Ganz unten liegt der Schatz

Unerzählte Geschichten sind in der Mehrzahl. Nicht alle können sich vor dem Vergessen retten. Diese hier hat sich in den letzten Tagen ans Licht gedrängt. Sie will erzählt werden, auch wenn bereits Schnee über ihr liegt.
Schon mehr als zwei Wochen ist es her. Bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft war es, wo wir einmal mehr per Zufallsgenerator Himmelsrichtung und Distanz bestimmten, um unser Ausflugsziel zu definieren und mit diesen Vorgaben auf geocaching.com einen schönen Geocache ganz in der Nähe des von uns ermittelten Punktes zu suchen.
Die Wanderschuhe sind schnell geschnürt und schon geht’s los. Auf einem kleinen Hügel parken wir das Vierrad und machen uns von dort aus zu Fuß auf die Suche. Unten im Tal liege der Schatz, sagen unsere Kompassnadeln und sagt auch die Karte, unten, ganz tief unten, in einer waldigen Schlucht. Die Wanderwege machen Schlenker über Felder und Wiesen, die das Waldgebiet umgeben, weshalb ich vorschlage, querfeldein zu gehen. Zumal die Felder und Wiesen ziemlich trocken und ausgetreten sind. Und noch ganz und gar schneefrei. Wir gelangen problemlos an den Waldrand, wo jegliche Wege enden. Die Schlucht unter uns ist wirklich kein Sonntagsspaziergang. Feuchtes Laub. Steil abfallendes Terrain. Sehr steil abfallendes Terrain.

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(das Smiley zeigt die Koordinaten des Geocaches)

Zwar haben wir beide ausgezeichnetes Schuhwerk, dennoch schlägt Irgendlink vor, zurückzugehen und den Wanderwegen zu folgen.
Wir müssen ja nicht immer den mühsamsten Weg nehmen, wenn es einen anderen gibt, sagt er. Recht hat er, dennoch überlegen wir hin und her, und entscheiden uns schließlich doch dafür, versuchsweise ein paar Schritte ins Waldinnere zu tun. Um zu testen, wie gefährlich die Steigung wirklich ist. Einmal im Wald drin, gibt es aber kein Zurück mehr. Mehr rutschen wir als wir gehen und es macht richtig Spaß, sich von Baum zu Baum zu schlängeln. Ganz unten angelangt, erwartet uns ein herbstbuntes Märchenland. Stille. Ein wilder Bach am Talboden, den wir überqueren. Nun folgen wir einem Trampelpfad, der uns wieder ein wenig aufwärts führt.
Unsere digitalen Kompassnadeln lotsen uns Richtung Quelle. Zehn oder zwanzig Meter vor uns liegt der gesuchte Schatz versteckt, doch hier ist vor uns unter uns. Etwa fünfzehn steile, felsige Luftlinie-Meter unter uns, um genau zu sein.
Hier eine Kletterpartie zu wagen, grenzt schon ein wenig an Verrücktheit!, sagt Irgendlink. Doch schon bald ziehen wir die zuvielen Jacken und Rucksäcke aus und klettern vorsichtig über die glitschigen Steine. Denn natürlich sind wir verrückt genug für so was. Kurz darauf stehe ich auf einem letzten hohen Stein. Irgendlink hat sich mit seinen langen Beinen bereits zwei Ebenen tiefer geschoben, doch ich hänge fest. Wie kann ich diesen Graben von der oberen zur tiefer liegenden Zwischenebene bloß überwinden ohne zu stürzen? Was gäbe ich jetzt für längere Beine! Ich habe Schiss davor, mich ins Leere fallen zu lassen. Irgendlink überlegt, dass er mich einfach auffangen könnte, doch das geht nun gar nicht. Zwei müssen nun wirklich nicht stürzen.
So überlegen wir hin und her, bis ich den Einfall habe, dass er sich doch einfach in den Spalt stellen könnte. Ich kann nun problemlos den Graben zwischen oberer und mittlerer Ebene mit meinem rechten Bein überwinden, denn dieses ist auf einmal lang genug und die Distanz von unüberwindbar zu überwindbar geworden. Irgendlink tut nichts weiter als dastehen.
Von der mittleren Ebene auf die unterste ist es nun nur noch ein kleiner Sprung und von unten sehen wir sofort, dass der Cache genau unter meinem großen Felsen versteckt ist, sorgfältig mit Ästen und Steinen zugedeckt. Unsern geübten Geocacheraugen entgehen solche Verstecke nicht. Wir tragen schon bald unsere Namen ins Logbuch ein, das in der Tupperdose liegt, und machen uns wieder an den Aufstieg. Viel undramatischer ist dieser, denn nun entdecken wir einen einfacheren Weg. Zwar ist er ein bisschen länger ist, doch gefährliche Kletterpartien bleiben uns erspart. Zurück bei den Rucksäcken, wird mir auf einmal klar, dass uns am Waldrand oben eine Rückkehr auf den Wanderweg nichts gebracht hätte. Die Schlucht kann nicht anders als kletternd erreicht werden, ob nun von Norden, von Westen oder von Osten – der Weg ist einfach steil und auch von Süden, dem Flussbett entlang, nicht einfacher zu begehen.
Wie war das gleich? Das Leben ist nicht ideal.

