getroffen

Es ist Herbst. Sie schießen wieder. Männer! Männer und Motoren! Männer, Motoren und Straßen. Kann das gut gehen?  … in solchen Klischees zu baden, meine ich natürlich … 😉

Nichts böses ahnend, radle ich meine Straße entlang. Richtung Büro. Der erste Schuss trifft mich am Unterschenkel. Gleich darauf einer am rechten Knie. Hey, Mann, pass doch auf!, sage ich. Hören tut er mich nicht. Er trägt Ohrenschützer und ist sich der Gefahr, in der seine Mitwelt schwebt, höchstens am Rand bewusst. Er fräst in Gedanken versunken weiter, ungeachtet der spitzen Steine, die er aufwirbelt. Die Motorsense, mit der er den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg bearbeitet, zwischen den Beinen. Potenz der etwas anderen Art. Eben so doof, diese Erfindung, wie der Laubbläser. Als ob es effizienter wäre, mit Luft Laub zu stapeln, als mit einem Laubrechen. Beppo, Momos Straßenkehrer, kommt mir in den Sinn. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Und auf einmal ist die ganze lange Straße gekehrt.

Geihts no?, frage ich. Nicht den mähenden Mann von der Straße, nein, doch die Männer, die in solchen Dingen das Sagen haben. Denn das müssen Männer sein. Geihts no? Da reden alle von Klimaerwärmung und C02-Senkung, doch unter dem Strich tun sie nicht. Tun wir nichts. Null Komma gar nichts, wie meine Arbeitskollegin M. bei jeder unpassenden Gelegenheit sagt. Dabei wäre es a.) gesünder, b.) klimaverträglicher, c.) ungefährlicher und d.) lärmfreier, wenn die Männer vom Straßendienst statt Motorsensen richtige Sensen gebrauchen würden. Und, wo wir dabei sind, auch gleich richtige Laubrechen statt den Bläsern. Und natürlich würden wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren!

Geihts no? – Auch so ein Ausdruck, der zum Grundwortschatz potentieller Bernheimsuchender gehört. Und auch ‚geihts no?‘ ist – wie äuä – multifunktionell. Siehe gestern. Es heißt sowohl ‚Spinnst du?‘ als auch ‚Danke! Was für eine schöne Überraschung! Damit hätte ich nicht gerechnet!‘ Die eigentliche Bedeutung lässt sich nur am Klang heraushören. Und am Glitzern der Augen.

Ja, ja, Bern und seine sprachliche Besonderheiten!

Ach, und übrigens … Hier gibt es ihn noch, den Majestatis Pluralis, den der Rest der Welt als ausgestorben betrachtet! Chöitr mr säge, wo‘s düregeiht zum Bahnhof?, fragt jemand einen ortskundigen Menschen, wenn er sich verirrt hat. Nicht ‚können Sie mir …?‘, sondern ‚könnt ihr mir …?‘. Niemand sagt hier Sie. Höfliche Anrede gleich Ihr.

Dennoch … ich mag natürlich auch viele andere Dialekte. Büündnerdütsch zum Beispiel. Oder wolliserdütsch, obwohl ich davon höchstens die Hälfte verstehe und bei ‚schi chuunt ai‘ an englisch denken muss, obwohl das bloß bedeutet, dass sie auch kommt. Lozärnerdütsch mag ich ebenfalls mit seinen rüdig-derben Ausdrücken.

Mit baaseldiitsch und den Ostschweizer Dialekten habe ich wenig am Hut, obwohl ich ganz liebe Freundinnen und Freunde, die so sprechen, habe.

Doch auch bayrisch gefällt mir, denn so spricht Luisa. Dann mag ich auch schwäbisch. Pfälzisch. Hamburgisch. Berlinerisch. Hach, diese Vielfalt! Gut hinhören, mit dem Herzen! … und auf einmal wird jede Sprache zur Offenbarung. Und zur Übung in Toleranz.

Na ja, Toleranz hin oder her: Wäre es denn nicht einfach schöner, die Berner Straßenkehrer hätten richtige Sensen und Laubrechen?

