Schichten II

Eine neue Geschichte. Neue Schichten. Eine auf die andere. Wie Steinmännchen, Steinfrauchen. Am Fluss des Lebens. Wenn er in sich zusammenfällt der Turm, war es nicht nur der letzte Stein, der schief lag. Vielleicht war es der unterste. So genau wissen lässt sich das nicht. Wissen. Eine Geschichte lässt sich nicht wissen. Sie lässt sich nicht voraussagen. Sie lässt sich nicht machen. Sie lässt sich nicht schönen. Sie ist. Eine Schicht. Dann die nächste.

Die erste wäre ein rauer Stein. Einer mit Dellen. Die Kindheit. Vielleicht. Chronologie lassen wir mal außer Acht. Wer weiß schon, was wirklich zuerst war? Ich glaube an den Kreis. Auch bei Geschichten. Sie fangen nirgends ans und hören nirgends auf. Happy-Ends? Forget it! Fortsetzungsgeschichten!

Die alte Frau, die vorbei geht, da draußen, sie trägt ihre Geschichte. Jede Falte ein Jahrring, wie ihn Bäume haben. Jede Falte eine eigene Geschichte. Genau so, nicht anders. Der nächste Stein. Unten oder oben. Okay, bauen lässt sich besser nach oben. Und auch Bäume wachsen so. Dem Licht entgegen. Auch die Blumen.

Der nächste Stein schön flach und glatt. Großflächig. Nett. Praktisch. Da lässt sich ganz schön viel drauf packen. Schicksale, Tiefschläge. Enttäuschungen. Abstürze. Tränen. Aber auch Glück. Glück hat Punkte. Glück hat ganz viele Knubbel auf der Oberfläche. Es muss sich in der Hand so anfühlen, als wäre alles drauf, was es an Glücksempfinden überhaupt gibt. Komprimiert. Ein Handschmeichler voller Glück. Entkomprimierbar, wenn ich ihn von Hand zu Hand reiche. Von der linken zur rechten. Und zurück. Und in die Hände meiner Freundinnen und Freunde. Oder eben, wenn ich ihm im Turm, im Steinfrauchen mit einbaue. Das immer größer, immer höher, immer wackliger wird, je länger ich lebe, je länger ich baue. Fällt es zusammen, ist nicht, wie ich schon sagte, der letzte Stein schuld. Keiner. Alle. Egal. Vielleicht ist die Höhe egal.

Alles bleibt unfertig. Jedes Leben. Zusammenfallende Türme – Mut zur Lücke. Mut zum Scheitern. Mein Plädoyer für jene, die am Boden sind. Steine. Menschen. Wieder aufstehen dennoch. Den Staub abklopfen. Den nächsten Stein in die Hand nehmen. Weiterbauen. Immer weiter. Diese Sehnsucht, etwas zu hinterlassen, deine Spur. Deinen Namen. Deine Steinskulptur meinetwegen. Deine Geschichte. Keine neue Geschichte also, immer nur deine. Immer nur meine. Alle gleich, denn in allen ist alles drin. In mir drin ist ein bisschen von Leonardo da Vinci, der das gleiche Wasser getrunken hat wie ich. In mir drin ist auch ein bisschen Gahndi, ein bisschen Lenin auch und sogar Hitler. Shame on me.

Der nächste Stein? Seine Oberfläche fühlt sich glatt an. Seine Farbe … keine Farbe. Einfach nur steingrau. Okay, das ist auch eine Farbe. Seine Farbe. Wie meine Farbe meine Farbe ist und meine Muster meine Muster sind. Mit ein bisschen Mutter Teresa und mit ein bisschen Stalin mit drauf. Und drin. Steingrau also. Fühlt sich kühl an, wird warm an der Sonne, im Feuer porös. Jurastein. Kalkhaltig. Hat schon viel gesehen. Wie er wohl hierhergekommen ist? In der Tasche eines kleinen Mädchen vielleicht, denn er sieht anders aus als die Steine, die sonst hier liegen. Er ist steingrauer, er ist glatter. Alt. Uralt. Älter als ich je werden kann.

