neunzig und eins

Heute wäre der neunzigste Geburtstag meines Vaters. Sein Todestag jährt sich im Sommer zum zwölften Mal. Was sich doch seit seiner Geburt und nur schon seit seinem Sterben alles auf dieser Welt verändert hat! 1923 waren Atombombe und Internet bestenfalls Visionen einiger kranker Spinner. Als Vater geboren wurde – mitten zwischen zwei Kriegen, was er aber noch nicht wusste, als er Kind war – da war die Welt zwar nicht eine andere (zumindest der Mensch ist sich in etwa gleich geblieben), doch sie drehte sich doch noch ein klein bisschen langsamer.
In letzter Zeit lese ich immer häufiger Artikel über die digitale Verdummung, über die Sucht nach Internet und ewiger Verfügbarkeit. Als Handys aufkamen, gab es bald das Lager der VerweigererInnen, dem ich bis vor bald neun Jahren auch angehört hatte, und das derjenigen, die immer lauter das Segenslied der ständigen Erreichbarkeit sangen. Nein, ein Handy hatte mein Vater keins, doch Internet hat er am Rand miterlebt, ohne selbst im Netz gefischt zu haben.
Vor einigen Tagen habe ich endlich mit dem Buch Die Wand von Marlen Haushofer, drei Jahre vor meinem Vater geboren, zu lesen begonnen. Aus der Perspektive dieser surrealen und doch unglaublich glaubwürdig erzählten Geschichte aus den frühen Sechzigern kommen mir Dinge wie Internetabhängigkeit oder Zentralheizung äußerst seltsam vor. Mit der Protagonistin frage ich mich: Was zählt wirklich? Sie hat alles verloren, was ihr einst lieb war, und lebt seit Jahren allein in einer Waldhütte. Hinter einer unsichtbaren Wand, die einfach eines Morgens da war. Wegen der Wand hat sie alles verloren. Und sie hat dank der Wand alles gewonnen. Ihre Hände als Werkzeuge. Dazu einen Hund, eine Kuh, die bald kalbt und eine Katze. Ich stecke noch mittendrin und kenne das Ende der Geschichte nicht (doch ist es nicht immer so, irgendwie?).
Womöglich hätte die Ich-Erzählerin, als sie am Tag nach ihrer Ankunft in der Hütte auf der Suche nach ihren verschwundenen Freunden die tödliche Wand entdeckte, aufgegeben, wären da nicht die Tiere gewesen – und ihr Verantwortungsgefühl. Und wohl auch ihre Neugier. Sogar Hoffnung hatte sie noch, natürlich, am Anfang jedenfalls. Hoffnung, dass das alles nur vorübergehend inszeniert worden ist – die Wand als solche und ihre Gefangenschaft allein im Wald im besonderen.
Allmählich verändert sie sich und passt sich den neuen Umständen an. Sie lernt, unter Schmerzen und mit Schwielen und Blasen, einen Kartoffelacker anzulegen und zu bepflanzen, Holz zu sägen und zu spalten, die Kuh, die eines Tages auf der Wiese steht, zu melken, Gras zu mähen, Wild zu jagen. Zu überleben. (Ob ich das alles könnte? Rein handwerklich? Rein kräftemäßig?)
Noch spannender als der äußere Prozess, den sie durchläuft, finde ich den inneren. Die Veränderung ihrer Werte. Wenn eine Pinzette, die früher der (eitlen und sinnlosen) Augenbrauenzupferei diente, auf einmal notwendig für die Entfernung der vielen Splitter vom Holzhacken wird. Zum Beispiel.
Wäre ich sie, die Protagonistin, hätte ich wohl bald aufgegeben. Hätte sie auch aufgegeben ohne Tiere? Wie lange kann man autark leben? Wie lange klebt das zivilisierte Leben an einer und einem? Die Ich-Erzählerin verbietet sich müssiges Nachdenken über die Wand. Sie konzentriert sich auf das Überleben. Doch wie ich mich kenne, hätte ich wohl meine ganze Energie darauf verwendet, über die Wand und ihren Sinn nachzudenken. Herauszufinden, was sie für mich ist, wie ich mit ihr umzugehen habe, ihre Grenzen auszuloten. Ich hätte die Wand viel persönlicher genommen als die Protagonistin, da bin ich mir sicher. Doch wie die Figur im Buch hätte ich wohl auch Äste in die Erde gesteckt. Mir gefällt zum einen das Bild der allmählich austreibenden Äste, die sich der Mauer emporranken. Ich denke dabei ans Dornröschenschloss und seinen Zauber. Zum anderen veranschaulicht die Hecke das Eingesperrtsein nur umso deutlicher.
