Auf der Schaukel

Schaukeln!, denke ich, während ich K.s Mail lese. Um gewonnene Erkenntnisse geht es diesmal. Erkenntnisse, die – einmal gewonnen – Grundlagen für den nächsten Lebensabschnitt, für den nächsten Arbeitstag oder auch nur für die nächste Stunde schaffen. Alles was wir sind, sind wir jetzt und so, weil das, was vorher war, vorher war. Sage ich, ohne an Chronologie zu glauben.

Leben ist schaukeln. Ständig wechseln wir die Perspektive: mal sind wir unten, mal – na, wo wohl? So schaukeln wir uns durchs Leben. Ich schaukle mich grad durch extrem ruhige und extrem hektische Phasen. Doch wozu polarisieren, wenn sich doch alles von alleine wieder aus- und einpendelt. Die Physik macht es uns vor: Schwerkraftgesetze bringen jedes Pendel, das wir nicht mehr anstoßen, in der Mitte zur Ruhe. Stagnation oder Entspannung? Und muss ich mir Sorgen machen? Um heute oder um die Zukunft, nah oder fern?

Mein Teelicht kämpft ums Überleben. Doch es wird verlieren. Früher oder später.

Erkenntnisse, wenn wir sie reflektieren und evaluieren, können nützlich sein. Zuerst im Sinne von Bildung Erkenntnisse sammeln, dann über sie nachdenken und schließlich ein „Darüber-hinaus“ kreieren, wie die Verlegerin vom RaBaKa-Verlag, Gitta Peyn, in ihrem genialen Vorwort zu „Flächenland“  von Edwin A. Abbott empfiehlt (siehe eBook Seite 15 ganz unten).

So können Erkenntnisse uns also zu einer andere Art, das Leben zu sehen und einer anderen Art, überhaupt zu leben, verhelfen. Dieses „Darüber-hinaus“ meint wohl irgendwie besser und gesünder. Im alles umfassenden Sinn von Gleichgewicht. Von Ausgleich. Tja. Über Süchte haben wir per Mail ausgetauscht, K. und ich. Über die Sucht nach Aktivität, Bewegung und Ausdruck versus die Sucht nach Rückzug und Kontemplation. Sucht? Oder wohl eher Sehnsucht oder Bedürfnis … Wo ist der Grat? Und warum werten?

Wieder die Schaukel. Auf – ab. Die Kamera würde in die Luft filmen. Ein Stück Himmel und vielleicht den Ast eines alten Birnbaums. Im immer gleichen Takt würde mein Kopf mit den windzerzausten Haaren auftauchen, dann der Rumpf, von unten nach oben, um gleich darauf wieder in umgekehrter Reihenfolge abzutauchen. Schaukeln geht so. Auf – ab. Leben auch. Nein, das Leben ist nicht ideal.

Soeben ist das Teelicht erlöscht.

Warum eigentlich und warum eigentlich nicht?

Warum willst du pilgern – wirklich meine ich?, fragte ich meinen Liebsten vor vielen Wochen. Warum willst du dir das antun? Diese Strapazen! Nein, Mitleid war es nicht, das mich so fragen ließ. Einfach pures Interesse. Und der Wunsch, verstehen zu wollen.

Neugier. Herausforderung. Experiment. Erfahrungen sammeln. Lust auf diese mir neue Art zu reisen. Ungefähr so hatte Irgendlink geantwortet. Und jetzt, wo er unterwegs ist, werden alle dazugehörigen Strapazen schlicht im Bereich Erfahrungen sammeln gebucht. Das Pilgern macht ihm großen Spaß. Er stillt seine Neugier täglich neu und sammelt Erfahrungen noch und noch. Ich gebe gerne zu, dass ich gerne mitreise – von zuhause, von der warmen Stube aus. Obwohl ich ihn vermisse und mich auf das Wiedersehen freue.