Vom Ankommen. Irgendwann.

Eben erfahren wir, dass es in wenigen Minuten weitergehen soll. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten nach dem Stopp. Wir befinden uns irgendwo vor Olten. Auf der Rückreise von Bern, die wir extra mit dem Zug unternommen haben, um unterwegs keine bösen Überraschungen auf der Straße zu erleben. Keine billige Reise, doch wir haben sie uns geleistet, um Stress zu vermeiden. Stressen kann aber auch zugreisen. Was zu beweisen war. Den ersten Zug haben wir um eine Minute verpasst, im zweiten hängen wir nun fest.
Seit ich Kind war, habe ich ähnliches nicht mehr erlebt. Ein Schweizer Zug, der für unbestimmte Zeit auf offener Strecke stehen bleibt. Ein vor uns fahrender Zug sei wegen Bremsproblemen auf der Schiene stehengeblieben, sagt die Ansagestimme. Alle fünf bis zehn Minuten werden wir über den Stand der Dinge informiert.

Wären wir doch in Bern „James Bond“ gucken gegangen, dann wären wir bestimmt nicht auf offener Strecke stehen geblieben,
sage ich.
Zugegeben, Pannen riechen immer auch nach Abenteuer. Wir Menschen verlassen das geplante Gedankengebäude und werden ungefragt Teil eines Konzeptes, das wir nicht beeinflussen können. Natürlich lassen wir uns nicht gerne von geplanten Wegen abbringen, wir wollen, dass die Dinge so funktionieren, wie wir sie uns vorstellen, aber ein bisschen Abenteuer geht. Wenn es gut ausgeht, jedenfalls.
Bei der ersten Verspätungsankündigung hatte ich noch damit gerechnet, dass wir den Anschlusszug in Olten erwischen. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Wir stehen nun seit einer halben Stunde, doch noch fahren letzte Züge nach Hause. Wann wird es zu spät sein? Was wäre, wenn …? Der nächtliche Supergau: Ein Zug, der einfach nicht mehr weiterfährt. Der in alle Ewigkeit stehen bleibt.
Ich denke an Freund S., Mitglied unserer Berner Schreibgruppe, der früher nach jedem Schreibtreffen die abstrusesten Heimkehrer-Stories ins Schreibforum stellte, das wir damals noch regelmäßig frequentiert haben. Heute haben wir darüber mal wieder gewitzelt, bei unserm traditionellen Treffen am Berner Glühweinstand mit ihm und all den andern Schreiberlingen unserer Gruppe.
Ein bisschen ein „Weißt du noch?“-Abend ist es geworden, natürlich, wie immer, wenn sich die einen oder andern eine Weile nicht mehr gesehen haben, ein bisschen ernst war es auch und philosophisch, wie immer, doch haben wir auch viel gelacht. Hach, ich mag diese Bande einfach.
Ooops, wir fahren ja wieder! Wie schön. Irgendwann werden wir heute Nacht wieder zuhause sein.
Wie schön, in einem Land zu leben, wo Pannen behoben werden können und auch ein Nachtzug irgendwann irgendwo ankommt. Obwohl Irgendlink mosert, dass fünfundreißig Minuten für eine Schweizer Panne geradezu skandalös sind.
Später. Wieder zuhause. Irgendwann kommt man eben immer an … irgendwo.

