Alles, was wahr ist

I gloube nümm, won I nume gseh*, singt Büne Huber von Patent Ochsner im Lied Niemer im Nüt**.
Wir sehen nur mit dem Herzen gut, sagt Antoine de Saint-Exupéry.
Über Wahrnehmung lässt sich streiten und über Wahrheit erst recht. Oder eigentlich überhaupt nicht.
Mein Versuch, den Besucher aus dem 25. Jahrhundert, Lind Kernig***, dem ich gestern das Fricktal meiner Gegenwart zeigte, zu fotografieren, scheiterte kläglich. Meine Autostich-iPhone-App hat mir das linke Bild ausgerechnet, mit Gimp, auf dem Laptop habe ich das Bild rechts gebastelt (Vorlage sind je drei, resp. vier Turmbilder vom gleichen Standort aus).
die zwei türme_smIn Wirklichkeit sah der Turm aber gaaanz anders aus. Eben hat mir Lind Kernig, wieder zurück in der Zukunft, das nachfolgende Bild übermittelt. Wie er das Bild aufgenommen hat, verrät er mir leider nicht. Das kleine technische Ding, das er während seines Besuches ständig mit sich herumtrug, ähnelte zwar einem gemeinen Smartphone des einundzwanzigsten Jahrhunderts, doch ich solle gar nicht erst anfangen, es mit unserer Technik vergleichen zu wollen, sagte er nur und zuckte vielsagend die Schultern.
Ich muss zugeben, dass das Bild unten dem Original am ähnlichsten sieht.
Für die Qualitätseinbussen bei der Übermittlung des Bildes vom 25. Jahrhundert in die Gegenwart bitten wir um Verzeihung. Obwohl wir ja nichts dafür können. Es handelt sich um Konvertierungsprobleme****. Wir arbeiten dran.
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Bilder:
Undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Ich glaube nicht mehr, was ich nur sehe.
** Niemand im Nichts
*** Anagramm zu Irgendlink
**** Pssst, ich glaube, das Bild wurde einfach mit Panorama-Editor für Ubuntu/Linux gerechnet

Die spinnen, die GeocacherInnen*

Also wirklich! Wenn man schon lesen kann, dann sollte man es auch tun. Vorher. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist es gut, dass wir es vorher nicht gelesen haben. Ein Nachher wie jetzt hätte es wohl so nicht gegeben. Muskelkater allerdings auch nicht.
Der am Morgen gefasste Plan, den voraussichtlich einzigen halbwegs schönwettrigen Tag dieses Wochenendes – nach Regen- und vor Schneetagen – mit einer kleinen Geocache-Tour* auf dem Bözberg zu vergolden, klingt verheissungsvoll. Den Bözberg kennt Irgendlink aus seiner Jugendzeit – von einer Radtour zu einem Freund seines Vaters. Und da diese nicht unerhebliche Erhebung, die den stolzen Namen Berg trägt, praktisch um die Ecke liegt, steht diesem Plan nichts im Weg. Wir fischen im Netz ein paar Koordinaten von Geocaches, die in der Nähe voneinander liegen und begeben uns auf die Spuren der Römer. Klingt es denn nicht schön, als Geocaches Suchende einer armen Magd zu helfen oder auf dem Römerweg zu wandern?
Bald parken wir auf einer kleinen Straße, die in einen Feldweg mündet. Auf Irgendlinks Vorschlag hin, parke ich in einem zweiten Anlauf ein bisschen mehr auf die Wiese als beim ersten Mal. Für den Fall, dass ein Traktor käme. Man weiß ja nie.
Eisiger Wind schlägt uns entgegen. Wie froh ich um meine Handschuhe bin. Dass ich zwei Stunden später schwitzen werde, kann ich mir nicht vorstellen, als wir vom Altstalden Richtung Gallenkirch wandern. Den ersten Cache des Tages haben wir bereits in Neustalden auf dem Vorbeiweg gefunden.

gefunden
Pic by Irgendlink, apped by Sofasophia (Gimp) – Ich logge den ersten Cache.