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EDIT: Eben als ich vorhin auf Veröffentlichen geklickt habe, ging draußen der Lärm los. Na? Was wohl? Das Gärtnerteam bläst Laub! *grmpf*

äuä eine Liebeserklärung

Als ich vor – huch! – einundzwanzig Jahren zum ersten Mal nach Bern zog, ahnte ich noch nicht, dass die Liebe zu dieser Stadt länger anhalten würde als meine damalige Liebesgeschichte, denn auch später bin ich immer wieder hier gelandet. Ich möchte mal einen Berner heiraten!, hatte ich als Teenie meiner damals besten Freundin anvertraut, mir gefällt dieser Dialekt so gut. Gesagt, getan. Wobei … K. hätte ich damals äuä auch genommen, wenn er Zürcher gewesen wäre. An der Trennung war denn auch nicht die Sprache schuld.

Ich gebe es trotzdem zu: Wie jemand spricht, spricht mich an. Oder eben nicht. Ähnlich wie Gerüche gehen auch Stimmen und Redewendungen in meinem Inneren ganz seltsame Wege. Sie berühren mich unvermittelt – oder eben nicht. Gerüche, Stimmen, Geräusche und Wörter verwandeln sich in meinem Inneren in Farben. Menschen speichere ich in mir als Farben ab – und als Geschmack auf der Zunge. Nix Esoterik, nein, ich sehe keine Auren! Ich ticke einfach so. Immer schon. Seit ich gelesen habe, dass dieses Phänomen einen wissenschaftlichen Namen hat, habe ich keine Hemmungen mehr, darüber zu reden (obwohl ich den Namen des Phänomens längst vergessen habe. Keine Beweise also!).

Sorry, ich schweife ab. Wollte doch über jenes Wort schreiben, das …

Nein. Halt. Vorgreifen will ich nicht. Mein Leben in Bern. Die erste Runde vor einundzwanzig Jahren. Buchhandlung S., wo ich damals meinen zweiten Beruf erlernt hatte. Meine Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen wurden nicht müde, mich meines Dialektes wegen zu necken. Nicht, dass der so besonders wäre. Eher das Gegenteil. Das Aargau ist sprachlich und geografisch einfach immer irgendwo dazwischen. Für Berner Ohren mag mein Dialekt sogar zürichdeutsch klingen, auch wenn ich das nicht verstehen kann. Und das war denn auch ihre Hauptneckerei. Denn zwischen Bern und Zürich liegen Welten, nicht bloss ein paar Kantone!

Längst habe ich meinen alten Mitbuchhändlern und -buchhändlerinnen ihre Foppereien verziehen. Später, als ich ein paar Jahre in Zürich gelebt hatte, wurde ich umgekehrt immer wieder gefragt, ob ich Bernerin sei. Hm. Das hörte ich, ehrlich!, doch viiiel lieber als die Frage, ob ich Zürcherin sei. Obwohl ich auch Zürich liebe. Die Stadt. Die Menschen. Und mein lieber Freund M. gab niemals auf, seine Aufgabe als  mein Mitbewohner als Entwicklungshilfe in Metropolität zu betrachten. Dennoch mag ich die gemächlichere Gangart der Bundeshauptstadt lieber als die Hektik jener gernegrossen City an der Limmat.

Ich schweife schon wieder ab, verzeiht. Mit Umwegen über das Tessin und das Aargau  – gopf, oder heisst es nöime der Tessin und der Aargau? – bin ich dann doch wieder hier gelandet. Im Kanton meines Herzens. Ja, auch damals der Liebe wegen. Vor allem aber, weil ich mich hier einfach zuhause fühlte. Und es noch immer tue.

Die vielen Berner Jahre haben  meine Aargauer Dialekt dennoch nicht aufgefressen. Mein Assimilationsbestreben zielte nie daraufhin, mich und meine Sprache zu verleugnen. Es genügte mir, umgeben von dieser Sprache zu leben, in den Klängen dieser Sprache zu baden. Jeden Tag von neuem. Dennoch habe ich natürlich ein paar Fetzen verinnerlicht. Ohne es zu merken. Angefangen bei der Satzstellung. Zum Beispiel sagt die Bernerin in mir ‚wo-n-ig es paar Jahr ha z’Züri gläbt‘ statt meiner Aargauerindie natürlich ‚wo n i es paar Johr z’Züri gläbt ha‘ sagt. Auch die Artikel mixe ich ebenfalls oft, ohne es zu merken. Oft Neutrum statt männlich oder weiblich. Das Agenda statt die Agenda zum Beispiel. Und natürlich sind da ein paar eigenwillige Begriffe wie nöime für eventuell oder irgendwo, die aus meinem Wortschatz nicht mehr wegzudenken sind.

