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Dass sein Vater kein Kontrollfreak war, machte das Ganze sehr einfach. Meinte er. Bis er eines Tages aus der Schule kam und seinen Vater am Küchentisch über den monatlichen Zahlungen brütend vorfand.
Sag mal, sagte dieser, sag mal, hast du von meinem Konto Geld abgehoben? Mir fehlen fünfhundert Franken. Zuerst hatte Janus gelogen. Doch lügen war schwieriger als klauen. Allmählich kam sein Vater auch hinter die Geschichte mit dem gestohlenen Fahrrad, das Janus weiterverkauft hatte. Ein paar Puzzleteilchen waren ihm eben früher schon aufgefallen. Sie waren einfach nicht aufgegangen. Blöd war sein Vater ja nicht!
Scheiße, wieso mache ich das überhaupt?, hatte Janus sich immer wieder gefragt. Eine Antwort darauf fand er keine, war dennoch irgendwie froh, als das Ganze ans Licht kam. Und das, obwohl einige Folgen alles andere als angenehm gewesen waren. Immerhin war seine Mutter, die mehr als fünfhundert Kilometer entfernt lebte, sofort angereist.
Viele Gespräche zu dritt. Beschlüsse, die gefasst wurden. Ein Vertrag, dass er das geklaute Geld abarbeiten müsse, wurde aufgesetzt und von allen unterschrieben. Es gehe darum, die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, sagten die Eltern. Na ja, irgendwie hatte er es genossen, zu sehen, wie die beiden sich um ihn sorgten. Fast wie früher. Immer wieder hatten sie gefragt, was er denn vermisst habe. Was er jetzt von ihnen brauche. Was er von ihnen gebraucht hätte. Seine Ma hatte gesagt, wie leid ihr das alles tue. Und sein Vater hatte sogar geweint.
Waren am ganzen Chaos denn seine Eltern Schuld? Klar, sie waren manchmal ganz schön schwierig. Vielleicht das Alter. Außerdem war sein Vater oft einfach nur peinlich. Gezofft hatten sie in der letzten Zeit oft. Seit er in der Oberstufe war, hatten die Zankereien zugenommen. Seit sein Vater angefangen hatte, mehr darauf zu achten, ob Janus seine Haushaltpflichten auch wirklich erledigte. Seit sein Vater strenger war. Na ja. Noch immer kein Kontrollfreak zwar, aber eben doch strenger als früher.
Früher war es einfacher gewesen. Zum Beispiel damals, als Pa mit Jana zusammen gewesen war. Eine richtige Familie waren sie gewesen. Jedenfalls übers Wochenende. Sara hatte damals noch zuhause gewohnt und mit Jana hatten sie immer über alles reden können. Über alles. Sie hatte Sara und ihn ernst genommen. Na ja, reden konnten sie natürlich auch jetzt noch zusammen. Theoretisch zumindest.
Sie hatten oft etwas zusammen unternommen, zu dritt oder zu viert. Hatten viel gespielt. Waren Snowboarden und Ski fahren gegangen. Im Sommer baden. Im See oder in der Aare. Hatten viel zusammen gelacht. Und wenn Jana etwas von ihm gefordert hatte, war es immer sehr einfach gewesen, es zu tun. Sie hatte ihm immer alles genau erklärt und alles war ganz logisch gewesen. Zwar hatte sie ihn oft herausgefordert und auch mal bestraft, doch hatte sie ihn eben einfach verstanden. Anders als Pa. Schließlich hatte sie Janus vor drei Jahren gefragt, ob sie seine neue Patentante sein dürfe. Statt seiner abgetauchten. Klar, hatte er gesagt. Ja, gerne. Und sich mächtig gefreut.
Seine Welt war eine Weile stehen geblieben, als Jana sich von Pa getrennt hatte. Wem hätte er sagen können, wie komisch sich das Nachhause-Kommen nun anfühlte? Zwar sah er Jana hin und wieder und sie unternahmen zusammen Dinge, die beiden Spaß machten, doch es war einfach nicht mehr das gleiche.
Mit Janas Nachfolgerin Daniela hatte Janus sich nie wirklich verstanden. Die war sehr streng gewesen, vor allem hatte sie wenig Humor – jedenfalls da, wo es ihn, Janus, betraf. Außerdem hatte Janus damals bereits die Oberstufe besucht und sich in der Freizeit meistens mit seinen Kumpels getroffen, so konnten sie sich gut aus dem Weg gehen. Ihm konnte es sowieso egal sein, mit wem sein Vater rummachte. Daniela war denn auch bereits wieder abgetaucht.
Zum Glück war die neue Klasse so cool. Einige seiner alten Mittelstufe-Klassenkameradinnen und -kameraden waren auch hier, die meisten kannte er bloß vom Sehen. Nein, auch sie waren keine Engel, doch es war nicht zu übersehen, dass die Lehrerin sie alle mochte. Und umgekehrt.
So machten Lernen und Schule Spaß. Und das Leben auch. Wie hatte er das bloß vergessen können!