Der zweite, mein 199. Cache, ist den Römern gewidmet, die sich ja damals im Aargau ziemlich breit gemacht und überall Spuren hinterlassen haben. Auch in meinem Wohnort. Da ganz besonders. Dass sich die Römer nicht immer einig waren, muss ich vergessen haben, lese es aber heute auf einem Gedenkstein, an dem wir vorbeispazieren. Auf dem Bözberg sind auch, so lesen wir weiter, ein paar Schlachten gegen meine Vorfahren, die Helvetier, geschlagen worden. Leider zu Ungunsten meiner Vorgängerinnen und Vorgänger.
Überlebt müssen sie aber trotzdem irgendwie haben, sonst wäre ich nicht hier!, sage ich.
Meine 199 finden wir ebenfalls ziemlich schnell, doch nun fängt das Verwirrspiel an. Da ich mir den dritten Cache zuhause nicht aufs iPhone geladen habe und Irgendlink eine nur rudimentäre Karte geladen hat, die wir auch noch falsch interpretieren, gehen wir zuerst ein Stück in die falsche Richtung. Erst als ich mich entschliesse, den Cache aus dem relativ guten Handynetz zu laden, und wir damit eine gute Karte zur Verfügung haben, wird die Suche einfacher. Wir müssten entweder ein Stück zurück oder einen großen Bogen über den alten Römerweg machen. Zweiterer lockt mehr.
Faszinierend, im Wald dem steinigen Weg mit seinen ausgefahrenen Wagenspuren zu folgen und nach einem Abstieg wieder aufwärts zu wandern. Auf einmal stehen wir an einem Hügel und hören tief unter uns das Wasser rauschen. Genau dorthin, in diese Schlucht hinunter, zeigen unsere Richtungspfeile. Es sind ja bloß vierzig Meter Luftlinie. Nur!?
Ich will quer den Hang hinunter, doch Irgendlink findet diesen Plan lebensgefährlich. Na ja, ich eigentlich auch, aber was wottsch? Irgendwie müssen wir ja runter? Bald finden wir so etwas ähnliches wie einen Pfad, dem wir, mehr rutschend als wandernd, schließlich folgen, nur um nach ungefähr hundert Höhenmetern Rutschpartie einen seriösen, den offiziellen Wanderweg zu finden. Okay, immerhin müssen wir also nicht wieder querwaldauf klettern beim Rückweg. Auch nicht schlecht. Noch sind unsere Schuhe übrigens einigermaßen sichtbar unter der Schlammschicht.
Doch das war ja auch erst der Anfang (frieren tun wir längst nicht mehr), denn noch trennen uns fünfzehn Luftlinienmeter vom Ziel. Ein Klacks. Ungefähr eine Dreiviertelstunde Kletterei in drei Akten. Beim ersten Mal runterklettern schwöre ich mir: Nie mehr! Ein paar Mal verdanke ich mein Leben nur noch einigen jungen Bäumen, die mich abbremsen.
Ein Wanderstab, ein Königinreich für einen Wanderstab!, seufze ich.
Dein Wunsch sei dir erfüllt!, sagt er, stellt sich mir buchstäblich in den Weg und schon geht es viel einfacher. Unten angelangt, suche ich erst Mal eine Weile nach Irgendlink, der nicht den gleichen Weg hinuntergeklettert ist und bereits beim Wasserfall vorne nach dem Cacheversteck gesucht hat. Als ich ihn endlich entdecke, ist er bereits wieder oben. Ohne den Cache gefunden zu haben. Auch ich suche mit den Augen die Gegend ab, doch zugegeben, ich bin heute nicht wirklich scharf darauf, jeden Stein hochzuheben.