Was haben wir wirklich in unserer eigenen Hand? Wer sind unsere Verbündeten? Wer bekämpft uns? Wie können wir am besten leben? Wieso wollen wir weiterleben?
Hin und wieder denke ich an meine Geschichte Hinter dem Horizont. An die Parallelen. Überlebende (bei mir war es eine Weltüberschwemmung) versuchen sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen – sobald die Grundbedürfnisse gestillt sind. Die Grauzone zwischen Grundbedürfnissen und Wohlfühl-Ansprüchen ist breit. Nur ein Minimum Wasser (für Kochen und Trinken) zu haben, wäre für mich ein großer Stressfaktor, denn Waschen ist für mich wichtig. Zum Beispiel. Was würde ich noch vermissen? Puh … Unsere Protagonistin vermisst im ersten Sommer Süßigkeiten sehr. (Oh ja, Süßes würde ich gewiss auch vermissen!) Der Zuckervorrat ist schnell aufgebraucht, doch allmählich lässt das Bedürfnis nach (der Entzug ist überstanden). Und sie beschreibt sich gesünder als je. Kein Kopfweh mehr. Weniger wird mehr. Eine Grenze wird zur Chance, sich zu finden.
Ist nicht letztlich jedes gelebte Leben ein Leben hinter einer Wand? Ist nicht die Welt eine einzige große, schöne, hässliche Illusion und sind nicht all die Möglichkeiten, die wir meinen zu haben, nichts als Augenwischerei? Einmal blinzeln, schon sind wir wieder weg. Trotzdem sind wir als Einzelne und als Kollektiv extrem auf uns fixiert, auf unsere Bedürfnisse, auf unser Vorankommen, auf Karriere, Reichtum, spitze Ellbogen, Leistung und Erfolg. Die Wand macht mir klar, dass ich noch immer nicht begriffen habe, was das Leben wirklich meint. Mehr auf alle Fälle.
Weil sich die Protagonistin das Grübeln über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbietet, verbietet sie sich auch zu trauern. Die Welt hinter der Wand, so erkennt sie, wenn sie auf dem Berg mit dem Fernrohr die Gegend absucht, ist tot. Alle ihre Lieben sind gestorben. Darum wird sie im ersten Winter von schrecklichen Albträumen heimgesucht, denen sie erst entgehen kann, nachdem sie sich ihren schweren Gedanken und der Trauer stellt, alles zulässt, Trauer, Schmerz, Sehnsucht Platz schafft. Wie beim Eiterherd, den sie im Kiefer hatte und eines Tages endlich aufzuschneiden wagte, wird auch nach dem Entschluss, alles zuzulassen wie es ist, ihr Leben erträglich.
Ich schweife ab. Mein Vater. Sein Neunzigster. Was würde er zur heutigen Welt sagen, er, der er dem neuen immer sehr aufgeschlossen gegenüberstand, obwohl er früher seine Freizeit und später, als Pensionierter, die meiste Zeit seines Lebens der Erforschung von Vergangenheit, von gelebter Geschichte, gewidmet hatte, was würde er sagen? Mit seiner elektrischen Schreibmaschine hackte er mit zwei Fingern seine Forschungsberichte und Archivtranskriptionen, die ihm viel Anerkennung und Aufmerksamkeit eingebracht hatten. Würde er noch immer forschen?
Danke, Vati, für all das, was ich von dir lernen durfte. Fragen stellen und an Lösungen glauben, zum Beispiel. Und improvisieren. Und Nägel einschlagen. Ich hoffe, dass ich das nie verlerne.
Heute ist Baby-N. bereits ein Jahr alt. Was wohl sein wird, wenn sie neunzig ist?
Gibt’s einen andern Grund ein Kind in Welt zu setzen, als die Hoffnung, damit ein klein wenig die Welt zu verbessern?, gedacht, als ich ihrer Mama, Freundin C.(2), heute Morgen meine lieben Wünsche smste.

