Punkt

Kaum erwacht mein Laptop – den ich  mit dem Vorsatz, eine Idee, die sich auf einem Notizzettel niedergelassen hat, in Worte zu fassen, wachgedrückt habe – aus dem Tiefschlaf, werde ich von allen Seiten abgelenkt. Bunte Icons ringen um meine Aufmerksamkeit. Zu gut wissen sie um meine Ablenkbarkeit. Soll ich nun doch zuerst Mails lesen oder vorher noch schnell meine Lieblingsblogs besuchen? Mausklick hier, Mausklick da. Oh, K. hat geschrieben, obwohl ich ihr doch noch eine Antwort schuldig bin. Und S. sollte ich antworten. Wegen der Geburtstagsüberraschung für M. Spätestens morgen. Hach, und was soll ich bloß C. schreiben? Mit Worten Mut machen fordert mich jedes Mal heraus. Aber nein, halt, ich will doch jetzt nicht Mails schreiben. Bloggen will ich. Und ich erinnere mich, wie ich heute Morgen großkotzig Kollegin A. erzählt habe, dass ich im Grunde doch eine recht disziplinierte Person sei (na ja, verglichen mit wem auch immer, wohl sehr; aber verglichen mit wem auch immer, überhaupt nicht).

So. Und darum blogge ich jetzt. Diese Zeilen hier, denn ein Bild spaziert seit Stunden im Dunkel meiner unerleuchteten Hirnwindungen und ich versuche es einzukreisen und in Worte zu fassen.

Sieh den Faden, das Netz. Nein, halt, fangen wir von vorne an: Denke einen Satz, doch nicht bloß denken: fühle ihn. Dann sieh zu, wie er Faden wird. Denke zum Beispiel: Wenn es doch bloß schon morgen wäre und mein/e Liebste/r bei mir. Der Faden fängt bei dir an und windet sich irgendwo fünf Meter über der Erde in Luftgeschwindigkeit zu ihm/r, dem/r Liebsten. Weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, ist er grün. Und weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, hat er eine Art Zugkraft. Von dir aus gehend. Nenn es Energie. Ich nenne es, um hier im Bild zu bleiben, das ich mir auf den Notizzettel gekritzelt habe, ich nenne es Faden.

Und jetzt kommt es bunt. Alle Gedanken, die ich denke plus alle Gedanken, die du denkst plus deine da draußen – und deine und deine auch –, seien, ein wirres, buntes Netz. Erlauben wir nun allen Fäden die ihnen eigenen Farbe und Zugkraft. Antagonistische Fäden in großer Zahl mit eingeschlossen.

So weit so gut. Doch nun wird es erst richtig spannend: Fast jeder Gedanke wird nämlich aus einer Art Mangel geboren. Fast jeder steht im Zusammenhang mit etwas, das wir tun sollten um einen ihm zu Grunde liegenden Mangel zu kompensieren. Konjunktiv und Futur. Pflichten denken wir, Unerledigtes, Erwartungen und Erhofftes. Dazu Erinnerungen, doch auch sie bewegen sich oft im Dunstkreis von Sehnsucht und Mangel.

Stell dir bitte das beschriebene Netz vor. Wie es ist, wie es sich bewegt. Zugkraft sei Bewegung. Das Netz wackelt ganz schön. Es vibriert. Und weißt du auch wieso? Weil jeder einzelne Faden, weil das ganze große Netz, das alle und alles verbindet, nach Ausgleich schreien. Nach Harmonie, um es vereinfacht zu sagen. Nicht zu verwechseln mit „Heile Welt“.

Ich meine den Punkt. Die Mitte. Die Null. Alles sei Null, heißt es in einem meiner Lipogramme, die ich früher mal gebloggt habe.

So stelle ich mir das Ende manchmal vor. Meins. Und deins auch. Alle Enden: Punkte. Viele Worte, viele Gedanken, viele Handlungen, viel Lachen und viel Leben … und dann ein Punkt.

