Bye, bye November!

Lieber November

Nein, ich mag dich nicht sehr, bilde dir bloß nix auf diesen Brief hier ein! Dennoch will ich dir danken.

Was ich an dir mag, ist schnell gesagt: Während deiner dreißig Tage gelingt es mir meistens, ziemlich viel zu schreiben. Novemberschreibend habe ich es dieses Jahr immerhin auf ein paar Wörterkilometer gebracht. Wären sie alle plattgewalzt, meine ich. Wie ich mit J. neulich philosophiert habe. Wären alle meine Wörter eine lange, dünne Schnur, wäre ich schreibenderweise vielleicht einmal um die Welt gereist. Und wäre die Schnur elastisch, vielleicht sogar bis zum Mond.

Unzerreißbar müssten sie sein, meine Wörterschnüre, die ich spinne. Dünner als ein Haar. Und wasserfest. Winddicht. Wetterresistent.

Doch was sind schon 10383 Wörter im Vergleich zu all den ungesagten? Zu all den ungeschriebenen? Was sind schon ein paar halbgare Geschichten? Fragmente. Bruchstücke. Eine Datei auf einer Festplatte. Irgendwo. Keine Ahnung heißt es noch immer, dieses Dokument.

Warum? Warum nicht!

Lieber November, lass dir danken! Auch wenn ich dich nicht wirklich mag, bist du irgendwie schon okay.
Bye bye!

Grüße aus Bern
Sofasophia

Quo vadis, Matrona Helvetia?

Gopf. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. 57% der stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer fürchten sich vor Fremden! Denn dass es die bloße Furcht vor den Minaretten sein soll, mag ich nicht glauben.

Unsere Diskussion am heutigen Pausentisch war heftig. Jene Angst zu ergründen, waren wir bestrebt, die Menschen dazu verleitet, unsachliches, kackebraunes Gelaber zu glauben. Eine Art nationale Scham breitete sich wie ein Fleck Rotwein auf einem weißen Tischtuch in mir aus.

Kaum je zuvor hatte eine Initiative schweizweit für so viel Wirbel gesorgt. Kein Werbeplakat in der Stadt Bern war verschont geblieben, um Initiative-Befürworterinnen und –Befürwortern oder auch jenen, die gegen die Minarett-Initiative zu stimmen gedachten, eine Plattform zu bieten. Sätze wie Keine Minarette! wurden von Sätzen wie Keine Toleranz! erwidert. Zu Recht, finde ich. Denn bei der ganzen Debatte geht es in erster Linie genau darum. Okay, das vielzitierte Argument, dass in der Türkei oder in anderen islamischen Ländern ja schließlich auch keine christlichen Kirchen gebaut werden dürften, mag stimmen. Doch diese Argumentation ist doch einfach kindisch und erinnert an die Ausrede eines fünfjährigen Kindes, das beim Naschen erwischt wurde:
Ich nicht, die anderen auch! Wir müssen uns nicht an anderen orientieren. Wir sollen nicht. Wir dürfen nicht. Wir tragen Verantwortung für das, was wir tun. Als Gesellschaft ebenso wie als einzelne. Hier geht es um in der Verfassung definierte Menschenrechte. Es geht um Respekt und es geht, wie gesagt, um Toleranz.

In meiner geschäftlichen Mailbox fanden sich einige Mails von unserem Hilfswerk verbundenen Stellen, die ebenfalls wie unser Werk die Nein-Parole verbreitet hatten. Stellungsnahmen, Wie geht’s-weiter?-Memos und dergleichen mehr. Ja. Gute Frage! Eine Frage, die ich mir in diesem Kontext lieber nie gestellt hätte.

Okay, ich gebe es ja zu: Ich mag kein Kirchenglockengebimmel. Und ich mag bestimmt auch keine Muezzins, die Gebete ausrufen. Ich mag überhaupt keinen Lärm. Aber noch weniger mag ich kleinkarierte, angstschürende Argumentierende.

Angst vor Überfremdung? Ha! Hey, Leute, da hilft Segregation am allerwenigsten! Im Gegenteil, damit wird alles nur schlimmer! Da hilft nur Integration und die geht nicht ohne Bereitschaft auf beiden Seiten … Aber genau da hapert es wohl …

Gestern, fern von Bern, hatte ich Politik ganz wunderbar ausblenden können. Doch hier und jetzt, zurück in der kalten Realität, kann ich einfach nicht wegschauen. Da ist noch immer Unglaube. Echt, damit hätte ich nicht gerechnet.