Wenn ich zulassen statt lassen geschrieben hätte, wären wir im See gelandet

Das Geheimnis ist vielleicht gar nicht, warum wir leben, sondern DASS wir leben. Vor ein paar Tagen gedacht, als ich das Buch „Der seltene Vogel“ von Jostein Gaarder fertig gelesen habe.
Nach all den Tagen offline soll ich nun also wieder Soso werden? Sosos Schuhe anziehen? Will ich überhaupt bloggen – und wenn ja, warum? Zugegeben, der gestrige Besuch auf all meinen Lieblingsblogs hat Spaß gemacht. Als würde ich durch ein vertrautes Dorf spazieren, war mir.
Bloggen ja, aber ich will mir auch die Langsamkeit der letzten Tage bewahren. Den Wiedereinstieg in den Bloggerinalltag gehe ich deshalb sehr langsam an. Unsere Tage im Tessin sind Vergangenheit. Mein Mitteilungsbedürfnis hält sich in Grenzen. Fragt sich auch, wie sich Ruhe, Natur, Sonne, bergwandern, geocachen (mit)teilen lassen. Wie sich Glück in Worte kleiden lässt.
Zum Auftakt ein kleiner Youtube-Film, den ich vorhin gebastelt habe. Just for fun. Und um zu zeigen, wie unterschiedlich sich ein Bild verappen lässt. Und warum Lampen manchmal leuchten und dass sie lachen können. Oder auch nicht. Diese hier hing in unserer Ferienwohnung überm Bett und schaute uns immerzu zu …
[youtube=http://youtu.be/aBAdpiRNd_E]
Das Tessin, die Sonnenstube der Schweiz – es hat seinem Namen Ehre gemacht und uns mit viel Sonne verwöhnt. Zehn Tage war ich praktisch offline, wenn man von meinen kleinen Ausflügen auf die Geocaching.com-App und die Karten- und GPS-Apps absieht. Nachdem sich das schöne Wetter vom dritten oder vierten Tag an nicht mehr vertreiben ließ, begannen unsere täglichen Wanderausflüge mit immer raffinierteren Rätseleien.
So viele Kilometer Luftlinie wie das letzte Wort in deinem Notizbuch, sagt Irgendlink am 30. Dezember beim späten Frühstück und löffelt genüsslich sein Joghurt.
L-A-S-S-E-N … sechs Kilometer. Denk dir eine Zahl zwischen 1 und 50!, sage ich.
Seltsam, aber ich muss heute immer 25 denken, sagt er.
Gut, die nehmen wir auch gleich mal sechs, was meinsch? Für die Grade?
Gute Idee … (rechnet im Kopf) … gibt 150. Das peilen wir an! Sechs Kilometer in 150 Grad ab hier gehen wir heute hin …
Ich gebe die Daten in meine tolle Peil-App namens iGCT ein und bin einmal mehr erstaunt darüber, dass wir mit dieser Methode immer von neuem schöne, meist abgelegene Orte finden. Diesmal eine Bergwanderung von Melide nach Carona. Zwei Kilometer mehr und wir hätten baden gehen müssen. Wirklich gut, dass ich nicht Z-U-L-A-S-S-E-N geschrieben habe.
Wir kommen diesmal auf dreihundert Meter an den gepeilten Punkt heran. Mehr geht nicht, denn er liegt mitten im Tessiner Bergurwald. Einzig am letzten Tag, am Silvester, können wir praktisch direkt zum gepeilten Punkt steigen. Im Dörfchen Torricella, wo wir einen originellen Multicache auf den Spuren von Kunstwerken im Dorf suchen.
Allen unsern zufallsgenerierten Ausflügen ist gemeinsam, dass sie uns in schöne Bergdörfer mit tollen Wanderwegen führen, die wir noch nicht kennen. Wunderschöne Plätze, die sich vom überbauten Tal mit all seiner lärmigen Industrie und den dichten Gewerbegebieten abheben wie ein sprödes Baumskelett vom blauen Himmel. Apropos blauer Himmel: Damit haben wir unsere Akkus bis zum Rand gefüllt. Ich hoffe, dass die Füllung lange Energie abzugeben vermag.
Nun aber lass ich die Bilder sprechen …einfach das erste Bild öffnen und schon kannst du dich vorwärts klicken! Viel Spaß … 🙂


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Bilder: iDogma | Appspressionismus
aufgenommen mit dem iPhone und der Nikon. Auf dem iPhone oder mit Gimp montiert und/oder nachbearbeitet .

Eine Frage nur

Das schönste W***geschenk, das man mir machen kann? Wenn heute die Welt nicht untergeht* – worauf ich wette (wer macht mit?) –, werden ab morgen die Tage wieder länger. Juhuuu!!!