Oben kommen wir endlich auf die Idee, die Detail-Beschreibung des Geocaches und seine Gefahrenbewertung zu lesen. Auch der Hinweis auf das Versteck und das, was in früheren Logs steht, sind aufschlussreich.
Wie blutige Anfänger haben wir übersehen, dass der Cache auf einem hohen Terrainniveau eingestuft ist. Auch lesen wir, dass der Cache in der unmittelbaren Nähe des Wasserfalles sein muss. Ich schlage vor, dass wir uns von der oberen Seite dem Wasserfall nähern, was sich aber in der Praxis nicht als ideal erweist. Wieder nach unten gekrabbelt stellen wir fest, dass wir uns doch zu weit vom Cache entfernt haben und so krabbeln wir wieder den Hügel hoch. Irgendwann kommt der Punkt, wo Dreck egal wird. Die Hosen sind bis zu den Unterschenkeln verspritzt, die Schuhe kaum mehr unter dem Matsch zu sehen und die Hände erdbraun, denn sie dienen zwischendurch als Krabbelhilfen, wenn wir uns mit ihnen nicht grad an Bäumen festkrallen.
Erneut oben angelangt beschließen wir, einen allerletzten Versuch zu wagen. Eine dritte Rutschpartie in die Schlucht hinunter – diesmal mit ein bisschen mehr Informationen bezüglich des Verstecks. Wir müssen nach einer Amphore Ausschau halten, wissen wir nun. Und sie muss an einem überschwemmungssicheren Ort sein. Unsere Augen suchen die Gegend ab. Irgendwann hat Irgendlink den Einfall, den Bach zu überqueren. Seine Jakobsweg-Wanderstiefel sind zum Glück wasserdicht und halbschienbeinhoch, sodass er diese Überquerung ziemlich unbeschadet übersteht. Drüben angelangt, steckt er seinen Kopf unter einen tropfenden Felsvorsprung und wird … fündig. Wir jubeln, doch mein Liebster schüttelt sich gleich darauf wie ein begossener Pudel, musste er doch unter eine Art Mini-Wassserfall greifen. In der hübschen, kupfernen Amphore, die er hervorgezogen hat, steckt eine wasserdichte Kunststoffröhre mit einem eingerollten Logbuch, doch wie er seinen und meinen Namen hinkritzeln will, bricht die Bleistiftmine ab. Pech aber auch!
Du hast doch auch einen Logstift dabei?, ruft er über den Bach, um das Tosen des nahen Wasserfalls zu übertönen.
Jaaa, ähm, nein, der ist im Rucksack. Im Auto!, rufe ich zurück. Mach halt Fingerabdrücke mit Lehmpfoten!
Das tut er und mit dem abgebrockenen Bleistiftspitz kritzelt er sogar noch unsere Initialen in die Abdrücke. Köstlich und echt römisch!
Das größte Abenteuer steht ihm aber noch bevor. Das wiederverpackte Teil muss zurück in die nasse Höhle. Einen heißeren Strip habe ich noch nie erlebt. Mütze, Outdoorjacke, Faserpelz, Pulli, T-Shirt lässt er elegant auf einen Stapel fallen und schließlich steckt er todesmutig seinen Kopf in die Tropfsteinhöhle, um das Ding wieder an seinen Platz zu legen. In uns allen steckt eben ein kleiner oder großer Held! Und dieser schafft es später sogar (mit meiner Schiebehilfe) das Auto aus der schlammigen Wiese herauszufahren.
Selber schuld, denk ich nur, ich hätte es eben nur halb in die Wiese gestellt.
Die folgende Montage erzählt die Geschichte unserer kleinen großen Schatzfindung.
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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen

1.)
Schon früh bin ich auf die schiefe Bahn geraten. Schon bald hatte ich den Glauben daran verloren, dass mein Leben wirklich so funktionieren kann. Mit diesem sacrosankten Dualismus Arbeit versus Freizeit. Wobei Arbeit ja nicht nur sicheres Einkommen, sondern oder besonders auch Image und Prestige bedeutet.
Nein, nichts gegen Arbeit. Ich arbeite gerne. Ich hatte auch immer tolle Arbeitsstellen. Fast immer, jedenfalls. Kleine Ausnahmen bestätigen bloß die Regel. Ich hatte Glück und ich hatte viele verschiedene Jobs. Vieles arbeitete ich auch, ohne Geld dafür zu bekommen. Sicher mehr für ohne oder wenig als für viel Geld. Und eigentlich arbeite ich immer. Jetzt auch. Arbeit ist ein Synonym für das, was wir tun, um den Geist zu befriedigen, der sich immer neue Dinge ausdenkt. Der sich mit dem, was geschieht, auseinandersetzt.
Ich mag die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und auch das Feindbild Arbeit, das damit unbewusst in uns lebt, nicht. Ich mag sinnvolle Arbeit und tue mich zugleich schwer damit, Arbeit und Leistung als Beinahe-Synonyme zu betrachten. Ich will der Arbeit ihren schweren Rucksack ausziehen. Arbeit, besonders die richtige Arbeit für mich, ist nicht in er erster Krampf, Last, Kampf und Druck. Auch nicht in erster Linie Leistung. Arbeit muss nicht weh tun um als Arbeit zu gelten. In erster Linie ist sie Erfüllung. Ich erfülle den in mir lebenden Auftrag, das zu tun, was nur ich nur so kann. Nenn es die Erfüllung des Lebensplans – aus wessen Feder das Drehbuch zu diesem Plan auch immer stammen mag. Umgeschrieben wird es eh laufend. Wie sagte Herr S. neulich bei einem Vorstellungsgespräch:
Mir imponiert Ihr Lebenslauf, Frau Sophia. Was Sie alles gemacht und gelernt haben!
Mein Leben ist mir Schule und laufende Entwicklung, sagte ich. Und genau das ist es.
Leider hat es mit der Stelle nicht geklappt, da das Pensum nach oben wachsen könnte und das für mich nicht geht. Die Frage, was für einen Preis ich zu zahlen bereit wäre, um wieder selber meine Brötchen verdienen zu können, habe ich mir eine Nacht lang gestellt. Nein, mehr als 70% (29,4 Wochenstunden bei 42 Wochenstunden) verkaufte Lebenszeit kann ich einfach nicht schaffen. Lieber weniger. Mehr beim besten Willen nicht (den ich dafür allerdings nicht aufbringe). Nicht ohne krank zu werden.
Schon seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich nur noch Teilzeit und ich bin immer – wenn auch oft superknapp – irgendwie über die Runden gekommen. Mein Credo, ich erinnere mich gut, war schon sehr früh: Lieber viel freie Zeit als viel Geld. Mit Geld kann man sich nämlich genau eins nicht kaufen: freie Zeit. Wer immer dem Geld hinterher rennt, verbraucht seine Lebenszeit für die Geldbeschaffung. Momo lässt grüßen.
Die freie Zeit ist mein Reichtum und ich wandle sie in das um, was mir wichtig ist: Ich arbeite an kreativen Projekten, ich hänge ab, lese, schaue gute (und auch mal weniger gute) Filme, pflege Beziehungen – manchmal alles gleichzeitig.
Ich weiß, die meisten Menschen haben keine andere Wahl. Sie würden mit Freuden zusagen. Sie würden nicht zaudern, nicht zögern. Ein guter, sicherer Arbeitsplatz. Ja. Aber nein. Zu viele Neins, die sich mir in den Weg stellen. Solange ich wählen kann.
2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.
Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.
Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.
Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.
Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.
Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.
3.)
Der Sinn des Lebens ist ja der Tod, zitierte der junge Fabio einen nicht genannten Philosophen, als er in der neuen Schweizer Krimiserie Der Bestatter (Folge 4, 28. Minute) einer Schulklasse, seinen Lernberuf des Bestatters nahezubringen versuchte. Der Tod mache den Augenblick zu etwas einmaligen. Ob das nun Punk ist, wie Vanessa, eines der Mädchen dieser Schulklasse sagt, sei dahingestellt.
Die Sinnfrage mal wieder. Sollte es eines Tages für mich eine Art letztes Gericht geben (und falls ja: wer außer mir selbst könnte über mich richten?), wird es nur eine einzige Frage geben: Was hast du getan, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort für alle zu machen?
Ob da Schreiben als Antwort wohl gut ankäme?