Meine Frage nach dem großen Pilgermotiv ist hier nur im Einzelfall gelöst und ganz gewiss nicht repräsentativ. Und gelöst ist sie eh auch nur annähernd, denn alle Entscheidungen sind weit vielschichtiger als wir in Worte fassen können. So vielschichtig, dass wir selbst nicht genau begreifen, warum wir so und nicht anders handeln, denn auf der alles entscheidenden Ebene gelten andere Gesetze als die des reinen Verstandes.

Buße tun. Ablass erbitten. Sich geißeln … Ursprünglich pilgerten Menschen, um – salopp gesagt – am Ende des Pilgerweges mit reiner Weste vor Gott zu stehen. Oder um dort eine ekstatische Erfahrung zu machen. Oder um geheilt zu werden. Urmotiv oder Auslöser für die Pilgerreise war also eine Last. Die Krankheit, ausgelöst von Schuldgefühlen. Oder einfach reine Schuldgefühle, ganz ohne Krankheit. Schwere, erdrückende, kaum lösbare, die eine Sehnsucht nach Absolution gebären, welche sich – so geht das Gerücht – nur durch Pilgern stillen lässt.

Ganz bewusst sage ich Schuldgefühle, denn an Schuld per se kann ich nicht glauben. Gefühle also, die Schuld vorgaukeln, da wir gelernt haben, in Schuldstrukturen zu denken. (Okay, das ist jetzt aber ein anderes Thema, ein ethisch-philosophisches, das ich hier nicht umfassend abhandeln kann und mag.)

Gefühle sind es schließlich auch, diesmal erfreuliche, – um zum Thema zurückzukommen – die den Pilger und die Pilgerin alsdann, nach erledigter Bußübung, von Kopf bis Fuß durchdringen. Gefühle der Erleichterung. Gedanken der Erlösung. Wie wichtig und wie verrückt für unser Seelenheil, was wir denken, was wir fühlen, was wir tun und wie vernetzt dies alles in uns drin und mit unserer Umgebung doch ist! Darum behaupte ich, dass auch ein traditioneller Pilger und eine klassische Pilgerin auf der Suche nach Absolution letztlich, nicht anders als heute, auf der Pilgerreise zuallererst nach sich selbst sucht. Danach, sich selbst zu begegnen und – warum auch nicht? – sich selbst freizusprechen.

Nur vordergründig also das Motiv, zu pilgern um vor Gott gut da zu stehen. Gott als Synonym für uns selbst?, frage ich Ketzerin mich selbst, denn viel häufiger ist sicher das Motiv Selbstfindung. Dazu pilgern die einen nach Santiago de Compostela und die andern trampen nach Indien.

Die dritten – ich zum Beispiel – pilgern nirgendwohin. Meine innere Landschaft ist mir Herausforderung genug. Zwar hat es da keine Weinbrunnen, wie jenen in Estella zum Beispiel, doch da gibt es Wüsten aus Sand und Eis. Und auch dort hat es Meere. Ebbe und Flut. Glut auch. Feuer. Luft. Sturm und Wind. Und Berge und Täler. Flüsse und Ödland. Einen Pilgerpass brauche ich dazu nicht. Und das Ziel ist ohne Blasen zu erreichen. Höchstens solchen auf der Seele vielleicht.

Ob es einfacher oder schwieriger ist, die eigene Selbstfindung im Alltag zu leben oder auf den staubigen Straßen Nordspaniens weiß ich nicht und ist wohl auch unwesentlich, denn jede und jeder macht diese Reise auf ihre oder seine Weise. Und jeder und jede landet am Schluss vor der eigenen Türe. Warum auch nicht.

bei null

Da ist dieses ätzende Gefühl von Unzulänglichkeit. Häufig, allzu häufig die Wahrnehmung, immer nur grad noch im allerletzten Moment auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen zu sein. Glück gehabt. Die Unzulänglichkeit bezieht sich darauf, dass ich glaube, aktuell nichts wirklich ganz tun zu können, weil ich zu wenig Zeit habe. Überall Baustellen.