Doch – und jetzt komme ich endlich zur Pointe! Selber schuld, ihr lest hier freiwillig! – das genialste Wort, das zugleich die Gemütlichkeit und Lebenskunst, Bernerin oder Berner zu sein, aufs Genauste illustrier, das Berner Universum gleichsam, besteht aus nur drei Buchstaben!

Kommst du als Fremdling nach Bern, genügt es, dieses eine Wort, je nach Bedarf anders betont, anzuwenden und alle Einheimischen akzeptieren dich als einen oder eine der ihren! Just try! Darfst einfach sonst nix sagen, sonst merken sie, dass du Import bist.

1.) äuä = ausgesprochen: äuäää? mit fragendem Ton und langem zweiten ä > Soll ich dir das wirklich glauben? Du veräppelst mich bestimmt!

2.) äuä = ausgesprochen: äuä? mit fragendem Ton > ähnlich wie 1.) doch im Klang weniger fragend, mehr bestätigend, bedeutet: Ja, es ist wahr, obwohl es verrückt klingt!

3.) äuä = ausgesprochen: äuä. Kurzes zweites ä. > Ja! So ist es! Kann auch als äuä scho! daher kommen und heißt ebenfalls ja.

4.) äuä = ausgesprochen: äääuä?! Fragender Ton, doch abschließend die Stimme senken > Nein. Definitiv nicht. Vergiss es!

Doppelmoral? Na ja … ich weiß ja, dass wir Leute aus Bern (zwar ist Gstaad im Berner Oberland, doch über Polanski möchte ich hier nicht schwadronieren) zuweilen nicht so recht wissen, was nun eigentlich gelten soll, was Irgendlink bewiesen hat, dennoch meinen wir es meistens nicht böse. Wir Berner und Bernerinnen.

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Treffen sich eine Bernerin und ein Berner am Loebegge*:

– äuä!
– äuä?
– äuä …
– äuä.

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* waaas? Du kennst den Loebegge nicht?

Echt bio

Ich mag sie! Ehrlich! Doch langsam wird es mir zu eng. Na ja, vorläufig geht es noch. Denn immerhin habe ich sie willkommen geheißen, damals, und ihr Platz gemacht. Habe sie sogar wiederholt um Verzeihung gebeten, wenn ich ihren Raum aus Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit missachtet habe. Sogar umgestellt habe ich für sie.

Doch so klein und bescheiden sie sich am Anfang zeigte, so groß und einnehmend verhält sie sich heute. Es liegt in ihrer Natur. Sie kann nichts dafür. Und ich kann nichts tun. Will nichts tun. Weil sie so schön ist.

Doch was, wenn sie noch grösser wird und noch mehr Raum einnimmt? Was, wenn sie mich weiter zurückdrängt? Was, wenn das Netz, das sie spinnt, sich vom Balkon allmählich in meine Küche ausdehnt? In meine ganze Wohnung! In mein Schlafzimmer! Wunderschön zwar, doch so, dass ich mich nicht mehr frei bewegen kann.

Will ich die zarten Kunstwerke nicht zerstören, kann ich nicht mehr so leben, nicht mehr so sein, wie ich bin.

Doch sagt mal ehrlich: Ist sie nicht wunderschön??? Wer könnte ihr schon widerstehen!

SIE_1

Im Lift

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein paar große Blumentöpfe mit Stauden und Gemüsepflanzen. Als Bühnenbild – hinten – Chiffontücher in verschiedenen Grüntönen. Ich trage eine grüne Schürze über der Alltagskleidung und gehe mit einer Gießkanne zwischen den Pflanzen umher. Gieße hin und wieder und zupfe da und dort ein paar dürre Blätter ab. Zwischendurch wende ich mein Gesicht der Sonne entgegen. Alles um mich herum vergessend. Ganz offensichtlich bin ich glücklich.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist es nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich lasse mir nicht anmerken, dass ich sie bemerkt habe. Hoffe, die Type, die ich für mich XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (mit einem Tonfall, der deutlich machen soll, wie sehr ich mich belästigt fühle): Suchst du etwas?

