sowohlalsauch

Da war neulich dieses spannende Gespräch. Um das Bedürfnis, sich mit seiner Kunst selbst darzustellen und Spuren zu hinterlassen versus das Bedürfnis, andere mit unseren Kreationen gut zu tun und zu berühren, ging es dabei. Nein, nicht versus natürlich. Immer alles. Immer beides.

Ist es purer Maul- und Seelendünnpfiff, dass jede und jeder über sich selbst redet und schreibt oder sich sonst wie darstellen will? Oder meinen wir vielleicht etwas in der Art: Hallo, ihr da draußen: Hört ihr mich? Geht es euch auch so, wie ich es hier schreibe (oder darstelle, wahrnehme, fotografiere, singe oder male)? Versteht ihr mich?

Selbstdarstellung ist meist der Beginn eines Dialogs. Neben der sich selbst sichtbar machenden Person ist da ja auch jene Person, die die Darstellung betrachtet, liest, zur Kenntnis oder wie auch immer wahrnimmt. Das DU!*

Wer sich selbst darstellt, macht sich sicht- und angreifbar – ob nun anonym oder nicht. Aus dem initiierten Monolog soll durch Resonanz ein Dialog entstehen, denn was nützt die schönste Selbstdarstellung ohne Publikum? (… ich folgere hier, dass Publikum für Resonanz und Dialog steht!) … Dialog von friedlich bis kontrovers … Wer sich darstellt, signalisiert  Bereitschaft zur Auseinandersetzung.

(Wir) ExhibitionistInnen brauchen VoyeurInnen wie Hühner ihre Eier. Was auch immer zuerst war. Betrachtende sollen rückmelden, dass sie sich in der Darstellung wiedererkennen. Sie sollen dankbar sein, sie sollen applaudieren! WinWin-Symbiose der besten Art**, denn wir alle haben schließlich das Bedürfnis, andere zu bewundern***.

Als Leserin will ich mich im Erlebten und Erzählten eines anderen Menschen, in einer Geschichte, wiedererkennen. Ich will mich bestätigt fühlen. Ich will „Ich bin ja doch irgendwie normal!“ denken oder „Ach so! Andere sind als auch so schräg!“
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*      Einschub: Person kommt von per sonare, was so viel heißt, das etwas in etwas anderem nachklingt, „soniert“ eben.
**   Art = Kunst?!
*** Diesen Aspekt der menschlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten ins Absurde zu führen, überlasse ich dir selber!

Der Weise

Die Leute brauchen jemanden, auf den sie herabschauen können. Sie freuen sich, wenn jemand einfacher gekleidet ist als sie. Und auch, dass jemand einen weniger guten Haarschnitt trägt. Sie lieben es, sich zu vergleichen und dabei zu denken, wie viel toller sie doch ausschauen und wie viel besser sie doch gekleidet sind als jener andere. Einer übernimmt diese Rolle unweigerlich für alle anderen. Ich zum Beispiel, sagte er.

Von Ampeln und anderen Gespenstern

Jedem Tag seinen Genuss erlauben!, denke ich beim Erwachen. Jedem Tag die Möglichkeit geben, sich mir von seiner schönsten Seite zu zeigen. Auch dem Regen. Jetzt sein. Jetzt genießen. Die Dusche zum Beispiel. Meinen Sonnengruß Richtung Regenschauer. Eine Feige knabbern. Saft trinken. Auf dem Rad Musik genießen. Pfeifend den im Regen stehenden Menschen an der Bushaltestelle ein Lächeln schenken. Mich an der Kreuzung übers Rotlicht zu freuen, über diese kleine Pause vor der Weiterfahrt. Nicht an die überübernächste Kreuzung denken. Sie kommt eh. Nicht eher und nicht weniger bald, als wenn ich jetzt schon grüble, ob ich den Weg links oder jenen rechts nehmen soll. Nein, sie kommt nicht. Ich komme. Ich gehe auf sie zu. Vorwärts.