Vielleicht ist deshalb mein Immunsystem in den letzten Monaten so fragil gewesen? Meine ArbeitskollegInnen haben heute in der Pause nach meinem heftigen Hustenanfall ihre wildesten Thesen, Antithesen und Projektionen für meine neuerliche Erkältung von sich gegeben. Na ja. Gut und recht, doch meine eigene ist viel  trivialer. Darum habe ich sie für mich behalten:
Ich habe die Nase voll vom ganzen Stress – deshalb läuft sie über. Ich mag nicht reden – darum huste ich. Kommt mir nicht zu nahe, ihr Lieben, sonst stecke ich euch an …

Und das obwohl ich sie mag. Alle. Vom Scheff bis zur Raumpflegerin. Tolle Menschen. Und auch die Arbeit ist okay. Doch, wie Kollegin A. neulich sagte:
Wenn du nicht gekündigt hättest, wärest du über kurz oder lang hier nicht mehr glücklich gewesen. Du brauchst etwas anderes. Dennoch werde ich dich vermissen.

Nein, dieses Hamsterrad hier ist kein schlechtes. Ich bin satt, habe schön warm, bin im Trockenen und kann meine Rechnungen zahlen. Ich habe meine vier Wände, ein Dach über dem Kopf und eine Steckdose für dem Laptop. Ein WLAN-Modem ebenfalls. Und haufenweise liebe Menschen in  erreichbarer Nähe. Und viele, viele Bücher. Was will frau mehr?

Schnitt.

Tatort: Scheffs Büro. Gestern.

Während wir zu viert um seinen Sitzungstisch hängen und eine von uns – zum Glück nicht ich – von den drei anderen, also auch von mir, nach Strich und Faden und gegen den Strich gekämmt wird, damit wir herauszufinden, ob sie als meine Nachfolgerin taugt, schweifen meine Gedanken auf einmal ab und ich höre ihre Antworten nur noch wie das berühmte entfernte Rauschen. Im Film würde jetzt der Vordergrund unscharf werden, verschwimmen, ein bisschen wackeln, schließlich verschwinden und allmählich würde das neue Bild eingeblendet werden.

Schnitt.

Es war einmal ein Spermium. Mit anderen Spermien zusammen machte es sich auf den Weg. Das Ziel war allen klar. Wer würde als erstes die Eizelle erreichen und deren Wand durchdringen um mit ihr ein neues Leben anzufangen? Nur einigen wenigen würde es überhaupt gelingen, den Eileiter zu erreichen. Unterwegs schon die erste Selektion. Das große Mehr würde im sauren Milieu der Scheide zu Grunde gehen. Gut zu wissen übrigens, dass die Spermien erst zeugungsfähig werden, nachdem bestimmte Proteine im Sperma und an den Spermien durch weibliche Enzyme entfernt wurden (Wikipedia). Von den Hunderten im Eileiter würde nur das schnellste, das gewandteste, das cleverste das Rennen machen. So gesehen sind wir alle Elite.

Das eine Spermium. Die Auswahl. Brutal. Nur eine, eine einzige, würde zukünftig dort an meinem Schreibtisch sitzen. Wir stellen ihr Leben auf den Kopf. Wir setzen einen Marchstein in ihrem Leben. Und wir wünschen uns eine, die gerne und lange dort sitzen wird. Die lange dort glücklich sein wird. Länger als ich.

Als ich in unserer kleinen Runde nach dem dritten der drei Gespräche am Dienstagabend sage, dass ich mir zwei der drei Frauen als Nachfolgerin vorstellen kann, nicken Kollegin G. und der Scheff. Wir sind uns einige. Doch auch die vier Frauen, die morgen kommen werden, haben tolle Qualifikationen. Einfach machen wir es uns nicht.