XeNö: Nö.

Ich: Was … öhm … machst du denn sonst hier?

XeNö: Na. Dir zuschauen. Dir dreinreden.

Ich:

XeNö: Und dir ein paar Fragen stellen.

Ich (verdrehe die Augen)

XeNö: Na … ?! Hat es dir die Sprache verschlagen?

Ich: Du hast mir gerade noch gefehlt!

XeNö (grinst): Gut zu wissen!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung. Sage nichts)

XeNö: Erste Frage: Was soll das Ganze?

Ich:

XeNö: Na? Komm schon!

Ich: Das Ganze?

XeNö: Bravo. Richtige Rückfrage. Braves Kind.

Ich (frage mich, wie ich diesen aufdringlichen Menschen, der meine Zeit verschwendet, endlich loswerden könnte …)

XeNö: Na? Deine Bloggerei! Diese Zeitverschwendung. Selbstdarstellung. Theater. Vorstellung. Diese ganze Selbstbeweihräucherung, du weißt schon. Dieser Seelenstrip … diese …

Ich: Haaalt! Ich wüsste nicht, was DICH das angeht!

XeNö: Werd nicht frech, Kleine!

Ich (richte mich zu meiner vollen Größe auf. Hundertachtundsechzig Zentimeter Sofasophia): Wenn hier jemand frech ist, dann du! Kreuzest hier unaufgefordert auf und stellst unbequeme Fragen! Außerdem brauchst du mein Blog ja überhaupt nicht zu lesen!

XeNö: Weiß ich doch …

Ich: … aber natürlich gibst du nicht locker! Leute wie dich kenn ich doch!

XeNö: Ach ja?

Ich: Ja! Also. Hör jetzt genau hin, denn ich habe nicht vor, mich zu wiederholen. Wenn du wissen willst, warum ich blogge, bleibt dir nix anderes übrig als meine Texte zu lesen. Da steht es drin. Immer wieder. Eine andere Antwort bekommst du nicht. Nicht du!

XeNö: Nun schnapp doch nicht gleich ein. Man wird doch noch nett fragen dürfen.

Ich (verdrehe erneut die Augen, flüstere): Nett … (Flüstermodus aus) … wenn man die Antwort nicht scheut!

XeNö (wendet sich von mir ab. Geht durch den Garten, schaut da und dort hin, hebt Steine auf, scheint etwas zu suchen …)

Ich (Flüstermodus) Ich habe meine Zeit schon dümmer verbracht. Außerdem ist Bloggen weder sinnlos noch dumm. Materiell gesehen schaut zwar nichts ‚bei ‚raus, aber für mich zählen andere Dinge. Die Freude am Schreiben und der Austausch mit den anderen. Zum Beispiel. Und der Ausgleich zu meinem Alltag. Mentale Verdauung. Bisschen spinnen hin und wieder.

XeNö: Sorry, was hast du gesagt?

Ich: Nichts, das dich interessieren müsste.

XeNö: Du und deine ewigen Monologe! Überall führst du sie: Im Kopf. Auf Papier. Im Blog. Gehst immerzu im Kreis herum.

Ich: Deine Meinung.

XeNö: Ich frage mich doch bloß, wie ich dir helfen könnte!

Ich (beiße auf die Unterlippe, um ein Lachen zu unterdrücken): Seh ich so aus? Brauchst du vielleicht ’ne Brille?

XeNö: Ich könnte dich doch hin und wieder besuchen. Deinen Blog aufmischen.

Ich: Du hast mir gerade noch gefehlt!

XeNö: Siehst du. Im Kreis. Du wiederholst dich. Und deine Augen brauchst du auch nicht ständig zu verdrehen!

Ich: Das ganze Leben ist ein Kreis. Nicht gemerkt? Wir fahren bloß ein bisschen Lift. Paternoster. Sind mal oben. Mal unten. Steigen aus. Wieder ein. Gegen den Drehwurm hilft nur schreib … Ooops. (flüsternd, zu mir selber) Was sag ich da?

XeNö (verschwindet grinsend vorne rechts) Auf Wiedersehen!