Im Büro endlich mal wieder das Gefühl, nicht nur Feuer zu löschen, sondern Liegengebliebenes und Aktuelles gleichermaßen bearbeiten zu können. Und endlich mal wieder das Gefühl von rechtzeitig statt zu spät etwas tun können. Da schreit Kollegin G. um Hilfe und IT-Superuser Sophia rennt in deren Büro. Alle Mails von G. sind weg und die Leute unserer Hotline nicht erreichbar. Ich muss entscheiden, schließe das Programm, starte neu auf. Hokuspokus und die Mails sind wieder da. Datenverlust – ein Schreckensgespenst der modernen Menschen! Wir sind ihm einmal mehr durch die Maschen gehüpft. Glück gehabt.

Auf dem Heimweg wieder die Kreuzung samt Ampel. Ampeln Plural. Vier. Und alle vier zeigen rot. Ungefährdet radle ich an der Autoschlange vorbei und biege – das rote Verbot missachtend – rechts ab, weil ich zur Post muss. Noch immer rot. Noch immer warten alle Autos. Warten gemeinsam auf grün. Hundert Meter weiter, im Rückspiegel, stehen sie noch immer. Alle. Wie lange noch?

Nicht warten

Leben. Nicht irgendwann. Jetzt. Nicht
im Konjunktiv. Nicht
Morgen. Nicht „wenn –
dann“. Jetzt. Die Später-
Falle sehen und überhüpfen. Wie
einen Gully. Immer ist Gegenwart. Auch
gestern und morgen. Früher war früher
jetzt, später später mal und Zukunfte
sind Plural. Viele Wege. Einen
nur kann ich gehen. Selbst-
bestimmt. Den Richtigen durch
meine Wahl. Alles. Freunde auch.
Arbeitsstellen. Zuhause-Dächer.
Lieblingsmenschen ganz besonders. Ent-
scheidungen sind schwierig, bis sie ge-
troffen sind. Dann gehen. Bis zur
nächsten Kreuzung. Jetzt gehen. Nicht
im Konjunktiv leben.

… leben sie heute noch.

Tja, und da ist sie wieder, Sofasophia. Braungebrannt die Arme und Beine, voller Bilder die Kamera und das Herz übersprudelnd von Erlebnissen. Wie seltsam, nach so vielen Tagen ständig an der frischen Luft, im Zelt oder im Auto nun wieder in (m)einer Wohnung zu sein, an einem Tisch zu sitzen und in die Tasten zu hauen, während der Rechner grad meine Bilder auf eine DVD für Irgendlink rüberschiebt.

So viele Bilder! So viele Geschichten …
Mein Notizbuch ist voller Kritzeleien …

– Die Angst vor einer langen Reise ganz allein im Auto? Sie verfliegt, wenn du den ersten Schritt tust. Die große Strecke in kleine Stücke runterbrechen hilft … Reisen ist leben, wie ich schon früher sagte. Und umgekehrt.

– Die Frauen an den Straßen ringsum Narbonne … Wie leid sie mir tun … Der Wind braust ihnen um die Ohren. In kurzen Röcken bieten sie ihre ungeschützte Körper feil.

– Perpignan-Borredà: die längsten hundert Kilometer Luftlinie, die ich je gefahren bin. Vor allem, weil der Liebste dort wartet!

– Der Dumme und der Weise haben eins gemeinsam: Beide haben aufgehört, nach Antworten zu suchen.

–  Hausbau in den Pyrenäen: Zuerst wird ein mindestens dreistöckiges Gerüst gebaut. Hausbau bei uns: das Gerüst wächst kontinuierlich mit der Höhe des bereits gebauten Hauses. VisionärInnen versus PragmatikerInnen – so verschieden kann gelebt und gebaut und gedacht werden.

–  In Cadaquès campieren wir so teuer wie nirgends. Und dies im größten Katzenklo der Welt. Aber Katzenfüttern können wir doch nicht lassen.

– Warum Lachmöwen Lachmöwen heißen, werde ich nie mehr vergessen. Und dass sie Frühaufsteherinnen sind ebenfalls nicht. Auch nicht, dass sie Abfallbeutel mögen. Oder war es der Tramontana, dieser bissige Nordwestwind? In Argèles-sur-Mer staunte ich jedenfalls nicht schlecht, als morgens sämtliche Abfälle ums Zelt verstreut lagen. Wie wohl unsere Zeltplatznachbarn mit den fliegenden Tampons klargekommen sind?

