weihnachtsmuffeln

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne eine Waldlichtung, dargestellt durch ein paar Tannenbäume in Töpfen. Sie erinnern zufällig und entfernt an jene Bäume, die es zurzeit überall zu kaufen gibt. In weißen Netzen auf Autodächer festgebunden gehören sie zum dezemberlichen Alltagsbild. Ich gehe hektisch vom rechten zum linken Bühnenrand, halte dort kurz inne, drehe mich auf dem Absatz um und peile, hektisch ausschreitend, den rechten Bühnenrand an. Dort die selbe Spitzkehre. Immer hin und immer her.

Zwischen den Bäumen erkennt das Publikum eine Person, die sich von hinten links nähert, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Das Stammpublikum kichert und seufzt. Es weiß. Nur die Stimme verrät das Geschlecht der Person, die nun in der Mitte der Bühne stehengeblieben ist und wie ein Tennistrainer dem Ball, mir mit den Augen bei meiner Wanderung folgt.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder. Ich suche Ruhe. Dringend. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall, weiterhin ruhelos von links nach rechts und von rechts nach links wandernd): Was willst du denn diesmal?

XeNö: Na, ich denke, es ist mal wieder Zeit für ein paar Fragen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich nicht, vergessen? Außerdem habe ich eh so viel um die Ohren, dass ich keine Zeit und keine Lust auf deine Fragen habe! Siehst du denn nicht, wie beschäftigt ich bin?

XeNö: Okay, schon gut. Weißt du, ich frage mich einfach, – übrigens bin ich nicht allein mit dieser Frage! – ob du nicht ein klein bisschen zu elitär bist, was deine Aversion gegen Weihnachten und den ganzen Geschenke-Rummel betrifft.

Ich: Und wenn?

XeNö: Und wenn? Du plädierst doch ständig für Toleranz, bist aber gegenüber all den Menschen, denen Weihnachten oder das Schenken etwas bedeutet, sehr intolerant. Arrogant sogar, mit Verlaub.

Ich: Und wenn?

XeNö: Oho! Dir scheint es egal zu sein, dass du gewisse Leute brüskierst? Vielleicht sogar verletzest?

Ich: Und wenn?

XeNö: Gopf. Heute bist du nicht sehr kommunikativ.

Ich: Und wenn?

XeNö: Undwenn-undwenn-undwenn! Ist dir alles egal geworden? Und jetzt bitte kein und wenn?!

Ich: Ich frage mich, mit welchem Recht du mir solche Fragen stellst. Aber da du ja nicht locker lässt, bis ich dir antworte, hör bitte gut zu: Ich feiere gerne! Ich liebe gemütliche Feste! Ich schenke gerne. Und ich zünde gerne Kerzen an. Ach, und übrigens: Ich singe auch gerne. Wenn auch nicht unbedingt Weihnachtslieder …

XeNö: Oho!

Ich: Ach und noch was: Ich liebe Sonnwende. Sie ist das, was ich am Dezember mag: Die Rückkehr des Lichts! Aber …

XeNö: Aber?

Ich: Aber!!! Aber ich feiere und schenke und entzünde Kerzen nicht und singe nicht DANN, wenn im Kalender steht, dass ich das jetzt tun soll. Ich will dann Feste feiern und schöne Sachen verschenken, wenn ich Lust dazu habe. Ich will dann Karten schreiben und Lieder singen und Kerzen anzünden, wenn ich das Bedürfnis dazu habe. Meine Freundinnen und Freunde wissen das längst. Geschenke gibt’s von mir nicht. Und dieses Jahr bleibe ich dabei.

XeNö: Keine Kompromissbereitschaft?

Ich: Nein.

XeNö: Keine Ausnahmen?

Ich: Hm, für meinen Patensohn vielleicht. Weil er noch ein Kind ist.

XeNö: Wie konsequent.

Ich: Und wenn? Du jedenfalls bekommst nichts.