Ich (knie mich vor eine der Pflanzen und flüstere): War das jetzt alles echt?

nützlichnützlichnützlich

Vorbei mit Bleistiftspitzen! Vorgestern beschloss ich, meine Unterforderung bei der Arbeit, im Team zu thematisieren. Heute machte ich bereits wieder Überstunden.

Im Anschluss an das schon lange auf gestern terminierte, einmal jährliche stattfindende Quali-Gespräch unterbreitete ich R., meinem Boss, ein paar konkrete Ideen, wo und wie ich meine Kolleginnen aus den anderen Arbeitsbereichen entlasten könnte. Unter Einhaltung des korrekten Weges, wohlgemerkt. Alles umsetzbare Vorschläge natürlich. Er schätze ja meine initiative, mitdenkende und selbständige Arbeitsweise, hatte er kurz zuvor – im besagten Gespräch – wiederholt gesagt und mir in den wesentlichen Teilbereichen gute und Bestnoten ausgeteilt. Meine Phasen der zeitweiligen Zerstreutheit, in der er mich jeweils liebevoll Unsere Literaturprofessorin nennt, trage da bloß zu meinem Charme bei. Ooops.

Doch als ich sagte, dass ich keinerlei Ehrgeiz und Ambitionen hätte, während wir über meine Zukunft und meine Ziele diskutierten, schnappte er kurz mal nach Luft. Ich dagegen erinnerte mich an jenen früher erwähnten, genialen Artikel von Thomas Widmer in der Zeitschrift „Natürlich leben“. Lob der Ataraxie.

Na ja. So ganz ohne Ambition bin ich denn doch nicht, wie wir beide dann im Gespräch feststellten. Leider. Zum Glück. Vor- und Nachteile. Ihr wisst schon. Teile und Gegenteile faszinieren mich eh. Und Motive. Zwei große Ambitionen: Ich bin qualitätsbewusst und ich bin neugierig. Ich will, was ich tue, ständig verbessern. Und ich will Zusammenhänge verstehen. Kann sowas sogar bei der Arbeit nicht lassen, obwohl sich mein Hauptleben außerhalb des Büros abspielt.

Einer meiner gutgeheißenen Vorschläge war, zukünftig die Verantwortung für das neue Kursprogramm zu übernehmen. Koordination. Kommunikation mit dem Grafiker. Druck. Versand. Schön. Solche Jobs mag ich. Später kam eine andere Kollegin, für deren Integrationsprojekt ich als stellvertretende Programmleiterin fungiere, auf mich zu. Ob ich Ende September an ihrer Stelle unser gemeinsames Programm im Rahmen eines Erntedankfestes vor versammelter Gemeinde vorstellen könne. Powerpoint und so. Auf dass der Rubel rolle …

Beides Herausforderungen und Aufgaben, die mir die versandete Freude an meinem Job zurück geben. So dass ich gestern Abend um halb sechs, als mein Scheff und ich Feierabend machten, wohlig seufzend, den guten und vor allem kreativen Arbeitstag lobte.

Heute fuhr das halbe IT-Team aus der Zentrale ein. Die beiden Männer  installierten den neuen Depotserver und informierte mich, Superuser unserer Bürogemeinschaft, über die zukünftigen Änderungen …

Wichtigwichtigwichtig … Ich bin wer … Ich … Die Falle schnappt zu. Frisst mich auf. Lächelt nett. Spuckt mich aus. Nützlichnützlichnützlich …  Und leicht verdaulich vermutlich *grmpf*

Ich gestehe: Es tut eben schon irgendwie gut, tagsüber nicht bloß Bleistifte gespitzt zu haben, die ich eh nie brauche, weil ich doch mit dem Druckbleistift schreibe.

undichtbar

Geschmeidig sei mein Schreibstil, hörte ich neulich. Na ja. Ist ja fast so schmeichelhaft wie zu hören, dass ich nett sei.

Glatt und nett und ohne Widerhaken.

Wie viele Kanten brauche ich, damit du hängenbleibst? Genügen meine Webkanten? Wie eckig muss ich sein, um gelesen und gesehen zu werden? So ich das will (natürlich will ich das …). Doch von wem? Von jenen großen Tieren, die den exklusiven literarischen Tee aufbrühen?