Hilfe, jetzt kommt dann eine, die noch viel besser ist als ich!, sage ich. Ihr werdet froh sein, dass ihr mich los seid. Und ihr werdet mich bald vergessen haben.

Genau!, frotzelt Kollegin G.. Und wir werden ein Fest machen, wenn du gehst. Weil wir dich endlich los sind. Wir lachen.
Nein, spinnsch eigentli!, fügt sie sofort an. Niemand hier will, dass du gehst. Ich werde rosa.

Heute am Schreibtisch. Nach der Sitzung. Der Pflichtenberg wächst über Nacht von selbst nach. Deshalb räume ich manchmal meinen Tisch so auf, dass es aussieht, als hätte ich nichts zu tun. Reine Selbstverar…ng, doch gute Instant-Medizin. Die Medizin der Illusion. Der Illusion von Neuanfang, denn danach fällt es mir jedes Mal ein klein bisschen leichter, zu arbeiten. Bei null anfangen.

Immer wieder bei null anfangen. Auch alle meine Unzulänglichkeiten auf null fahren. Gutes Gefühl irgendwie.

Antipilgerin ich

Ja, ich hoffe sehr, dass mein Liebster durchhält und dass die wunden Füße heilen. Durchhalten aber nicht um der Leistung willen, sondern weil ich sehe, dass ihm das Pilgern großen Spaß macht. Ich glaube, dass er merkt, falls und wann genug ist. Welches Ziel sein Ziel sein wird, weiß nur er selbst.

Ich bin die klassische Vorlage der Antipilgerin. Das Bilderbuch-Klischee. Nur schon der Gedanke, mit so vielen Leuten im gleichen Raum zu schlafen, rollt mir die Zehennägel auf. Von den Bedbugs und Cockroaches will ich gar nicht erst reden. Doch am schlimmsten wären wohl all die Gerüche und die Geräusche. Dazu das unfreiwillige Neonlicht am Morgen und nachts beim Pinkeln, das meiner Lichtüberempfindlichkeit in die Quere käme. Kurz gesagt: Als temporäre Soziophobikerin – StammleserInnen wissen – wäre ich auf so einer Tour eh am liebsten allein oder allerhöchstens zu zweit unterwegs. Und dann würde ich lieber im Zelt als in einer Herberge schlafen. Das Zelt würde jemand immer genau da aufstellen, wo wir zu nächtigen wünschen. Und es wäre Sommer. Warm. Kein Regen. Sonnenuntergänge so weit das Auge reicht.

Pilgern? Buße tun? Wozu Leute heute pilgern weiß ich nicht, nur dass es viele tun. Sehr viele. Am allermeisten würde mich deshalb an der heute üblichen Art zu Pilgern stressen, dass ich nie alleine sein könnte. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, könnte genau das DIE Herausforderung des Pilgerns sein: mitten in der Pilgerherde dieses Alleinsein, dieses zentrierte Ganz-bei-sich-sein üben zu können.

Gestern bloggte ich über die mir fehlende Ruhe, das ständige Nicht-wirklich-bei-mir-sein, die latente Unruhe. Ha, genau: alles selbstgestrickt. Nicht auf Umstände delegierbar. Auch nicht auf Menschen, die meine Zeit beschneiden. Nicht auf Aufgaben und nicht auf Halsweh und Schnupfen. Die wahre Lebenskunst und möglicherweise für die einen das Motiv, sich selbst eines Tages auf die Pilgerschaft zu begeben, besteht darin, bei sich selbst anzukommen. Zentriertsein.