Für das bevorstehende Lichter-Fest – ihr wisst schon: Sonnwende und die rauhen
Nächten, die ihr folgen – wünsche ich euch allen, liebe Leserinnen und Leser,
eine stille, friedliche, stressarme und genüssliche Zeit.

Mögt ihr das neue Jahr nicht nur gut starten, sondern
auch ein richtig gutes 2013 erleben.

+++ … und nun: Vorhang zu bitte bis zum nächsten Jahr ! +++

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Dies noch: Auf pixartix_dAS bilderblog und Sofasophia appt die Welt
geht es noch ein paar Tage weiter, bevor auch dort bis nächstes Jahr die Vorhänge fallen.

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Bild: iDogma | Appspressionismus
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
* und wenn? Wäre es wirklich so schlimm?

Leise gedacht

Auch ich hake die vergehenden Tage ab bis … nein, nicht bis Weihnachten, sondern bis wir endlich im Tessin angekommen sind. Ferien. Auszeit. Friedliche Stille. Weg vom Feiertagsrummelgliltzerkram. Nur zu zweit sein. Ankommen.
Ist es das Ankommen, das uns Suchende glücklich macht? Ist aber nicht jedes Ankommen bereits wieder ein Abstoßen ins Nächste, so wie ich, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, bereits die nächste Runde starte, wenn ich am Ende der Bahn angekommen bin?
Meereswellen. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welle bricht. Ein kaum sichtbarer Moment, da sie innehält. Da alles still steht.
Ein Musikstück ohne Pausen – undenkbar.
Ein Text ohne Leerschläge – unvorstellbar.
Ein Tag ohne Pausen – nicht auszudenken.
Ein Leben ohne freie Tage – lebensgefährlich.
Ich brauche sie, die Lücken, und ich brauche auch die Vorfreude auf sie und dabei vergesse ich zuweilen, dass ich auch jetzt und jetzt und jetzt bin.
Möglich, dass meine Mitmenschen die Pausezeichen in meinem Leben sind, aber die Melodie kann nur ich selbst komponieren. Meine Lieben sind vielleicht die Leerschläge auf meinen Zeilen, doch die Wörter und ihre Geschichten schreibe ich. Und wenn sie meine Pausen sind, dann ist das Leben drumrum zwar ohne sie undenkbar, doch es ist mein Leben.
Den Dingen den richtigen Platz geben. Über- oder unterbewertet ist etwas schnell und eigentlich werten wir – auch wenn wir es nicht wollen – immer und alles. Sei es emotional, subjektiv, oder eher nüchtern und analytisch. Aber wir tun’s. Wie ich Objektivität misstraue! Wer kann schon objektiv leben und wer will das überhaupt? Büne Huber, der Kopf von Patent Ochsner, der während der aktuellen Tournee wieder Tour-Tagebuch schreibt, hat  den Soundcheck vor einem Konzert beschrieben: Wie sie alle in der minimalistischen Musik, die sie zu neunt – ohne Publikum – gespielt haben, miteinander eins geworden sind. Das muss ein phantastisches Erlebnis sein. So ähnlich wie guten 6 stell ich mir das vor. Ankommen. Miteinander beieinander.
Leben ist lebendig-sein. Nicht nur die Fuktion von Herz und Niere, von Darm und Lunge meine ich. Lebendig-sein ist Emotion. Ist Betroffenheit. Ist Unvollkommenheit. Ist Ja-sagen zu meinen Grenzen und sie bei Gelegenheiten dennoch ausdehnen. Ist Unvernunft und ist vor allem eins: Liebe.
Ich schaue mir beim Schreiben zu und begreife: Alle von mir gedachten Gedanken gibt’s so oder ähnlich oder anders, bei mir und bei andern längst und immer wieder.
Wäre es da nicht besser zu schweigen?