Womöglich blogge ich, weil ich meinen literarischen Tee am liebsten aus meiner eigene großen Tasse trinke. Weil ich die Absichtslosigkeit und Vergänglichkeit des Bloggens mag …

Ich schreibe für das große schwarze Loch.
Für den Augenblick.
Für das Vergessen.
Für mich.
Für dich.
Für jetzt.

Schwupps. Und schon vorbei.

Die Dichte der Dichtung
an der Webkante meiner Gewebe gebrochen
scheißt Buchstaben
die wir verschlingen
noch und noch
und noch
ohne Punkt
und
ohne Komma
ohneLeerschlagsogar
Schnell
schneller
noch schneller
verdauen wir
kaum noch
all die
Buchstabenbilder
Buchstabengebilde
Buchstabengewebe
schlucken sie runter
würgen manchmal
weil sie
uns
im Hals stecken
bleiben
und uns
danach
schwer im Magen liegen…

Sorry, dieses undichte Gedichte muss hier fertig sein,
denn ich muss mal …

vorläufig

So was aber auch! Das gäbe glatt ne Geschichte: J. teilte sein Krankenhauszimmer die letzten Tage mit einem Totengräber. Da sei ja bereits für alles vorgesorgt, meinte er. Na ja … seiner Moral und seinem Humor scheint das jedenfalls keinen Abbruch zu tun. Galgenhumor.

Ich selber hüte auch das Bett, resp. aktuell das Sofa, und fülle den Papierkorb mit vollgeschnupften Taschentüchern. Habe mich nach einem mühsamen Morgen im Büro, bei dem alles furchtbar anstrengend war, für den Rest des Tages verabschiedet. Bisschen Fieber habe ich und die Nase voll – wörtlich. Der Hals macht auch zu. Schweinegrippe? Nö. Eine banale Erkältung. Fühle mich einfach schlapp und es ist okay. Nichts müssen. Habe Siesta gemacht. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, tu ich halt tagsüber. Doch nun zelebriere ich meine Auszeit. Wenn schon, denn schon. Besser Kranksein genießen, als mich darüber zu nerven. Vor allem, wenn ich es dabei noch schaffe, die Tastatur zu bedienen. Und das Hirn.

Warum ich und warum jetzt? Warum nicht! Meine Lieblingsantwort übrigens. Geht für alles. Zumal sie auch Frage sein kann. Also ziemlich kompatibel ist. Wer sagt schon, dass Antworten zu haben einfacher ist, als mit ungelösten Fragen zu leben? Denn habe ich erst ein paar Antworten gebaut, fallen mir dazu eh nur tausende von neuen Fragen ein. Und Geschichten!

Zum Beispiel zu diesen hier …

  • Na, um sich selber zu schützen natürlich!
  • Keine Ahnung …
  • Zu faul, würde ich sagen.
  • War sie nicht immer schon ein bisschen so … so … eben so!
  • Weil er keine Zeit hatte!
  • Sie ist froh, ihn los zu sein.
  • Müsste ich das wissen?

so Wörter

Chrüsmüsi. Was für ein herrliches Wort.  Allerdings für nicht schweizerdeutsch sprechende Lippen sowohl kaum aussprechbar geschweige denn verständlich.

Nein, mit Müesli – ob mit oder ohne Beeren drin – hat es überhaupt nichts zu tun. Essbar ist es nicht wirklich. Obwohl ich schon Gerichte so benannt habe.

Durcheinander kommt als Übersetzungsversuch der Sache schon näher. Ist aber unzureichend. Besser ist Vielfalt. Buntes Neben- statt unklares Durcheinander. Buntes Miteinander. Das Wort Gnosch geht zwar in die gleiche Richtung, doch während Gnosch von fehlender Übersicht, von Chaos gar, ausgeht, ist mit Chrüsimüsi eher die gewollte Auslegeordnung verschiedenster ansonsten nicht zusammenpassender Teile gemeint. Der Alptraum aller Mathelehrkräfte. Kinder, die Liter und Meter über die selben Leisten brechen wollen. Zum Beispiel. Chrüsimüsi soll hinfort für solche Blogtexte stehen, die mal, da mal dort ansetzen … auslegen, ausbreiten … herumhüpfen …

Solche Texte wieder der Folgende zum Beispiel.

W? W? W?

