zu lösen. Die Widerstände sind groß und unsere beiden Ermittler kämpfen nicht nur um die Lösung desselben, sie kämpfen auch gegen ihre eigenen Dämonen. Ted weiß um seine Unschuld, doch niemand will ihm glauben, bis eine unbestechliche Gerichtsmedizinerin schließlich einige Ungereimtheiten entdeckt und so eine junge Journalistin in neue Denkbahnen schubst. Parallel zu den Ermittlungen am Fall versucht Ted das Geheimnis um Amandas Mord an einer anderen jungen Frau zu verstehen. Amanda ermittelt ebenfalls parallel, sie versucht Licht in Teds Fall zu bringen.

Candice Fox zeichnet ihre Figuren sehr anschaulich. Sie wachsen mir sofort ans Herz. Ted mit seiner Sehnsucht nach seiner Tochter, die er nicht sehen darf, obwohl er aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde; Amanda mit ihrer schroffen, schrägen Art, die hinter dieser Fassade sehr zerbrechlich ist und nur ganz wenigen Einblick hinter ihren Vorhang gewährt. Beide mit einem ganz besonderen dunkelgrauen Humor und einer tiefen Sehnsucht danach, wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.

Fox erzählt nachvollziehbar, lebending, packend und öffnet immer wieder neue Türen, neue Abgründe und am Schluss ist alles anders. Schon jetzt bin ich gespannt, wie es mit den beiden weitergeht.


D: 15,95 €, A: 16,50 €, CH: 22,90 sFr
suhrkamp taschenbuch 4810, 2017,
Klappenbroschur, 380 Seiten
ISBN: 978-3-518-46810-4

Ausgelesen #16 – Tod in Winterthur von Eva Ashinze

Apropos Frauenkrimi: Vor einigen Wochen ist Eva Ashinzes zweiter Krimi erschienen, der, wie schon sein Vorgänger, in Winterthur spielt. Offenbar ist auch in dieser Zürcher Kleinstadt mit der angeblich höchsten Wohlfühlqualität aller Schweizer Städte nicht alles Gold was glänzt. Auch hier wird gemordet und auch hier werden auf offener Straße Menschen überfallen.

Buchcover Tod in Winterthur Am gleichen Tag wie Moira van der Meer, Rechtsanwältin und Ich-Erzählerin, den Auftrag bekommt, das Geheimnis dreier verlorener Eizellen in einer teuren Kinderwunsch-Klinik zu lüften, stirbt ihre erste große Liebe Jan, der mit seiner Frau Norah im Kunstgeschäft tätig war. Nun ja, Jan starb nicht nur, er wurde ermordet. Mit drei Schüssen. Von seiner Frau Norah, weiß Moira eigentlich nur, dass sie früher die beste Freundin ihrer seit vierundzwanzig Jahren verschollenen kleinen Schwester Maria war. Dennoch erklärt sie sich bereit, Norah moralisch und juristisch zu unterstützen. Während sie offiziell am Fall der verschwundenen Eizellen arbeitet, schaut sie aus persönlichem Interesse dem Ermittler Guido Béjart und der Staatsanwältin Kummer bei deren Ermittlungen über die Schultern. Sie will, dass Jans Mord unbedingt bald aufgeklärt wird.

Bald ist auch schon ein mutmaßlicher Täter gefunden, doch Moira zweifelt an seiner Schuld. Manches passt einfach nicht zusammen; oder zu gut. Jan und Norah seien ein Traumpaar gewesen, sagen alle der Befragten. Die Witwe trauert exzessiv und behauptet, ohne Jan nicht mehr leben zu wollen, doch warum sind denn beide Ehepartner ganz offensichtlich fremdgegangen? Und wie passen Jans Kompagnon Paul und Norahs beste Freundin Rebecca ins Bild?

Willy, Moiras rüstiger Nachbar und Vermieter, hilft beim Rätseln ebenso mit wie Moiras bester Kumpel Asim, der das asiatische Restaurant Alibaba führt. Und dass Moira im gleichen Aufwisch endlich auch das Rätsel um ihre verschollene Schwester Maria lösen will, interessiert natürlich nicht nur ihre Freunde, sondern auch Celina, Moiras alkoholkranke Mutter, und Moiras Vater, der schon vor vielen Jahren nach Nigeria zurückgekehrt ist. Besonders letzterer ermutigt seine Tochter in Telefongesprächen immer wieder nicht aufzugeben. Unsere Heldin durchlebt im Laufe der Geschichte ein Wechselbad der Gefühle, erleidet von jetzt auf gleich eine Panikattacke, spricht Alkohol und Nikotin mehr zu als gut für sie ist und stößt auch mal den einen oder anderen Menschen ziemlich vor den Kopf. Dennoch lässt sie sich nicht beirren und findet schließlich – nicht zuletzt dank eines Zufalls – für beide Fälle die entscheidenden Puzzleteile, die zur Aufklärung führen.

Ashinze zeichnet mit Moira eine sympathische junge Frau, die engagiert und gradlinig ihre Ziele verfolgt und ihrem Bauchgefühl traut. Sie ist alles andere als eine Superfrau, der alles in den Schoß fällt. Im Gegenteil. Beide Fälle gehen ihr sehr ans Eingemachte und wühlen sie auf. Dass das Verschwinden ihrer Schwester auf einmal wieder in den Vordergrund gerückt wird, überfordert sie fühlbar. Doch das und auch ein Überfall in der Winterthurer Innenstadt, bei dem sie verletzt wird, halten sie nicht auf. Zum Glück hat sie ein paar richtig gute Freunde, die ihr zur Seite stehen. Auch diese sind glaubwürdig gezeichnet.

Ashinzes Schreibstil überzeugt mit zumeist glaubwürdigen Szenen, Bildern und Dialogen. Sie verfolgt einen durchdachten Plot, der gut zum Umfeld und zu den gezeichneten Figuren passt. Dennoch stolpere ich über ein paar Kleinigkeiten. So frage ich mich zum Beispiel, warum Moira zur definitiven Aufklärung ihres Falles nicht ein seriöses Blatt hinzuzieht statt sich an die Boulevardpresse zu wenden. Und wieso muss es gegen Ende auf einmal so schnell gehen? Ein paar Zufälle, Ereignisketten und dramatische Lebensumstände weniger wären vielleicht fürs große Ganze glaubwürdiger gewerden. Ja, ich gestehe, dass manche Sequenzen und Umstände auf mich ein wenig konstruiert wirken. [Auch muss ich zugeben, dass die relativ vielen Fehler (Buchstabendreher & Co.) meinen Lesegenuß etwas getrübt haben. Da lässt meine Déformation professionelle als Korrektorin/Lektorin herzlich grüßen.]

Dennoch: Eva Ashinze hat mir ein tolles, spannendes Leseerlebnis beschert und meinen Einblick in den Alltag einer Schweizer Rechtsanwältin geweitet. Und ja, natürlich bin ich schon jetzt gespannt, wie es mit Moira weitergeht!

Buchinformation
Eva Ashinze, Tod in Winterthur
Orte Krimi
2017; 115×180 mm; 256 Seiten
ISBN 978-3-85830-222-9
CHF 26.00
Link zum Buch