Menschen und andere Menschen

Ich sauge im Schlafzimmer Staub und denke an diesen Nordkoreaner. Shin Dong-Hyuk. Ich bringe ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf, seit ich heute Morgen seine Geschichte gelesen habe. In den frühen Achtzigern geborener Sohn eines wegen politischer Aktivitäten inhaftierten Elternpaares wuchs er hinter Gittern auf. Immer zu wenig zu essen, keine Schulbildung, Zwangsarbeit und Gewalt waren für ihn das Normale. Die Welt jenseits der Stacheldrahtes kannte er nicht, konnte sie sich auch kaum vorstellen. Erst als junger Erwachsener erfuhr er von einem Kameraden mehr über die Welt da draußen und schließlich gelang ihm die Flucht, dem Kameraden nicht. Heute lebt Shin in den USA und in Südkorea. Seine Geschichte*, die Blaine Harden aufgezeichnet hat, ist nun auf Deutsch übersetzt worden und so haarsträubend, dass wir uns das nicht wirklich vorstellen können. Im neuen Magazin von Amnesty International stehen noch viele andere Geschichten, die mich nach Luft ringen lassen. In meiner gemütlichen Wohnküche sitzend spüre ich Tränen auf den Wangen. Und Wut im Bauch. Doch vor allem Hilflosigkeit. Das wenige Geld, das ich AI ab und zu spende, ist ein winziger Tropfen Wasser ins Feuer. Menschen sind es, immer Menschen, die anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Menschen zerstören andere Leben. Manchmal sind es Naturkatastrophen und manchmal sind es Selbstunfälle, die ein Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf stellen. Doch meistens sind es andere Menschen.
Ein Kreislauf, der von Eltern an Kinder weitergeben wird. Wie im Buch Die Perspektive des Gärtners von Håkan Nesser, das ich gestern Abend fertig gelesen habe. Ein Täter, der selbst Opfer war. Wird sein zweites Opfer, ein sechsjähriges Mädchen, das er nicht umgebracht, aber anderthalb Jahre isoliert und gewiss gequält hat, je wieder normal leben können? Oder hat er es für immer zerstört?
Das große Warum? stellen sich alle Menschen irgendwann in ihrem Leben und die Antworten fallen so vielfältig aus, wie die Menschen, die sie stellen.
Ich sauge nun im Wohnzimmer Staub und denke darüber nach, wie es denn richtig sein müsste, das Leben. Ein müßiges Thema, auf das ich, seit ich bewusst denken kann, erfolglos eine Antwort suche. Tage wie heute, die ich mehrheitlich in der „richtigen“ Welt verbringe, sind zurzeit in der Minderheit. Einen großen Teil meiner Arbeitstage verbringe ich in der virtuellen Welt, schreibend oder mit Blogarbeiten und Mailantworten beschäftigt. Haushalt mach ich nebenher. Doch heute war Putzen angesagt – inklusive frische Betten. Ist das richtig? Ist es richtig, meine (scheinbar) heile Welt, zu pflegen? Wäre es nicht richtiger, irgendwo auf der Welt, Feuer zu löschen? Auch solche Fragen habe ich schon rauf und runter gewälzt. Und auch hier habe ich für mich nie eine wirklich befriedigende Antwort gefunden. Antworten auf große Fragen überleben bei mir nie lange. Seifenblasen, die der Wind mitnimmt.
Staubsaugen ist ein Ritual! Auf einmal steht dieser Satz vor mir und will gehört werden.
Ein Ritual?,
frage ich ihn.
Du bringst deine Welt in Ordnung. Diese Welt braucht Ordnung. Alle tun, was sie können. Oder sagen wir mal, die meisten. Viele jedenfalls!,
antwortet mir der Satz.
Ich glaube ihm nicht so ganz, zugegeben. So ein dahergelaufener Satz, kann ja behaupten, was er will. Ob es wohl mehr Menschen gibt, die das Gute anstreben – das ich mit lebensfördernd, rücksichtsvoll, nachhaltig, global, gerecht und dem Kollektiv dienend umschreiben will – oder mehr Menschen, die kurzsichtig, gewissen- und rücksichtslos, egoistisch, korrupt und gewinnorientiert denken und handeln? Schwarzweiß gibt es nicht, wir alle haben alles in uns. Oft können wir wählen. Tun wir es auch, und wie?
Und wie kann ein Mensch wie Shin Dong-Hyuk heute leben? Er sagt, dass er erst in der Freiheit jene Schmerzen erkannte und begriff, die er sein bisheriges Leben lang, immerhin dreiundzwanzig Jahre, einfach, ohne darüber nachzudenken, ertragen hat. Wie kann er heute in dieser Welt leben? (((Adelt Leid wirklich?)))
Wie ich später den Abfallsack zusammenschnüre und nach draußen stelle, denke ich über die ganz persönliche Psychohygiene nach und wie wichtig es für mich ist, dass ich hinschaue: Reflexion meines Lebens in liebevoller Haltung. Wie der tägliche Blick in den Spiegel. Kann ich mir in die Augen schauen?
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* Blaine Harden: Flucht aus Lager 14, DVA Sachbuch Verlag, München 2012
Zitat aus dem erwähnten Interview:

Was treibt Sie an?
Materiell geht es mir heute viel besser. In dieser Hinsicht führe ich ein gutes Leben. Aber ich habe noch immer psychische Probleme. Ich lebe in Washington D.C, und Seoul, doch es gibt keinen Flecken auf der Welt, den ich meine Heimat nennen könnte.

Quelle: Amnesty – Magazin der Menschenrechte. Nr. 72/Dezember 2012. Zitiert aus: The Wire (Magazin des Internationalen Sekretariats von Amnesty International)

Farbenbaden

Im Museum Pachen in Rockenhausen, das wir vorletzten Sonntag besucht haben, sind neben den wechselnden Ausstellungen – aktuell „Habitat“ mit Artur Bozem und Martin Schöneich – auch ständige Werke ausgestellt. In Vitrinen und an den Wänden des ersten Raumes fanden wir eine kleine, feine Auswahl älterer und zeitgenössischer Werke.
Besonders angetan hat es mir dieses Werk von Bernard Schultze, den ich bis dahin nicht kannte. Das Bild zog mich geradezu magisch an und ich war überrascht, dass es von einem doch eher älteren Kunstmaler geschaffen wurde, hätte ich es eher einer jüngeren Künstlerin zugeordnet. Kunst ist manchmal eben alters- und geschlechtslos. 🙂 Ich sehe darin so viel Leichtigkeit, so viel Helligkeit – und doch, da ist auch Spannung …
Passt gut zum Namen …
Alle Bilder durch Draufklick zu vergrößern …

Bernard Schultze - dem Hellen drohend
Bernard Schultze – dem Hellen drohend (1996)

Mehr Bilder von Schultze: hier klicken!
Hier nun eine kleine Rundschau weiterer Bilder von Artur Bozem. Viel Spaß bei der virtuellen Ausstellung.

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Stairways

Led Zeppelin im Ohr. Eine Woche schon. Und ich kann nicht mal etwas dafür. Der Song wurde mir in die Ohren geschoben. Und er hält sich hartnäckig. Und ja, er gefällt mir tausendmal besser als Süßer die  Glocken Blogger nie klingen. In Rockenhausen wartete er auf uns und war Teil einer Vernissage. Teil eines Klavierrezitals (heißt das so?). Der junge Pianist habe, so erzählte er mir später bei Champagner und Blätterteiggebäck, das zuletzt gespielte Potpurri selbst komponiert. Um Stairways to Heaven hat er aufregende Schlenker gebaut, die seinem leidenschaftliches Spiel noch mehr Würze gaben als in den beiden vorherigen Stücken.
Artur Bozem und Martin Schöneich stellen aktuell im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel „Habitat“ zusammen aus. Arturs Bilder habe ich bereits früher mal wieder hier gezeigt, Martin Schöneich kannte ich kaum, hatte seinen Stand an der diesjährigen Mainzer Kunstmesse unter all den andern nur am Rand wahrgenommen. Sehr ansprechend die Kombination der Metallskulpturen mit Arturs Gemälden. Besonders imponiert haben mir die fünf sehr großen Bilder aus Arturs Serie „Anderswelt“, die ergänzt von kleineren Bildern, das Schwergewicht seines Ausstellungsbeitrages ausmachten.
Ich hatte zum Glück mal wieder meine Minolta Nikon dabei und werde vermutlich in den nächsten Tagen das eine oder andere Bild vom Bild nachliefern. Für heute einfach mal eine kleine Zusammenfassung von Arturs „Anderswelt“ mit einem Winkewinke zu Frau Blau hin, die nächste Woche auf Pixelismus ebenfalls Anderswelten ausstellen wird.
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(Draufklick für groß)