XeNö: Nein?

Ich: Nein!

XeNö: Na dann. Schöne Weihnachten … (verschwindet nach hinten rechts zwischen den Tannen).

Ich (bleibe mitten auf der Bühne stehen und schaue mich erstaunt um): War das jetzt alles echt?

Prokrastination

Jippie! Bald ist Weihnachten! Endlich haben wir alle mal wieder Gelegenheit, sämtliche übers Jahr angestauten Gewissensschulden böstenfalls auf einen Chlapf abzutragen. Bei Tante E. haben wir uns ja das ganze Jahr nur einmal gemeldet, endlich können wir ihr eine Karte schreiben. F. haben wir sträflich vernachlässigt, er bekommt ebenfalls Post von uns. Und was wohl aus H. geworden ist? Von ihm haben wir auch schon lange nix mehr gehört. Wie gut, dass es Weihnachtskarten gibt!

Am liebsten sind uns jene, wo wir bloß noch unterschreiben müssen. Alles andere ist vorgedruckt. Nein, nicht nur „Fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr“! Inzwischen gibt es schon richtig tolle Karten für Prokrastinative wie uns. Offenbar gibt es also noch andere? Offenbar ist das ganze Theater normal? Wohl denn … Auf zum fröhlichen Kartenschreiben. Und ein paar klitzekleine Geschenke sind auch nicht zu verachten. Da und dort. Und hier auch noch.

Oh du fröhliche … Die Grafikerinnen und Grafiker freuen sich, die Druckereibetriebe ebenfalls. Und die Postbotinnen und Postboten erst! Ja, und natürlich freuen sich die Typen und Typinnen von der Wirtschaft. Und die von der Industrie. Die von den Banken sowieso und so sind wir alle, alle froh.

Hach, wie gut, dass es Weihnachten gibt. Wie gut, dass wir alle an Aufschieberitis erkrankt sind.

Gute Besserung.

Bye, bye November!

Lieber November

Nein, ich mag dich nicht sehr, bilde dir bloß nix auf diesen Brief hier ein! Dennoch will ich dir danken.

Was ich an dir mag, ist schnell gesagt: Während deiner dreißig Tage gelingt es mir meistens, ziemlich viel zu schreiben. Novemberschreibend habe ich es dieses Jahr immerhin auf ein paar Wörterkilometer gebracht. Wären sie alle plattgewalzt, meine ich. Wie ich mit J. neulich philosophiert habe. Wären alle meine Wörter eine lange, dünne Schnur, wäre ich schreibenderweise vielleicht einmal um die Welt gereist. Und wäre die Schnur elastisch, vielleicht sogar bis zum Mond.

Unzerreißbar müssten sie sein, meine Wörterschnüre, die ich spinne. Dünner als ein Haar. Und wasserfest. Winddicht. Wetterresistent.

Doch was sind schon 10383 Wörter im Vergleich zu all den ungesagten? Zu all den ungeschriebenen? Was sind schon ein paar halbgare Geschichten? Fragmente. Bruchstücke. Eine Datei auf einer Festplatte. Irgendwo. Keine Ahnung heißt es noch immer, dieses Dokument.

Warum? Warum nicht!

Lieber November, lass dir danken! Auch wenn ich dich nicht wirklich mag, bist du irgendwie schon okay.
Bye bye!

Grüße aus Bern
Sofasophia

Schnittstellen

Ob wohl mal wieder ein Credo fällig wäre? Eine kleine Spinnerei zur Gretchenfrage und anderen weltbewegenden Themen wie dem Glück?
Also gut. Glauben tun wir ja eh alle irgendwas. Wie ich früher schon behauptet habe. Auch das Glauben an nichts, ans Nichts, heißt ja, an etwas zu glauben. Vielleicht ist die Fähigkeit zu glaube ja in den Genen angelegt und diente von alters her dem Überleben?