SAD feat. Büne Huber, Lo und Leduc – 1

Frischer Wind aus der Schweizer Musiklandschaft! Der Produzent SAD hat sich mit Lo & Leduc und Büne Huber, dem Frontmann von Patent Ochsner, zusammen getan. Dabei rausgekommen ist eine wunderschöne Verschmelzung von akustischer Gitarre, Beat, Mundart und Rap.
“1” heisst der Track und versinnbildlicht die Kollaboration der Musiker: Alles wird eins. Aber lass dich doch selbst überzeugen:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=zGtUQ6t8aRo]
Quelle:
www.joiz.ch

Die Fahrt

Eigentlich sollte ich keine Rezensionen lesen. Nicht, wenn mir ein Buch so gut gefallen hat wie Die Fahrt von Sibylle Berg. Einfach bei meinem Eindruck bleiben, denn immer werden die Rezensentinnen und Rezensenten irgendwas finden, was sie nicht mögen. Und meine Freude am Leseerlebnis ein wenig dämpfen.
Und es gäbe in der Tat viel zum Nichtmögen in diesem Buch, denn die Menschen darin sind keine Heldinnen und keine Helden. Nicht einmal Anti-Helden sind sie. Einfach nur Suchende. Desperat die einen, soziophob die anderen, auf der Flucht vor sich selbst alle – und somit ziemlich normal. Menschen wie du und ich. Nicht mögen könnte die Leserin zum Beispiel den subtilen zynischen Unterton, der allen Geschichten leicht anhaftet, sich aber auch immer wieder relativiert, weil die Figuren in sich selbst glaubwürdig und trotz allem liebenswert sind. Und nicht mögen könnte der Leser auch, dass in fast jeder Geschichte Kakerlaken und Dreck vorkommen. Auch sprechen die RezensentInnen von den allzu vielen Selbstzitaten Sibylle Bergs aus früheren Werken und innerhalb des Buches selbst. Dazu kann ich nur sagen: Und wenn? Wer zitiert sich nicht hin und wieder selbst? Und warum auch nicht? Ja, es gäbe vieles zum Nichtmögen. Noch mehr aber, das ich mag.

„Getrieben sind sie alle, die Figuren in Sibylle Bergs neuem Buch, einem Reiseroman. Ruhelos fahren die einen an exotische Orte, auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück. Oder Sinn oder Abwechslung. Hauptsache, etwas passiert. Die anderen haben keine Wahl und müssen bleiben, wo sie sind. Wo auf der Welt kann der Mensch glücklich sein?
Heimat gibt’s nicht mehr. Heimat ist für Menschen, die in Bergdörfern aufgewachsen sind, dort wo man alle kennt, auch die Tiere und wo man statt ins Kino Sonnenuntergang schauen geht. Für alle anderen, also für die meisten, stellt sich die Frage immer wieder neu: gehen oder bleiben? Bleibe ich in meinem blöden Berliner Leben hocken oder suche ich das Glück in Sri Lanka, Rio de Janeiro, Shanghai oder Tel Aviv? […] Vor dem Hintergrund der verschiedenen Lebensverhältnisse stellt sie die Frage: Wie entstand die aberwitzige Idee des Individuums, ein Individuum sein zu wollen? Mit allen dazugehörigen Individuumsansprüchen? Glücklich sein zu wollen, zum Beispiel.“

Quelle: kiwi-verlag.de.
[Vorhin habe ich Mützenfalterins genialen Artikel über die Gefahren der (Über-)Interpretation gelesen (siehe Susan Sontag „Kunst und Antikunst“). Auch deshalb verfasse ich hier keine Buchinterpretation – auf alle Fälle keine allgemeingültige. Bestenfalls eine persönliche …]
Sibylle Bergs ProtagonistInnen reisen nach Südamerika, Nah- und Fernost, Indien, Europa. Und wir reisen als Lesende mit ihnen um die ganze Welt. Bergs Menschen denken über die Sinnlosigkeit ihres Leben nach, fliehen vor sich selbst, finden sich (immer wieder ein bisschen), bloß um sich erneut zu verlieren. Da ist Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Hoffnungslosigkeit , die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und jener, der Menschen, die man liebt. Der Tod tanzt durch die Buchseiten und das Glück wird gefunden, aber mehr in Frage gestellt als willkommen geheißen. Das Leben ist zum Davonlaufen, zum Weglaufen, woher auch immer. Und es ist zum Hinlaufen, wohin auch immer, aber Hauptsache einfach weg von da, wo man ist. Ob das nun Berlin ist oder Bangladesh, im Endeffekt ist das gar nicht so relevant, denn solange wir nicht bei uns angekommen sind, tut leben so oder so weh. Wo immer ich hin flüchte, es sei denn zu mir, ich werde das Glück nicht finden. Falls ich solchen Wohlstandsluxus denn überhaupt brauche.
Ist das Schicksal entschuldbar, das Frank und Ruth in Island doch noch zusammenführt und ihr Glück schon nach wenigen Monaten, da Frank an Krebs stirbt, wieder auseinanderreißt? Ist Glück, erst einmal gefunden, nicht viel schmerzhafter in seiner Abwesenheit, als wenn wir es nie gekannt hätten? Wird nicht durch Drittwelttourismus erst die Maschinerie angekurbelt, die Unwissende zu Wissenden und somit zu Entbehrenden macht?
Sie moralisiere lese ich in einer Rezension, die Berg, sie moralisiere. Und wenn schon!
Hinten auf dem Buchumschlag steht: Die umweltfreundlichste Art zu reisen: „Die Fahrt“ kaufen. Und zu Hause bleiben! Hat was.
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Noch mehr über das Buch:
http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/diefahrt-r.htm