– Spanien ist das Land der Fülle. Zumindest in Bezug auf Gratisklopapier auf allen Campings (außer natürlich auf jenem von Cadaquès). In Frankreich wird das weiße Zöix schon bald einmal zur begehrten Mangelware!

– Uzès: Was für ein weiteres Bijou! Immer wieder werden wir an die Ufer kleiner Orte gespült, die wir mit den Kameras lustvoll erforschen. Wie viel schöner doch diese Kleinode sind, fernab der Touristenströme. Schöner als die großen Städte. Als da wären Montgo, wo wir im Meer badeten, El Port de la Selva, Portbou, Peyriac-de-Mer, St. Nazaire, Sommières …

– Nicht zu vergessen all die vielen Begegnungen mit Menschen: Der Schotte am Strand, der mich Swiss Gnom nennt und Irgendlink bittet, sein Auto zu knacken. Der Bulgare, der uns Geld abkaufen will und als Pfand seinen falschen Klunker anbietet. Der desillusionierte T-Shirtverkäufer in Uzès, der Homme-Libre-Shirts feilhält … all die Menschen in ihren Aluschutzbunkern auf vier Rädern, die mit uns die Campingplätze bevölkern …

Früher glaubte ich, dass das Leben, wenn mensch jung ist, unglaublich bunt und intensiv ist. Doch damals, so erkenne ich heute, war meine Farbpalette viel bescheidener. Heute, so dünkt es mich, bin ich allmählich in der Lage, mehrschichtig-bunt zu sehen, zu erleben. Auch meine Liebesfähigkeit ist bunter, vielschichtiger geworden. Wie schön. Da darf sich frau doch irgendwie aufs Älterwerden freuen!

ungefähre Reiseroute auf Google Maps

Bilder folgen später mal …

buen viaje

Notizzettel

bloggen …
– dass ich endlich Ferien habe …
– dass ich nach Spanien fahren, dort J. treffen und mit ihm das Meer genießen werde … Insch’allah.
– dass ich heute (allenfalls vielleicht morgen) für ne Weile das letzte Mal blogge …
– dass ich unglaublich schlapp bin …
– dass ich vergessen habe, was ich noch alles schreiben wollte und vor allem, wie ich das ganze hatte verpacken wollte …

Die Worte taumeln herum und lassen sich kaum fassen. Müde, so müde bin ich …

An solchen Tagen vielleicht besser nicht bloggen!, denke ich.
Hm. Kann ich nicht machen, kontere ich. Nicht, wenn es das letzte Mal für zehn oder elf Tage ist. Will doch tschüss sagen …
Warum …?
, frage ich mich. Warum nicht einfach mal nichts schreiben!

Nichts

Ruhe

Innere Ruhe
… was immer das ist …

Die Karten liegen bereit. Gepackt ist noch nicht. Da und dort liegen ein paar Sachen rum, die mit sollen. Materie. Wo ich bloß den Schlafsack habe?
In mir drin wächst die Idee, wie sich die Reise anfühlen soll. Ich will vorwiegend auf Hauptstraßen fahren. Mautstraßen meiden, nicht nur wegen der Kosten, nein, weil ich genug Zeit habe. Viel Zeit.
J. wird erst ungefähr am Samstag am Meer sein. Außerdem brauche ich grad viel Zeit. für mich. Zeit zum Abschalten. Entschleunigung. 100km/h statt 130. Oder noch weniger. Anhalten. Pause machen. Sein. Mich südwärts treiben lassen. Die Strecke genießen. Das will ich. Keine Weg und Ziel-Sprüche, nein. Der Weg ist der Weg. Und das Ziel ist das Ziel. Basta. Und jedes Ziel ist immer nur Zwischenziel. Von dort geht es weiter. Immer. Irgendwie.

Wohin werden wir von Tag zu Tag entscheiden. Vor der Reise ist nach der Reise ist vor der Reise … Jetzt zum Beispiel.
Wie im richtigen Leben …

Perpetuum mobile

Perpetuum mobiles gibt es
nicht, sagst du. Doch, sogar
zwei, sag ich, die unterschiedlicher nicht
sein könnten.