Bei mir geschieht glauben auf einer Ebene meiner Persönlichkeit, die sich meiner Vernunft entzieht. Und auch jener pragmatischen Stimme, die mich hin und wieder glauben machen will, dass da draußen – oder wo auch immer! – nix ist. Denn sie wird sofort übertönt, wenn es drauf ankommt. Wenn es um Leben und Tod geht, sozusagen. Wenn ich selber nicht mehr klarkomme, bitte ich sofort und ohne darüber nachzudenken, jene Instanzen – Singular oder Plural, je nach Fall –, die mehr als ich können, zu Hilfe. Irgendjemand hat bis jetzt immer geholfen. 🙂

Ich stelle mir ein Ding in meinem Innenraum vor, das gleichzeitig genau gleich irgendwo außerhalb meiner Selbst existiert. Auf meinem Innending sind sämtliche Infos über mich drauf. Auf dem Außending sogar alle Infos aller anderen Lebewesen. Mein Innending tauscht sich nun also ständig mit dem universellen Außending aus. Dieses Außending –, nenn es Göttin, wenn du magst, oder Gott, von mir aus auch Google – ist so etwas wie eine universelle externe Festplatte. Vielleicht. Und da sind eben alles Wissen und alle Eigenschaften drauf, die es gibt. Alle Wörter und ihre Inhalte, alles je Gefühlte, alles je Gedachte – einfach alles, was es gibt. Alles, was ist. Alles. Als Möglichkeit. Noch komprimiert. Und wertfrei.

Wenn ich also nicht mehr alleine klar komme, stellt mein Innending Kontakt zum Außending her. Möglicherweise ist aber auch ein laufender Austausch zwischen meiner Persönlichkeit und diesem Innending in Gange. Vielleicht werde ich sogar ferngesteuert? Ohne es zu merken?

Ooops. Wertfrei habe ich gesagt? Hm. Wahrscheinlich. Da sich doch alles irgendwie über sein Gegenteil definiert. Minus fünf plus fünf gibt null. Oder so.

Scheint wahr. Oder doch nicht ganz? Weil … ich glaube nämlich ziemlich fest an Schutzengel, doch ob deren Job wirklich so wertneutral ist? Deren Job besteht doch darin, Leben zu erhalten. Und das ist doch gut. Oder nicht?

Wie auch immer … Gestern – zwischen Haguenau und Bitche – glaubte ich schon, dass mein letztes Stündchen geschlagen hat. Es war bereits fast dunkel. Landstraße. Mitten auf gut überschaubarer, leicht gebogener Strecke war ich mit neunzig Sachen unterwegs, allein auf meiner Straßenseite. Da kommen mir ein Lastwagen und drei Personenwagen entgegen. Der zweithinterste Fahrer (bestimmt ein Mann!) will die beiden vor ihm fahrenden Fahrzeuge überholen und ist deswegen ausgeschert. Auf meine Seite. Wir beide reagieren blitzschnell.
Wozu gibt es Bremsen?, denke ich. Mit einem ‚Danke, Schutzengel!‘ auf den Lippen und laut klopfendem Herz fahre ich weiter durch die Dunkelheit. Nein, sterben möchte ich wirklich noch nicht. Dazu ist es noch zu früh, glaube ich.

Jetzt bin ich auf dem Berg. Zum Glück. Regen prasselt auf die Scheibe des Dachfensters über uns. Herbstwinde zupfen an den letzten Blättern an den Bäumen. Ich liege wach. Halb vier ist es, oder so. Bin zu glücklich, um schlafen zu können. Schlafen kann ich ja immer noch, wenn ich wieder zuhause bin. Ich liege wach und suche die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion. Beide eins? Beide eingebildet? Beide real? Ebenso wie Schönheit und Hässlichkeit eins sind. Meine Dienstagmorgen-auf-dem-Arbeitsweg-Erkenntnis fällt mir wieder ein.
Es gibt keine schlimmen Tage, es gibt kein schlechtes Wetter!, lautet sie. Selbst wenn der Himmel verhangen ist und die Luftfeuchtigkeit knapp unter hundert, ist jeder Tag schön. Oder besser: Nichts. Er ist einfach. Wie sagt doch mein Patensohn immer?
Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falschen Kleider!