Konjunktiv sei Dank

hätte es nicht zu regnen angefangen
hätte ich nicht umgedreht
hätte ich den Kopf nicht erhoben
hätte ich nicht hingesehen

Regenbogen_sm

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Bild(er): iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

J.R.R. versus Bernhard

1. J. R. R. kann nichts dafür!
Ich hätte es wissen müssen. Schon bei Herr der Ringe rang ich mit mir: To watch or not to watch? Würde ich die Bilder, die ich in mir drin aus diesen wunderbaren Erzählungen geschaffen hatte, behalten können, fragte ich mich, oder würden sie mir durch die Filme genommen? Von der HdR-Trilogie habe ich mir darum auch nur einzelne Teile angesehen. Äußerlich kommen die Figuren, das muss ich zugeben, denen, die ich in mir beim Lesen der Bücher gemalt hatte, sehr nahe. Doch warum braucht es so viele Schlachtszenen?, fragte ich mich, als ich die Videos zu schauen versucht hatte. Auch im Buch habe es viele Schlachtszenen, musste ich mir damals sagen lassen. Stimmt. Ja. Aber nicht im gezeigten Verhältnis! Sonst hätte ich die Bücher damals nie und nimmer so begeistert gelesen. Ja, ich erinnere mich noch, wie ich zwischendurch quer gelesen, ganze Seiten überflogen hatte – was ich auch heute noch bei Büchern tue – doch sicher nicht die Hälfte oder mehr? Nein, ich brauche mir diese Bilder weder schildern noch filmisch vorführen zu lassen. Ich brauche solche Bilder schlicht und einfach nicht, um mir die Erde – Auenland und Mittelerde inklusive – als schrecklichen Ort vorstellen zu können. Das kann ich gut auch ohne. Und ja, auch als schönen Ort kann ich mir die Erde bisweilen vorstellen, aber darum geht es ja hier nicht.
Item. Da saßen wir also im Kino, Freundin L. und ich, und eigentlich hätte ich mir lieber Anna Karenina angeschaut. Selbst wenn wir da einige Stunden Rotz und Wasser geheult hätten. Weil ich aber neugierig und nicht abgeneigt war The Hobbit zu schauen, fanden wir uns gestern Abend mit großen, schweren Kunststoff-3D-Brillen beladen in der zweithintersten Kinoreihe im Saal 2 wieder. Der große Raum war, bis auf wenige Plätze, bis vorne voll. (Zum Glück saß ich am Rand, denn so voll mag ich nicht.) Als Brillenträgerin sehnte ich mich bald nach den Karton-3D-Brillen, die wir seinerzeit bei Harry Potter 7/2 erhalten hatten – in Deutschland war’s, im Sommer 11. Die waren leicht und kaum spürbar gewesen, kein Vergleich mit den edlen, schweren Schweizer Brillen. Das Teil drückte mir schon nach fünf Minuten meine normale Brille so sehr in den Kopf, dass es weh tat und ich ständig am Druckausgleichen war. Der Lärm des Filmes – ja, sage es laut und schreib es groß: LÄRM! – kam diesem dumpfen Schmerz nicht eben entgegen. Musik? Ach, das war Musik? Programmmusik, die im richtigen Moment mal laut, mal dramatisch, mal so, mal so war. Auf-Knopfdruck-Musik nenne ich das. Keine Nuancen. Kein Herzblut.
Den Hobbit habe ich als philosophisches Phantasy-Werk in Erinnerung, als Metapher, als dramatische Geschichte um die Suche nach Schatz, Heimat und Herkunft. Ähnlich wie in Herr der Ringe gibt es auch im Hobbit unzählige Schlachtszenen im Buch, wo Gute gegen Böse kämpfen, denn Tolkien war ein Philosoph und, seien wir ehrlich, er war auch ein Moralist.
Und er würde sich im Grab umdrehen, wenn er diesen Film sähe! So ein Schrott!,
raune ich L. zu, als das grelle Licht im Kinosaal die Pause ankündigt. Und doch sitzen wir auch den zweiten Teil des Filmes ab. Die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht lohnt sich das Ticketinvestition ja doch noch?