Melinda im Gulliverland

Große Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und einen großen Einkaufskarren vor sich her schiebend, spaziert ein Mann, bekleidet mit schwarzen Gummistiefeln, Shorts und gelber Outdoorjacke, durch die Regale eines Baumarktes und lädt seinen Wagen voll und voller. Die Ansage, dass der Laden in fünf Minuten geschlossen werde, hört er nicht. Er hört Musik. Als er bezahlen will – nachdem er unter fürchterlichen Verrenkungen in der unerlaubten, weil schon inventarisierten Zone eine Klobürste geholt hat –, wird er auf einmal zum Betreuer eines kleinen, nur arabisch sprechenden Mädchens. Er sei von der Polizei. Der Versuch, das Mädchen zu seinem vermeintlichen Vater ins Hotel jenseits des Parkplatzes zurückzubringen, mündet nach einer Schlägerei in eine dramatische Flucht. Mann und Mädchen finden sich in einer Hütte im Gulliversland, einem alten Spielplatz im Wald wieder. Drei schwarz gekleideten Araber mit Pistolen und einem Geländewagen auf den Fersen. Natürlich trifft irgendwann Hilfe ein, die Verfolger flüchten und Jens und das Mädchen sind in Sicherheit. Melinda hat sofort Vertrauen zu Jens gefasst. Er ist der einzige, den sie mit einem Lächeln belohnt, für alle anderen ist sie unnahbar und bewahrt ihr Geheimnis für sich.
So also gerät Jens, noch bevor er seinen Dienst antreten kann, eines harmlosen Samstagnachmittags mitten in einen äußerst dramatischen Fall, bei dem es um Drogenschmuggel in den Bäuchen afrikanischer Kinder geht. Die arabisch sprechenden Drahtzieher aus einem Phantasieland verstecken sich hinter diplomatischen Ämtern und sind, bis auf den Dolmetscher, dank ihrer Ämter unangreifbar. Die Mordermittlungen – das Opfer ist die angebliche Mutter Melindas – laufen beinahe nebenher. Zu sehr sind alle, vor allem die tussige Staatsanwältin, mit den diplomatischen Problemen beschäftigt.
Jens ist also der Neue. Der Neue, für den Lisa am Freitagabend versucht, das Büro, das sie ab nächster Woche mit ihm teilen wird, ein bisschen wohnlicher einzurichten. Wir sehen sie in einer der ersten Szenen des gestrigen Saarbrücker Tatortes Melinda, wie sie den Schreibtisch hin- und herschiebt und so die beste Arbeitsposition sucht. Kollege Horst schaut zu und rät zu einer Position mit Blickkontakt. Fast identisch wiederholt sich die Szene Tage später. Doch diesmal ist es Jens, der den Tisch hin- und herschiebt, kaum dass er das neue Büro betreten hat. Zwar trägt er nun weder Shorts noch Gummistiefel, doch seine indischen Wickelhosen sind auch nicht ohne. Er bringt eine Topfpflanze für den Schreibtisch und eine Klangharfe mit, die ihren Platz später über der Türe findet und Besuche ankündigt. Wie Lisa schiebt Jens nun den Tisch von da nach dort. Erneut fällt der Tipp: Wie wäre es mit Blickkontakt?
Es ist weniger der Plot dieser Geschichte an sich, der diesen Tatort zu einem Highlight am Tatort-Himmel macht, sondern die Besetzung. Und die Umsetzung. Ein bisschen muss ich an die Münster-Tatorte denken, doch Jens ist besser. Er ist zwar zum einen eine Lachnummer – was ihm am Arsch vorbeigeht, denn er weiß genau, was er kann und was er will –, zum andern aber ein messerscharf denkender, unkonventionell handelnder und sich auf seine Intuition verlassender Kriminalist. Einmalig die Szene im Pausenraum, wo er die Yogaübung Baum praktiziert, die beim Zentrieren hilft und auf einmal – mit einem lauten Aufschrei die Übung auflösend – das Kennzeichen des Verfolgerwagens herunterleiert. Alles toppt jedoch jene Szene, wo er mit seinem roten Roller an einer roten Ampel das Diplomatenauto einholt, worin Melinda sitzt. Er jagt sie ihrem angeblichen Vater ab und setzt sich mit ihr in das nebenan stehende Auto einer älteren Dame. Schon bald hat Jens diese von seiner Rettungsmission überzeugt und so versteckt sie die beiden in ihrem Haus. Margot Müller ist definitiv eine Seelenverwandte von Jens. Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, mal live in einem Krimi mitzuwirken. Mit viel Gespür schaffen es die beiden, Melina ihre Geschichte zu entlocken. Nicht zuletzt, weil Melinda von Anfang an Vertrauen zu Jens gefasst hat und eine begnadete Zeichnerin ist.
Einfach nur schräg ist die Beinahe-Schlussszene, das Showdown an der deutsch-französischen Grenze, wo der Dolmetscher wegen Mordes verhaftet wird. Wie Jens den einen der Araber, jenen der deutsch spricht, in die Zange nimmt, geht unter die Haut und zieht mir zugleich die Mundwinkel hoch.
Wenn du Melinda nicht wohlbehalten zurückbringt, komme ich zu dir. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Ich werde kommen.
Dann übergibt er Melinda sein Handy. Nach langen Reisestunden ruft sie ihn schließlich an. Happy End. Schluss. Punkt.
Zugegeben, die Puristinnen und Traditionalisten werden aufschreien. Dieser Tatort ist anders. Dieser Tatort ist schräg. Aber dieser Tatort, trotz der dramatischen Ereignisse, die er transportiert, hat offensichtlich Spaß gemacht hat. Jedenfalls den Schauspielerinnen, Schauspielern und mir. Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Gag erst beim Spielen entstanden ist. Jens‘ Bürokollegin Lisa Marx, die am Anfang als coole Superwoman drauf war, schüttelt zwar auch am Schluss noch über Jens, der sich ein paar Disziplinarverfahren aufgehalst hat (und das noch bevor er offiziell angefangen hat), ein klein bisschen den Kopf, doch sie hat verstanden, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ob bis zur Pension, wird sich allerdings zeigen.
Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung aus Saarbrücken!
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 27. Januar 2013, Melinda, Drehort: Saarbrücken)
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to do or not to do