Alles ist immer das, was wir daraus machen. Punkt. Ausrufezeichen.

Und genau hier – alle herhören! – genau hier ist der Schlüssel, das Geheimnis vom Glück verborgen! Glück ist aus dem gleichen Material gewoben wie das Unglück.

Ich drehe mich auf die andere Seite, schmiege mich an seinen Rücken und bin, glaube ich, irgendwie einfach glücklich. Oder so.

der Leseabend

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein gemütliches Sofa, daneben eine Leselampe. Auf dem Sofa ich. Lesend. Ganz offensichtlich darauf aus, den Abend genüsslich und vor allem ungestört zu verbringen.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Stammlesende erinnern sich? Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist auch das nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall): Was willst du diesmal?

XeNö: Och. Nur mal wieder ein paar Fragen stellen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich keine. Heute jedenfalls nicht.

XeNö: Ach, nun tu nicht gleich so zickig!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung): Ich bin zickig, wann ich will. Außerdem ist das bloß deine Definition!

XeNö: Okay. Dann frag ich anders: Du bist doch ziemlich gebildet?

Ich (weiß nicht, ob es eine rein rhetorische Frage war und ob ich mich geschmeichelt fühlen soll): …

XeNö: Warum also arbeitest du sowas?

Ich (runzle die Stirn): So was?

XeNö: Na, so was eben … unter deinem Niveau!

Ich: Sag mal, spinnst du, oder was? Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, was ich arbeite, zweitens empfinde ich deine Definition von Niveau arrogant und drittens …

XeNö: … langsam, langsam!

Ich:

XeNö: Ich meine ja nur … du hast doch alle möglichen Ausbildungen und Kompetenzen! Hast heilerisch und therapeutisch, sozial- und heilpädagogisch gearbeitet. Und unterrichtet. Außerdem kannst du massieren. Und jetzt? Sitzest du in einem Büro fest!

Ich: Und?

XeNö: Jetzt verbringst du deine Zeit mit Protokollen, Kreditoren und Buchhaltung, mit Computerproblemen und Öffentlichkeitsarbeit. Nimmst das Telefon ab, das du nicht magst, und holst tagtäglich deinen Mitarbeitenden irgendwelche Kartoffeln aus der Glut. Verbrennst dir die Finger dabei …

Ich: Hm.

XeNö (leise, kaum hörbar): Warum?

Ich (seufze): Vermutlich habe ich die Illusion verloren, ich könne die ganze Welt retten. Womöglich auch einfach deshalb, weil ich nicht mehr glaube, wirklich zu wissen, wie die Welt richtig zu sein hat. Und weil ich sie nicht dorthin schieben muss. Vielleicht bin ich resigniert? Oder vielleicht vertraue ich dem Leben einfach mehr? Dass sich Dinge auch ohne mich lösen, zum Beispiel.

XeNö: Und darum machst du einen Job wie diesen? Wo du mit dem Leid der ganzen Welt konfrontiert bist? Ist das nicht irgendwie hirnrissig?

Ich: Nicht hirnrissiger als ein anderer Job. Er ist nicht besser und nicht schlechter als jeder andere. So what? Außerdem macht dieser Job meistens Spaß. Und mein Team ist echt toll. Ich mag die Leute. Da zählen menschliche Werte. Das zählt!

XeNö: Wenn du meinst?

Ich: Ja, ich meine! Dazu habe ich – zumindest theoretisch – genug Freizeit für alle jene Dinge, die ich auch noch gerne mache. Schreiben zum Beispiel. Oder lesen.

XeNö: Und das genügt dir?

Ich: Ja. Das genügt mir. Jetzt.