Ich zeige euch hier meine allerallererste Gimp-Collage (seit August bin ich ja auf Ubuntu und Opensource-Programme umgestiegen). Nein, sie ist nicht perfekt gebastelt, aber um euch einen Eindruck der wirklich ausdrucksstarken Bilder zu vermitteln, reicht’s allemal. Die Reihenfolge entstand relativ willkürlich. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass hinter dieser Serie – einschließlich der nicht mit ausgestellten Bilder  – gewiss ein Ablauf steckt, eine Aufbau. Jedenfalls in den Augen des Künstlers.
Mein Lieblingsbild ist das zweite von rechts … 😉
Fortsetzung folgt?
Ach, und dies noch, das muss jetzt einfach sein …
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=qHFxncb1gRY]
Gute Nacht allerseits …

Die Muffe

Oh, das Wort gibt’s sogar, das ich mir überstülpen wollte. Für Dezember nur, für dreieinhalb Wochen. Als Schutzmauer, bis Weihnachtsklimbim vorbei ist.
Weihnachtsmuffe, meine weibliche Form zu Weihnachtsmuffel. So jedenfalls mein Gedanke. Doch die Suchmaschine wusste es besser. Sie meint, Muffe sei ein Teil zwischen zwei Teilen. Passt ja irgendwie fast besser zu mir. Brücke. Verbindung. Übersetzerin. Überbringerin. Botin. Wie auch immer: Muffe statt Muffel passt besser und sitzt eigentlich wie angegossen.
Ob es das schon als Berufsbezeichnung gibt? Ich könnte Workshops anbieten. Alles besser als so einen Muffeltag wie heute. Nach zwei Wasserschäden an einem Tag – Sofa und Laptop mit Getränken geflutet, nun (auf dem alten Laptop schreibend) das Trocknen abwartend und hoffend, dass er bald wieder mit mir spielen will – habe ich vor, den Resttag mit Bier und Buch auf dem Restsofa (trockene Hälfte) zu verbringen.
Vorher per Mail mit Irgendlink über Deiche philosophiert. Und über Wellenbrecher. Und dass vieles im Leben so tut als wäre es was anderes. Dinge und Menschen. Danach gedacht , dass wir nie wissen, was wirklich ist, weil sich jede Wirklichkeit sogleich von der nächsten überholen lässt. Meereswellen – sie kommen und gehen. Schwemmen Treibholz mit sich mit – Ideen für den nächsten Tag.
Gut, dass du sein Autor bist, nicht ich!, schrieb ich über eine von Irgendlinks Romanfiguren.
Ob meine altvertrauten, schlummernden Romanfiguren, die ich heute zu neuem Leben erwecken wollte, wohl froh sind, mich als ihre Autorin zu haben?

Wirbeltage

Ein bisschen wie Ebbe und Flut ist mir … als wäre ich ein Stein, ein Blatt, ein Ast, den das Wasser mal mit sich in den See zieht, mal ans Ufer spült. Ziellos treibe ich dahin, und doch nicht ziellos. Absichtslos. Und lustvoll auch … Seit einigen Tagen ist die Lust wieder da, aus Fotos Appspressionismen zu gestalten, zu appen. So absichtslos wie früher nicht. Nicht weil ich am Schluss ein Kunstwerk geschaffen haben will, nein, eher so, wie ich als Kind gemalt habe. Schauen, was passiert. Natürlich weiß ich, wie die einzelnen Apps funktionieren, natürlich weiß ich, was passiert, wenn ich so oder anders. Und nein, ich weiß es eigentlich trotzdem nicht. Oder ich weiß nicht, wie es aussieht, wenn das und jenes passiert ist. Wie ich nicht weiß, was passiert, wenn ich dies und jenes im Alltag so und so entscheide. Hypothesen. Theorien. Nur wenn ich sie anwende, werden sie wirklich. Sichtbar.
Heute gedacht: Die Orientierung an Normen schadet uns, sie lässt uns zu Leistungsmaschinen werden. Auch Vergleichen ist schädlich, es macht uns zu AnpasserInnen. Bedingungslose umfassende Liebe lässt uns Menschen sein, die sich diesem Druck entziehen können. Das ist Kunst, wahre Lebenskunst.
Kunst und Liebe. Liebe und Kunst – Zwillingsschwestern.
Kunst darf verspielt sein. Kunst darf eine Botschaft haben. Kunst ist so unfassbar wie ihre Kunstschaffenden. Kunst entzieht sich jeder festgelegten Definition, sie überholt ihre Definition sozusagen ständig. Kunst ist längst nicht mehr monogam, die meisten Kunstschaffenden arbeiten interdisziplinär. Kunst ist. Kunst genügt sich selbt. Kunst widerspricht sich selbst.
Und ob das hier Kunst ist, ist mir egal.

