Ausgleich

An jedem Monatsersten zähle ich das Geld in unserer Kasse, vermerke feinsäuberlich alle Ausgaben im Kassenbuch, alle Ein- und Ausgänge im Postkonto-Buch und stelle eine abschließende Kostenrechnung für den vergangenen Monat auf. Ertrag. Aufwand. Alles feinsäuberlich nach zig Konten und sieben Kostenstellen getrennt. Alles feinsäuberlich gezählt und feinsäuberlich geordnet. Und es geht immer auf. Ehrlich! Immer! Darum liebe ich Buchhaltung ja so: sie ist vorhersehbar. 🙂

Außer gestern. So kurz vor dem freien Nachmittag hätte ich gerne gesehen, wie meine kleine doppelte Buchhaltung – einer Schalenwaage  gleich – in der Mitte stehen bleibt, aufgeht. Wie immer. Für einmal blieb mir dieses Glück verwehrt und ein hartnäckiges Minus von hundertzweiundneunzig Franken ließ meine Waagschalen heftig wanken. Es tauchte seltsamerweise sowohl bei der Soll-Haben-Aufstellung als auch in der Kasse auf.

Heute Vormittag zählte ich also erneut das Geld in der Kasse. Ein drittes, ein viertes Mal. Und ich überprüfte die Eingänge, die Ausgänge, die Richtigkeit aller Belege. Rechnete alles mit dem Taschenrechner nach, weil ich Excel misstraute. Ich überprüfte alle automatischen Formeln und überlegte, ob wohl Merkur rückläufig durch die Himmel kurve, aus purer Langeweile, um mich zu narren. Tut er aber beides nicht. Schließlich zweifelte ich ein klein bisschen an meinem Verstand, dann fragte ich bei allen Kolleginnen nach, ob sie mir wirklich alle Belege abgegeben hätten. Ja, sagten alle und überschütteten mich mit Tipps. Und ich suchte, forschte, grübelte, überlegte weiter und weiter …

Irgendwann kam ich auf die Idee, mir die Konsolidierung des letzten Monats anzuschauen. Auf einmal die Erkenntnis: Bei der Eröffnung des neuen Kassenbuches hatte ich – wie immer – das alte File von letztem Jahr geleert und überschrieben. Geleert? Eben nicht! Die eine, die alles entscheidende, die allererste Zahl, die erste Einlage hatte ich eben genau nicht gelöscht. Ich hatte gestern nicht die letzte Zahl vom letzten Tag des alten Jahres eingetragen, sondern den Übertrag vom vorherigen Jahr stehen lassen. Aus unerfindlichen Gründen. Und so ging ich beim aktuellen Monatsabschluss von einem falschen Guthaben aus. Dem alten statt dem neuen. Zufällig lag jenes hundertzweiundneunzig Franken höher als das vom ersten Januar dieses Jahres.

Eine falsche Annahme, eine falsche Voraussetzung, eine falsche Basis … und alles verschiebt sich. Alles wird falsch und lässt uns falsche Schlüsse ziehen.

Nachdem ich allen meinen Fauxpas gebeichtet hatte und wir uns über das Fehler-machen-dürfen ausgelassen hatten, meinte mein Scheff: Das wird dir fehlen! Du wirst das Detektivin-spielen-dürfen vermissen, wenn du nicht mehr hier bist. Diese alltäglichen Thrills, Recherchen und Feuerlöscheinsätze …

Du wirst uns vermissen! Nein, genau das sagte er nicht, obwohl er genau das meinte. Und als ich ihm später beibrachte, wie sich ein farbig geschriebener Text schwarz färben lässt, meinte er, er wäre ohne mich längst untergegangen. Was ich ihm in eben diesem Moment irgendwie glaubte und mich ernsthaft fragte, wie es jemand so weit bringen kann, ohne zu wissen, wie sich ein Text umfärben lässt*. Vermutlich nur eine weitere falsche Annahme …

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*Zur Ehrrettung meines Scheffs muss angemerkt werden, dass er normalerweise Texte umfärben kann. Nur heute nicht. Blackout. Kann vorkommen. Falsche Annahme seinerseits, dass er das Icon für Feldfärben statt jenes für Schriftfärben angeklickt hat. Doch über seine weiteren IT-technischen Kenntnisse schweige ich mich hier besser aus.