Ich hoffe allerdings, dass ich dazu nicht den Jakobsweg gehen muss. Dass ich das auf dem Sofasophiaweg lernen kann. Learnig bei doing oder so. Drückt mir die Daumen. Und ihm auch, dem Pilger Irgendlink.

ruhig

Wie sehr ich mich eine Woche nach den Ferien bereits wieder danach sehne, endlich zur Ruhe zu kommen. Wenn ich am Wochenende krank im Bett liege, hat das eben einfach nicht den gleichen Erholungswert wie richtig frei haben und tun und lassen können, was das Herz begehrt. Und das obwohl ich heute den ganzen im Bett gehängt bin und ein gutes Buch gelesen habe.

Ich vermisse mich. Ich bin zurzeit kaum je alleine mit mir und meinen Gedanken. Auch Tagebuch schreibe ich kaum. Schade eigentlich und auch nicht wirklich gut für mich. Immer geht alles nach außen. Zu anderen Menschen: Ins Blog. Zu J..  Zu Freundinnen und Freunden. Immer ist die Türe offen. Ich brauche im Grunde einfach Ruhe von innen heraus. Ich brauche mehr mich.

Ich gestehe: Die virtuelle Gemeinde – meine Bloglesenden – bestimmt mit ihrer unsichtbaren und zum Teil bekannten Anwesenheit meinen Alltag mit.  Na ja, das geht wohl allen Blogschreibenden so, da bin ich sicher.

Obwohl ich ja in erster Linie schreibe, weil ich schreiben will. Und schon fallen mir meine Mailschulden ein. Die liegen mir schwer auf dem Magen. Zumal ich alle mag, denen ich schreiben will. Eigentlich ist es ja mit allem so: Wenn ich zu lange warte mit reagieren, mit antworten, mit dem Überarbeiten meines Manuskriptes, mit bloggen oder damit meine Bildergalerie weiter zu bearbeiten, dann wachsen auf einmal große schier unüberwindbare Berge und der erste Schritt wird immer schwerer.

Berge aus Nichts. Dieses Nichts ist selbstgestrickter Leistungsdruck. Das Nichts macht, dass ich mich unfrei fühle, verpflichtet und in der Rolle der Reagierenden statt in der Rolle der Aktiven. Doch wem sag ich das, wo ich mir das doch selbst so kreiert habe. Auch die daraus entstehende Unruhe und Spannung – statt besser zu mir selbst zu schauen. Tja. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, wie es so schön heißt.

Apropos Schritt: Irgendlink ist nun schon drei Tage gewandert. Um die siebzig Kilometer Jakobsweg. Ein Zehntel oder so. Heute im Dauerregen. Mit kalten, nassen Füßen. Von Anfang an hat er gute Kontakte gefunden, war nie wirklich allein und hat inzwischen auch gelernt, wie man Blasen behandelt. Nähen ist das Gebot der Stunde. Statt aufstechen. Nähen, dreimal. Mit Faden.

Er klingt sehr gut, mein Liebster, richtig glücklich. Die drei Spanier, mit denen er gestern und heute gewandert ist, obwohl er nur sehr knapp spanisch reden kann, mochte er sofort. Und sie ihn offenbar auch. Zum Abschied hätten sie sich herzlich umarmt.

Zur Ruhe kommen … hm, nicht mal auf dem Jakobsweg ist Ruhe ein normaler Zustand. Ruhe finden ist wohl ebenso, wie sich aufs Glücklichsein einlassen, eine Entscheidung. Die wir immer wieder neu treffen müssen. Zum Beispiel jetzt.

ankommen

Während ich das Klo schrubbe, will mir der Gedanke – die Frage vielmehr – nicht mehr aus dem Kopf, warum wir nie wirklich ankommen werden.

Haben wir nämlich ein Ziel erreicht, eine Sehnsucht erfüllt, einen Traum oder auch nur ein Bedürfnis gestillt – jene Arbeitsstelle erhalten, diesen Mann oder jene Frau gefunden, diese oder jene Lebensumstände wie Wohnung oder Auto gegen Geld getauscht – sind wir nicht etwa am Ziel. Oder dauerhaft glücklich. Und die Zufriedenheit ist auch bloß eine temporäre. Ziel ist definitiv kein Synonym zu Glück, und umgekehrt ebenfalls nicht.