Ich lege ihn auf den Turm. Ganz oben drauf. Der letzte Stein.
Vorläufig …

Von Zielen und Löchern

Fünf Löcher sollen geflickt werden. Zwei klitzekleine. Ohne Spritze. Die drei anderen sind alle oben rechts. Zwei kleine und ein großes. Unter einer alten Füllung. Die Spritze wirkt schon bald. Höchste Zeit, dass dieses versteckte Loch geflickt wird, sagt Frau R., es ist schon fast beim Nerv. Hoffentlich sind wir noch rechtzeitig. Ich kann nur nicken. Mit dem grünen Gummiding im Mund ist schweigen angesagt.

Es ist mein erklärtes Ziel, diese Behandlung so schmerzlos und unbeschadet wie möglich hinter mich zu bringen.
Und es ist mein Ziel, diesen Stuhl ohne Karies zu verlassen.

Ziele! Schon wieder! Alles was wir tun, verfolgt ein Ziel. Sogar was wir nicht tun, was wir vermeiden, folgt einem Ziel. Auch folgt jeder Gedanke einem Ziel. Stopp! Verwechsle ich jetzt da nicht Ziel mit Richtung, Ziel mit Weg? Das Ziel ist das Ziel, sagt Altmann, der schon oft von mir zitierte Reiseschriftsteller. Der Weg, der das Ziel sei, hält er für einen ziemlich zynischen Spruch. Abgedroschen dazu. Aus der von ihm dargelegten Perspektive muss ich ihm Recht geben. Andere Interpretationen sind allerdings ebenso wahr. Oder genauso falsch.

Das Vorrecht, mich so professionell und technisch ausgeklügelt behandeln lassen zu können, macht mich unerwartet dankbar, stelle ich fest, während ich dem Sirren des Bohrers lausche.

Das Ziel, die Zielstrebigkeit als Kontrast zur Absichtslosigkeit, sinne ich. Doch lässt sich ja auch Absichtslosigkeit zum Ziel erklären. Von buddhistisch gesinnten Mitmenschen zum Beispiel. Meditieren – sich zentrieren, in die Mitte kommen. Auch ein mögliches Ziel. Je länger ich über das Wort Ziel nachdenke, je mehr ich darüber meditiere, desto freundlicher wird es mir, desto mehr verliert es von seinem bisherigen Reizwort-Geschmack. Warum ich irgendwann angefangen habe auf Wörter wie Leistung, Erfolg, Karriere, Zielstrebigkeit und ähnliches allergisch zu werden, habe ich längst vergessen. Vielleicht weil ich sie mit spitzen Ellbogen assoziiere. Auch widerstrebt mir alles, was mit Übervorteilung anderer verwandt ist. Oder sein könnte.

Dennoch freue ich mich natürlich über Gelungenes, freue ich mich, dass ich in den letzten beiden Bürotagen ganz viele ToDos abtragen konnte, freue ich mich, dass die Arbeit zurzeit rund läuft und Spaß macht. Obwohl es aktuell so viel zu tun gibt.

Meine Lehr- und Wanderjahre – ähnlich jenen von Heidi, Johanna Spyris Protagonistin – sind noch lange nicht abgeschlossen. In einer nativen Kultur Nordamerikas – bei den Lakota, wenn ich mich nicht täusche – gilt der Mensch ungefähr ab fünfunddreißig Jahren als erwachsen. Das Umsetzen von Gelerntem geschieht immer wieder. Wir sind immer Lernende. Ich jedenfalls will immer Lernende sein und ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass ich bereits fertig bin. Am Ziel. Zumal ich nicht weiß, was dies für mich heißt. Denn haben wir Ziele erst erreicht, verführen sie uns womöglich dazu, uns mit ihnen zufrieden zu geben. Und mit der Weitersuche aufzuhören. Hoppla … vielleicht geht es ja genau darum? Zu finden. Endlich. Vielleicht ist es ja das wichtigste aller Ziele, endlich am Ziel, endlich bei mir, endlich in meiner Mitte anzukommen …

Fertig. Wir haben es geschafft. Sie dürfen spülen!

Was einem auf dem Stuhl einer Zahnärztin, die notabene bei der Arbeit summt, alles so einfällt! Hach, endlich habe ich „meine“ Zahnärztin gefunden. So angenehm habe ich eine so happige Behandlung noch nie erlebt. Wäre da nicht das lahme Gefühl in der Backe, würde ich fast sagen, dass es Spaß gemacht hat.