You and me, November 2012 by Sofasophia

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vor der Geburt, November 2012, by Sofasophia

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Anläßlich meines Geburtstagsgratulationsanrufes heute Morgen bei Freund M., der dieser Tage zum ersten Mal im hohen Alter von 46 Jahren Papa wird, erfahre ich – während ich auf meinem iPhone intuitiv dieses Schneckenhaus male –, dass ihr Baby zu warten beschlossen hat und sich keinen Deut um längst vertagte Geburtstermine schert.

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Bilder: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Novemberstrudel

Nun sucht sie Worte. Jene, die es nie gibt. Jene Buchstabenfolgen, die noch
sinnleer sind. Jungfräuliche. Nie gedachte. Nein. Nicht
denken. Nicht. Nicht jetzt, denn
Schmerzen
sind nur wirklich, wenn sie sie denkt. Denken
tut weh. Ist treten an Ort. Ist drehen im Kreis. Ist taumeln. Aber sie
sucht. Sie sucht.
Sinnvoll sinngebend sinnig unsinnig sinnentleert Punkt.
Der Strudel. Ist. Sie. Nie ohne ihn. Immer der Strudel. Erwacht
sie, ist er da. Bereits. Immer. Er wartet überall. Kopfkino
nennt sie ihn auch. Ein Wort, das es gab. Weil es Kino und
Kopf schon gibt. Wörter aus der Kiste. Nein, dort findet sie keine
neuen Worte. Sie sucht sie anderswo. In sich. Neue weiche
Wörter, die sich nicht irren können. Noch nicht. Sie sagen ihr, was
hinter dem Nebel wartet.
Weicher Nebel.
Auf dem Weg von Wort zu
Wort hüpft sie wie von Stein zu Stein. Das Kind,
das sie war. Ist. Springt. Von Stein. Zu Stein. Ohne
die Ritzen, die Straßenwunden, zu berühren. Gib ihr für
jede neue Ritze, an die sie rührt, ein altes
Wort.
Ein omnipräsentes. Ein oft gekautes. Ein klebriges. Weinen wie
ein Schloßhund. Die Sonne lacht. Nach dem Regen.
Alles
wird wieder. Gut! Das Leben geht weiter.
Viele Ritzen. So viele. Sie fällt hin. Zwischen die Steine. Unsinnig. Grundlos.
Fallen tut weh. Ein Wort, das es gibt. Gab. Schon immer.
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Ein kleines Weitergespinst zu Mützenfalterins „Novembernebel“-Blogartikel vom 27. November 2012.