Vielleicht für diese eine Szene, die die eigentliche Schlüsselszene und Grundlage der ganzen anschließenden HdR-Geschichten ist? Bilbo findet den Ring, den Gollum verliert und bald begreift er zufällig, dass ihn der Ring unsichtbar macht. Das Gespräch Bilbos mit Gollum – gezwungenermaßen, denn er ist eingesperrt in einem Felsspalt, während seine Gefährten gegen die Orks kämpfen – ist wirklich zauberhaft. Die Figur und Mimik Gollums als beinahe nackte, beinahe menschliche Kreatur (die nicht zuletzt wegen der übergroßen Augen an Harry Potters Elfen erinnert) sind wirklich ein kunsthandwerklich-computertechnisches Meisterwerk. Bilbo erspielt sich mit Rätseln den Weg in die Freiheit und könnte, wenn er denn wollte, Gollum mit seinem Elbenschwert umbringen. Wie anders hätte sich die Geschichte entwickelt, wenn er es getan hätte?
Nein, ich empfehle den Film trotzdem nicht. Lohnt sich nicht. Zeitverschwendung. Wie ganz anders hätten die Drehbuchschreiberlinge die Schwerpunkte setzen können! Natürlich sind die Special Effects bei Schlachtszenen faszinierend und aufregend und publikumswirksam. Wenn man denn hinschaut. Die meisten ließ ich mit geschlossenen Augen vorüberziehen. Aber … großes ABER: Nein, die Intention von Tolkiens Geschichte wurde meiner Meinung nach nicht erfasst, nicht einmal annähernd (und ich vermute, dass auch Teil 2 und 3 das Ziel nicht erreichen werden). Falls der Versuch überhaupt gemacht wurde, dann nur so leise, dass jemand, der das Buch und die Geschichte nicht kennt, keine Ahnung von der wirklichen Idee hat. Ein weiterer plumper Hollywood-Lärm-Schrott-Action-Streifen, auf den die Welt gut verzichten könnte oder ist es das, was die Welt wirklich will? Na dann Gut‘ Nacht, liebe Welt!
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2. Bernhard
Wie gut, dass ich mich auf dem Heimweg im Zug mit Schlinks Liebesfluchten auf andere Gedanken bringen konnte. Ich las weiter in der angefangenen Geschichte Die Beschneidung. Geniale Auseinandersetzung zum Thema Toleranz, Liebe, Hingabe und deren Grenzen.
Der deutsche Austauschstudent Andi verliebt sich in New York in die jüdische Programmiererin Sarah. Dass sie ihn im Laufe der Beziehung, obwohl sie ihn als Menschen liebt, doch immer wieder im Kontext seiner deutschen Herkunft sieht und unbewusst den Deutschen und Nazi in ihm sucht, macht Andi zu schaffen. Wenn er kontert, dass er sie doch auch einfach liebt, obwohl sie Jüdin ist, reagiert sie – nachvollziehbar natürlich – sehr verletzt, ohne deswegen seine Situation besser verstehen zu können. Dieses unausgesprochene Ich-liebe-dich-obwohl-du-Deutscher-bist, erträgt er irgendwann nicht mehr und entschließt sich dazu, in ihr Boot zu steigen und zu konvertieren. Ihr zuliebe. Um sich eine traditionelle Beschneidung zu ersparen, geht er unter einem Vorwand nach Deutschland und lässt sich die OP dort machen. Zurückgekehrt bemerkt Sarah den Unterschied nicht einmal (was ich mir zwar nur schwer vorstellen kann). Endlich versteht Andi, dass äußere und innere Veränderungen zwei Paar Schuhe sind.
Mit größter Sensibilität schildert Schlink diesen stetig wachsenden Beziehungskonflikt. Weder schönt er Sarah, die Jüdin, noch Andi, den Deutschen. Beide Standpunkte stehen nebeneinander und beider Sicht der Dinge verstehe ich als Leserin sehr gut. Ich mag die beiden Protagonisten und kann doch nicht glauben, dass sie den wachsenden Graben noch überwinden werden. Es sei denn sie lassen alle Vorgaben von Herkunft und Religion außen vor. Es gelingt nicht. Andi nimmt seine Schuhe und geht.
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Die meisten der sieben Geschichten dieses Erzählbandes drehen sich um das Scheitern von Liebe. Von Paar- ebenso wie von Elternliebe. Dem gescheiterten Versuch folgt für mich als Leserin die Erkenntnis, dass Liebe nur funktionieren kann, wenn wir sie nicht erzwingen wollen. Wenn wir Erwartungen loslassen.
Wie in allen Büchern, die ich bisher von Schlink gelesen habe, gibt er sich auch hier dem Versuch hin, seine Protagonisten die deutsche Geschichte von der einen oder anderen Seite aufarbeiten und verstehen zu lassen. Menschlich und nachvollziehbar. Und immer authentisch.
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Bild: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert mit Hipstamatic (ins iPhone integrierte Kamera).