Erfahrung ist alles

Erfahrung ist alles! Letzten Donnerstag war es, bevor ich in die Pfalz fuhr. Ich tankte gerade, als ich mich auf einmal an mein allererstes Tankerlebnis, meine erste Tankerfahrung – meine Unerfahrung quasi – erinnerte. Wie ich damals den Benzindeckel, den zuletzt mein damaliger Partner festgeschraubt hatte, kaum hatte aufschrauben können. Wie peinlich mir das gewesen war. Und wie unsicher ich mich gefühlt hatte.

Erleben wir etwas zum ersten Mal, signalisiert unser Körper erhöhte Aufmerksamkeit. Er ist alarmbereit und schüttet das eine oder andere Hormon aus, die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren. Das Herz klopft kräftiger, der Atem geht stockender oder schneller. Unsicherheit – ob aus Vorfreude oder aus Angst – weckt alle unsere Sinne, macht uns neugierig, macht uns klar. Wir sehen Dinge, denen gegenüber andere längst blind sind, und übersehen Dinge, die im Moment nicht wichtig sind, nicht überlebenswichtig. Kurz: Neues versetzt uns in einen Ausnahmezustand. Novitätssucht – bestimmt längst erforscht … muss ich mal googlen. Erleben wir etwas bereits zum zweiten Mal, gehen wir bereits mutiger voran und beim dritten Mal kommt schon ein bisschen Routine auf. Sicherheit. Erfahrung. Coolness. Wir schauen nicht mehr genau hin. Die vierte Zigarette zündete ich bereits so routiniert an, dass es von außen aussehen musste, als hätte ich schon immer geraucht. Dachte ich als Sechszehnjährige.

Die Erfahrung, wie sich ein Bankomat bedienen lässt, ein Busticketautomat, ein Zahlenschloss, ein Wasserkocher, ein Fahrrad … sie hilft uns, zu leben, uns sicher zu fühlen. Die den Dingen innewohnende Logik erfahren wir, indem wir ausprobieren. Nur so können wir Erfahrung sammeln: Wir brauchen Raum. Und den Mut, etwas noch nicht können und darum ausprobieren zu dürfen. Damit wir irgendwann all das, was wir da und dort wissen, können und erkennen sollten, auch wirklich zu wissen, zu können und zu erkennen vermögen. Und weil lernen spannend ist und Freude macht.

Erfahrung ist alles. Die Basis auch, Neues zu lernen, denn weil ich aus Erfahrung weiß, wie ich Neues anpacken kann, kann ich mich immer wieder mutig auf Neues einlassen. Erfahrung frisst Angst.

Und Erfahrung kann abstumpfen („Ich habe eh schon alles gesehen!“). Erfahrung kann aber auch beleben („Wie schön, was es da noch alles zu entdecken gibt!“). Freund M. sagte mal, er lebe, um Erfahrungen zu sammeln, unter anderem.

Nein, ein Synonym für Weisheit ist Erfahrung dennoch nicht, obwohl Windows zu beiden Wörtern das Wort Erkenntnis als Synonym vorschlägt. Als gemeinsamer Nenner quasi.

Also ist wohl Erkenntnis alles. Fast alles. Ein bisschen. Wenig? Viel? Vielleicht immer genug.

Königin für einen Tag?

King For A Day? Bobby Conn lässt grüßen.

Heute Vormittag fuhr ich mit der hehren Absicht ins Büro, in der Pause kurz in die nahe Bäckerei zu radeln und einen Dreikönigskuchen für unser heutiges kleines Büroteam zu holen. Kaum angelangt, offenbart unser aller Scheff uns, dass er in der Pause in die Bäckerei gehe um einen Kuchen zu holen. Soll er doch, denke ich, so habe ich mehr Zeit zum … Na, ihr wisst schon. Adressen updaten. Muss ja auch mal sein.

Später schließlich Pause. Kollegin A., die letztes Jahr Königin war, weil sie sich zielsicher auf das von mir angepeilte Stück, in dem ich den König wusste, ahnte, dachte, gestürzt hatte, ließ uns andern heute den Vortritt.

Bildquelle: http://gesalzen-gepfeffert.ch/schweiz_02.html

Kollegin M., die keinerlei Ambitionen hatte, erwischte prompt ein königloses Stück. Ich liebäugelte mit einem Stück auf der mir abgewandten Seite. Ja, da ist bestimmt der König drin! Bestimmt. Ich wusste es. Wie letztes Jahr.