Wie ich durch den Wald spaziere, das klare Licht der Sonne genieße und mir bei der eisigen Kälte beinahe den Rotz in der Nase einfriert, wünsche ich mir einmal mehr, alle meine Gedanken, eins zu eins und unzensiert, aufnehmen zu können. Gedankendirektdiktat sozusagen. Ich müsste mir keine Eselsbrücken bauen und merken, keine Innen-drin-Lesezeichen, die ich in einer Viertelstunde eh wieder vergessen haben werde, keine Notizen machen (was ich mir heute spare) und ich müsste vor allem nicht alles, was mir des Aufschreibens wert erscheint, nachher mühsam in die Tasten hacken.
Okay, mühsam ist das ja eigentlich nicht. Schreiben – der technische Vorgang ebenso wie der gedankliche – ist für mich wie essen, trinken, pinkeln und scheißen. Normal. Alltäglich. Unverzichtbar. Einer der vielen Prozesse für mich, über die ich mir grundsätzlich keine Gedanken mache. Sie sind notwendig für mein Leben. Unabdingbar. Einen Tag ohne Schreiben gab es schon ewig nicht mehr bei mir. Nein, ich meine nicht den Einkaufszettel und die Do-do-Liste, ich meine wirkliches Schreiben. Gedanken notieren. Ideen für Geschichten festhalten. Tagebuch schreiben, Blogartikel schreiben, Artikel verfassen, Geschichten schreiben, an bereits geschriebenen Texten feilen. Schreiben wie Gemüse schippeln. Schreiben wie kochen. Schreiben wie denken.
Doch geht aktuell mehr Zeit mit allen anderen Dingen drauf. Ich räume da und dort auf, erledige Dinge, die ich schon ewig auf der langen Bank hatte, klebe an Büchern fest, die ich unbedingt jetzt lesen muss und meine eigenen Ideen brodeln derweil fast ohne mein Dazutun unter der eisigen Oberfläche. Ich habe das Feuer auf klein gestellt, damit alles schön einkochen kann und weder verdunstet noch anbrennt. Der Deckel sitzt fest.
Jeden Abend die gleiche ernüchternde Erkenntnis, dass ich nun doch wieder nicht.
Wieder nicht mit den Charakterbögen der neuen Figuren angefangen.
Wieder nicht den Ideenstrang niedergeschrieben.
Wieder nicht.
Wieder nicht.
Eine leise Frustration breitet sich aus wie ein Weinfleck auf dem weißen Tischtuch. Kein Salz in Sicht um den Schaden einzudämmen. Schnell ziehe ich auch heute wieder mein Zauberwort aus dem Säckel:
Mañana. Domani. Demain. Tomorrow. Morgen.
Ein geliebtes Kind mit vielen Namen.
Morgen werde ich früher aufstehen.
Morgen werde ich gleich nach dem Erwachen schreiben.
Morgen werde ich.
Werde ich?
Morgen?
Ich glaube, jetzt werfe ich mich aufs Sofa und lese weiter Åke Edwardsons Der letzte Winter. So spannend!
Nein. Halt. Schreib zuerst den Charakterbogen über deine neue Figur, die dir vorhin auf dem Spaziergang begegnet ist. Du hast es Irgendlink versprochen. Jetzt.