Von Schattenrissen und Dämonen

(Da war diese Klammer am Anfang des Textes. Was drin stand hatte ich vergessen). Mit diesem Satz bin ich heute erwacht und schrieb ihn sofort auf. Vielleicht ist es der Anfang einer neuen Geschichte.

Schnitt.

Am letzten Wochenende bei Irgendlink habe ich in meinem Notizbuch gekritzelt: Wie schnell wir uns doch an neues gewöhnen. Vor einem Jahr stand hier noch der alte, nun steht da der moderne Holzofen, Etna genannt, und weder J. und ich können uns erinnern, wie es vorher war. Höchstens ein bisschen noch, aber nur theoretisch. Neues schiebt sich so schnell in unseren Alltag. Neues wird sofort normal. Wir sind unglaublich mutationsbegabt.

Schnitt.

Heute Morgen, noch im Bett, las ich im Krimi „Eine ganz andere Geschichte“ von Hakan Nesser, den ich eigentlich schon mal gelesen, nun von einer Kollegin ausgeliehen und erst beim Lesen wiedererkannt hatte. Ich lese das Buch stellenweise quer, dennoch will ich nochmals durch die Story gehen, weil ich mich nicht mehr an die Lösung erinnere. Und weil mich der Fall fasziniert. Und weil ich Nesser gerne lese. Auch mag ich den Barbarotti und wie seine Liebe zu Marianne, diese reine und beide verwirrende Emotion, beschrieben wird. Mein Scheff fand das Buch „na ja“. Ich habe es schon beim ersten Mal verschlungen, doch leider vergessen, wie der Fall gelöst wurde. Ob ich wohl zu viel lese?

Ich zitiere Kommissar Barbarotti: Den Feind zu dämonisieren gehört zu den üblichsten, den allerbilligsten Fehlern. Das war der Bodensatz jedes Rassismus, jeder Fremdenfeindlichkeit. (S. 149, TB-Ausgabe)

Schnitt.

Gestern habe ich eine spezielle App aufs iFöun geladen, eine App, die das Bild automatisch richtig belichtet. Funktionieren tut das so: der in die App integrierte Fotoapparat misst zuerst, manuell oder automatisch, den dunkelsten und den hellsten Punkt auf dem geplanten Sujet. Danach nimmt er kurz nacheinander zwei Bilder auf. Die werden miteinander verglichen und kurz darauf wird mir ein Bild mit den mittleren Werten angezeigt, das ich sogar noch nachbearbeiten kann. Über die Gegensätze, über die Extreme finden wir in die Mitte, zum Gleichgewicht.

Als ich das meiner Freundin K. in einer Mail erzählte, da mich das Prinzip fasziniert, schrieb sie zurück: So wird nun nicht nur die Technik von uns entwickelt, nein wir lernen auch von der Technik. Also immer zwei Bilder machen, das Schönste und das Schlimmste, und dann in der Mitte leben. Weise Frau, meine liebe Freundin K..

Ob Freund oder Feind, hell oder dunkel, alt oder neu, ungewohnt oder vertraut: Erst Schatten und Licht zusammen machen ein Bild – und das Leben – dreidimensional und lebendig. Alte FotografInnen-Weisheit …

dieses Bild

Am Anfang war die Leere. Nicht Chaos, nein, Leere. Meine Schöpfungsgeschichte fängt mit Leere an. Und mit einem weißen Malbrett.

Bisher malte ich immer in einem Rutsch, allerhöchstens in zweien. Linear malte ich mich von A nach B. Ähnlich wie ich einen Blogartikel schreibe. Ich fange an und lasse mich treiben. Manchmal zielstrebiges, manchmal überraschtwerdenwollendes Treibenlassen. Doch diesmal war alles anders.

Am Anfang war die Leere. Diesmal war da auch ein Ziel. Ein kleines zumindest. Oder vielleicht sogar zwei. Das erste: Wie fühlt es sich wohl an, wenn ich ein Bild im Voraus steuere, es gleichsam komponiere und so eine Mischung aus Plan und Zufall, ähnlich wie beim Schreiben einer Geschichte, anstrebe? Wird sich das eher kreativitätsfördernd oder eher kreativitätshemmend auswirken? Auch handwerkliches Training spielte als Schaffensaspekt eine Rolle. Das war mein zweites Ziel.