XeNö: Okay, dann lasse ich dich weiterlesen. Schönen Abend noch. (Verschwindet vorne rechts und winkt mir zu) … und auf Wiedersehen!

Ich (lasse mich in die Kissen meines Sofas fallen): War das jetzt alles echt?

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In eigener Sache und ganz in echt: Ich habe eben beschlossen, den Wochenmitter-Lyrik- und Literatur-Zyklus hiermit ganz formlos zu beenden. Einfach so.

aus dem Netz gefallen …

… oder der Supergau der Bürogummis

Nix geht mehr. Keine Mails raus, keine Mails rein. Ab- und Zufluss verstopft. Selbst die elektronische Agenda im gleichen System spottet über die vermeintlichen Pendenzen, die ich ihr aufbürden will und versagt mir ihren Dienst. Gerade hatte ich in einer Hilf-mir-bitte!-Mail gelesen, dass einer meiner Arbeitskolleginnen das Gleiche passiert ist. Und nun traf es mich. Eiskalt.

Als IT-Superuserin musste ich dringend handeln. Per Mail verfasste ich – wie in solchen Fällen immer – einen Auftrag, um diese an die Hotliner unsere IT-Abteilung in Z. zu schicken. Ooops! Ich kann ja gar nicht mailen, fällt mir auf einmal ein. Mist! Ich versuche es mit dem Mut der Verzweifelten doch.

Und offenbar ist die Mail sogar angekommen, denn P., der IT-Scheff himself, rief zwei Minuten später an. Wir palaverten eine Weile über unser Mailsystem, derweil er mit seiner Maus per Fernwartung auf meinem Bildschirm herumfummelte. Echt schräg! Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen können. So was von irritierend.

Obwohl ich doch der Meinung war, den Warnungen des Mailsystems vor zwei Wochen und seither täglich Folge geleistet und viele überflüssige Mails und ihre fetten Anhänge gelöscht zu haben, war offenbar noch irgendwo der Wurm drin. Meinte er. Und er hatte recht, denn er ortete im virtuellen Nirwana eine unsichtbare Warteschlange mit noch mehr fetten Anhängen. Dateien, an die Normalsterbliche wie ich nicht rankamen und von deren Existenz wir nicht im Traum wissen konnten! Er machte sie unschädlich. Alle!

Ich sah ihn buchstäblich vor mir, diesen Djungel aus Bildern, Dateien, Präsentationen und ZIP-Ordnern, den ich irgendwann virtuell angelegt hatte. Und ich sah P. vor mir, nur mit einer virtuellen Machete bewaffnet, wie er eine um die andere Datei heldenhaft erschlug. Wusch! Und wusch! Und du auch: Fort mit dir

So saß ich also am Bildschirm  und schaute der umher flitzenden Maus zu. Plopp. Das Zeitloch virtueller Träume der fünften Art, wo alles möglich ist – es tat sich auf. Fraß mich. Sog mich in die Tiefen der Netzlosigkeit. Löschte mich weg.

Wo es sich befindet? Dort vermutlich, wo nun all meine Dateileichen vor sich hin modern und von virtuellen Würmern gefressen werden. Und von wo aus ich irgendwann irgendwie doch wieder aufgetaucht bin …  P.seidank!

Hallo, Sofasophia? Noch da? Dein Netz ist geflickt!

nie mehr ohne ihn

Ein Leben ohne ihn kann ich mir bereits nicht mehr vorstellen. Obwohl er deshalb kein Aufhebens macht, ist er im Grunde genommen sehr sensibel. Er weiß stets – und stets genau! –, was mir gut tut. Er weiß, was ich mag und was ich brauche. Zufall, nennt er das. Kein Vergleich zu seinen Vorgängern. Mit dem neuen hatte ich noch nie Probleme. Gute Qualität. Nicht ganz billig. Seine Kapazität dürfte grösser sein, ansonsten habe ich nichts auszusetzen.