Und, was tue ich? Ich nehme ein anderes Stück. Natürlich. Nach mir nimmt der Scheff das Mittelstück, verzichtet so zwar auf den potentiellen König, aber bekommt dafür am meisten Kuchen ab. Und was tut Kollegin A.? Ja, sie nimmt „mein“ verschmähtes Stück. Und wird wieder Königin.

Was sagt das über mich aus?, kritzle ich nach der Pause schnell auf ein Post-it, bevor ich weiter Adressen update. Wissen, wo der König ist, ihn aber nicht nehmen.

Für eine Antwort hat es nicht gereicht. Antworten und kluge Gedanken verdunsten eh alle im Laufe des Tages. Werden von den Wellen des Tages hinweg gespült und gehen zu Grunde. Da liegen sie dann und gammeln vor sich hin. Die einen werden womöglich zu Perlen und geraten vielleicht sogar eines Tages in die Hände einer Schatzsucherin.

Mag sein, dass ich auch schon Perlen anderer ans Licht geholt und sichtbar gemacht habe.

Alles nur Recycling …

relativ

Wow, so groß, sagt Kollegin J. über meine Wohnung, die sie zwecks allfälliger Mietübernahme anschaut. Sie wohnt mit ihrem Freund in einer winzigen Einzimmerwohnung in der Länggasse. Ohne Backofen, ohne Balkon. Und dennoch so reich wie Hans im Glück.

Ich weiß nicht recht, sagt sie, vielleicht ist sie mir doch zu groß?, sagt sie, während sie sich umschaut. Ich könnte mich glatt verirren. Wie sollte ich sie ausfüllen?

Schnitt.

Letzter Samstagabend. Das letzte Tram hat mich unweit meiner Wohnung ausgespuckt. Seit wir Tram im Quartier haben, sind wir AußerholligerInnen richtig mondän geworden und können ohne Umsteigen bis Saali und Ostring fahren. Ungefähr da war ich an jenem Abend. Bei A. und M., die im Murifeld eine wunderbare große Altwohnung bewohnen. Ich meine: wirklich groß. Groß und sehr sparsam möbliert. Zum Verirren. Ich meine: wirklich zum Verirren. Wo ist gleich das Klo und wie komme ich danach wieder ins Wohnzimmer zurück? Großer Flur, hohe Decken, Stuck.

Ausgespuckt vom Tram nun die Treppe hoch. Die Wohnung aufgeschlossen. Wie klein sie ist. Wie behaglich und gemütlich, wie vertraut. Mein Kokon, aus dem ich bald schlüpfen werde. Die Flügel aufklappen. Weiterfliegen.

Wie wird Mensch Mensch?

Human. Ein Wort mit Synonymen wie warm- oder barmherzig, mitfühlend, gutherzig, gütig. Außerdem freundlich und gut. Und, wen wundert‘s?,  menschlich. Nein, eine philosophische Abhandlung will ich nicht liefern, nur ein paar Sofasophien …

Vor paar Tagen war Freundin C. bei mir. Little-F. natürlich mit dabei. Schon beinahe sechszehn Monate alt ist der kleine Kerl inzwischen. Und neugierig. Kindliche Neugier ist etwas vom schönsten und etwas vom anstrengendsten. Wir mögen uns, Little-F. und ich. C. meinte, dass er längst nicht bei allen so viel lache und Kapriolen und Grimassen mache. Welche Ehre!, sage ich und verneige mich vor dem kleinen Mann. Wir lachen. C. und ich überlegen, wie ein Kind wohl neue Wörter lernt. Fragen uns, wie Wörter verknüpft und gefüllt werden, die zwar ja gesellschaftlich definierte Inhalte haben, von uns allen jedoch oft recht unterschiedlich eingefärbt sind. Wörter lernen ist eins, sie verstehen ein anderes. Ein Wort ist wie ein Weg, denke ich. Je öfter ich ihn gehe, desto vertrauter wird er mir. Irgendwann kenne ich seine Kurven. Er lenkt mich und gibt mir seine Form vor, damit ich ihn nutzen kann.