Möglicherweise schlummerte da noch ein drittes, irgendwo, denn ein Künstler hatte bei der Malaktion vor dreieinhalb Wochen in Irgendlinks Atelier-Galerie meiner kleinen Malerei ein gewisses Talent attestiert. Ein Talent, das aber noch ziellos wirke. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass ich da mehr draus machen könnte … *ungläubiggehüstelthab* Das dritte Ziel? Ob ich malend nun seine Aussage zu dementieren versuche? Oder zu bestätigen?

Noch nie habe ich so lange, so ausdauernd, so lust- und so hingebungsvoll an einem Bild gemalt habe, wie an diesem. Ursprünglich als simples Übungsbild gedacht, das ich – parallel zu Irgendlinks Übungsbild – in ColArt-Manier in einzelne Felder aufzuteilen gedachte, legte ich die weiße Maltafel auf den Tisch. Nein, ich werde keine Quadrate malen. Mein Leben ist nicht linear, murmelte ich vor mich hin, als ich nach dem Zirkel suchte und mich erinnerte, wie eine Spirale konstruiert wird.

Am Anfang ist der Punkt in der Leere. Der erste Punkt. Zeugung? Geburt? Kreisförmige Linien geben der Leere schon bald eine Struktur. Ein Weg führt von innen nach außen. Mit Linien, die zur Mitte führen, unterbreche ich die große Fläche, die sich, von der spiraligen Linie geführt, aus der Mitte nach außen bewegt. Oder umgekehrt?

Am Anfang die Leere. Bald schon sind da gelb, rot und blau. Dazu schwarz und weiß. Mehr braucht es nicht zum Leben. Das Alphabet jeglichen Malens.

Während ich ein paar erste Flächen, von außen nach innen arbeitend, male, wächst mein Respekt vor Kunstschaffenden. Wie viel Geduld und Knowhow es nur schon braucht, eine Fläche deckend und ohne sichtbare Pinselstriche zu malen! Die einen Farbfelder bedürfen einer zweiten Farbschicht, andere Flächen gelingen mir auf Anhieb. Eine meditative Stille macht sich in mir breit. Ich lasse mir Zeit. Ich werde ruhig und arbeite gemächlich vor mich hin. Abend für Abend. Seit Wochen schon. Immer wieder muss ich unterbrechen um all die anderen offenbar wichtigeren Dinge des Lebens zu tun. Arbeiten und so. Doch im Grunde ist das Bild zurzeit mein roter Faden.

Stück für Stück, Fläche für Fläche gestalte ich. Male mal hier, mal da, um nach dem Trocknen wieder hier weiterzumalen. Parallelen zu meinem Leben sind nicht zufällig. Auch mein Leben gleicht einem Flickenteppich. Ich reise auf meinem Bild von außen in die Mitte und wieder zurück. Ein Tanz auf der ehemals weißen Fläche. Mein Lebenstanz. Jeder Text, so las ich einst, beinhalte ein Stück Biografie, so verkappt es auch ist. Gilt auch für Bilder, stelle ich fest.

Ich male Sujets auf die grundierten Flächen. Inspiriert von inneren Eindrücken sowie Karten, Bildern oder Fotos improvisiere ich. Wie male, wie schreibe, wie lebe ich lebendig und dreidimensional?, frage ich mich und tüpfle Schatten um stilisierte Risse. Ohne Schatten bleibt alles in der Schwebe, hängt im Raum, fällt hin, wirkt unruhig, flach und blass. Wie ich da so male, begreife ich, dass ich, was immer ich tue – ob nun malend, fotografierend oder schreibend –, immer nur Illusionen erzeuge. Ich täusche das Auge, die Sinne, die Gedanken … Und ich lasse mich bereitwillig täuschen, denn alles ist Fiktion. Ver-rücktes Auge. Ver-rückte Sinne.