Er lenke mich ab, sagen böse Zungen. Er dröhne mich zu. Nein, das stimmt so nicht. Wenn ich Ruhe will, nehme ich sie mir trotzdem. Oft gehe ich ohne ihn aus. Will ich in die Natur, darf er zuhause bleiben. Da lausche ich lieber den Liedern der Vögel, dem Rauschen des Windes, dem Knirschen von Kies und Laub unter den Füssen. Doch bin ich in der Stadt unterwegs, im Bus, auf der Straße oder im Auto bin ich froh über seine Gesellschaft. Auch beim Reisen ist er ein toller Gefährte und verbindet mich mit zuhause. Sobald ich ihm zuhöre, bekomme ich jenen Sound, den ich mag. Wie viele Stücke er doch kennt! Und sein Gespür für das richtige zur richtigen Zeit ist untrüglich. Nein, ohne meinen mp3-Player möchte ich echt nicht mehr sein.

Was ich zurzeit gerne höre? Das da: www.myspace.com/katisbasement

Mehr auch unter: http://poesiedesalltags.blogspot.com/

niemand

… hat es gemerkt! Umfang ist nicht das Gleiche wie Durchmesser! Wozu sonst habe ich gestern eine Schieblehre erstanden, wenn nicht um den Schraubendurchmesser zu bestimmen? Okay, ich hätte den Umfang (=53 mm ) ganz einfach durch pi teilen können und wäre so auch auf 16mm gekommen, öukei, öukei …

Aber von einer eigenen Schieblehre habe ich doch schon so lange geträumt! Ihr versteht? Ich konnte einfach nicht widerstehen. (Böse Zungen haben schon behauptet, dass ich Baumärkte des Personals wegen aufsuche … tsetse.)

Tatsache ist, das ich einen großen Teil meiner freien Kinderzeit in der Werkstatt meines Vaters verbracht habe. Meine ersten Bohrlöcher entstanden ungefähr gleichzeitig, als ich das Alphabet lernte und meine ersten Bildergeschichten schrieb. Baumarkt-Sentimentalität also?

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(… so muss es natürlich heißen!)

Wenn wir schon dabei sind, gleich noch ein bisschen mehr sentiment!  Graue Herbsttage samt Regen machen wohl einfach so.
Ein Trip mit Californication dagegen ist wie eine warme Sommerbrise …

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[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=LG1e4hHrsSI]

bin reich

Wer angefangen hat und wie, weiß ich nicht mehr. Plötzlich sind wir jedenfalls bei den Microfiches gelandet, mit denen wir uns in einem unserer früheren Leben abgemüht haben. Genau! Jetzt weiß ich es wieder! Wir sind über das Thema Recherchieren dort gelandet, G. und ich. Heute Vormittag in der Pause war das. Wie spannend doch Recherchieren früher war! Bücher schleppen. Buchstaub schnuppern. Lesen. Blättern. Suchen. Richtiges Suchen meine ich. Sich dazu Notizen machen. Richtiges Papier beschreiben.

Heute beantworten Wiki und Google alle unsere Fragen. Mögen sie noch so dumm sein. Und mögen die Antworten nun wahr sein oder nicht. G. und ich lachten über unsre damaligen Berührungsängste vor dem PC. Und darüber, wie wir sie eines Tages überwunden hatten. Wir grinsten über Floppydisketten, die heute kaum ein PC mehr lesen kann. Und wir lästerten über den Segen des schnellen Lebens und die Machbarkeit. Und darüber, wie selbstverständlich uns die virtuelle Welt doch geworden ist!

Als ich ein paar Stunden später in der Marktgasse im Migros-do-it-Baumarkt eine Schieblehre kaufen wollte, hätte ich sie mir einmal mehr gewünscht, jene googlsche Suchfunktion und Finden-Fähigkeit der virtuellen Scheinwelt. Aber nur ganz kurz, denn sie hätte mir das kurze Gespräch mit dem süßen Verkäufer verunmöglicht, der mir alle drei vorrätigen Schieblehren mit großem Geschick vorführte und mir ihre Vor- und Nachteile ausführlich erklärte. Ich machte auf Banausin. Gut, dass ich kein Computer bin. So tun als ob können die nämlich nicht.