Glück, wunschloses vor allem, ist wohl das am schwersten zu findende Gut. Nix neues.

Wie die Welt wohl aussähe, wenn wir zufrieden wären und ob Evolution nur auf der Basis und als Folge von stetiger Unzufriedenheit möglich ist?, frage ich mich, während ich die Badewanne nachspüle.

Ich poliere den Spiegel, lächle mir trotz Halsweh zu und beschließe, zufrieden zu sein. Einfach so.

Von Hyperlinks und anderen Metaphern

Manchmal sehe ich ihn geradezu, jenen Hyperlink zwischen meinen Gefühlen und meinen Gedanken. Und auch zwischen den Gefühlen und den Gedanken meiner Mitmenschen. Es ist diese stetige Übersetzung von Beobachtungen, Fakten, Wahrnehmungen, die wir durch den Filter unserer Lebenserfahrung fließen lassen. Die Essenz ist empathisches Sein. Nenn es Liebe. Von mir aus gerne. Denn damit ernennen wir Liebe zu mehr als einem bloßen Gefühl. Und auch zu mehr als einer auf Denkarbeit basierenden Entscheidung. Mehr und nicht nur die Summe der Einzelteile. Die Buchstaben A und B sind für sich nicht mehr als zwei Buchstaben, doch zusammengenommen bilden sie ein Wort. Eins sogar, trotz seiner Kürze, das mehrere Bedeutungen haben kann.

Unsere Welt ist ein einziges Netz, voll mit Metaphern. Doch halt! Jetzt will ich das Abendessen zubereiten. Gemeinsam mit J.. Mit reiner Denkarbeit kann ich das nicht tun. Auch durch die Kraft meiner Emotionen füllt sich der Topf nicht mit Wasser. Ein empathischer Gedanke – wir kochen uns etwas feines, das wir beide mögen – mündet in eine Handlung. So funktioniert Leben. Das ist der Punkt. Und ein weiterer Hyperlink im Gespinst des Lebens.

Alles, was an Materie von Nutzen ist, mag ursprünglich – will heißen, vor dem Gedanken, sich mittels Umsetzung der Idee bereichern zu können – aus Empathie oder zumindest aus einer Art Selbstliebe, Intuition oder Überlebensinstinkt entstanden sein. Das Ziel? Sich und anderen das Leben leichter zu machen. Ob das nun ein Koch denkt oder eine Korbmacherin, ein Bauer oder eine iPhone-Software-Entwicklerin, ist dabei einerlei.

Mit der Kunst, die nicht im materiellen Sinne nützlich ist, sondern der Ästhetik, Harmonie und unserem Bedürfnis nach Verarbeitung und Ausdruck entspringt, ist es vielleicht gar nicht so anders. Die Künstlerin ist eine, die und der Künstler ist einer, der sich und anderen das Leben schöner machen will.

Genau diese Hyperlinks zwischen Denken, Fühlen und Handeln sind es, die das Leben lebenswertvoll machen.

(letzte Woche im Tessin verfasst)

Wer kennt, ohne zu können, ist ein Theorist, dem man in Sachen des Könnens kaum trauet; wer kann, ohne zu kennen, ist ein blosser Praktiker oder Handwerker; der echte Künstler verbindet beides.

ist von Johann Gottfried Herder und habe ich heute hier gelesen: Coopzeitung, Editorial.

Über die Wehmut und duftendes Herbstlaub

Heute der Versuch, Laptop und iPhone zu vereinen.

Da ich keine Lust hatte, einen langen Text in die Minitastatur zu klicken und ich eh mit Irgendlink immer wieder über die (Un)Möglichkeiten der Apfeltelefone diskutiere, folgt hier ein weiterer „iDogma im Text“-Versuch.

Ein Draufklick macht den Text größer.