Ich nicke übertrieben heftig mit dem Kopf und sage dazu Ja, ja zu Finn. Der Kleine nickt mit und grinst. Ich schüttle den Kopf und sage Nein, nein. Er schüttelt ebenfalls den Kopf. Später will er mein iPhone schnappen und ich sage nein, worauf er den Kopf schüttelt und grinst. Doch das iPhone schnappt er sich dennoch. Die Körpersprache hat er zwar gelernt, doch was das Wort heißt, will er nicht verstehen. Obwohl … ich bin sicher dass er es kennt. Denn das erste Wort, das wir Menschen lernen – und zugleich, wie ich vor einiger Zeit gelesen habe, auch das erste Wort, dass wir bald wieder verlernen müssen, weil wir sonst nicht überleben könnten – heißt nein.

Ja sagen ist einfacher. Es öffnet Türen.

Human werden, Mensch werden. Kommt ein Kind empathiefähig zur Welt oder gestalten sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens? Eine Frage, über die es haufenweise Theorien gibt. Ich habe zwar meine, doch das lassen wir.

Vorhin im Wald: Vor mir eine Mutter mit zwei Kindern. Sie zieht den Holzschlitten mit beiden Kids drauf. Das Mädchen, kleiner, vielleicht dreijährig, purzelt rückwärts. Nicht schlimm. Es steht auf. Der Junge, etwas fünf oder sechs Jahre alt, will nun den Schlitten ziehen. Eine Weile macht er es richtig gut. Dann wird er übermütig, was ich ihm nicht verargen kann. Er zieht seine Schwester im Slalom. Eine Weile sind beide glücklich. Dann wird er grob, er macht eckige, grobe Kurven und erwürgt seine Schwester beinahe mit dem Seil, der Schlitten kippt seitlich um, das Mädchen liegt im Schnee. Nein, es weint nicht, will sich keine Blöße geben. Der Bub grinst hämisch, ein bisschen böse. Die Mutter sagt nur scharf nein und schaut den Jungen direkt an. Er wendet beschämt seinen Blick ab und hilft seiner Schwester wieder auf die Beine. Ob aus Angst oder Einsicht ist nicht auszumachen.

An dieser Stelle habe ich die Familie überholt. Grenzen, denke ich beim Weitergehen, Kinder brauchen Grenzen. Wir brauchen Grenzen.  Mensch können wir nur werden im begrenzten Raum. Grenzenlosigkeit erzeugt egoistische Selbstüberschätzung.

Erst wenn wir Grenzen haben und dazu Kenntnis, Weisheit, Erfahrung und Werkzeug, können wir sie auftun.

Nachlese II

„Könnten Sie mir trotzdem die Namen Ihrer engsten Freunde geben. (…) Mit denen Sie und Ihr Mann Umgang pflegten.“

Sie schaute zu Boden. Aha, dachte Münster. Da liegt also der Hase begraben. So ist das.

Das Peinlichste, was es gibt, hatte er einmal gelesen, das ist, keine Freunde zu haben. Einsam zu sein. Man darf ungestraft bescheuert, rassistisch, sadistisch, übergewichtig und dreckig wie eine Sau sein, praktizierender Pädophiler … aber man muss Freunde haben.

aus: Hakan Nesser, Münsters Fall, btb 73793, Seite 119,

Wie man es auch drehte und wendete, das Leben war nun mal nicht mehr als die Summe all dieser Tage, und manchmal kam man natürlich an einen Punkt, an dem man sich mehr für das interessierte, was gewesen war, als für das, was noch zu erwarten war.

ebenda, S. 157

FreundInnen und eine schöne Aussicht – das sind Fäden aus denen das Gewand der Lebensfreude gestrickt ist. Und Lebensfreude – bitte unterschätzt sie nicht! –  ist es, was wir brauchen, um am Morgen aus dem Bett zu kommen. Sie ist es, die uns munter macht, uns antreibt, uns inspiriert. Fehlt sie, gehen wir im Kreis. Oder wir gehen im Kreis, bis sie fehlt.

Leben ist immer nur Gegenwart. Weg. Spirale. Kurve. Kreuzung. Sitzbank. Aussichtspunkt. Tiefpunkt auch.

Mein ganz persönlicher Weg, mein Camino – analog dem Jakobsweg, den J. zurzeit pilgert – führt zu ganz ähnlichen Erkenntnissen, wie sie mein Liebster unterwegs täglich findet: Auch ich will jetzt leben, gegenwärtig. Zu oft habe ich mich in meinem Leben auf später vertröstet: Wenn ich endlich mal, dann werde ich …

Gegenwärtig sein heißt auch, den Sorgen nicht mehr Gewicht geben als nötig. Den zeitlichen und energetischen Aufwand zur Lösung der Alltagsprobleme so klein wie möglich und so groß wie nötig halten.