elementar

Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr. Nach dem Knall drehten irgendwann und irgendwo ein paar Planeten ihre Bahn. Details ahnen wir nur. Letztes Wissen ist eine Frage des Glaubens. Auf einmal stieg Wasser aus den Tiefen der Erde. Wind wehte über das Land. Die Menschen kauerten sich an ihre Feuer und brieten, was sie gejagt hatten. Ich gestehe es: So elementar zu leben, würde mir schwer fallen. Wir haben im Laufe der Evolution gar vieles vergessen, unsere Instinkte sind verkümmert. Überleben hat heute einen gänzlich andern Beigeschmack bekommen.
Wasser
Wenn die Temperaturen in den Minusbereich sinken, verändert sich einiges in Irgendlinks Künstlerbude. Minus heißt, dass er seine Wasserzufuhr unterbrechen muss, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren und platzen. Deshalb speichern zwei große Wasserbehälter im noch unvollendeten Bad Brauch- und Trinkwasser, das wir – wie zu Gotthelfs Zeiten – in Becken, Flaschen und Krügen abgefüllt beim Spültrog lagern. Warmwasser wird bei Bedarf gekocht.
Während meiner winterlichen Wochenenden beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft, lasse ich mich immer relativ leicht auf diese Umstellung ein. Jedes Mal wird mir neu meine Selbstverständlichkeit bewusst, mit der ich Wasser konsumiere. Fließend warmes und kaltes Wasser – noch gar nicht so lange ist es her, dass das in unsern Breiten Luxus war.
Letzten Freitag waren die Behälter leer. Für kurze Zeit öffnen wir alle Hähne und befüllen per Schlauch die gr0ßen Tanks. Ich fühle mich kurzfristig wie im Wasserparadies und genieße es, dass das Wasser einfach fließt. Geschirr- und Händespülen geht einfacher. Sich waschen auch.
Feuer
Im Winter schrumpft die Künstlerbude auf den Koch- und Schlafbereich, da das große, gemütliche Wohnzimmer nicht beheizbar ist. Während ich Geschirr spüle, holt Irgendlink neues Brennholz hoch. Nicht, dass ich das nicht auch machen kann – und auch tue, natürlich –, doch er kann es besser. Geschirrspülen dagegen übernehmen meistens ich. Meine kleine Reinigungsmeditation, die mir in meinem zentralgeheizten Spülmaschinenalltag zuweilen ein bisschen fehlt. Nicht genug allerdings, gestehe ich, um auf die Maschine verzichten zu wollen. Holzfeuer wärmt mich anders als es Zentralheizungsradiatoren können. Es spendet Wärme, die tief ins Herz dringt. Unter die Haut. Die Schwedenofenwärme schließt auch das Hochbett mit ein. Kuschelwarm ist es da oben.
Erde
Wir kochen uns Kartoffeln – Erdäpfel, Härdöpfu – auf dem Herd. Leider keine eigenen, da diese letztes Jahr an einer Pilzkrankheit zugrunde gegangen sind. Kartoffeln: im Winter eins meiner Lieblingsgemüse. Pellkartoffeln vor allem. Dazu schmelzen wir einen Backofenkäse in der Bratpfanne auf dem Ofen. Einige Champingnons stehen kopfüber – entstielt und mit Streichkäse gefüllt – in drei Raclettepfännchen daneben. Dazu Rosenkohl. Eine wahrhaftig göttliche Mahlzeit.
Luft
Ein eisiger Wind zieht ums Haus und rüttelt am Nussbaum. Wir hören die Äste auf dem Dach knirschen. Wind verweht auch den Schnee, der spärlich, aber beharrlich, das Blitzeis zudeckt und eine neue noch weißere Decke über alles legt. Pfeifender Wind, rüttelnder Wind, Sturmwind, Regenwind – schon fast alle Arten von Wind, auch schmeichelnd-streichelnd sanfter Sommerwind, habe ich hier oben erlebt. Windstille auch.
alles – immer – jetzt
Die Erde kreist weiter. Täglich zieht sie ihre Bahn. Täglich wird ihr Abstand zur Sonne kleiner. Die Tage werden länger. Das Wetter wärmer. Doch jetzt, jetzt genieße ich, dass es so ist, wie es ist.
Nachher ist nachher. Und nachher fahre ich nach Hause, in die Schweiz. Auchnachhause.

Hund, Katz und Maus

Ich schiebe die Computermaus über den Tisch, um dieses Fenster hier anzuklicken. Damit ich mit Schreiben loslegen kann. Und jetzt schiebe ich sie auf dem Tisch herum, um eine Bilddatei einzufügen. Diese hier.
Hier seht ihr Mietze, wie sie ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr sehr konsequent und sehr energiesparsam umsetzt. Sie übt Yoga ganz sanft. Im Schlaf. Irgendwie hat sie es voll kapiert mit dem Leben.