Ob wir uns nun eher nach Harmonie und Gleichgewicht sehnen oder nach Spannung und Provokation, was immer wir betrachten, was immer wir lesen, wir rücken es uns zurecht. Wir sehen, was wir sehen wollen. Beim Malen kneife ich oft die Augen zusammen und betrachte das eben Gemalte mit einem leicht verschwommenen Blick um die Überzeugungskraft der eben erzeugten Illusion zu testen.

Fertig? Wann ist das Bild fertig? Wann ist das Leben fertig? Jetzt, wo ich endlich alle Flächen bemalt habe, nichts Weißes mehr sichtbar ist, dass ich nicht selbst weiß gemalt habe, jetzt könnte ich aufhören. Ein bisschen wie sterben. Oder soll ich die restlichen grundierten Flächen bemalen?

Tipps und Erfahrungen gelten zwar, doch die letzte Entscheidung liegt bei mir.

Ein Wort zur guten Nacht

Verblogge schlimme Storys, rät mir Irgendlink, nachdem ich ihm eine heute gemachte, ziemlich miese Erfahrung mit einem aggressiven alten Herrn geschildert habe. Das ist auch eine Form der Gewalt und des sich Abreagierens. Eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form, meint mein weiser Freund, es ist gar das Seelenheil der Kreativen. Ein Satz, der gerahmt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen gehört.

Später frage ich mich, während ich, noch immer fiebrig, Fotos bearbeite, ob wir, deren Herz so und nicht anders schlägt, nicht einfach immer und überall die KünstlerInnen sind, die wir sind. Selbst dann, wenn wir uns mit Alltäglichem abmühen. Womit wir wieder beim Seelenheil der Kreativen wären. Und die Erde dreht sich doch. Und mein Herz schlägt einen anderen Takt als das Herz eines Managers. Und auch anders, als jenes einer Geschäftsfrau. Einfach anders, ganz wertfrei gesagt. Und das ist gut so. Es lebe die Biodiversität …

Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

ziemlich farbig

Noch bin ich nicht ganz in meinem Berner Alltag gelandet. Noch klingen die vielen Begegnungen vom Wochenende nach …

Zum einen war da das zweite Wochenende der Ausstellung von Irgendlinks Zwb-Andorra-Reisen aus den Jahren 2000 und 2010. Zeitgleich fand eine ColArt-Malaktion von und mit dem Begründer MK statt … Gleichsam ein Puzzlestück auf dem Weg der Renaissance dieser vergessenen Kunstrichtung.

Viele Gespräche mit Bekannten und Unbekannten in Irgendlinks großem Atelier. Da und dort werden Weisheiten ausgetauscht, wie die Welt, die Kunst, das Leben auch noch betrachtet werden kann. Die Kunstmalerin MB meinte:
„Auf der einen Seite gibt es da ein paar Dinge, die ich sehr gut kann*. Und auf die bin ich irgendwie stolz … Doch hochmütig kann ich dabei nicht werden, denn mir fallen immer rechtzeitig jene Dinge ein, die ich nicht gut kann. So bleibe ich auf dem Boden. Wenn ich jedoch etwas tue, was mir nicht so liegt, erinnere ich mich an jene Dinge, dich ich gut kann. Auch so bleibe ich auf dem Boden.“

Wie da die Gespräche zwischen Kunstschaffenden hin und her fließen, fasziniert es mich von Neuem, wie wir Menschen ticken. Alle buhlen wir. Alle stellen wir uns selbst dar. Alle sind wir die Weber und Künstlerinnen unserer eigenen Lebensfäden und versuchen, das bis hierher Erlebte, Erfahrene, Erlittene, Erreichte zu schönen, aufzuwerten, zu nutzen und auf unseren Wert hinzuweisen. Verblüffend, wie ähnlich wir uns alle da sind. Ob bekannt oder NoName – wir alle tun es!