MiniMax

Weißt du, ich frage mich, ob es vielleicht einfach darum geht, zum Stillstand zu kommen, sagte J. vorhin in einer Telefonkabine in der französischen Pampa. Ausgerechnet er, der theoretisch in vier Wochen am Gibraltar oder in Compostela sein will.

Ziele verfolgen, ja oder nein? Ein Thema, das wir beide immer wieder neu betrachten. Von allen Seiten. Und dessen Vor- und Nachteile wir erkunden. Gesellschaftliche Ansprüche versus das uns innewohnende Bedürfnis nach Einfachheit. Und nach Sinnhaftigkeit in der Sinnlosigkeit. Will ich gar Absichtslosigkeit als Tugend postulieren?

Ich gestehe, ich mag die abgelutschte Floskel, dass oft weniger mehr sei. Weil sie mir entspricht. Nicht nur, weil ich Minimaximalistin*, sondern weil ich nicht daran glaube, das das Wort MEHR per se das Synonym von BESSER ist. Außer natürlich jenes MEHR in meiner obigen Lieblingsfloskel. Ooops … jetzt wird’s kompliziert.

Da hilft wohl nur eins: Stillstand. Jetzt.

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* MinimaximalistInnen üben sich in der Kunst, mit minimalem Aufwand, maximale Ergebnisse zu erzielen. So was aber auch: Diese Ziele verfolgen mich ja geradezu!

Fortsetzungsgeschichten

Da war vorhin auf einmal dieser Titel im Raum. Frech setzte er sich zu mir aufs Sofa, streckte die Beine aus, blinzelte mir zu … Zuerst soll man einen Titel schreiben, der Rest kommt von selbst. Hat er das tatsächlich geflüstert? Oder habe ich das irgendwann irgendwo gelesen? In einem Blog vielleicht?

Okay. Der Titel wäre also da. Unübersehbar. Doch nun – wie weiter? Da ich nicht an Happyends glaube, mag ich diesen Titel irgendwie. (Bin echt froh, dass sich nicht Happyend zu mir aufs Sofa gesetzt hat).

Denn ich glaube an Fortsetzungsgeschichten. Erstens weil sie ganz offensichtlich – rein kommerziell gesprochen – wunderbar funktionieren, im Fernsehen ebenso wie in der Literatur, und zweitens weil sie der Realität näher sind als Happyend-Stories. Drittens glaub ich aus dem offensichtlichsten Grund der Welt an sie: weil das eigene Leben eine ist. Eine Geschichte mit nicht nur immer wieder neuen Kapiteln, sondern auch eine Geschichte, die immer wieder neue Bücher hervorbringt. Das eine klappe ich zu. Das nächste öffne ich. Stufen. Lebensabschnitte. Neue Gewohnheiten, meinte J. heute Morgen bevor wir für lange Zeit Abschied nahmen, das Leben gibt immer wieder Gelegenheit zu neuen Gewohnheiten. Alte verschwinden, neue bilden sich. Gemeinsam mit neuen Menschen, die uns das Leben bereichern.

Den Reichtum jener bunten Palette aus Freundschaft, Liebe und Beziehung umfassend zu leben heißt allerdings auch, sich verletzlich zu machen, heißt sich immer wieder auf Loslassen und Abschiednehmen einzulassen. Heißt lebendig zu sein, zu bleiben. Und in Bewegung. Sich zu begegnen ist immer eine Reise (Beispiel: hier klicken). Eine Annäherung, die sich mit Distanz abwechselt.

Jede Abschiedsumarmung, jeder Abschiedskuss ist somit nichts weiter als ein „Fortsetzung folgt“-Hinweis. Ein „bitte umblättern“ oder ein „es geht gleich weiter“…

(Notiz an mich: Der Tipp mit dem „Schreib zuerst den Titel“ funktioniert tatsächlich!)

im Rückspiegel die Welt

Vergangenheit, was hinter uns liegt? Zukunft, was vor uns liegt?

Ist nicht das, was ich im Spiegel sehe, erstens immer Gegenwart, zweitens immer eine Frage der Perspektive und Relation und drittens folgerichtig immer subjektiv?