W-Fragen sind heikel. Manchmal tun sie sogar weh. Das heisst, nicht die Fragen, tun weh, natürlich sind es die Antworten. Wir stellen unsere W-Fragen, ohne bereit für die Antworten zu sein. Sodass ich mich frage, ob es sich ohne Antworten nicht besser lebt. Im Ungewissen. Im Reich der Möglichkeiten. Ooops! War das nun eine Frage? Und gleich schon wieder eine! Die Antwort schenken wir uns!

Doch da gibt es ein paar andere Fragen, über die ich mir immer mal wieder den Kopf zerbreche. Und ihn mir auch gleich wieder zusammen setze. Doch diese Fragen sind es nicht wert, mit Scherbe statt Kopf herumzulaufen.

Wie sie denn lauten?
> Warum spitzen wir die Ohren, wenn getratscht wird? Warum tratschen wir aktiv oder passiv, obwohl es doch, weiß Göttin, Spannenderes zu reden gibt? Warum lese ich Blogs? Und warum lese ich bei meiner Coiffeuse Hochglanzmagazine mit Hollywood-Dramen? Jedes Mal! <

Müsste die Fragen womöglich anders lauten?
> Was genau interessiert uns an den alltäglichen Peinlichkeiten und Unheimlichkeiten unserer Mitmenschen? Ist es die Erkenntnis, dass die anderen auch bloß Menschen sind? Interessiert uns das Schräge und erleichtert uns die Erkenntnis, dass die andern ebenso schräg in der Landschaft stehen wie wir? Tarieren wir auf diese Weise die Wasserwaage neu aus, die wir hinter unserer Stirn in uns herumtragen? <

Vielleicht besser, die Antwort nicht zu kennen!

Murphy

Gibt es eigentlich bereits ein Gesetz über die Ballung von Ereignissen? So ähnlich wie Murphys Gesetz, das besagt, dass alles schief gehen wird, das schief gehen kann? Nicht?

Ab sofort führe ich Sofasophias Gesetz  der Gleichzeitigkeit ein. (Mein zweites. Das erste nennt sich Sofasophieparadoxon (Zitat Irgendlink). Alle mal herhören: Alles, was gleichzeitig möglich sein kann, geschieht tatsächlich gleichzeitig.

Womit wir bei der Erkenntnis wären, dass Zeit eh nicht linear tickt und eh alles gleichzeitig ist. Und meine Wahrnehmung und die von mir daraus geschlossene Gesetzmässigkeit deshalb müssig und illusorisch.

Der Countdown „Flüchtlingstag“ läuft. Übermorgen steigt das Fest auf dem Berner Bundesplatz. Mein Büro ist vollgestopft mit Drucksachen, Infomaterial und Verkaufsartikeln, kurz: mit Dingen für unseren Info- und Verkaufsstand.  Seit Monaten habe ich immer wieder für diesen Tag gearbeitet, habe Leute aus unserem Hilfswerk organisiert, Material bestellt, mit einem Kollegen ein Geschicklichkeitsspiel ausgetüftelt und  einen Wettbewerb …

Doch das Nadelöhr ist rund um die Welt immer gleich klein. Selbst bei bester Vorbereitung verdichtet sich kurz vor einem Ereignis alles auf einen einzigen Punkt. Enge. Stau. Die letzten Vorbereitungen. *ächz* Habe ich wirklich an alles gedacht? Ist unsere Aktion gut genug? Werden wir überhaupt StandbesucherInnen haben?  Wird meine Arbeit ein grosser Flop sein? Und das Wetter?

Locker hätten mir meine viereinhalb Arbeitsstunden gereicht, um heute Morgen die vorletzten und letzten Dinge zu nageln. Eigentlich. Womit wir wieder bei erwähnter Ballung wären …  Wenn, wenn, wenn … Wenn nicht gleichzeitig Kollegin A. einen Termin für eine Schulung gewünscht und Kollegin G. einen Termin für eine organisatorische Besprechung gebraucht hätte – subito natürlich … und das Telefon … Und und und …

Nein, es wird nicht perfekt sein,  unser Event. Irgendetwas fehlt immer. Murphy. Vielleicht besser, wenn ich mich jetzt schon auf einen unperfekten Samstag einstelle?

Noch so ein Gesetz: Ich sag nur Fallmaschen!