Warum Marius der Richtige sein könnte

Verflixt! Natürlich will ich! Nichts lieber. Vorwärts. Drauflos ohne zu denken. Eintauchen. Genießen. Schwimmen. Mit dem Strom und gegen ihn. Ich sitze am Küchentisch in der Künstlerbude. Auf dem einsamen Gehöft. Novembernachmittag und der Liebste unterwegs in Sachen Kunst, als Hüter einer laufenden Ausstellung.
Schreiben wolle ich, endlich mal wieder, sagte ich, bevor er sich auf den Weg machte. Doch zuvor hole ich mir einen Becher Joghurt – Reiseproviant muss sein. Ich setze mich wieder hin und lasse meine Gedanken zur Klippe hin spazieren, an den Rand. Dorthin, wo das Meer unter mir rauscht und riecht und wo ich den Rand der Welt sehen kann. Dort, wo meine Ideen sich am liebsten tummeln. Dort, wo sie oft auf mich warten. Dumm nur, dass meine Kehle brennt. Ein Schluck kalter Tee schafft Abhilfe.
Gut. Wo waren wir gleich? Ah, ja, mental gehe ich erneut den Weg zur Klippe. Los, los …
Doch nun friert es mich. Ich stehe auf und lege Holz nach und erneut die Finger auf die Tasten. Stopp, eben ist eine Mail angekommen. Von wem sie wohl ist? Nur schnell gucken … bin gleich wieder da, versprochen!
So, Mädel, jetzt aber … spann das Netz auf! Fang sie endlich ein, die Wörter! Tauch ein ins Buchstabenmehr. Schwimme! Lass dich ein, genieß die Trance. Oh, das Handy bimmelt. Eine SMS von Irgendlink. Ausschalten? Oder doch spazieren gehen? Es klopft. U. und N. sagen kurz Hallo!, bleiben aber nicht lange, richten Grüße aus.
Und wieder stehe ich am Rand der Klippe. Nein, zuerst schaue ich auf die Uhr. Was, schon fast fünf! Nein. Vergiss die Zeit. Schreib! Jetzt.
Schreiben ist melken. Die Ideenkuh um ihre Milch erleichtern, die sie aus grünem Sommergras, längst Heu geworden, geschaffen hat. Weil es ihre Natur ist. Mein Gras sind die Buchstaben und meine Natur die Wörter, Sätze, Geschichten. Alle Wörter aus allen Geschichten, die ich auf meiner Festplatte hüte – die angefangenen, angedachten, beinahe fertigen, erst geplotteten, gesponnenen, gewobenen – alle zusammen in einen Topf schnippeln, Wasser dazu und Salz, Zwiebeln und Knoblauch … umrühren, aufkochen … Wie es wohl schmecken würde?
Ich lese mich ein, da und dort, zappe mich zum nächsten Ordner und treffe Altbekannte. So viele Texte! So viele Ideen! Ein zauberhafter Vormittag in meinen Kellerräumen geht wie im Flug vorbei.
Nach dem Essen machen wir ein Nickerchen. Während Irgendlink schnell abtaucht, steht meine Kellertüre viel zu weit offen, als das ich schlafen könnte. Ist ja logisch, dass alle hinauf kommen, wenn die Türe geöffnet ist:
Stephanie, die soziopathische Lehrerin und Ivan, die Romanfigur setzen sich nebeneinander in den Warteraum in meinem Kopf und betrachten sich verstohlen. Kennen wir uns?, fragt sie. Nun kommt Lia, die als versponnene Bloggerin Clio das WWW aufmischt und dabei Henrik den Kopf verdreht. Nein, halt, Henrik ist doch der Autor jener Liebesgeschichte, die Stephanie im Internet gelesen hat – wo Ivan die Hauptfigur ist? Hm. Nein, Ivan war doch … und wie hieß gleich der schräge Leser von Clios Blog? Benno? Nein, Benno ist der Musiker, der von Marc verfolgt wird, nachdem seine Freundin Birgit diesen indirekt für den Suizid ihrer Mutter verantwortlich gemacht hat. Und Rona, Olivia und Camilla? Ach ja, die drei haben auch einiges erlebt. Zum Glück ist Marius aufgetaucht – und Nonna war zur Stelle, als es Camilla so schlecht ging. Und Elena! Elena, die nicht mehr konnte – Dario könnte eigentlich ihr Bruder sein. Auch er hat aufgegeben. Doch Christa und Irène werden es schaffen, da bin ich fast sicher. Wie genau, weiß ich allerdings noch nicht. Vermutlich werde ich es erst wissen, wenn ich es selbst geschafft habe.
Von allen Figuren sind mir Christa und Rona am ähnlichsten. Rona, die mir vorgemacht hat, wie man zurück ins Leben findet, die mir gezeigt hat, dass der erste Schritt nicht immer so schwer sein muss, wie ich immer dachte. Rona, die über ihren Schatten gesprungen ist. Ihre Liebesgeschichte, die ich vor langem geschrieben habe, wurde Jahre später durch meine eigenen Wirklichkeit sozusagen verwirklicht. Sowas soll vorkommen. Ach, ja, wo wir schon dabei sind … all die Liebesszenen, die ich in meinem Keller gefunden habe, schön sind sie. Ich staune über Texte, die ich längst vergessen habe. Erotische ebenso wie witzig-ironische. Längst nicht alle sind depressiv, längst nicht alle Figuren stehen am Abgrund.
Und jetzt sitzen sie alle da, warten auf ihren Auftritt, warten darauf, dass ich ihnen das Skript in die Hand drücke. Wie es wäre, sie alle im gleichen Stück auftreten zu lassen? Wie es wäre, alle diese angedachten Geschichten – schon geplottet und zum Teil geschrieben – miteinander zu verweben?
Mir fällt ein Schreibprojekt aus meinem Deutschunterricht ein. Wir Siebzehnjährigen hatten die Aufgabe, uns eine Figur auszudenken und über sie drei oder vier kurze Alltagsszenen zu schreiben. Einzige Vorgabe war eine bestimmte, per Los ermittelte Tageszeit. Was genau tut meine Person um 14:15? Und was tut sie um 18:30 und um 22:45? Unsere Szenen fügten wir anschließend zu einem ganzen Tag zusammen. Eine tolle Geschichte haben wir da gewoben. Sie lässt mich an Short Cuts denken, jenen Film aus den Neunzigern von Altman: Ausschnitte aus den Leben von Menschen, die einzig durch wenige Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind: Alle wohnen sie in Los Angeles und alle waren betroffen von einem Erdbeben am Schluss des Filmes. Auch kommt in allen Eröffnungesszenen ein Helikopter vor. In meiner Geschichte ließen sich mindestens so viele Gemeinsamkeiten finden. Nur schon, dass fast alle in Bern spielen. Oder spielen könnten.
Die Lust, zu spinnen ist da. Zugegeben, die Arbeit scheue ich, die Planungsarbeit vor allem, die Kopf- und Denkarbeit, obwohl … die Lust, einen übergreifenden Plot aus all den Geschichten zu weben, wabert bereits durch Herz und Kopf. Hey, warum nicht gleich eine Trilogie? Think big, Sofasophia! 🙂
Ähm, und das soll ich jetzt bloggen? Okay … ist ja schließlich mein Blog.