Und wir alle sind nur ein kleines Stück im Ganzen. Ein bunter Fleck auf der Leinwand, die Welt heißt. Wir alle tragen durch unseren Beitrag ein bisschen zum großen Bild bei. Ein Bild, von dem wir noch keine Ahnung haben, wie es aussehen wird, wenn es vollendet sein wird.

Das ColArt-Bild vom Sonntag:

Am Abend – nach zwei satten Ausstellungs- und Aktionstagen – besuchen MK, J. und ich einen Künstler in dessen Werkstatt. Wo nebenbei dieses Bild hier entsteht …

Irgendlink betrachtet die Welt durch die Brille eines Außerirdischen … Was er dabei erkannt hat, hat er niemandem verraten.

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*Anmerkung der Blogschreiberin: Malen, Dichten und Unterrichten zum Beispiel …

brennend

Wie ich gestern Nacht so im Bett liege, an einem getragenen T-Shirt, das ich J. abgeschwatzt habe, schnüffle und mir „nur noch dreimal schlafen“ zuraune – wie wir es bei Kindern tun –, begreife ich, dass ich die älteste, häufigste, herrlichste, traurigste, brennendste, dominanteste Emotion erlebe, zu der wir Menschen fähig sind. Eine Emotion, die mich mit allen Menschen auf dieser Erde verbindet. Die paar wenigen Erleuchteten auf dieser Erde vielleicht ausgenommen.

Nein, keine Emotion hat die menschliche Welt wohl mehr geprägt als die Sehnsucht. Die Welt der Kunst – was wäre sie ohne die Sehnsucht eines Da Vinci, eines Goethe, eines Mozart nach dem vollkommenen Abbild jenes inneren Feuers? Auch die Welt der Wirtschaft – was wäre sie ohne Sehnsucht der Menschheit nach Bequemlichkeit, nach Reichtum, nach Entwicklung und Erkenntnissen? Und was wäre die Welt, was wäre das Leben, deins und meins –  ja, und deins und deins auch – ohne unsern täglichen Traum von „besser, schöner, freier“?

Suchende sehnen sich.

Ich zum Beispiel ersehne mir zuweilen die Freiheit von Wünschen und Sehnsüchten. Und davon, nicht mehr länger bedürftig zu sein. Und keine Sorgen mehr zu haben, ganz besonders keine finanziellen mehr. Sehnsucht nach Zeit ist auch nicht unwesentlich in meinem Leben.

(Notiz an mich:
All die gestillten Sehnsüchte
was ist mit ihnen? Gebären sie nicht ständig neues Sehnen?)

Schnitt.

Sehnsucht macht sich an Erinnerungen fest. Und an Hoffnungen. Und sie ist radikal, denn sie ist zwar niemals gegenwärtig, doch meint sie immer das Jetzt. Sie zielt auf das erwünschte Ding hin, auf jenes, das einst war oder irgendwann sein wird, auf jenes große Jetzt, auf die Erfüllung des Seins im Augenblick. Ob Mondlandung oder Orgasmus ist dabei einerlei. Es geht um das Glück jenes Augenblicks, das wir ersehnen. Jenes Augenblicks, der in Vergangenheit und Zukunft reicht und alles aufsaugt, was je war und je sein wird. Für einen Augenblick zumindest. Und für die Ewigkeit.

Es riecht so gut nach J., das T-Shirt. Ich schnüffle noch ein wenig, bevor ich tief und fest einschlafe.

