Anklopfen tat es nie. Jedenfalls nie so, dass sie es hörte. Vielleicht, weil sie hoffte, sich verhört zu haben. Oder dass, wenn sie nicht öffnete, es wieder ging. Von alleine. Das wäre ja zu schön, hatte aber bisher noch nie funktioniert. Auf Ignoranz reagierte es schlicht und einfach nie, es ignorierte sie und verschaffte sich leise Einlass. Wie ein Einbrecher.
Wie es bei ihr vorgehen musste, wusste es nach all den vielen Jahren ihrer ambivalenten Beziehung genau. Es kannte ihre Achillesferse. Es kannte die Fragen, die es stellen musste, um ihr den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Um die Wollmäuse darunter ans Licht zu bringen. Und um ihr all die kleinen und großen Milben, die sie unabsichtlich beherbergt, zu zeigen. Es kannte sie wohl besser als alle anderen. Vielleicht gar besser als sie selber. Nicht ohne Grund war es schließlich zu ihrem Persönlichen Monster ernannt worden.
Es hatte sogar einen Namen. Dark Mirror. Kurz Dark. Zugegeben, in der letzten Zeit war es fast ein bisschen langweilig mit ihr und in ihrem Leben geworden. Will heißen, sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht und kümmerte sich schon ganz gut um sich selber. Doch jetzt war es offenbar wieder einmal soweit. In der letzten Zeit war sie schneller als ein TGV durchs Leben gerast. Da ein ‚Ja, klar, mach ich doch gerne für dich!‘, dort ein zusätzlicher Job. Dazu dauernd mit Freundinnen und Freunden unterwegs. Kaum je eine freie Minute bloß für sich selber. Die gute alte Tante Unentbehrlichkeit hatte Dark deshalb wachgerüttelt.
Hey, du, dein Typ ist gefragt, hatte sie ihm zugeraunt. Sie tut ES wieder!
Dark hatte sich gestreckt und gereckt, ein bisschen mit dem stachligen Schwanz den Boden abgeklopft und sich auf die Brust getrommelt. Angeklopft hatte es nicht. Was auch nicht nötig war, denn bei ihr stand mal wieder alles offen.
Wann wird sie es wohl lernen?, fragte es sich. Wann lernt sie endlich sich zu schützen? Und dass sie zuallererst gut zu sich selber schauen soll? Dass sie den anderen nur wirklich helfen kann, wenn es ihr selber gut geht?
Nichts Böses ahnend reihte sie indessen Tag an Tag. Ging zur Arbeit. Traf sich mit Freundinnen und Freunden. Konsumierte, was es zu konsumieren gab. Erfüllte da einen Job, erbrachte dort einen Freundschaftsdienst. Wie gut sich das Leben zurzeit anfühlte! Alles lief rund. Wenn sie nur nicht ständig so müde gewesen wäre. Am liebsten hätte sie sich hin und wieder einfach zurückgezogen! Hätte gern da und dort einfach mal nein gesagt: Nein, such jemanden andern. Ich mag nicht. Doch das konnte sich doch nicht tun! Die anderen brauchten sie doch!
Ha! Hier schoss Dark seinen ersten Pfeil ab und traf mitten in die linke Ferse. Die anderen brauchen dich doch überhaupt nicht!, gab es zu Bedenken. Das bildest du dir nur ein. Die anderen schaffen es auch ohne dich! Sie schluckte schwer.
Oh. Vielleicht ist ja, was ich tue, gar nicht so wichtig!
Genau!, bestätigte Dark.
Was tue ich denn hier überhaupt, wenn das, was ich tue, nicht wichtig ist?, seufzte sie.
Dark nahm ihre kleine Seele bei der Hand und führte sie zu den offenen Löchern. Die Deckel hatte es in weiser Voraussicht bereits zuvor weggeschoben. Schwarz, dunkel und glanzlos war, was sie sah und es blubberte aus der Tiefe und dampfte ein bisschen. Obwohl sie nicht wirklich etwas sah, denn alles war so dunkel als hätte sie die Augen geschlossen. Im Mittelpunkt ihrer selbst angelangt, konnte sie nur riechen und fühlen. Und sie spürte die warme Luft. Schlangen gleich wanden sich schwarze Dinger in ihre Richtung. Sie nahm deren Bewegung in der Luft wahr. Hände wuchsen aus den Dingern hervor und packten ihr Herz. Drückten ein wenig zu. Und dann noch ein bisschen mehr. Sie japste nach Luft. Der Schmerz ließ ihre Augen überlaufen. In ihr drin jagten sich Bilder. Sequenzen aus ihrem Leben. Sequenzen, wo sie am Boden gelegen hatte. Wo sie kaum mehr die Kraft gehabt hatte, sich aufzurappeln. Lauter solche lauten Bilder, eins nach dem anderen, immer schneller. Tränen tropften in die offenen Löcher. Die Tentakel zogen sie mit sich in die Tiefe. Sie gab sich dem Strudel hin, in den sie geraten war. Eine Wahl hatte sie nicht.
Wieder ganz unten!, dachte sie, am Grund angelangt. Nein, denken ging nicht mehr. Fühlen war alles. Alles nur noch fühlen. Sie konnte nur warten, bis es vorüber war. Immerhin das wusste sie noch von ihren früheren Besuchen am dunklen See. Hinterher konnte sie sich jeweils kaum mehr an Details erinnern. Zumal die für ihre reale Umgebung sichtbare Person da oben wie immer funktionierte und niemand sie zu vermissen schien.
Ganz allmählich und außerhalb der Zeit wurde sie ganz ruhig. Wie lange sie sich diese Ruhe nicht mehr gegönnt hatte! Wie gut es tat, bei sich zu sein. Diese herrliche Langsamkeit. Dieses Stille. Der Druck der klammernden Hände hatte nachgelassen. Es tat nicht mehr weh. Das Atem ging wieder leichter. Endlich stieß sie sich am Grund ab und stieg an die Oberfläche.
Ich bin noch immer da!, sagte sie, als sie den ersten Atemzug tat. Leise noch. Um meinetwillen bin ich da. Das ist wichtig genug. Das reicht!, sagte sie. Ich mag mich! Nun klang ihre Stimme bereits ein bisschen kräftiger. Und ich will hinfort gut zu mir schauen! Sie jubelte. Ihr Herz tat einen kleinen Sprung und richtete sich in seinem Nest neu aus.
Na, endlich!, sagte Dark, das auf sie gewartet hatte. Komm.
Es griff nach ihrer Hand und führte sie nach Hause.