Später betrat ich eine von Berns anarchistischen Zonen. Nein, ich war nicht in der Reitschule, ich war im dritten Stock des Kaufhauses Loeb und  erstand zur Geburt des inzwischen bereits dreieinhalb Wochen alten Little-B. ein paar bunte Nuschelis (wie wohl diese Dinger hochdeutsch heißen?). Wusste gar nicht, dass es da so große Auswahl gibt.

Auf allen anderen Loeb-Verkaufsetagen herrscht sterile Ordnung, doch hier pulsiert das pure Leben. Maaama!, ruft der Dreikäsehoch von der Ecke hinten links. Eine andere Mutter hat derweilen zwanzig Faserpelz-Jäckchen auf dem Boden ausgebreitet, die ihre rosa Prinzessin anprobieren soll. Und da drüben rennen zwei Kerlchen um die Wette. Allüberall Frauen, die fachsimpeln.

Ein großes Kaufhaus, viele kleine KönigInnenreiche. Die ganze Welt auf ein paar Quadratmetern. Mini-Universum.

Wie sehr ich mich zusammenreißen musste, nicht in den untersten Stock zu gehen! Nein, keine Bücher heute! Ich habe heute schon genug Geld ausgegeben. Zum Beispiel für die schönen Stiefel, die sich mir in den Weg gestellt haben. Wie eine meiner vielen Geschichten, die auf einmal da ist, standen sie plötzlich vor mir. Gesucht hatte ich sie nicht. Aber gefunden. Oder sie mich? Siehe oben > Suchfunktion und so. Sie sitzen wie eine zweite Haut. Wer kann da schon widerstehen?

Wo gestern noch einundzwanzig Stutz auf dem Lohnkonto waren, ist heute wieder ganz viel Kohle zum verheizen! Heute bin ich wieder wer! Heute ist Zahltag! Jippie! Geld haben ist kuhl. Und Geld ausgeben auch. Wozu sonst ist das Zöix denn da? 😉

Computer sind anders, Menschen auch

Seit RAH vor Wochen über die uns im alltäglichen Leben fehlende Suchfunktion des Computers geklagt hat, stolpere ich tagtäglich über weitere Analogien zwischen den verschiedenen Welten, in denen wir uns aufhalten.

Nein, der PC ist uns nicht überlegen, obwohl er das bessere Gedächtnis hat. Doch ein gutes Gedächtnis ist eben nicht alles. PCs können weder glücklich sein, noch trösten. Und sie können auch nicht umarmen.

Ist doch schön, dass es Mitmenschen gibt. Selbst wenn die nicht perfekt sind.

Hm. Wo lege ich eigentlich in mir drin all die Begegnungen mit meinen Mitmenschen ab? Hab ich da nichtmal irgendwo einen dicken Ordner gesehen? „Zwischenmenschliches“ steht auf seinem Rücken. Unterordner „Freunde & Freundinnen“ mit weiteren Unterunterordnern. Darauf Vornamen. Auch Unterordner „Schreiberlinge“ und „Verwandte“ gibt es da.

Ablegen gut und recht. Doch bitteschön in welchem Format? .pdf? Damit ich garantiert nichts mehr ändern kann? Oder doch lieber in einem Textformat wie .doc, .txt oder .rtf, damit ich jederzeit daran arbeiten kann? Und jetzt? Alles abspeichern? Backupen hin und wieder nicht vergessen!

Ooops. Dabei will ich doch fließen lassen. Alles. Immer. Jetzt. Und dabei innen und außen in Bewegung bleiben.

Ob mein Laptop auch dafür eine Analogie kennt? Ist eben auch nicht perfekt, das Teil!