der Leseabend

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein gemütliches Sofa, daneben eine Leselampe. Auf dem Sofa ich. Lesend. Ganz offensichtlich darauf aus, den Abend genüsslich und vor allem ungestört zu verbringen.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Stammlesende erinnern sich? Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist auch das nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall): Was willst du diesmal?

XeNö: Och. Nur mal wieder ein paar Fragen stellen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich keine. Heute jedenfalls nicht.

XeNö: Ach, nun tu nicht gleich so zickig!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung): Ich bin zickig, wann ich will. Außerdem ist das bloß deine Definition!

XeNö: Okay. Dann frag ich anders: Du bist doch ziemlich gebildet?

Ich (weiß nicht, ob es eine rein rhetorische Frage war und ob ich mich geschmeichelt fühlen soll): …

XeNö: Warum also arbeitest du sowas?

Ich (runzle die Stirn): So was?

XeNö: Na, so was eben … unter deinem Niveau!

Ich: Sag mal, spinnst du, oder was? Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, was ich arbeite, zweitens empfinde ich deine Definition von Niveau arrogant und drittens …

XeNö: … langsam, langsam!

Ich:

XeNö: Ich meine ja nur … du hast doch alle möglichen Ausbildungen und Kompetenzen! Hast heilerisch und therapeutisch, sozial- und heilpädagogisch gearbeitet. Und unterrichtet. Außerdem kannst du massieren. Und jetzt? Sitzest du in einem Büro fest!

Ich: Und?

XeNö: Jetzt verbringst du deine Zeit mit Protokollen, Kreditoren und Buchhaltung, mit Computerproblemen und Öffentlichkeitsarbeit. Nimmst das Telefon ab, das du nicht magst, und holst tagtäglich deinen Mitarbeitenden irgendwelche Kartoffeln aus der Glut. Verbrennst dir die Finger dabei …

Ich: Hm.

XeNö (leise, kaum hörbar): Warum?

Ich (seufze): Vermutlich habe ich die Illusion verloren, ich könne die ganze Welt retten. Womöglich auch einfach deshalb, weil ich nicht mehr glaube, wirklich zu wissen, wie die Welt richtig zu sein hat. Und weil ich sie nicht dorthin schieben muss. Vielleicht bin ich resigniert? Oder vielleicht vertraue ich dem Leben einfach mehr? Dass sich Dinge auch ohne mich lösen, zum Beispiel.

XeNö: Und darum machst du einen Job wie diesen? Wo du mit dem Leid der ganzen Welt konfrontiert bist? Ist das nicht irgendwie hirnrissig?

Ich: Nicht hirnrissiger als ein anderer Job. Er ist nicht besser und nicht schlechter als jeder andere. So what? Außerdem macht dieser Job meistens Spaß. Und mein Team ist echt toll. Ich mag die Leute. Da zählen menschliche Werte. Das zählt!

XeNö: Wenn du meinst?

Ich: Ja, ich meine! Dazu habe ich – zumindest theoretisch – genug Freizeit für alle jene Dinge, die ich auch noch gerne mache. Schreiben zum Beispiel. Oder lesen.

XeNö: Und das genügt dir?

Ich: Ja. Das genügt mir. Jetzt.

XeNö: Okay, dann lasse ich dich weiterlesen. Schönen Abend noch. (Verschwindet vorne rechts und winkt mir zu) … und auf Wiedersehen!

Ich (lasse mich in die Kissen meines Sofas fallen): War das jetzt alles echt?

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In eigener Sache und ganz in echt: Ich habe eben beschlossen, den Wochenmitter-Lyrik- und Literatur-Zyklus hiermit ganz formlos zu beenden. Einfach so.