Was gut tut. I

Eigentlich gar nicht so viel. Nur immer wieder eine gehörige Portion Natur, angereichert mit guter Luft. Doch das braucht es, mein Herz, um sich zu regenerieren, das physische ebenso wie das unsichtbare. Und meine Seele braucht eine schöne Perspektive. Mein Körper liebt es, sich zu bewegen. Wie gesagt, viel braucht es nicht und Wanderwege gibt es fast überall. Neue oder vertraute – je nach Stimmung. Heute hat es mich ins Berner Oberland gezogen. Nach Heiligenschwendi . Eine Wanderung, die ich oft gemacht habe, als ich noch in St.burg wohnte. Ein vertrauter Weg, eine Art „Heimstrecke“ gar. Eine Gegend, die mich dennoch mit ihrer Schönheit immer wieder neu betört …

Weil mein iFöun mir einen Geocache verspricht, halte ich beim Gupf an, wo ich ab und zu, besonders wenn es neblig ist, gern hochsteige, um die Aussicht zu genießen. Den Cache hole ich auf dem Rückweg. Zuerst will ich einfach nur Weitsicht. Irgendwo in der Nähe, als hätte ich es bestellt, erklingt ein Alphorn und erfüllt die Welt um mich mit melancholischer, süsser Sehnsucht, mit sentiments nach Heimat, Geborgenheit, Kindheit. Hehre Gefühle. Obwohl ich mit traditioneller Volksmusik nicht viel am Hut habe, heimelt es mir hier und jetzt ob diesen Klängen. Dazu die wunderbare Sicht auf Niesen und Stockhorn, auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Geruch vom Emd auf den Matten. Medizin für mein Herz. Dennoch tut so viel Schönheit bisweilen fast weh.

Später, in der Nähe der Höhenklinik, ziehe ich meine norwegischen Wanderschuhe an und begebe mich auf eine der ausgeschilderten Rundwanderungen. Dann der Stein im Schuh. Ärgerlich. Entweder muss so ein Teilchen integriert werden, wenn es denn geht, will heißen es so zu platzieren, dass es nicht mehr wehtut, oder aber – und das tue ich nach einem halben Kilometer mit erfolglosen Versuchen – das Ding muss raus. Wenn doch alle Probleme so einfach zu lösen wären …

Die Großen und die Kleinen

Wenn die Kleinen nicht wären, die Großen wären nicht halb so groß. Auch könnten sie kaum so tun, wie sie tun. Die Großen – mein Synonym für alle möglichen. Mein Synonym für all die Scheffs, Politikerinnen und Stars, die sagen, was angesagt ist und wo es lang geht … Sie sind nur so viel und nur so groß, weil andere ihnen den Rücken stärken und freihalten.

Ja, und dann gibt es auch jene, die groß sind, aber nicht groß tun. Die alles selbst machen oder jedenfalls machen könnten und die den Kontakt zur Basis und zu sich selbst nicht verloren haben. Die wahren Künstlerinnen und Künstler. Denn Größe ist eine Sache des Herzens, nicht der Inszenierung seiner selbst. Im Großen das Kleine, das Detail, sehen und dieses für sich selbst und für andere sichtbar machen. Eine Kunst, die ich sehr schätze. Oder im Kleinen die Größe und Schönheit erkennen und darstellen. Auch das eine kostbare Gabe, die ich mag. Aber, ooops, ich schweife ab …

Die Kleinen und die Großen – darum soll es in diesem Gespinst hier ja gehen …

Da ist dieser Mann. Er trägt das Haar lang und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wann immer ich bei Soundchecks von Patent Ochsner dabei bin – immerhin schon ziemlich oft – taucht er auf. Kann gut sein, dass ich ihn auch schon bei anderen Bands gesehen habe, an Openairs. Mit großer Virtuosität und Intensität geht er von Instrument zu Instrument, von Bandmitglied zu Bandmitglied und checkt die Sounds. Alle gehorchen ihm. Alle vertrauen ihm blind. Alle tun, was er sagt, blasen leise oder laut, zupfen an Saiten und hämmern auf Tasten, lassen die Bässe klingen und die Drums. Bis alles passt. Der Mann mit dem Pferdeschwanz macht das Konzert erst zu dem, was es ist. Auch er ein Künstler. Ein wahrer, ein großer Künstler. Wie all die vielen anderen Alltagsheldinnen und –helden, die dafür sorgen, dass das Welttheater weiterläuft. Wie jene, die das Klo putzen, zum Beispiel, und dabei pfeifen.