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EDIT nach dem Urlaub:

Es ist Abend. Ich habe zwei Tabletten intus. Wieder muss ich Antibiotika nehmen. Die eine Tablette ist von der Kur, die andere soll den Krampfschmerz lindern. Der Arzt in Biasca, zu dem wir heute notfallmäßig gefahren sind, hat eine Blasenentzündung diagnostiziert. Seit drei Tagen hatte ich schon leichte Schmerzen, heute Nacht wurde es so schlimm, dass ich – auch auf J.s Drängen hin, meine Schmerzen ernst zu nehmen – nicht mehr länger warten wollte. Ich wollte wissen, was los ist. Und jetzt ich hoffe einfach mal, dass das Zöix wirkt. Ein klein wenig niedergeschlagen bin ich schon, will ich uns doch mit meinem Kranksein die Ferien nicht versauen.

Ach nö, sagt mein Liebster. Er lässt sich zum Glück – was sein großes Talent ist – nicht aus der Ruhe bringen und lässt sich immer auf den Moment ein. Was für ein Geschenk, dieser wunderbare Mensch doch ist! So, das musste endlich mal gesagt werden.

Dennoch ist da diese kleine, nach feuchtem Herbstlaub duftende Wehmut. Jener Mut zum Weh … Ist es nicht so, dass je größer und je schöner eine Liebe wird, desto größer, kostbarer und voller wird der gemeinsame Erfahrungs- und Erlebnisschatz. Und entsprechend wohl auch die Verlustangst.

Neulich, als ich mal wieder leicht panisch meinen kleinen Apfelcomputer suchte, meinte Irgendlink, dass ein iPhone doch materiell ein relativ kleiner Verlust sei. Umso größer der Verlust all der Daten.

Der Speicher eines Computers in Beziehung zu seinem Menschen als Metapher für das Netz zwischen uns Lebewesen? Warum eigentlich nicht. Einziger Unterschied: Mein iPhone würde mich wohl kaum vermissen, wenn es mich nicht mehr hätte, doch bei uns Menschen gilt , dass je wertvoller mir jemand wird, desto verletzlicher ich ihm gegenüber bin. Und deshalb tut Liebhaben eben auch weh.

Womit wir beim erwähnten Mut zum Weh wären. Ein schönes Weh irgendwie.

dass das Leben ein Panorama sei

Wie Irgendlink und ich heute bergauf steigen, unterwegs alle fünf Meter stehenbleiben, mit Nikons und iFöuns Bild um Bild machen und ob der Schönheit der Natur um uns her kaum Worte finden, erkenne ich einmal mehr das Gehemnis der allem zugrunde liegenden Verbindung. Während ich mit dem Apfeltelefon dank einer entsprechenden, ziemlich cleveren Software names AutoStich drei Bilder zu einer langen Panoramasicht verbinde, sage ich:
Das Leben ist doch ein einziges Panorama. Wir setzen uns laufend aus bestehenden Bildern neue zusammen. Alles, was wir erleben, lässt sich an eine früher gemachte Erfahrung ankoppeln. Und alles bekommt eigentlich nur im Kontext und im Kontrast mit bereits erlebtem eine Bedeutung und kann nur so erst wirklich verstanden werden.

Schließlich steigen wir zur Chiesa San Carlo Negrentino hoch und finden dasselbst einen Geocache, den wir nur finden können, weil wir wissen, wie andere Geocaches versteckt worden sind. Und weil wir Koordinaten lesen können.

Nach einer zehn Kilometer, viele Höhenmeter auf und abwärts und viele Stunden dauernden Wanderung durch Herbstwälder, über Stock und Stein und auf Teerstraßen langen wir abends müde und glücklich wieder im Rustico an. Nicht zuletzt, weil wir über einen guten Orientierungssinn und die Fähigkeit des Kartenlesens verfügen. So haben wir uns heute unser Leben geautosticht. Wir alle.