Schnittstellen

Ob wohl mal wieder ein Credo fällig wäre? Eine kleine Spinnerei zur Gretchenfrage und anderen weltbewegenden Themen wie dem Glück?
Also gut. Glauben tun wir ja eh alle irgendwas. Wie ich früher schon behauptet habe. Auch das Glauben an nichts, ans Nichts, heißt ja, an etwas zu glauben. Vielleicht ist die Fähigkeit zu glaube ja in den Genen angelegt und diente von alters her dem Überleben?

Bei mir geschieht glauben auf einer Ebene meiner Persönlichkeit, die sich meiner Vernunft entzieht. Und auch jener pragmatischen Stimme, die mich hin und wieder glauben machen will, dass da draußen – oder wo auch immer! – nix ist. Denn sie wird sofort übertönt, wenn es drauf ankommt. Wenn es um Leben und Tod geht, sozusagen. Wenn ich selber nicht mehr klarkomme, bitte ich sofort und ohne darüber nachzudenken, jene Instanzen – Singular oder Plural, je nach Fall –, die mehr als ich können, zu Hilfe. Irgendjemand hat bis jetzt immer geholfen. 🙂

Ich stelle mir ein Ding in meinem Innenraum vor, das gleichzeitig genau gleich irgendwo außerhalb meiner Selbst existiert. Auf meinem Innending sind sämtliche Infos über mich drauf. Auf dem Außending sogar alle Infos aller anderen Lebewesen. Mein Innending tauscht sich nun also ständig mit dem universellen Außending aus. Dieses Außending –, nenn es Göttin, wenn du magst, oder Gott, von mir aus auch Google – ist so etwas wie eine universelle externe Festplatte. Vielleicht. Und da sind eben alles Wissen und alle Eigenschaften drauf, die es gibt. Alle Wörter und ihre Inhalte, alles je Gefühlte, alles je Gedachte – einfach alles, was es gibt. Alles, was ist. Alles. Als Möglichkeit. Noch komprimiert. Und wertfrei.

Wenn ich also nicht mehr alleine klar komme, stellt mein Innending Kontakt zum Außending her. Möglicherweise ist aber auch ein laufender Austausch zwischen meiner Persönlichkeit und diesem Innending in Gange. Vielleicht werde ich sogar ferngesteuert? Ohne es zu merken?

Ooops. Wertfrei habe ich gesagt? Hm. Wahrscheinlich. Da sich doch alles irgendwie über sein Gegenteil definiert. Minus fünf plus fünf gibt null. Oder so.

Scheint wahr. Oder doch nicht ganz? Weil … ich glaube nämlich ziemlich fest an Schutzengel, doch ob deren Job wirklich so wertneutral ist? Deren Job besteht doch darin, Leben zu erhalten. Und das ist doch gut. Oder nicht?

Wie auch immer … Gestern – zwischen Haguenau und Bitche – glaubte ich schon, dass mein letztes Stündchen geschlagen hat. Es war bereits fast dunkel. Landstraße. Mitten auf gut überschaubarer, leicht gebogener Strecke war ich mit neunzig Sachen unterwegs, allein auf meiner Straßenseite. Da kommen mir ein Lastwagen und drei Personenwagen entgegen. Der zweithinterste Fahrer (bestimmt ein Mann!) will die beiden vor ihm fahrenden Fahrzeuge überholen und ist deswegen ausgeschert. Auf meine Seite. Wir beide reagieren blitzschnell.
Wozu gibt es Bremsen?, denke ich. Mit einem ‚Danke, Schutzengel!‘ auf den Lippen und laut klopfendem Herz fahre ich weiter durch die Dunkelheit. Nein, sterben möchte ich wirklich noch nicht. Dazu ist es noch zu früh, glaube ich.

Jetzt bin ich auf dem Berg. Zum Glück. Regen prasselt auf die Scheibe des Dachfensters über uns. Herbstwinde zupfen an den letzten Blättern an den Bäumen. Ich liege wach. Halb vier ist es, oder so. Bin zu glücklich, um schlafen zu können. Schlafen kann ich ja immer noch, wenn ich wieder zuhause bin. Ich liege wach und suche die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion. Beide eins? Beide eingebildet? Beide real? Ebenso wie Schönheit und Hässlichkeit eins sind. Meine Dienstagmorgen-auf-dem-Arbeitsweg-Erkenntnis fällt mir wieder ein.
Es gibt keine schlimmen Tage, es gibt kein schlechtes Wetter!, lautet sie. Selbst wenn der Himmel verhangen ist und die Luftfeuchtigkeit knapp unter hundert, ist jeder Tag schön. Oder besser: Nichts. Er ist einfach. Wie sagt doch mein Patensohn immer?
Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falschen Kleider!

Alles ist immer das, was wir daraus machen. Punkt. Ausrufezeichen.

Und genau hier – alle herhören! – genau hier ist der Schlüssel, das Geheimnis vom Glück verborgen! Glück ist aus dem gleichen Material gewoben wie das Unglück.

Ich drehe mich auf die andere Seite, schmiege mich an seinen Rücken und bin, glaube ich, irgendwie einfach glücklich. Oder so.

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