Liebe heißt die eine. Sich
selbst erneuernd, bewegt
sie sich immer-
während weiter und weiter
und weiter. Hass ist der
Name der zweiten. Kehr-
seite der andern.
Endlos wie die Zahl
acht, der doppelte
Kreis, der Brunnen. Sie
leeren sich aus, füllen
sich selbst und nähren sich
ständig neu … wieder und
wieder und wieder.

Gut oder schlecht kümmert
weder Liebe noch Hass.

Kontraste

Es braucht sie, diese starken Kontraste. Es braucht Zeiten unfassbarer Freiheit, grenzenlos scheinender Zeit und unbeschreiblichen Glücks, um Schweres, Anstrengungen, Banalitäten und den häufig grauen Alltag ertragen zu können. Die Schnittstellen dazwischen sind oft unerträglich.

Und lebensgefährlich …

… ein paar Kontraste

Last but not least ein Kontrast der Marke „Was wäre, wenn du Alzheimer hättest?“ (beantwortet von  J.) …

Sophistikierereien Vol.3

Ohne Männergewalt wären die Zeitungen bloß halb so dick.

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Was wir besser kennenlernen, wird kleiner – Städte ebenso wie Ängste.

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Älterwerden könnte ein tolles Abenteuer sein – wenn wir uns darauf einlassen.

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Auch Scheffs brauchen ab und zu ein offenes Ohr.

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Denken sei kopflastig, heißt es. Du bist kopflastig!, höre ich ab und zu. Kritisch der Unterton dabei, doch warum diese Wertung? Mein Denken ist höchst emotionale Herzarbeit, philosophischer Prozess, mich mit mir selbst verbindende Kreation. Ich kann nicht denken ohne meine Gedanken auch zu fühlen und nicht fühlen ohne meinen Gefühle auch zu analysieren.

Voyeurinnen und so

Seit ich erwacht bin, taumeln Gedanken durch meine Gehirnwindungen. Akute krea(k)tive Phase. Bin schon seit Tagen so drauf. Und irgendwie asozial. StilleKämmerchen-Phase nenn ich das.

Ich bin ein relativ intaktes Makrokosmos. Gut zu wissen!, kritzle ich auf einen Zettel.

Später dies:

Meine Bühne bist du. Und alle meine Andern. Deine Bühne bin ich und alle deine Anderen. Ich spiele, wir spielen unsere Lebensrolle(n). Vor Publikum. Mit Neben-Hauptrollen, die uns sehr nahe Menschen innehaben, mit Statistinnen und Statisten (Kolleginnen und Kollegen) und mit dem großen unbekannten Publikum. Wir alle sind – mehr oder weniger, zugegeben – auf Wirkung bedacht, auf Reaktion. Vielleicht auf Wohlwollen. Vielleicht auf Applaus. Zumindest auf irgendeine Resonanz. Wenn wir mit unserem Schauspiel provozieren, provozieren wollen, hoffen wir auf Reibung, auf Gegenkraft, auf Gegenstimmen. Wenn wir mit unserem Schauspiel Schönheit darstellen, hoffen wir darauf, unser Publikum zu berühren jenes große, unbekannte, namenlose Publikum, dessen Meinung uns so unglaublich wichtig ist.

Solcherlei Sätze, auf Zettel gebannt, türmen sich auf meinem Nachttisch, auf dem Küchentisch, auf dem Schreibtisch. Hier noch zwei weitere Zettelphilosophien:

1 – Der Idee, Protagonistinnen und Protagonisten zu erschaffen, was liegt ihr zugrunde? Verbirgt sich hier denn nicht das Bedürfnis, jemandem oder verschiedenen Personen, meine klugen, weisen, sinnlosen, undichten oder gar dummen Gedanken in den Mund zu legen und zu schauen, was mit diesen Worten geschieht, was diese Worte aus- oder anrichten?

2 – Wir Bloggende sind Stellvertreterinnen und Stellvertreter für die Lesenden. Alle Schreiberlinge sind das, alle, die in irgendeiner Form ihre Inputs ausputen, ausdrücken, alle Kunstschaffenden …
Stellvertretend für das Publikum stellen wir dar, was wir wahrnehmen. Wie exhibitionistisch das auch immer sein mag. Die anderen, die Lesenden, sind immer irgendwie – sorry – Spanner, Voyeurinnen. Souffleure oder Souffleusen auch, meinetwegen.
Ich auch. Ich bin beides. Ich wechsle fließend und fleißig die Seiten.