Damit wir, wie Münster es sich im zitierten Buch ersehnt, eben Zeit zum Leben haben. Denn das ist es letztlich, was zählt.

überschneiden

Nimm den Kreis. Deinen. Meinen. Nenn ihn Leben. Deins. Meins. Das der anderen. Du kannst auch eine Zahl nehmen, eine beliebige. Für dich eine. Für mich und all die anderen eine andere.

Beim Kreis wären es Schnittflächen, bei den Zahlen die gemeinsamen Vielfachen oder nein, besser, die gemeinsamen Teiler. So groß oder so klein ist unsere Übereinstimmung. Die Melodie, wie ich neulich erzählt habe, ist ebenfalls ein guter Indikator. Eher jener für Seelenverwandtschaft allerdings. Singt jemand ähnliche Lieder wie du, klopft sein Herz vermutlich im ähnlichen Takt wie deins.

Das Bild mit dem Kreis oder der Zahl nun greift weiter. Es geht davon aus, dass ich mit allen Menschen irgendwo übereinstimme. Und sei die Gemeinsamkeit auch noch so klein. Vielleicht berühren sich nur unsere Linien. Und vielleicht ist das kleinste gemeinsame Vielfache ein unvorstellbar ferne Zahl. Und der gemeinsame Teiler ebenfalls. Doch es gibt sie, diese Übereinstimmung. Mit dem randalierenden Typen in der Kneipe um die Ecke ebenso wie mit der süße Weihnachtslieder summenden Dame vom Nachbarhaus.

Und jetzt, weil doch Gedankenspiele so beleben, nimm noch Farben dazu. Bunte Fäden, farbige Schnüre. Für dich vielleicht rot, für alle deine Mitmenschen je eine andere Farbe. Und damit es noch bunter wird auch gleich für all die Unbekannten, die irgendwo deinen Weg kreuzen. Und nun – nun stell dir vor, wie jeder seinen und jede ihren Faden hinter sich herzieht.

Siehst du es, siehst du das Bild vor dir? Die Kreise. Die Zahlen. Die Fäden. Ein einziges buntes Gewebe. Irgendwie irgendwo irgendwann alle mit allen vernetzt.

Dissonanzen auch

Über das Lied wäre zu schreiben. Über mein Lied. Und dass jedes Wegstück, jedes Unterwegssein, ja Leben, im Grunde Suchen ist, ein Suchen nach meiner Melodie und nach dem Text meines Liedes. Wandernd geht es darum, meinen Rhythmus zu finden, meinen Takt. Ablenkungen ausblenden und einfach meinen Weg gehen. Suchen. Finden.

Doch gehe ich zu nahe bei andern Menschen, vor allem neben lauten, verliere ich mein Lied aus dem Sinn, weil es vom Lärm um mich her übertönt wird. Gehe ich jedoch neben Lieblingsmenschen, kann ich mein Lied trotz ihrer Melodien hören und mit summen. Hin und wieder muss ich aber, selbst wenn die liebsten Menschen neben wir gehen, Abstand nehmen, um mein Lied ein bisschen besser hören zu können. Ich will es zuweilen ohne Ablenkung hören. Es soll sich jetzt nicht mit den Liedern der andern vermischen. Alles zu seiner Zeit.

Bin ich allein, verinnerliche ich meine Melodie, damit ich sie, wenn ich mit anderen zusammen bin, nicht allzu schnell wieder verliere. Was leider immer noch hin und wieder geschieht. Wie schön, dass die Lieder meiner Lieblingsmenschen irgendwie ähnlich klingen wie meins. Unsere Lieder haben ähnliche Rhythmen, ähnliche Harmonien, Synkopen, Schräglagen, Dissonanzen. Gehen wir nebeneinander, verschmelzen die einzelnen Lieder zu einem gemeinsamen Lied. Daran lässt sich womöglich Freundschaft erkennen.

Doch letztlich, ja letztlich, ist jeder und ist jede ein Solist oder eine Solistin. Denn letztlich zählt nur das eigene Lied. Egoistisch? Nein, denn wer kann mein Lied singen, wenn nicht ich?

Wenn nicht hier, wo dann?