Was darunter liegt

Erst im August, nachdem mich Windows mit ständigen Aufhängern und Abstürzen im Stich gelassen hat, bin ich – dank Irgendlinks technischem Support – endlich auf freie Software umgestiegen. Heute fühle mich mit Ubuntu und Co. mehr als glücklich. Einzig Photoshop habe ich nachgetrauert, ich gestehe es, denn mit Gimp bin ich einfach nicht warm geworden. Besonders verwirrt hat mich die dreiteilige Benutzeroberfläche. Auch die Benutzung der Werkzeugkiste empfand ich nicht selbsterklärend. Letzte Woche fasste ich, dank eines Youtube-Tutorials, den Mut, Gimp eine reale Chance zu geben, denn Nikonbilder auf dem iPhone zu appen macht nun wirklich keinen Spaß. Überraschend schnell begreife ich, wie ich Ebene auf Ebene setzen kann und die einzelnen Elemente abschließend zu einem einzigen neuen Bild vereinen kann.
Der Hintergrund, so begreife ist, gibt die Form vor. Er sagt, wie breit, wie hoch. Er sagt, ob transparent oder bunt und wenn ja, wie bunt oder welches Bild zuerst. Er ist das große JA! Ich lege andere Bilder darüber, übe das Handwerk von Gimp allmählich. Ja, es ist anders und nein, so anders als andere Programme ist es auch wieder nicht. Zuweilen ähnlich sogar wie die eine oder andere iPhone-App. Ich bin immer wieder fasziniert von der Vielschichtigkeit, verzaubert von den unmöglichen Möglichkeiten der Technik.
Die unterste Bildebene, der Hintergrund, ist meine Herkunft. Eltern. Geschwister. Kindheit.
Formgebung. Halt. Eingrenzung. Gefängnis.
Weitere Ebenen, die ich über die erste, zweite, dritte lege, heißen Beziehungsnetz, Beruf und Berufung, persönliche Identität als Frau, Vorlieben. Spannungsfelder. Jede einzelne Bildebene ist zustande gekommen, weil ich irgendwann irgendwo irgendwas gesehen, gespürt, erlebt und abgespeichert habe. Inklusive Wunden.
Ich bin viele. Bin jetzt, war gestern, werde morgen sein. Verschiedene Zeit- und Seinsschichten aufeinander.
Meistens arbeite ich an den einzelnen Schichten, oft an mehreren gleichzeitig, bewege sie, skaliere sie, drehe oder spiegle sie oder verändere ihre Farben, die Oberflächenstruktur oder die Intensität des Lichts.
Nur in ganz besonderen Momenten lassen sich alle Ebenen zu einem einzigen Bild vereinen. Mein kleines Nirwana: Einssein mit mir, das ein klein bisschen nach Erleuchtung riecht. Der letzte Akt. Vollendung.
Ist mein Hintergrund wirklich fix oder lässt er sich möglicherweise doch verändern? Wie viel Freiraum gibt er mir? Wie wäre mein Lebensbild, wenn er … und muss er darum bleiben, wie er ist? Ist er es …, ist er dieser ewig dunkle Ton, der meinem Leben seine Melodie vorgibt?
Bis zum letzten Klang?

Stairways – die Galerie

Nachtrag zu meinem Artikel vom 2. Dezember. Inzwischen habe ich das WordPress-Update geknackt und die Galeriefunktion wieder entdeckt.
Hier nun nochmals die Bilder von Artur Bozem, ergänzt mit Bildern von Martin Schöneichs Skultpuren. Alles und mehr wird aktuell augestellt im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel “Habitat”.