Seit Donnerstagabend genieße ich die Gegenwart meines persönlichen Herzspezialisten J.. Das Fieber hat sich verstohlen davongestohlen. Gut so. Wir hatten und haben ja einiges vor. Und das geht einfach besser ohne Fieber. Den Frühling genießen zum Beispiel wie beim gestrigen Thermalbaden: Kur pur! Wir haben zusammen mit meiner Freundin M. in meiner alten Heimat Aargau das gute alte Aquarena heimgesucht und dabei viel gelacht.

Anschließend zu zweit ins Baselbiet. Mitten in die Höhle (Hölle?) der Kulturfuzzis. Eine andere Freundin stellt aus. (Huch, wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben?) Wieso ich wohl bei Gelegenheiten wie dieser, bei Ansprachen und Lobhudeleien, bei salbaderndem Gelaber über die Aussage eines oder einer Kunstschaffenden immer Gänsehaut bekomme und an des Kaisers neue Kleider denken muss? Ob jemand jemandes Kunst wirklich verstehen, wirklich sehen, wirklich fühlen kann? Wie leid mir meine Freundin JB während der Ansprache tat! Ob drin wohl die eigentliche Kunst besteht: diesem unumgänglichen Gelaber zur Trotz den eigenen Weg zu gehen?

J. meinte, als wir, dem Tumult entflohen, zum Auto zurückspazierten, dass dies der schrecklichste Teil von Kunst sei: Die Konfrontation mit dem Publikum. Die Ausstellung. Ich meine JB angesehen zu haben, dass sie mit J.s Sicht der Dinge einig geht.

Tja. Kunst sichtbar machen birgt zudem die ständige Gefahr, missverstanden zu werden. Obwohl dies letztlich gar nicht so wichtig ist. Jedenfalls nicht wichtiger als die Sehnsucht danach, sich auszudrücken. Glücklich ist, wem egal ist, was die anderen über ihn oder sie denken!, meinte J. vor einiger Zeit. Recht hat er. Nur, wer schafft das schon?

Im Rundumglücklich-Modus, den wir heute aktiviert haben, geht das. Temporär. Unterwegs auf Bilderpirsch.

Möge ich den Umschalthebel auch im Alltag immer wieder finden, jawoll! Und du auch. Und du und du und ihr alle ebenfalls.

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pic 1 by J., mit iPhone /// andere pics by sofasophia

das letzte Mal

Immer noch Fieber. Schlapp bin ich. Und müde, obwohl ich gut geschlafen habe. Lebensmüde ein wenig. Blues ein wenig. Dennoch von der Sucht nach Leben verzaubert. Gopf! Dieses Buch provoziert mich. Habe es gestern Abend endlich fertig gelesen. Das letzte Mal also, dass ich darüber schreibe. Versprochen. Vielleicht.

Ich vermute, zu brüskieren gehört zu Altmanns Plan. Am meisten provoziert mich allerdings seine eigene Diskrepanz in Bezug auf postulierte und von ihm gelebte Toleranz. So sehr er von allen andern eine Weitung ihres Horizontes fordert, so sehr ist sein eigener, fraglos sehr weiter Horizont doch irgendwie einseitig. Obwohl er sich dessen ja auch bewusst zu sein scheint. Und er auch über seine Vorurteile lachen kann. Das versöhnt …

Immer wieder trifft der Autor unterwegs auf Menschen, die in Passivität versunken, nicht mehr wirklich leben. Wer weiß das schon, denn wo die Grenze zwischen tatsächlicher und scheinbarer Passivität verläuft, kann – behaupte ich – keine und keiner für andere bestimmen. Abgesehen davon, dass selbst die Definition von tatsächlicher und scheinbarer Passivität ein Unding ist. Und auch nicht zu bewerten.

Fakt jedenfalls ist, dass ich persönlich nicht ständig aktiv, nicht ständig auf Empfang, nicht ständig in Bewegung sein kann. Dann bremst mich mein Körper aus. Siehe jetzt. Mein Körper weiß oft besse als mein Verstand oder mein Bauch, was mir guttut. Nämlich, dass er ab und zu abhängen will.