Irgendlinks Reise ist ein gutes Beispiel für das erwähnte Stellvertretertum. Ich reise auf den Karten mit. Ich bin emotional nahe dran. An ihm und an der Reise. In der Trockenheit und Behaglichkeit meiner Wohnhöhle radle ich mit ihm über Berge und durch Täler immer Richtung Süden. Ohne allerdings wie er Hitze, Wind und – wie heute – Regen ausgesetzt zu sein. Wie fernsehen irgendwie.
Das ist meine Arbeit, sie treibt mich voran, meinte J. gestern am Telefon. Zugegeben eine Arbeit, die total Spaß macht. Meistens jedenfalls. Noch lieber würde ich jetzt mit dir durch die Gegend gondeln. Das wäre aber ein ganz anderer Kontext.

Stellvertretend für uns erforscht er Neuland. Terra incognita. Alles ist immer, immer wieder, Neuland. Selbst wenn du auf der Karte oder sogar in Natura die Strecke bereits erforscht hast. Immer wieder neu, weil die Umstände immer wieder anders sind. So ähnlich beschrieb er vor zehn Jahren dieses Unterwegs sein in seinem Reisetagebuch.

Wie gut es jedes Mal tut, den Alltag zu durchbrechen! Andere Gewohnheiten anzunehmen. Anderes auszuprobieren. Es ist nicht der Alltag an sich, der uns abstumpft, es ist das Verharren im immer Gleichen. Statt über den zähmenden, lähmenden, betäubenden Alltag ins Feld zu gehen, will ich ihm Farbe einhauchen. Herausforderung. Übung.

Wir brauchen  unsere ganz persönliche Mischung von Vertrautem und Neuem, um lebendig zu bleiben. Ins Neue lassen wir schon bald Vertrautes Einzug halten. Wir füllen die Winkel des Neuen mit Vertrautem auf. Damit es vertraut wir und uns keine Angst (mehr) macht. So schaffen wir ständig Gleichgewicht. Leben ist Balancieren.

Gestern am Telefon mit meiner Schwester – als sie mir von ihrer geisttötenden Arbeit, die zwar ziemlich anspruchsvoll, doch immer gleich ist , erzählte – begriff ich wie abwechslungsreich und herausfordernd mein Job eigentlich ist. Na ja, eigentlich ohne eigentlich. Oder doch mit? Das eigentlich meint: Ich träume eben von anderem. Ob mit Sehnsüchten leben einfacher ist als ohne, lässt sich schwer sagen. Es ist weniger anstrengend, das bestimmt. Wie ein Land ohne Berge. Irgendwie langweilig.

Ach, übrigens, das Land ohne Sehnsüchte gibt’s. Davon schreiben Andreas Altmann („Sucht nach Leben“ irgendwo im hintersten Teil des Buches) und Amélie Nothomb („Biografie des Hungers“, ganz am Anfang des Buches). Eine Insel namens Vanuatu, früher Neue Hebriden genannt, 1606 entdeckt und der katholischen Kirche einverleibt. Die Menschen, die dort aufwachsen, haben alles. Von allem immer genug. Kein leichtes Los. Weil den Menschen dort buchstäblich alles in den Schoß fällt, die Sonne, das Obst, ebenso Milch und Honig, sind sie dauersatt. Nichts da, das sie vorwärts treibt. Vanuatu als Synonym von abstumpfender Fülle. Nothomb beschreibt in ihrer oben erwähnten Autobiografie als Kontrast zu Vanuatu ihren Überhunger, der sie voran treibt. Diese Kraft in ihr, der sie nach Antworten, nach Seelennahrung, nach Abenteuern, nach Erfahrungen und nach Süßem hungern lässt. Sinnigerweise und irgendwie zufällig hatte ich diese Bücher gleich hintereinander gelesen.

Na ja, Überhunger ist jedenfalls bestimmt nicht langweilig.

Den Alltag durchbrechen? Den Alltag bunt machen, wie es zuweilen Pflanzen tun, deren Samen irgendwie in eine Ritze zwischen Teer, Beton oder Platten geraten sind. Das Grau aufweichen. Die Seele weich klopfen. Wieder hinsehen.