Kurz nach eins verlasse ich mein Büro. Wochenende. Für einmal wartet kein Fahrrad auf mich. Heute Morgen bin ich mit dem knallvollen Bus zur Hauptpost beim Bahnhof und zum dortigen Postfach gefahren, danach von dort mit dem zum Glück fast leeren Bus zurück ins Quartier. Das kommt pro Jahr höchstens ein bis zwei Mal vor und zwar einzig des Schnees wegen. Sogar ich begreife zuweilen, das bei Schnee Radfahren gefährlich ist. Zu schmal ist der Platz zwischen Autos, Tramschienen und Bordsteinkante. Gestern hat es den ganzen Tag geschneit. Fast ein halber Meter Schnee, der heute stündlich schmilzt.

Heute also, auf dem Heimweg, zu Fuß, da es ja nur 2 km sind, denke ich ans Pilgern und „meinen“ Pilger Irgendlink. Und wie gut mir das Gehen tut und dass ich mich, seit ich erkältet bin, zu wenig bewege. Immer noch muss ich heftig husten. Das Gehen auf der Allee tut gut. Ich halte inne, mache Bilder. Denke, dass ich eigentlich ständig etwas verpasse, wenn ich schneller als zu Fuß unterwegs bin. Nur schon mit dem Rad verpasse ich viele Eindrücke. Vor allem aber verpasse ich die Langsamkeit.

Ich denke mir mich in zig Variationen. Jede meiner Parallelwesen erlebt eine andere der vielen Möglichkeiten, die ich jeden Tag – was sage ich da? jede Stunde! – habe. Jede Möglichkeit ist ein Link zu einer andern Möglichkeit, zu einer anderen Welt.

Jedes meiner Parallelwesen wäre durch die jeweiligen Erfahrungen ein bisschen anders, ein bisschen anders weise, ein bisschen anders naiv, ein bisschen anders frech oder schüchtern oder traurig. Irgendwo und irgendwann, vielleicht auf der Ebene der Träume, fände eine tägliche, eine nächtliche, eine regelmäßige Synchronisation statt, ein Wissensaustausch, ein Transfer. Vielleicht sogar nicht nur mit all meinen eigenen Parallelwesen, vielleicht mit allem was lebt. Ein regelmäßiges Eintauchen in das kollektive Bewusstsein vielleicht. In die Weltenseele. In die Göttin-in-mir. In das Große Nichts.

So denke ich, während ich nach Hause spaziere und ein paar Bilder mitnehme.

Jetzt. Winkewinke, Frau Freihändig …

Und du, du oder du: was träumst du, wenn du gehst?

Mein Monster und ich

The Dark

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I don’t think I will manage to get out of this dark.

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Mein Monster hat viele Namen. Meistens nenne ich es Dark. Selbst nennt es sich am liebsten Dark Mirror.

Jenes von Kuno Lauener, Züri Wests Frontmann, wohnt ganz zuoberst im Dachstock in der winzigsten Kammer in seinem Schädel. Meins hält sich am liebsten irgendwo in meinen Landschaften zwischen Herz, Bauch und Kopf auf. Dort spaziert es umher wie ein guter alter Hauswart und sucht nach Schwachstellen. Mit einem Schraubschlüssel klopft es an den Leitungen. Wo ist etwas verstopft? Wo braucht es Reparaturen? Wo sind die lockeren Schrauben?

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne. Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen. Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne. Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe. Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse. Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst. Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich weder mit Samthandschuhen an noch schont es mich vor unbequemen Erkenntnissen. Es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Es weiß nicht nur besser, was ich brauche, es weiß vielleicht sogar besser als ich, wie ich überhaupt ticke, denn mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange.

Das erste Mal wahrgenommen habe ich es wohl, wo ich die zwischenmenschlichen Games zu durchschauen begann. Wo ich begriff, was ich sagen müsste um dazuzugehören. Mein Monster ist Gewissen und ist Mentalcoach in Personalunion.

Wer war zuerst da?, fragte es mich heute Morgen stinkfrech, nachdem es mich bereits um vier Uhr früh geweckt hatte. Du oder ich?

Dass ich danach nicht mehr schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise ging es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündete es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellte eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier wachzuliegen und W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews.

Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich selbst, Stunden später im Büro. Kann vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archive abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben dem Schredder und verwandle Bewerbungskopien, die nicht mehr gebraucht werden, weil wir meine Nachfolgerin heute bestimmt haben. Wunderbare Verwandlung von Papier in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich, die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte bloß diese Maschine sich nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.

Mein Monster und mein Schredder sollten sich echt mal zusammensetzen …