Ich gestehe außerdem, dass ich hin und wieder ganz gerne passive Zuschauerin bin. Ich gestehe, dass ich gerne andern beim Leben zuschaue. Nicht immer, nicht überall. Doch lasse ich gerne das eine oder andere lieber andere erleben. Habe ja selbst schon viel erlebt. Zuschauen bildet. Bilde ich mir jedenfalls ein.

Ob ich wohl darum so gerne Bücher und Blogs lese?

Hirnrisse und so

Reisen ist hirnrissig. Urlaub ebenfalls. Da rackert man – und frau – sich für ein paar wenige Tage im Jahr dumm und dämlich, verausgabt sich, arbeitet auf Vorrat … Und wozu? Um ein paar Tage keinen Stress zu haben, jawoll. Wäre es da nicht viel cleverer, sich gemächlich durchs Jahr zu arbeiten? Und unterwegs kleine Pausen zu machen? Sagt meine rechte Hirnhälfte.

Gut und recht, antwortet meine linke Hirnhälfte, gut und recht. Und clever. Und ökologisch. Und genügsam. Unzoweitr. Aaaber.

Reisen und Urlaub dienen ja nicht nur der Entstressung. Und auch nicht nur der Erholung. Vor allem weiten sie unseren Horizont. Sie nähren unsere Träume. Sie wecken und füttern unsere Kreativität. Sie zeigen uns neue Seite unserer selbst. Sind allerdings bloß zwei von vielen Möglichkeiten, dies alles zu erfahren. Und selbstverständlich können wir alles auch mitten im Alltag erleben.

Reisen und Urlaub – vermeintliche oder echte Freiheit?

„Ach und Freiheit? Für mich wäre das momentan: die Reise mit dem besten Gefühl einfach nicht zu machen …“, mailte J. heute. Ein Satz, der nachhallt … Wie frei bin ich? Und du?

< … Und natürlich wünsch ich dir, J., jene Freiheit, mit dem besten aller Gefühle deine Reise einfach zu machen! ;-)>

Null

Null Komma Null

Summiere alle deine Ideale, Pläne, Träume, Sünden, Nachlässigkeiten, Unterlassungen und Wunden mit denen aller Menschen aus allen Ländern. Das Ergebnis wird Null sein. Immer. Ist Null viel oder wenig? Ist Null die Grundstellung? Ist Null der Same, der Ursprung von allem, oder ist es das Ziel? Ist Null Leben oder Tod? Alles, nichts? Oder ist Null gar die Liebe schlechthin?

Null Komma eins

Beim Reisen geht es – wie beim Leben – letztlich darum, bei sich selbst anzukommen. Reisende sind immer Suchende. Und Findende. Reisen ist eine Form von Kunst. Ebenso wie Suchen und Finden. Und loslassen. Schritte ins Unbekannte wagen.

anders

Nein, ich bin nicht mehr dieselbe wie vor einem Jahr. Auch nicht wie vor zwei Jahren. Ich schreibe anders, ich denke anders, ich ticke anders. Nicht GANZ anders, das nicht, doch eben anders.

Ähnlich, wie sich alle physischen Zellen ständig erneuern, verändert sich mein Menschsein. Anders als die Zellen, die zwar neu, doch identisch sind, sind meine Veränderungen reale Veränderungen. Obwohl – und da bemühe ich den Vergleich mit den Zellen ein weiteres Mal – sich der Zellkern gleich bleibt.

Mitten drin der verdichtete Sofasophia-Kern. All das, was mich ausmacht und natürlich mehr als die berühmte Summe der einzelnen Teile. Der Zellkern ist gleichsam die Füllung – falls denn jemand auf die Idee käme, mich mit einem Truffe zu vergleichen. In diesen Kern – Festplatte ist ebenfalls ein mögliches Synonym – sind alle Informationen gespeichert, die mich ausmachen. Warum ich so bin. Warum ich diese Macke habe. Warum ich ein Problem auf diese Weise löse. Warum ich die Welt so und so sehe. Warum? Oder vielleicht besser Basis statt Ursache, um es etwas wertneutraler zu formulieren. Der Kern, meine mentale Erde. Jene Erde, aus der ich bin. Nicht unveränderbar, aber träge, warm und feucht.

Das, was drum rum ist – die Hülle, die Glasur, das Layout – bewegt sich dagegen laufend. Wechselt die Form. Alle möglichen Einflüsse – und vor allem auch alle unmöglichen – fordern mich heraus: hier hinterfrage ich bisheriges und hier überprüfe ich laufend altgeglaubtes auf seine Kompatibilität in Bezug auf meinen heutigen Alltag.