Katze im Hund_neu2

Katze im Hund_neuS1sm

(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

Was ich mag

Wenn ich die Augen öffne, dich zu sehen. Meistens erwachen wir praktisch gleichzeitig und liegen ruhig und mit geschlossenen Augen nebeneinander. So heißen wir den neuen Tag willkommen. Dann die Augen öffnen, dich neben mir zu sehen, ein feines Lächeln auf deinem ganzen Gesicht. Ein Tag, der so beginnt, ist einfach schon von vornherein ein besserer Tag als einer ohne dich.
Die ersten Sätze, das erste Lachen, die ersten Wortgespinste des Tages mit dir zu tauschen. Und einen ersten Kuss. Staunen, dass du da bist. Staunen über das Geschenk des Lebens. Du und ich. Ich und du.
Ich mag es, wie du dich bewegst – wie sich deine Gedanken bewegen, wie sich deine Worte, deine Hände, deine Haare, deine Lippen bewegen. Ich mag es, wie du inne hältst. Ich mag das Stillsein mit dir. Ich mag es, wie wir miteinander reden, schweigen, spinnen und lachen, wenn wir zusammen wandern, Rad fahren, Auto fahren. Ich mag den Moment, wenn wir nahe davor sind, einen Geocache zu finden. Diese Spannung! Meine Bereitschaft, dich den Cache finden zu lassen, diese Freude, wenn du mich das Teil finden lässt. Diese Übermut, wenn wir beide im gleichen Moment den richtigen Einfall haben, wo das Versteck liegt.
Ich mag es, wie du selbst tragischen Momenten einen Glanz von Liebe und Hoffnung verleihen kannst – weniger mit Worten als mit deiner Präsenz. Wie du mit deiner Gegenwärtigkeit den Sorgen um die Zukunft, die uns zuweilen zentnerschwer auf den Schultern hocken, ein Schnippchen schlagen kannst und aus Stroh Gold spinnen. Wie du den Wert hinter den Dingen erkennst und ihn in dein Leben holst. Wie du mit einfachsten Mitteln und unter einfachsten Umständen ein zufriedener Mensch sein kannst.
Ich mag es, wie wir zusammen am gleichen Strick ziehen und verrückte Projekte ausdenken – auch wenn die meisten davon mangels Zeit und Geld nie in die Wirklichkeit geholt werden. (Oder doch?)
Deine Verlässlichkeit und Verbindlichkeit mag ich, die neben deiner Abenteuerlust und deiner eremitischen Affinität möglicherweise wie ein großer Gegensatz aussehen. Allerdings nur im ersten Moment.
Ich mag deine immer tiefer werdenden Lachfältchen um die Augen und um den Mund. Und dein Grinsen, das dem eines Schuljungen gleicht, wenn du einen witzigen Text gefunden oder einen schrägen Blogkommentar ausgetüftelt hast – ach, es ist/du bist so lebendig.
Ja, ich mag deine Lebenslust, deine Liebeslust, deine Weisheit und deine Arglosigkeit. Frei von Raffinesse bist du dennoch klug und durchschaust den Lauf der Dinge – und trotzdem gibst du dich dem Leben und deinen Lieben hin.
Nein, ein Engel bist du nicht, weder fehlerlos noch ohne Schwächen – zum Glück! Auch bist du viel mehr als all das. Und all das ist eh nur eine subjektive Momentaufnahme.
Ich danke dir für jede Sekunde, die wir zusammen erlebt haben, ob im Alltag oder auf Reisen. Mit dir ist das Leben farbiger, lebendiger, tiefer, heiterer und jederzeit voller Liebe.
Und den Rest, mein Liebster, den Rest werden wir sehen und erleben. Den ganzen Rest. Doch jetzt gratuliere ich dir einfach dankbar und aus tiefsten Herzen zum neuen Lebensjahr.
Carpe diem.

Patchwork

Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.

***

Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.

***

Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz:
Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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* Mehr dazu auch bei Wiki

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!
Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.
Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.
2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.
Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …
All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.
Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.
Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.
(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))
Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.
Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …
3.)
Sonne und Mond zu sein
Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.
Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.
Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.
Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.
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* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.