Schwestern

Eine Weile her. Angefangene Geschichte. Unvollendet wie viele. Über Clio schrieb ich, die mit ihren Selbsten zusammensitzt, sich mit ihnen austauscht. Nein, dazu muss eine nicht schizophren sein, überhaupt nicht. Wir alle sind viele. Schon Pessoa wusste es. Und vor ihm andere, gewiss. Ach, möge sie in Frieden ruhen, meine Clio, denn heute erzähle ich von uns. Vom siamesischen Zwillingspaar. Ich bin sie. Sie sind ich. Alle. Mehrere. Viele. Ich bin die depressive Schwester, nennen wir sie Dolorosa, und ich bin ihre lebensfrohe Schwester, Allegrina. Eine, die sich traut und eine die vor jedem neuen Ding erst einfach mal Schiss hat, sich nichts zutraut. Und immer ist eine von beiden ein bisschen mehr am Ruder. Doch sag, ist eine von beiden nun weniger real als die andere, nur weil sie im Augenblick stiller und ein bisschen anders ist?
Ach hör nur, wieder nörgelt Dolorosa an Allegrina herum, weil diese den Dingen, so behauptet sie, nicht mit dem nötigen Ernst begegnet. Und Allegrina? Ach, sie nervt sich, ein klein bisschen jedenfalls, über die Behäbigkeit und Schwermut Dolorosas, weiß aber, denn darin ist sie ihrer Schwester überlegen, in ihrer heiteren Weisheit, dass es nichts bringt, sich zu nerven. Verlorene Energie. Verschwendete Kraft. Besser vorwärts gehen.
Doch geht zusammen vorwärts gehen, zumal wenn man nur zwei Beine hat, am besten, wenn man sich über die Richtung einig ist. Ach, wie oft wir schon gestolpert sind! Wie oft wir schon gefallen sind! Immer wieder haben wir uns hochgerappelt, manchmal allein, manchmal uns gegenseitig unterstützend, manchmal war auch Hilfe anderer notwendig.
Doch noch mehr bin ich, noch mehrere. Auch die, die ich vor einem Jahr war, als ich in Deutschland lebte. Und die auch, die vor sechszehn Monaten durch Schweden reiste. Vor zehn Jahren war ich die Mutter eines kleinen Jungen. Vor vierzig Jahren ging ich in der ersten Klasse. Und auch die, die im Bauch meiner Mutter der Geburt entgegen wuchs, war ich. Davor die Ungezeugte. Die Idee. Ein Funke. Ein Tropfen. Ein Punkt. Davor weniger als ein Punkt. Die Nicht-Idee. Die Nichtseiende. Nichts.
Im Nichts ist immer auch alles. Jetzt.