Einflüsse – eigentlich ein geniales Wort … etwas fließt ein … Meine Hülle reagiert höchstsensibel auf Ereignisse. Sie meldet Gefahren, sie registriert Lust, reagiert auf Stress und sie ist es, die alles erst einmal filtert und jede Menge SPAM weglöscht (oder auch nicht), bevor sie sich mit der Füllung austauscht. (Ein hinkendes Bild, ich weiß, denn innen ist ja außen und umgekehrt …).

Nein, nein, diese Theorien sind weder psychologisch, noch philosophisch und schon gar nicht wissenschaftlich wasserdicht. Egal. Und eigentlich sind es ja gar keine Theorien, sondern es sind einfach Bilder, die mir helfen, das komplexe Leben ein klein bisschen besser zu verstehen. Und mich den jeweiligen Erkenntnissen anzupassen …

Ob es das ist, was sich Mutation nennt? 😉

EDIT: Notiz an mich: Wer oder was „steuert“ die Einflüsse? Und warum so? Und warum zum Teufel passe ich mich (wem? was?) an? Überlebensinstinkte?

2. EDIT: Blinkyblankys Kommentar gibt mir zu denken: „Ich habe mal gelesen, dass bei Giacomettis schmalen Personen nur der eigentliche Kern im Innern gemeint ist, der nicht von der Umwelt verändert oder weggefressen werden kann …“
> Ja, lieber Signor Giacometti, ich sehe das auch so: genau um diesen Kern geht es. Ich wünsche uns allen Augen, den Kern der anderen zu sehen, zu respektieren und sich an ihm zu erfreuen. Dennoch behaupte ich, dass wir in dieser Welt hier unbedingt eine Hülle brauchen. Als Schutz. Als Werkzeug für Veränderungen. Zum Leben.

zuerst

Keine Frage, am liebsten verbringe ich meine Zeit mit meinem/n Lieblingsmenschen – alternativ mit mir allein. Am zweitwichtigsten ist mir jene Zeit, in der ich meinen eigenen Ausdruck finde, schreibenderweise zum Beispiel. Nächstwichtig ist jene Zeit, in welcher ich Eindrücke  des Alltags oder kulturelle Anlässe – Filme, Bücher oder Inputs aus anderen Medien – wahrnehme, sammle und verdaue … Natürlich sind mir auch weitere Dinge wichtig, doch ohne die drei genannten Säulen, ohne diesen für mich nährenden Umgang mit meiner Lebenszeit, kann ich mir mein Leben nicht glücklich vorstellen.

Zeit ist mein kostbarstes Gut. Zugleich die größte Illusion. Unfassbar, nicht besitzbar, unbeschreiblich.

Gestern Abend, nach einem inspirierenden Telefongespräch mit Irgendlink, wo wir unter anderem über Prioritäten schwadroniert hatten und über die Konflikte, die entstehen können, wenn a.) die Arbeit einem die goldene (Frei)Zeit auffressen will und b.) die Bedürfnisse nach Zeit für soziale Belange und Zeit für den eigenen Ausdruck und die eigene Kunst sich in den Schwanz beißen – nach eben jenem Gespräch habe ich mutig Andreas Altmann aufgeschlagen.

Organspende war das Thema des aufgeschlagenen Kapitels auf Seite 77/78. Nicht schön, nein, aber sein Quantensprung zur Idee der Zeitspende dafür umso mehr. Jenen Menschen, die ihre Lebenszeit mit herumhängen totschlagen – was für ein Wortspiel! – könnte er doch ebendiese Zeit, solange sie noch lebt, abkaufen. Zumal sie ja diesen Zeitgenossen so lästig zu sein scheint. Sinnierte er. Wäre doch ein gutes Geschäft. Für beide Seiten.

Natürlich war mein Angebot frivol. Aber sein Leben versaufen, verdösen, verplappern, verglotzen, verwarten? Ist das nicht anrüchig? Nicht die Mutter aller Sünden, nicht die eine unfassbare Todsünde?

(Andreas Altmann, Sucht nach Leben, Dumont 2009)